Nachtrag

Ein Telefongespräch, das mit „Mama, reg dich nicht auf…,“ beginnt, bringt mich sofort von Null Auf Hundert.
Tochter Nr. Eins – nennen wir sie Marie – fügt rücksichtsvollerweise noch einige weitere Beschwichtigungsformeln hinzu, bevor sie ENDLICH zur Sache zu kommt:
„Also, wir standen da so am Straßenrand und dann kamen die und dann flog auf einmal eine Bierflasche und ich hab sie an den Kopf bekommen.“

Ja, sie war im Krankenhaus. Natürlich mit dem Krankenwagen. Polizei war eh schon da. Ziemlich viel Polizei sogar.
Gehirnerschütterung leider, eine dicke Beule auf der Stirn, ein blaues Auge und kleine Schnittwunden im Gesicht – die sind von der Brille, die ist nämlich hinüber. Geröntgt wurde sie auch. Aber alles ok. Das Jochbein ist nicht zertrümmert, wie der Arzt befürchtete.
Morgen soll sie noch mal in die Klinik, diesmal zu den Augenärzten. Wegen der Schwellung konnten die nämlich bislang nicht viel vom Auge sehen.
Nein, arbeiten gehen kann sie etwa eine Woche lang nicht. Ihr ist ein bisschen schlecht, der Kopf brummt, das zugeschwollene Auge schmerzt, die Schnittwunden sind zupflastert, sie sieht megascheiße aus, aber sonst ist alles ok.

Na, danke schön auch.

Ich versuche mich zu fassen, schwinge mich sofort ins Auto und brettere zu ihr, um den Schaden zu besichtigen.
Marie sieht ganz fürchterlich aus. Wie zusammengeschlagen.
Das arme Kind! Ich kann gar nicht hingucken.

Zum Glück ist inzwischen alles gut verheilt. Wir haben eine neue Brille gekauft, das Auge ist okay, auf der Stirn fühlt man noch eine kleine Verhärtung und eine Narbe neben der Nase wird wohl bleiben. Leider.
Die Polizei ermittelt, aber viel Hoffnung haben sie nicht. Es war eben schon sehr dunkel, auch auf dem Video. Vielleicht bringen die Genspuren an der Flasche etwas.

Ach so… ich hab‘ ja ganz vergessen zu erzählen, wer die Flasche geworfen hat.
Na ja, es war ein Teilnehmer eines Abendspaziergangs in Berlin-Marzahn. So ein Gida-Ableger. Die protestieren doch da seit Oktober oder November gegen die neue Unterkunft für Flüchtlinge.

Der Vorfall ist nun schon ein paar Wochen her. Fast vergessen.

Aber als ich gestern die Bilder aus Leipzig sah….

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Liebe Person

„Guck mal!“ Meine Tochter Luise wedelt mit einem Heft im Taschenbuchformat vor meiner Nase herum.
„Weißt du vielleicht, was das ist? Lag heute im Briefkasten!“
„Ein Reader’s Digest! Was? Das gibt’s noch?“ Ich bin platt.
Als Kind habe ich alles gelesen, was mir in die Finger kam – sogar die stinklangweilige katholische Kirchenzeitung – und diesen Reader’s Digest habe ich verschlungen. Onkel Franz – der war Buchhändler in Düsseldorf – brachte ab und zu ganze Stöße davon mit. Wahrscheinlich unverkaufte Exemplare. Ich erinnere mich, dass ich die Hefte oft nachts im Schein einer Taschenlampe las, denn meine Eltern bestanden darauf, dass ich ab einer bestimmten Uhrzeit zu schlafen hatte – sehr lästig.

„Hm.“ Luise blättert und liest kurz hier und da. „Naja… finde ich jetzt nicht besonders spannend.“
„Gib mal her!“ Ich blättere auch und lege das Magazin gleich wieder aus der Hand. „Langweilig!“
Ich glaube, ich fand es damals toll, weil es so amerikanisch war und weil es in den Geschichten und Berichten irgendwie ähnlich zuging wie bei ‚Lassie‘ und ‚Fury‘.

