HELP! 2

Sie kramt in ihrer Handtasche. Ohne Erfolg.
“Sie müssen doch so Zettel ausfüllen,” sagt sie, “wie lange ich hier war und so. Und unterschreiben.”
Doch leider hat sie das Formular vergessen. Ich wundere mich über gar nichts mehr.
Paula wird energisch. Sie weigert sich ohne Unterschrift zu gehen und wir machen uns auf die Suche nach einem Stück Papier. Schließlich finde ich einen Kassenzettel von der Tanke in meinem Portemonnaie. Auf den Rand desselben schreibe ich auch, dass ich DRINGEND einen Rückruf der Agentur erwarte.
Paula ist sehr unzufrieden mit diesem Text und mir.
“Aber ist schon okay,” gibt sie sich versöhnlich beim Abgang. “Ich hab was gelernt bei Ihnen. Jetzt weiß ich wenigstens, wie viel der Chef mit meiner Arbeit verdient. Na, dem werde ich morgen was erzählen!”

Ich putze weiter. Komisch, jetzt, wo Paula weg ist, zerbröckelt auch meine Motivation, aber…
Das Telefon klingelt. Die Agentur.
“Frl. Krise, alles in Ordnung?”
“Ganz im Gegenteil,” rattere ich los und dann bekommt die reizende Dame allerlei von mir zu hören. Sie seufzt mitfühlend und bedauert mich überschwänglich, schüttelt fernmündlich den Kopf über Paula – “sie ist noch in der Probezeit ” – bietet mir an, noch rasch jemand anderen zu schicken (bloß nicht!), will mir entgegenkommen, was den Preis angeht – “ich rede noch heute mit dem Chef”- und so weiter und so fort.

Als ich endlich mit der Arbeit fertig bin und ermattet und schwer beladen gehen will, fällt mein Blick auf eine kleine verhärmte Plastiktüte, die einsam und im allein im Flur liegt.

Inhalt: Eine ‘Gala’, das gesuchte Formular und ein Fensterabzieher.

Paula, diese Törin… ich bin geneigt, die Tüte schmucklos in der nächsten Mülltonne zu versenken, nehme sie dann aber doch mit.

Am nächsten Tag ruft Paula an. Sie sei auf dem Weg zu mir und habe das Formular dabei, das ich unterschreiben müsse.
“Nicht nötig! Ich hab eins hier, ich schicke es mit der Post!” versichere ich , aber das nützt mir nichts.
“Ich muss doch meinen Abzieher holen und ich bin gleich da,” verkündet sie und der Chef sei sehr böse gewesen, weil sie mit einem Aralzettel kam und ich so schlecht über sie gesprochen hätte und wo sie denn aus dem Bus aussteigen müsse und wie dann weiter? Rechts rum oder links? Und welche Hausnummer?
Sie ruft noch zweimal an. Die BVG! Wer blickt da schon durch…

Stunden später.
Es klingelt. Paula. Sie schnauft wieder die Treppe hoch, ist aber bestens gelaunt, viel besser als gestern, berichtet, dass sie dem Chef ordentlich die Meinung gegeigt habe, erkundigt sich, wie viel Miete ich zahle, fragt, ob in meinem Haus noch eine Wohnung frei sei – ihr blöde Makler sei eine Niete – präsentiert mir das Formular, wundert sich, dass ich schon eins habe und dann fällt ihr auch noch ihre ‘Gala’ und der Abzieher ein.
Ich unterschreibe, lasse mich in kein Gespräch verwickeln, schließe schnell die Tür hinter ihr und schlage ein Kreuz.

Übrigens verhielt sich die Agentur einsichtig, was die Bezahlung anging.
Paula arbeitet jetzt woanders.
Und ich putze immer noch ungern.

