Liebe Person

„Guck mal!“ Meine Tochter Luise wedelt mit einem Heft im Taschenbuchformat vor meiner Nase herum.
„Weißt du vielleicht, was das ist? Lag heute im Briefkasten!“
„Ein Reader’s Digest! Was? Das gibt’s noch?“ Ich bin platt.
Als Kind habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam – sogar die stinklangweilige katholische Kirchenzeitung – und diesen Reader’s Digest habe ich verschlungen. Onkel Franz – der war Buchhändler in Düsseldorf – brachte ab und zu ganze Stöße davon mit. Wahrscheinlich unverkaufte Exemplare. Ich erinnere mich, dass ich die Hefte oft nachts im Schein einer Taschenlampe las, denn meine Eltern bestanden darauf, dass ich ab einer bestimmten Uhrzeit zu schlafen hatte – sehr lästig.

„Hm.“ Luise blättert und liest kurz hier und da. „Naja… finde ich jetzt nicht besonders spannend.“
„Gib mal her!“ Ich blättere auch und lege das Magazin gleich wieder aus der Hand. „Langweilig!“
Ich glaube, ich fand es damals toll, weil es so amerikanisch war und weil es in den Geschichten und Berichten irgendwie ähnlich zuging wie bei ‚Lassie‘ und ‚Fury‘.

Luise studiert den Adressenaufkleber auf dem transparenten Briefumschlag. „Seltsam“, sagt sie, „die Adresse stimmt, aber mein Name ist ja so was von fasch.“
Liese Neumann steht da, dabei heißt meine Tochter L-u-ise. Kein Mensch ist bisher auf Idee gekommen, sie Liese zu nennen. Und das ist gut so. Von ihrem Nachnamen fehlt die Hälfte, nämlich der Bindestrich und ihr Mädchenname.
„Komisch! Naja, ist vielleicht Werbung,“ sagt Luise und reicht das Heft dem Mumpikind, das sich damit auf dem nächsten Teppich wälzt und es ein bisschen zerrupft.

Gestern kam nun das zweite Heft.
„Soll das jetzt zur Gewohnheit werden?“, frage ich.
„Ich weiß auch nicht! Das ist doch nicht koscher! Nachher soll ich das auch noch bezahlen.“
Luise beschließt einzugreifen. Sie googelt und findet bei der Verbraucherzentrale den Tipp, nicht auf Werbepost dieses Unternehmens zu reagieren.
Aber Luise schreibt dem Verlag eine Email und bittet darum, von der Zusendung weiterer Exemplare abzusehen. Schließlich habe sie sie nicht bestellt.

Die Antwort kommt schon gegen Abend: Readers Digest’s teilt der lieben ‚Frau Liese Neumann‘ sinngemäß mit, alles wäre im grünen Bereich – es handele sich bei der Lieferung erfreulicherweise um ein ‚Geschenk’. Eine liebe Person habe, weshalb auch immer, ein Jahresabo für sie gekauft.

Hä? Wir sehen uns perplex an.

„Niemals!“ Luise ist empört. „ Die wollen mich wohl linken! Niemand, den ich kenne, würde so was Sinnloses tun! NIEMAND! Und außerdem… dieser falsche Name! Meine Freunde wissen, wie ich heiße!““
Sie schreibt eine zweite Email um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen UND natürlich, um den Namen der’lieben Person‘ zu ergründen…

Auf eine Antwort warten wir noch…

Deshalb: Sollte das eventuell einer von euch bestellt haben???
Falls ja, bitte sofort bei mir melden!

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6 Antworten zu Liebe Person

  1. Speedy schreibt:

    „die Adresse stimmt, aber mein Name ist ja so was von fasch.“

    Ein herrlich ironischer Satz😀 Absicht? Ich glaube nicht …

  2. Andre schreibt:

    Readers Digest/Das Beste garantiert seinen Anzeigenkunden eine Mindestauflage von 350.000 Stück. Vielleicht sind sie mittlerweile an dieser Grenze angekommen und müssen gekündigte Abos im Zuge von „Marketingmaßnahmen“ substituieren?

  3. Rana schreibt:

    Ach, wusste ich auch nicht, dass es die noch gibt. LG von Rana

  4. gnaddrig schreibt:

    Gibt’s vielleicht in der Nachbarschaft eine Liese Neumann, vielleicht in Hausnummer 30 statt Eurer 13 oder sowas? In einer ähnlich klingenden Straße? In einem anderen Berlin, etwa in Schleswig-Holstein? Irgendwas, was man bei telefonischer Bestellungsannahme falsch verstehen könnte? Oder vielleicht war da eine Drückerkolonne unterwegs, und Liese Neumann wusste sich nur durch Angabe einer falschen Adresse zu helfen und hat zufällig Eure erwischt?

  5. schnipseltippse schreibt:

    Oh, ich habe die als Kind auch verschlungen. (Meine Eltern hatten ein Abo ^^)
    Und dann gab es immer noch die Bücher, in denen die Kurzfassungen von vier oder fünf Romanen zu lesen waren. Die fand ich immer sehr spannend😀
    So ein Überraschungs-Abo ist ja witzig. Einem geschenkten Gaul….

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