Luise studiert den Adressenaufkleber auf dem transparenten Briefumschlag. „Seltsam“, sagt sie, „die Adresse stimmt, aber mein Name ist ja so was von fasch.“
Liese Neumann steht da, dabei heißt meine Tochter L-u-ise. Kein Mensch ist bisher auf Idee gekommen, sie Liese zu nennen. Und das ist gut so. Von ihrem Nachnamen fehlt die Hälfte, nämlich der Bindestrich und ihr Mädchenname.
„Komisch! Naja, ist vielleicht Werbung,“ sagt Luise und reicht das Heft dem Mumpikind, das sich damit auf dem nächsten Teppich wälzt und es ein bisschen zerrupft.

Gestern kam nun das zweite Heft.
„Soll das jetzt zur Gewohnheit werden?“, frage ich.
„Ich weiß auch nicht! Das ist doch nicht koscher! Nachher soll ich das auch noch bezahlen.“
Luise beschließt einzugreifen. Sie googelt und findet bei der Verbraucherzentrale den Tipp, nicht auf Werbepost dieses Unternehmens zu reagieren.
Aber Luise schreibt dem Verlag eine Email und bittet darum, von der Zusendung weiterer Exemplare abzusehen. Schließlich habe sie sie nicht bestellt.

Die Antwort kommt schon gegen Abend: Readers Digest’s teilt der lieben ‚Frau Liese Neumann‘ sinngemäß mit, alles wäre im grünen Bereich – es handele sich bei der Lieferung erfreulicherweise um ein ‚Geschenk’. Eine liebe Person habe, weshalb auch immer, ein Jahresabo für sie gekauft.

Hä? Wir sehen uns perplex an.

„Niemals!“ Luise ist empört. „ Die wollen mich wohl linken! Niemand, den ich kenne, würde so was Sinnloses tun! NIEMAND! Und außerdem… dieser falsche Name! Meine Freunde wissen, wie ich heiße!““
Sie schreibt eine zweite Email um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen UND natürlich, um den Namen der’lieben Person‘ zu ergründen…

Auf eine Antwort warten wir noch…

Deshalb: Sollte das eventuell einer von euch bestellt haben???
Falls ja, bitte sofort bei mir melden!

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Hartes Schicksal

Vor dem angesagten Bäcker in meiner Straße steht samstags immer eine lange Schlange auf der Straße. Ja, richtig gelesen: Auf der Straße! Wie früher im Osten.
Unglaublich.
Ich spiele da nicht mit, denn soooo toll sind die Brötchen und das Baguette ja nun auch nicht. Und dann diese Verkäuferinnen… die sprechen nur Englisch und haben keine Ahnung von nichts.
Gut, der Bäcker nimmt wohl irgend ein besonderes Mehl – eben alles original Frankreich, wie sinngemäß mit Kreide auf der Tafel an der Hauswand steht und das soll den großen Unterschied machen – aber trotzdem.
Schlange stehen tu ich nicht. Schlange stehen hasse ich.

Ich gehe lieber gleich in die kleine türkische Bäckerei schräg gegenüber. Deren Erzeugnisse fallen zwar gegen die vom Franzmann etwas ab, aber was soll’s. Dafür ist immer gute Stimmung im Laden.
Die Verkäuferin – sie heißt Merve – plaudert in korrektem Deutsch/Türkisch/Deutschtürkisch mit den Kunden, je nach Herkunft und bedient nebenher umsichtig, kocht Kaffee, kassiert, putzt und isst unaufhörlich. Echt, immer, wenn ich reinkomme, liegt ein angebissenes Teilchen in ihrer Nähe. Dabei denkt man doch, dass so eine Bäckereifachverkäuferin nur noch saure Gurken und Sucuk mag.

Der Mann vor mir bestellt eine Wagenladung Brötchen. Merve verschwindet kauend im Hintergrund, Richtung Backautomat. Das kann dauern. Mist. Doch warten.

Zwei junge Frauen, eine mit Kinderwagen, die andere schwanger, trinken Kaffee an einem der drei runden Tischchen.