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HELP 1

Marie ist umgezogen. In eine schöne Wohnung, in der noch viel gemacht werden soll. Sehr viel.
Beruflich hat sie gerade auch einiges um die Ohren und die Übergabe der alten, inzwischen renovierten Wohnung macht ihr Bauchschmerzen.
„Die sind pingelig. Aber WIE!“, sagt Marie . „Kannst du dir nicht vorstellen! Da kam ein Mann von der Hausverwaltung, der hat ein mehrseitiges Protokoll mitgebracht, in dem alles steht, was überprüft wird. Hier, guck selbst! Unsere Kaution ist sonst flöten. Keine Ahnung, wann wir das auch noch machen werden.“
Fenster, Türen, Böden, Fußleisten, Heizungsrohre, Küchenschränke, Kühlschrank, Herd, Heizkörper, Steckdosen, Waschbecken, Abzugshaube, Dusche, Glastüren, Klo, Fliesen, Einbauten, Fensterbänke, Balkon und ich weiß nicht, was noch alles, sind penibel zimmerweise aufgeführt.
Die Wohnung ist gut in Schuss, finde ich. Mal durchwischen, Fenster putzen – aus die Maus. Das macht man ja auch normalerweise. Gut, ein paar Farbspritzer auf den Fliesen. Hm, die großen Fenster… na gut, wer putzt schon noch Fenster, wenn er weiß, dass er bald umziehen will.

„Pass mal auf,“ sage ich generös. „Ich kümmere mich drum, du hast ja wirklich noch genug zu tun.“ (Im Gegensatz zu mir, ich bin ja im Pensionat.)
Nun bin ich allerdings nicht gerade eine begeisterte Hausfrau, deshalb trachte ich nach Hilfe.
Im Netz lese ich mich quer durch die Welt des modernen Putzmanagements:
Da werden in sogenannten ‘Agenturen’ „kompetente Haushaltshilfen“ angeboten, die „faire Löhne“ erhalten und „betriebshaftpflichtversichert“ und „sozialversicherungspflichtig“ sind.
Das gefällt mir. Ich lese und lese und suche mir eine Agentur heraus, die gute Kundenbeurteilungen hat und mir irgendwie gefällt.
Die Dame am Telefon ist ganz reizend. Ich habe das Gefühl, sie würde am liebsten sofort durchs Kabel kriechen, um mir zur Hand zu gehen. “Sieben Fenster,” sagt sie, na, da wäre doch das Beste, wenn ZWEI ihrer fabelhaften Kräfte kämen, einer zum Fensterreinigen, der andere für den Rest. Das würden sie immer so machen.
Super. Ich bin sehr zufrieden mit mir.

Der Tag der großen Aktion bricht an. Pünktlich kurz vor 9.00 Uhr schleppe ich sämtlich Putzgeräte und -mittel (das ist nämlich Kundensache) in die leere Wohnung und fange schon mal mit der Einbauküche an. Das macht echt voll Spaß, leere Schränke auszuwischen, nur der Backofen macht mir ein bisschen Sorgen. Ich neble ihn ein und erst um 9.11, als mein Handy klingelt, fällt mir auf, dass ich immer noch alleine bin.
„Frl. Krise? Hier Agentur Wischmopps. Tut mir leid, Frl. Krise, aber..“
Mein Herz bleibt stehen. Im Internet beschwerten sich immer wieder Kunden sämtlicher Agenturen darüber, dass die Reinigungskräfte nicht erschienen seien und das wäre jetzt die Höchststrafe, denn die Wohnungsabnahme ist schon morgen.
„ …Frau Müller, die bei Ihnen arbeiten sollte, musste noch überraschend mit Ihrer Mutter zum Arzt. Ein Notfall. Sie wird etwa in einer halben Stunde bei Ihnen sein!“
Mein Herzschlag setzt wieder ein. Uff – gerade nochmal gut gegangen.

Die Küche zieht sich. Wie viele Schränke das sind! Und so viele Einlegeböden. Der Kühlschrank, der Tiefkühler, der Herd… und wo bleibt eigentlich Frau Müller?

Endlich klingelt es. Frau Müller. Sie kommt schnaufend die Treppe hoch und ist, obwohl erst höchstens Mitte Zwanzig, total aus der Puste und fix und foxi. Na ja, sie wird sich höllisch beeilt haben, denke ich und erkundige mich teilnahmsvoll nach dem werten Befinden ihrer Mutter.
„Was, Mutter?“ fragt sie und sie hieße auch gar nicht Frau Müller, sondern Paula. Sie ist die Vertretung für Frau Müller!
Sie blickt sich in der Wohnung um, seufzt und tut ihre Absicht kund, nur die Fenster zu putzen.
Ich rufe sofort die Agentur an.
Die reizende Dame ist nicht da, aber eine andere, nicht minder nette. Die weiß aber leider nicht Bescheid und so muss ich noch mehrere Male telefonieren, bis Paula endlich eine klare Ansage bekommt.
Alles putzen. ALLES!
Paula hat dazu sichtlich wenig Lust, und ich fürchte, auch nicht das Durchhaltevermögen. Mir schwant nichts Gutes.
Immerhin fängt sie jetzt endlich an.
Sie putzt sehr gründlich und sehr langsam das erste Fenster.
Zwischendurch bimmelt immer mal wieder ihr Handy oder eine SMS muss beantwortet werden, sie raucht mal rasch eine auf dem Balkon, isst eine kleine Stulle, trinkt ein Käffchen, beklagt sich über fehlende Handschuhe und kommt nicht so recht voran.
Ich ackere mich derweil durch die Küche, putze auch gleich das Fenster, die Heizung und den Boden und sehe dann mal wieder nach Paula.
Die telefoniert gerade mit dem Makler ihres Vertrauens. Sie sucht eine neue Wohnung und der Makler ruft im Halbstundentakt an. Sie bittet mich, mit ihm zu sprechen, sie verstehe nicht, was er wolle. Ich versehe es auch nicht, knirsche mit den Zähnen und sage ihm by the way, er störe Paula bei der Arbeit. Nun ist sie beleidigt und ich bin es schuld, wenn sie keine schöne Wohnung findet. Es geht auf zwölf zu, das erste Fenster ist fertig und ich bin auf 180.
In der Agentur geht niemand ans Telefon, die werden schon wissen, warum, denke ich erbittert und verfluche meine blöden Ideen. Wegschicken kann ich Paula auch nicht, morgen muss alles fertig sein und alleine schaffe ich es nicht.
Also verfüge ich mich ins Bad. Klo, Dusche, Badewanne, Waschbecken, Einbauschr… Paula erscheint, um sich frisches Wasser zu holen.
Ihre Stirn ist umwölkt, ihre Laune im Keller. Ja, sie ist schwer sauer, sagt sie und sieht mich feindselig an. In der Küche auf dem Tisch läge ein Zettel, den sie zufällig gelesen habe. Auf dem stünden meine voraussichtlichen Kosten. Das wäre ja die Höhe! SIE bekäme nur 7 Euro die Stunde! Das findet Sie nicht korrekt und ich auch nicht – fairer Lohn ist etwas anderes – aber ich fühle mich momentan schuldlos und die Wohnung MUSS fertig werden. Paula! HEUTE!
Paulas Arbeitsmoral ist nach der niederschmetternden Entdeckung völlig down. Ich hingegen putze dank zahlreicher Adrenalinschübe wie eine Wilde.
Nach vier Stunden hat Paula zweieinhalb Fenster gesäubert. Ich bin mit dem Bad fertig, inklusive Fenster, und habe bereits angefangen die Räume zu wischen.
Paula ist schwer angeschlagen, sie kann einfach nicht mehr. Immer diese Leiter rauf und runter…

ES REICHT! Ich bin kurz vorm Platzen. Wohnung hin, Sauberkeit her. Ich ‘kündige’ ihr kurzerhand.

Paule scheint nicht übertrieben traurig. Sie kramt in …

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Hallo, ihr Touries!