„Wie findest du Tscholina?“
„Neeee…“
„Und Anschelina?“
„Nee, bloß nix mit –lina hinten!“
„Warum nicht?“
„ Meine Schwiegermutter….“
„???“
„Paulina!“
„Ach so.“

Merve erscheint wieder auf der Bildfläche. Sie packt die Brötchen in mehrere Tüten und ruft: „ Bianca, wie findest du Sila?“
„Neee,“ sagt die Schwangere. „Nix Türkisches.“
Der Mann vor mir zieht mit seiner geballten Ladung Brötchen ab.
Jetzt bin ich dran.

Ich will aber noch gar nicht dran sein, ich will wissen, wie das Kind heißen soll.
Namensgebung finde ich total spannend. Im Dezember wurden in unseren Freundes- und Familienkreis fünf Kinder geboren: Thea, Theo, Lea, Leo, und Max. Zum Glück für die Lehrer werden die aus geographischen Gründen aber nicht alle in eine Klasse gehen.

„Was sagt denn dein Mann?“
„Ach Jarek… der will unbedingt einen polnischen Vornamen. Alicja oder so.“
„Alicja! Das ist doch süß. Alicja… Alicja – find’ste nich?“
„Nee. Nix Polnisches! Ich will einen deutschen Namen. Was sagst du zu Destiny?“

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Immer dasselbe

Immer dasselbe.
Vor dem Lidl meines Vertrauens steht direkt neben den Einkaufswagen jemand, der eine dieser Straßenzeitungen anbietet. „Motz“ oder „Straßenfeger“ heißen die in Berlin.

Es werden immer mehr, die da draußen auf mich warten.
Überall strecken sie mir ihre Zeitungen entgegen. Eine junge Frau reißt mir die schwere Eingangstür der Bank auf, ein alter Mann schaut mich auf den Eingangsstufen der Post unterwürfig an, ein Alki labert mich vor dem Bioladen voll, ein Junkie haut mich im Straßencafé aggressiv an, ein junger Mann lächelt mir im U-Bahnhof übertrieben freundlich zu.

Ihre Verkaufsstrategien sind so unterschiedlich wie sie selbst.
Aber bei mir verfängt keine.
Ich kaufe diese Zeitungen nicht. Aus Prinzip – weil ich sie nicht lesen will.
Und was ich nicht lesen will, kaufe ich nicht. Da könnte ich ja statt der Zeitung gleich das Geld in die Blaue Tonne kloppen – oder aber, ich könnte es dem Verkäufer in die Hand drücken und auf die Mitnahme des Blattes verzichten.
Das mache ich manchmal.

Besonders vor dem Lidl. Da steht oft eine Frau. Ihr Alter kann man schlecht schätzen, wahrscheinlich ist sie ungefähr so alt wie ich. Aber vielleicht irre ich mich auch. Sie ist ziemlich dünn, hat lange schwarz-grau gesprenkelte Haare und tiefe, dunkle Augenringe. Ich vermute, sie kommt aus Rumänien. Meistens spielt sie auf einem Akkordeon. Die Zeitungen liegen neben ihr auf dem Boden. Wenn jemand an ihr vorbei geht, schaut sie kurz hoch und grüßt.
Die meisten Leute beachten sie gar nicht, sie zerren ihre Wagen aus der Wagenschlange oder knallen sie wieder rein.

Ich frage mich manchmal, wie sie das aushält. Also, ich meine, wie sie dieses Nicht -Beachtet- Werden aushält. Da zu stehen und Luft zu sein.

Keine Angst. Ich bin keine Sozial-Romantikerin.
Ich mache das alles auch so. Das Übersehen, das Nicht-Grüßen, das Nicht-Geben. In einer Stadt wie Berlin geht das auch gar nicht anders. Man kann ja schließlich nicht jeden Tag irgendwelchen Leuten ich-weiß-nicht–wie-viel Euro spenden. Und ich will das auch nicht. Ich spende regelmäßig an ein vernünftiges Projekt und im Katastrophenfall auch mal was zwischendurch.

Ich habe ein gutes Gewissen. Also ziemlich. Sagen wir mal… meistens.

Allerdings – dieser Frau vor dem Lidl gebe ich öfters den Euro aus meinem Einkaufswagen.
Sie lächelt mich dann geistesabwesend an und ich drehe mich um, gehe zu meinem Auto und schäme mich.

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Postgängster

‚Helmut Hammermann’ steht auf dem Briefumschlag.
Hä?
Helmut Hammermann?
Was macht ein Brief für Helmut Hammermann in MEINEM Briefkasten? Und da! Noch einer! Und die ADAC-Zeitung! Auch für den. Und ein Klamotten-Katalog – aber nicht für Helmut, sondern für Birgit.
Die Hammermanns wohnen über mir. Vater, Mutter und zwei Söhne. Ich kenne sie nicht wirklich, den einzigen Kontakt zu ihnen hatte ich, als große Wasserfluten von oben durch die Decke kamen… aber das ist eine andere Geschichte.
Alles klar, die Briefträgerin hat sämtlich Post für Hammermanns in meinen Briefkasten gestopft, denke ich. Kann ja mal vorkommen. Vielleicht kann sie nicht lesen oder sie war abgehetzt oder erkältet oder hatte Restalkohol oder Liebeskummer – was weiß ich.
Der Hammermannsche Briefkasten hängt gleich rechts neben meinem.
Aber wo ist er hin?. Auf dem nächsten Kasten rechts steht nämlich nicht HAMMERMANN sondern VOIGT.
Ein Verdacht beschleicht mich – aber das kann doch gar nicht sein…
Ich schließe die Briefkastentür und starre auf das Namensschild: HAMMERMANN! Und nicht KRISE.
Ist ja ein Ding.
Ich habe also gar nicht meinen, sondern den Briefkasten der Hammermänner geöffnet. ICH war falsch, nicht die Christel von der Post.
Ja…aber…aber… was ist mit meinem Schlüssel los? Wieso passt der auf einen fremden Briefkasten?
Gibt’s ja gar nicht. Oder doch?
Womöglich kann mein Schlüssel auch noch andere Schlösser aufmachen. Schnell, schnell! Wenn jetzt einer kommt!
Es kommt keiner und er kann nicht. Er öffnet nur den Hammermannschen Briefkasten und meinen und sonst keinen.
Schade eigentlich…

Ein paar Tage später stehe ich neben einem der Hammermannsöhne am Briefkasten. Der Knabe ist so vierzehn, fünfzehn.
„Kriegst du mit deinem Schlüssel eigentlich auch noch andere Briefkästen auf?“ rutscht es mir so raus. Er guckt mich zweifelnd an.
„Probier mal!“ sage ich im Lehrerinnenton und zeige auf den Briefkasten von Voigts. Gehorsam macht sich das Kind ans Werk.
Zack! Die Briefkastentür springt auf.
„Boah, ey!“ Das Hammermännchen wundert sich. Ich nicht.

Dann letzte Woche ein Zettel im Mitteilungskasten neben der Haustür:

„Liebe Nachbarn!
Aus unserem Briefkasten wurde etwas gestohlen: die Umweltkarte der BVG, die wir da immer deponieren und ein Brief, wo Geld drin war, 150 Euro. Wir haben jetzt eine Anzeige aufgegeben. Ich wollte euch alle warnen! Hier klaut jemand! Augen auf!
H. Hammermann“

Mich durchzuckte es. Diebstahl! Hilfe!
Das Hammermännchen hat ja garantiert seinem Papa erzählt, dass ICH ihren Briefkasten öffnen kann. Wer ist also die Hauptverdächtige!
ICKE! Wer sonst?
Oh Mann, mir wurde ganz heiß. Bestimmt würde die Polizei mich vorladen und verhören. Meine Fingerabdrücke… ach herrje! Und wer weiß, ob ich zur Tatzeit ein Alibi…
Ich sah mich schon in Untersuchungshaft sitzen. Andererseits – das hätte natürlich auch was für sich – so als Recherche für unseren nächsten Krimi, meine ich.