Wenn Leute mit Rollkoffer draußen vor der Haustür stehen und mit dem Schlüssel im Schloss herumstochern, dann weiß ich gleich: Aha, Touristen!.
Ich sage dann ‚Hello’, helfe, die Tür aufzuschließen – ich hab zwar was gegen Ferienwohnungen, aber ich muss ja auch ins Haus rein – und beantworte Fragen, sofern sie in einer Sprache gestellt werden, die ich verstehe.
Manchmal stell ich mich auch dumm.
Und wenn es nachts laut wird – so wie heute Nacht um halb vier, dann erinnere ich mich – ach ja, die Touristen von heute Nachmittag! Die kommen wohl gerade zurück von einer langen Kreuzberger- oder Was-weiß-ich-für-ein-Bezirk-Nacht, stolpern unten durch den Flur und singen laut im Hof.

Ich hab neulich gegoogelt. War ganz leicht, musste ja nur meine eigene Adresse eingeben. Ergebnis der Recherche: Zwei Ferienwohnungen gibt’s im Hinterhaus, mit je zwei Zimmern, Küche und Bad. Alles aufwendig saniert. Nicht direkt mein Geschmack, aber egal, ich wohne ja schon.

Dann lese ich in der Beschreibung:
“Sie werden sich wohlfühlen. Auch alle Nachbarn im Haus sind sehr ruhig, freundlich und hilfsbereit“!
Ach, nee !? ICH bin Teil dieses Projekts? Der Vermieter verkauft meine Höflichkeit und Nettigkeit? Schön, dass ich das auch mal erfahre. Und was hab ich davon?
Nachts Krach und den Unmut, an einem Projekt ‚beteiligt’ zu sein, das normalen Wohnraum in Billigunterkünfte umwandelt. Ausgerechnet Zwei-Zimmerwohnungen, die so gesucht sind. Bestimmt nicht mal angemeldet, das Ganze!
Kurz bin ich in Versuchung den Vermieter anzuschreiben, aber lasse es dann doch… die Bezirke kontrollieren eh nicht.

Ich versuchs jetzt erst mal hier:
Also! Falls ihr demnächst nach Berlin kommen wollt, zu Ostern oder so, dann tut mir einen Gefallen, nehmt euch ein Zimmer in einem Hotel oder in einem GuestHouse oder so was.
Keine Ferienwohnung.
Und schon gar nicht eine Ferienwohnung in meinem Haus. Ihr würdet es bereuen…

Ich kann nämlich verdammt unfreundlich und rücksichtslos sein!

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petits fantômes

Ich mag Individualisten. Die sind mir tausendmal lieber als genormte Langeweiler.
Nur bei meinem Auto sieht die Sache anders aus. Das soll, bitte schön fahren – einfach normal fahren – ganz ohne Extravaganzen und Marotten.
Aber nein, mein Auto ist ein kleiner Franzose. Es heißt „Krasses Pferd“ und es hat beaucoup d’idées folles.

Am Samstag fahren wir mit Krasses Pferd durch die Stadt. Also ich vorne, neben mir Männe und hinten meine Tochter Marie.
Wir sind alle drei vorschriftsmäßig angeschnallt – natürlich. Wäre anders gar nicht möglich, denn Krasses Pferd hat auch eine tyrannische Seite: Sollte man es wagen, unbefestigt anzufahren, lässt es auf der Stelle ein grauenhaftes Gedüdel los- ein Gedüdel im Crescendo, ein Gedüdel, das auf der nach oben offenen Decibelskala sicher zum Ertauben führen würde, wenn man nicht klein beigäbe.

Wir setzen Marie vor ihrer Wohnung ab – winke, winke, tschüss und weiterfahren.
Gedüdel.
„Bist du nicht angeschnallt, Männe?“
„Wollte ich dich gerade fragen!“
Wir blicken uns an. Hä?
„Was zu Teufel…“, sagt Männe, „bleib noch mal stehen!“
Ich halte.
Ruhe.
Ich fahre los.
Gedüddel.
„Gibt’s doch gar nicht!“
Ich bleibe stehen.
Ruhe.
Männe seufzt und krabbelt nach hinten. Er schließt Maries Gurt.
„So“, sagt er zufrieden. „Ist zwar unsinnig, aber von mir aus!“
Ich fahre los.

Gedüdel.
Lautes Gedüdel.
Sehr lautes Gedüdel.

Ich halte an.
Wir sind ratlos. Zwei Menschen im Auto. Drei davon sind angeschnallt.
Was will Krasses Pferd noch?

Zu guter Letzt schließt Männe alle drei Gurte hinten.

Jetzt ist Ruhe. Gott sei Dank!

Krasses Pferd ist offensichtlich der Meinung, dass die Geister, die sich auf den Rücksitzen befinden, angeschnallt sein müssen.

Na ja, steht zwar in keiner Straßenverkehrsordnung, aber kann man ja irgendwie auch verstehen…

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Graue Tage

Ich telefoniere mit Carla – sie fahren morgen weg, nach Marokko. Josef bemailt mich, er ist zwar in Rente, arbeitet aber jetzt für ein halbes Jahr in Fernost. Klara lädt mich ein, sie hat sich komplett neu bemöbelt. Frank schickt mir ein Bild seines neuen Kindes, mein Bruder gewinnt ein Smartphone und ich?
Mir soll auch was passieren! Was Schönes, was richtig Bombiges. (Mir fällt gerade auf: Das Wort Bombe ist heutzutage in diesem Zusammenhang auch nicht mehr unbedingt erste Wahl).
Jeden Tag öffne ich den Briefkasten in der Hoffnung, es läge ein Wunder drin. Nicht immer nur Zahnarzt, Finanzamt, Polizeipräsident und Kabel Deutschland.

Nee, lass mal, ist alles gut so, sage ich mir, spinn nicht rum. Frl. Krise. Wenn was passiert, ist das sowieso nur von Nachteil. Ist doch in der Biologie auch so. Mutationen sehr gut angepasster Lebewesen bringen selten etwas Positives. . .
In deinem Alter musst du froh sein, wenn…
Okay, okay! Ich bin ja auch froh. Sehr froh sogar.
Ich scheine gesund zu sein, (ich weiß natürlich nicht, was sich in den Abgründen der Zellen so tut, aber wer weiß das schon?) ich habe Familie, Freunde und eine funktionierende Heizung. Außerdem läuft – obwohl Winter ist – mein Auto, aber meine Nase nicht – und das kann auch nicht jeder von sich behaupten.
Warum schreibe ich das alles?
Keine Ahnung.
Mir war gerade danach.

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Je oller, je…

Einmal im Jahr gerate ich in eine Runde Menschen, die ich nicht kenne, genauer gesagt, ich kenne nur eine Person, nämlich die Gastgeberin. So eine Party – wenn man denn diesen Ausdruck für eine Geburtstagsfeier von jemandem, der in den Siebzigern ist, gebrauchen will – kann ganz schön anstrengend sein, weil ja jeder jeden kennt, nur keiner kennt mich.
Es ist nicht ganz einfach, da einen oder mehrere Gesprächspartner zu finden und man ist den Leuten ausgeliefert, neben denen man zu sitzen kommt. (By the way: Satzkonstruktionen mit ‚zu’ liebt der Berliner, z.B.: ‘Ich habe da noch einen Stapel Deutscharbeiten zu liegen.’ Strange! )