Abends bin ich dann zu Hammermanns hochmarschiert – vorsichtshalber .
„Machen Se sich keene Sorjen, Frl. Krise!“
HH lachte herzlich.
„Wissn Se wat? Ha’ ick erst jestern erfahrn: Dem Herrn Voigt ha’m se ooch wat aus’m Kasten jeklaut: Eene neue Scheckkarte un denn noch paar Tage späta die Benachrichtijung mit de Pin-Numma. Dit hat er erst jemerkt, als ihm 1000 Euro vom Konto abjehoben wurden. Na, der is richtich jekniffn. Tscha. So kanns jehn. Und wer kann dem sein Briefkasten öffnen? Janz Jenau! Icke!“

Na, da war ich aber beruhigt.
Wenn ALLE klauen, dann gleicht sich das bestimmt auf Dauer wieder aus…

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Wer ist der Lauteste im ganzen Land?

Ab und zu ruft Bettina an. Sehr ab und zu, vielleicht einmal im Jahr. Höchstens.
Wir waren früher mal Nachbarinnen, aber das ist ewig her. Eigentlich haben wir uns gar nichts mehr zu sagen, aber aus irgendeinem Grunde meldet sie sich meist um die Weihnachtszeit.

Uns so war es auch dieses Jahr.
Unser Gespräch streifte zunächst die großen Themen Wetter und Gesundheit, wandte sich dann ihrem neuen Hund, dem fallenden Ölpreis und meinem Enkelkind zu und drohte fast schon vorzeitig zu versiegen, als Bettina noch gerade rechtzeitig mit „Ach, hab ich dir schon erzählt, dass ich umziehen will?“ die Kurve kriegte.
Umziehen ist immer interessant.
„Nanu, warum das denn? Du wohnst doch schon ewig da!“
„Ja, aber ich bin es leid. Es ziehen neuerdings immer mehr Türken in unser Haus. Du weißt ja, ich hab nichts gegen Ausländer, wirklich nicht, aber dass die sich auch so gar nicht anpassen können!“
„Wie meinst du das?“
„Na, die Kinder von denen, zum Beispiel. So einen Krach, wie die machen! Es ist nicht zum Aushalten. Sogar abends! Die brauchen ja abends nicht ins Bett anscheinend! Also, ich meine zu einer normalen Zeit, wenn Kinder so ins Bett gehören!“
Mein zarter Hinweis, dass meine deutschen (Eulen-)Töchter im lautesten Alter (also von 1-18 Jahren) auch nur schwer zu einer tolerablen Zeit ins Bett zu kriegen waren, wurde ungnädig aufgenommen. Also fragte ich:
„Wohnt die Familie mit den Kindern denn genau über dir?“
„Ja sicher. Und nebenan sind jetzt auch noch welche. Es ist unerträglich.“
„Hast du sie denn überhaupt schon mal angesprochen? Ich meine, vielleicht …“
„Quatsch, DAS bringt doch gar nichts! Ich sag dir, die Türken sind einfach lauter als wir!“

Seufz.

Aber Bettina ist nicht die einzige, die so spricht.

Die nette junge Besitzerin eines kleines Wollladens in Neukölln, in dem ich regelmäßig einkaufe und mit der ich mich immer sehr nett unterhalte, begrüßte mich Anfang Dezember:

„Schön, dass Sie mal wieder kommen! Sie waren ja so lange nicht mehr hier!“
„Ja, das stimmt, aber ich bin nicht mehr so oft in die Gegend. Meine Tochter wohnte doch nebenan, aber die ist im Sommer weg gezogen.“
„Weg gezogen? Wohin denn, ich meine, in welchen Bezirk?“
„An den Stadtrand, ins Grüne.“
„Ach, wie schön! Das würde ich auch so gerne! Es wird doch immer schlimmer hier in der Ecke! Ist echt nicht mehr zum Aushalten. Ganz ehrlich! Ich sag oft zu meinem Mann, los, lass uns umziehen! Wissen sie warum? Ich dachte ja früher, die Arabs wären laut! Aber die Zigeuners jetzt, die sind ja noch viel, viel schlimmer!“
Die junge Frau schüttelte traurig den Kopf.

Sie ist übrigens türkischstämmig und wunderbar integriert.