Letztes Jahr – ich erinnere mich genau – beschwerte sich die Dame neben mir ziemlich langstielig darüber, dass sie immer wieder und wieder Zeugin von Gesprächen werden müsse, die sie nicht hören wolle.
Die Ärmste.
Sie meinte natürlich Handygespräche in der U-Bahn, im Bus, im Wartezimmer und so. Ich konnte ihr da nur bedingt zustimmen, mich nervt das zwar auch, aber hauptsächlich deswegen, weil ich nur EINE Hälfte des Gesprächs mitbekomme und mir den Rest zusammenreimen muss.
Das behielt ich aber vorsichtshalber für mich.
Überhaupt Handy, also nein… es mischten sich damals noch mehr Gäste in das Gespräch ein. Jeder hätte ja ständig nur noch so ein Gerät in der Hand oder am Ohr, entsetzlich, ein Verfall der Sitten, besonders bei Jugendlichen, das wäre ja schon fast krankhaft – wo blieben die direkten menschlichen Kontakte, wo die echten Emotionen, wo das wahre Miteinander? Ach, wie anders war es doch damals, als wir noch jung waren. Wir haben uns noch Briefe geschrieben und uns monatelang vorher fest verabredet und es hat auch geklappt…
Pöh, dachte ich! So ein Quatsch. Als ob das Spaß gemacht hätte! Als Siebzehnjährige musste ich meinem Freund jeden Tag einen Brief schreiben, anders ging es nicht, der war nämlich im Internat und kam nur am Wochenende nach Hause. Täglich hoffte ich, er hätte geantwortet und wenn kein Brief im Kasten lag, dann war meine Laune im Keller. Telefonieren konnten wir auch nicht, weil das in dem Scheißinternat nicht ging.
Und? Fand ich das toll? Ja, ganz toll! Super!
Mit Kusshand hätte ich whatsapp, facebook und was noch so alles gibt, genommen.
Naja. Ich habe auch dazu nicht viel gesagt. Hätte ja eh keinen Sinn gehabt. Ich bin aufs Klo gegangen und habe meine neuen Mitteilungen auf dem Handy gelesen und war sehr zufrieden, dass ich überhaupt welche bekomme.

Dieses Jahr war es genau wie letztes Jahr. Die Dame zur Rechten war sehr gesprächig und ich hörte mir Vorträge über ihre Hobbys an. Gegen zehn zückte eine smarte Endsechzigerin links von mir ihr Handy und zeigte es ihren Sitznachbarn. Ein funkelnagelneues iPhone6. Zu Weihnachten bekommen, wahrscheinlich. Aber Madame hatte Probleme, sie kam mit dem Teil nicht klar und bat um Hilfe.
Schwuppdiwupp waren die Männer ringsherum dabei. Es wurde getouchscreent, geäppt und gescrollt, was das Zeug hielt.

Plötzlich ertönte ein Weihnachtslied. Die Stimme der Gastgeberin. Aber die saß mir stumm gegenüber und nippte gerade an ihrem Glas Roten. Ach so, die Klänge entfleuchten einem Galaxy s5 und der weißhaarige Besitzer schilderte stolz, dass sie ihm auf diese Weise einen lieben Gruß zum Feste geschickt hätte. Originell, oder?
Rechts von mir kicherten zwei Omis, die sich ganz ungeniert Fotos ihrer Enkel zeigten. Natürlich keine aus Papier.
Und am Fenster machten zwei Damen im Glitzeroutfit ein Selfie von sich. Das wurde dann gleich bei facebook gepostet, nehme ich an.
Ich staunte nicht schlecht und beschloss zu gehen, bevor die Party völlig ins Seelenlose abdriftete.

Schon im Mantel rief ich von der Tür her: „Tschüs und viel Spaß noch!“
Aber keiner würdigte mich mehr auch nur eines Blickes.

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Zweite Reihe

Es macht mir ein bisschen Sorge, dass so viel passiert.
Also, ich meine, es passiert so viel, seitdem ich wieder blogge.
Ich denke dabei gar nicht an die große Politik, sondern…
Obwohl – in der großen Politik ist ja eigentlich auch schwer was los. 2015 ist doch erst vier Wochen alt – und was gab es nicht schon alles in dieser kurzen Zeit. Da kommt ja kein Mensch mehr mit.
Nein, ich dachte jetzt mehr an mein private life. (Private life hört sich irgendwie besser an als Privatleben, oder?)
Jeden Tag gibt’s einen neuen Aufreger. Oder fällt mir das bloß mehr auf? Für den Blog ist es ja gut, aber nicht für meine Nerven.

Zum Beispiel vorgestern Abend: Ich kam so kurz nach sieben aus dem Fitnessstudio und schlich in Richtung Auto – fix und foxi, die Haare noch halb nass und natürlich ohne Mütze. Meine Generation hat ja noch in den Genen, dass Mütze uncool ist. Bei mir ist das jedenfalls so.
Jetzt nichts wie schnell nach Hause, war der Plan. Unterwegs irgendwo kurz anhalten und Brot kaufen und irgendwas Nettes, Dickmachendes und dann ab auf die Couch, den vermaledeiten Socken für das Mumpi fertig stricken und Dschungelcamp gucken. Aber nur, wenn die nicht wieder so ein Ekelzeug essen…

Mein Auto parkte in einer langen Autoschlange an einer sehr befahrenen Straße. Rein ins Auto, Blick nach hinten und los. Ach nee, geht nicht – man sieht ja gar nichts. Neben meinem Hinterparker steht ein fetter Kleintransporter in zweiter Reihe.
Zweite – Reihe – Parken ist in Berlin voll angesagt. Was soll man denn auch machen, wenn man keinen Parkplatz findet? MUSS man doch in zweiter Reihe stehen, wa?
Ich warte also ein bisschen, kommt da was? Nee, scheint alles frei zu sein. Also schiebe ich mich wie so langsam wie eine Schnecke, die bei der Schneckenolympiade die Goldmedaille im Übertriebenlangsamkriechen gewinnen will, ein Stückchen vor. Höchstens einen halben Meter, ich schwöre. Das knallt’s auch schon – ein winziges Äutochen ist mit einem absurden Schlenker hinter dem Sprinter hervorgeschossen und schrammt mit seiner ganzen rechten Seite an meinem vorderen Kotflügel entlang.
Bingo!

Ade gemütliche Couch, warme Decke, trockene Haare, Rotwein und Walter.

Eine Frau krabbelt aus dem Winzauto und setzt schon ihr Handy in Gang. „Ich rufe die Polizei an! Nichts gegen Sie, aber ich bin Rentnerin mit einer gaaanz kleinen Rente! Einer GANZ kleinen Rente! Sie sind auch keine Millionärin, oder?“
Ich schüttle ergeben mein feuchtes Haupt und nehme den Schaden in Augenschein – Millionärin hin oder her. Ohne meinen Altours sage ich sowieso nichts…

Boah! Wie kalt das ist! Und jetzt auf die Polizei warten. Das kann dauern. Bestimmt sind die alle auf irgendeiner Demo… Scheiß-Pegida!

Meine Macke ist marginal. Echt. Ein bisschen Lack abgeschürft an einer kleinen Stelle. Lohnt sich nicht mal die Versicherung zu bemühen, schätze ich. Ich habe ja jetzt Erfahrung! Ich bin stolz auf mein Auto. Dieser Lack! Phänomenal!
Der Daihatsu hat mehr abbekommen. Aus gaaaaanzer Länge angeschrappt. Pech. Die Frau, sie heißt übrigens Heidelore, seufzt und wirft mir vorwurfsvolle Blicke zu.

Zu Recht, wie sich rausstellt, als nach 55 Minuten die Ordnungsmacht kommt, bestehend aus einer netten Frau und einem betont mildem jungen Mann. Er spricht mit uns, als wären wir geistlich zurückgebliebene Kleinkinder. Soll sicher deeskalierend wirken, ist aber bei Heidelore und mir nicht nötig. Wir haben uns fast schon angefreundet, haben uns eine halbe Tüte Wasabi-Erdnüsse (aus meinem Handschuhfach) und einen Schokoladenriegel (Vollmilch-Nuss, aus ihrer Handtasche) geteilt und auf die anderen Autofahrer geschimpft, die sich über das Verkehrshindernis, das wir darstellen, aufregen, laut hupen und blinken..

Ich sei schuld, sagt der milde Polizist. Ich hätte meine besondere Sorgfaltspflicht missachtet, als ich mich aus dem ruhenden in den fließenden Verkehr einfädelte. Ja, er weiß, ich konnte nichts sehen, aber so nun mal die Gesetzeslage.
Heidelore triumphiert und ist nicht mehr meine Freundin.

Eben war ich in der Werkstatt. 300 Euro kostet der Spaß.

Ich glaube, ich hör auf zu bloggen. Wird mir zu teuer. So wird das ja nie was mit der Million!

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