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Beim Herausfahren aus dem Hinterhof hatte mein Auto kurzfristig die Kontrolle über mich verloren.
Es schrammte mit einem ekelhaften Geräusch an der Hausecke entlang.
Kotflügel hinten rechts!
Und alles nur, weil es sich nicht in den Schacht stürzen wollte, an dem die beiden Arbeiter, die uns mit aufgerissenen Augen ansahen, schuld waren.

Mein Auto und ich, wir hatten schon die ganze Zeit ein bisschen Mühe gehabt, die durch die Baustelle verengte Ausfahrt zu nehmen, aber ausgerechtet jetzt, als die Männer dabei waren, die Grube wieder zu schließen, musste ES passieren.
Mit dem Kreischen des Blechs in den Ohren fuhr ich ganz cool weiter, so als ob nichts passiert wäre. Erst an der nächsten Bushaltestelle kletterte ich aus dem Auto, um mir den Schaden anzusehen. Der Kotflügel war auf einmal nicht mehr angenehm gerundet, sondern ganz platt. Außerdem hatte die Tür auch noch ein paar Kratzer.
Und die Farbe! Die war ziemlich ab. Sah aus wie eine überdimensionierte Schürfwunde.
Toll.
Das würde nicht billig kosten! Früher hätte man die Stelle ein bisschen ausgebeult und dann überlackiert, aber heutzutage würde garantiert ALLES – also die komplette Karosserie – erneuert werden müssen. Puh!
Ich beschloss, erst mal ein bisschen Gras über die Sache wachsen zu lassen…

Dann lieh sich meine Tochter Luise den verletzten Wagen aus.
Ich passte im Gegenzug auf das Mumpi auf. Stunden später, gegen Abend, als ich dem inzwischen leicht quengeligen Kind mehrfach erklärt hatte, dass die Mama ganz bestimmt BALD käme, klingelte das Telefon.

„Du, Mamaaaa…“ sagte Luise. Damit war jetzt ich gemeint.
„Ist was? Wo bist du? Ich dachte, du wolltest um sechs wieder hier sein?“
„Janein, also ja. Wollte ich. Aber ich habe… äh… ich bin jetzt immer noch in der Friedrichsstraße.“
„Immer noch? Warum das denn?“
„Ja, ich warte nämlich auf die Frau, der das Auto gehört.“
„Welches Auto?“
„Ja, will ich dir doch gerade erzählen. Also, ich habe gewendet hier auf dem Parkplatz, und ich weiß nicht wieso, aber ich hab den Abstand irgendwie nicht richtig eingeschätzt und da bin ich ein bisschen gegen das Auto gefahren. Sorry. Tut mir echt leid.“
„WAS? Gegen welches Auto?“
„Na, gegen DAS Auto. BMW. Von der Frau, auf die ich warte. Ihr Vater ist schon da, er sagt, sie müsste auch gleich kommen.“
Na, das war ja…. Vor meinem inneren Auge erstand mein armes Auto. Es sah erbärmlich aus. Rundrum zerblöttscht, wie der Rheinländer sagen würde.
Meine Tochter lachte.
„Warum lachst du?“
„Mama…hehehe…“
„Sehr komisch! Mein Auto kaputt fah…“
„Nein, nein! Hör erst mal zu! Also, es ist nicht ganz so schlimm, wie du denkst. Es nämlich genau derselbe Kotflügel, den DU auch schon angetickt hast. Hinten rechts!“

So war es. Die Schadstellen lagen direkt übereinander. Sozusagen.
Das irritierte die Gutachter, die versicherungsmäßig eingeschaltet wurden, schwer.
War das jetzt EIN Schaden? Oder waren es doch ZWEI? Wie sollte das nun bewertet werden?
Schließlich, nach langem Hin und Her, entschieden sie, dass der zweite Schaden geringer sei als der erste und deshalb das Ganze als EIN Schaden zu sehen sei.
Das fand ich sehr vernünftig.

Jetzt ist mein Auto wieder heil.
Und die Werkstatt hat es sogar innen und außen gesäubert – das war aber auch wirklich mal nötig…

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