Postgängster

‚Helmut Hammermann’ steht auf dem Briefumschlag.
Hä?
Helmut Hammermann?
Was macht ein Brief für Helmut Hammermann in MEINEM Briefkasten? Und da! Noch einer! Und die ADAC-Zeitung! Auch für den. Und ein Klamotten-Katalog – aber nicht für Helmut, sondern für Birgit.
Die Hammermanns wohnen über mir. Vater, Mutter und zwei Söhne. Ich kenne sie nicht wirklich, den einzigen Kontakt zu ihnen hatte ich, als große Wasserfluten von oben durch die Decke kamen… aber das ist eine andere Geschichte.
Alles klar, die Briefträgerin hat sämtlich Post für Hammermanns in meinen Briefkasten gestopft, denke ich. Kann ja mal vorkommen. Vielleicht kann sie nicht lesen oder sie war abgehetzt oder erkältet oder hatte Restalkohol oder Liebeskummer – was weiß ich.
Der Hammermannsche Briefkasten hängt gleich rechts neben meinem.
Aber wo ist er hin?. Auf dem nächsten Kasten rechts steht nämlich nicht HAMMERMANN sondern VOIGT.
Ein Verdacht beschleicht mich – aber das kann doch gar nicht sein…
Ich schließe die Briefkastentür und starre auf das Namensschild: HAMMERMANN! Und nicht KRISE.
Ist ja ein Ding.
Ich habe also gar nicht meinen, sondern den Briefkasten der Hammermänner geöffnet. ICH war falsch, nicht die Christel von der Post.
Ja…aber…aber… was ist mit meinem Schlüssel los? Wieso passt der auf einen fremden Briefkasten?
Gibt’s ja gar nicht. Oder doch?
Womöglich kann mein Schlüssel auch noch andere Schlösser aufmachen. Schnell, schnell! Wenn jetzt einer kommt!
Es kommt keiner und er kann nicht. Er öffnet nur den Hammermannschen Briefkasten und meinen und sonst keinen.
Schade eigentlich…

Ein paar Tage später stehe ich neben einem der Hammermannsöhne am Briefkasten. Der Knabe ist so vierzehn, fünfzehn.
„Kriegst du mit deinem Schlüssel eigentlich auch noch andere Briefkästen auf?“ rutscht es mir so raus. Er guckt mich zweifelnd an.
„Probier mal!“ sage ich im Lehrerinnenton und zeige auf den Briefkasten von Voigts. Gehorsam macht sich das Kind ans Werk.
Zack! Die Briefkastentür springt auf.
„Boah, ey!“ Das Hammermännchen wundert sich. Ich nicht.

Dann letzte Woche ein Zettel im Mitteilungskasten neben der Haustür:

„Liebe Nachbarn!
Aus unserem Briefkasten wurde etwas gestohlen: die Umweltkarte der BVG, die wir da immer deponieren und ein Brief, wo Geld drin war, 150 Euro. Wir haben jetzt eine Anzeige aufgegeben. Ich wollte euch alle warnen! Hier klaut jemand! Augen auf!
H. Hammermann“

Mich durchzuckte es. Diebstahl! Hilfe!
Das Hammermännchen hat ja garantiert seinem Papa erzählt, dass ICH ihren Briefkasten öffnen kann. Wer ist also die Hauptverdächtige!
ICKE! Wer sonst?
Oh Mann, mir wurde ganz heiß. Bestimmt würde die Polizei mich vorladen und verhören. Meine Fingerabdrücke… ach herrje! Und wer weiß, ob ich zur Tatzeit ein Alibi…
Ich sah mich schon in Untersuchungshaft sitzen. Andererseits – das hätte natürlich auch was für sich – so als Recherche für unseren nächsten Krimi, meine ich.

Abends bin ich dann zu Hammermanns hochmarschiert – vorsichtshalber .
„Machen Se sich keene Sorjen, Frl. Krise!“
HH lachte herzlich.
„Wissn Se wat? Ha’ ick erst jestern erfahrn: Dem Herrn Voigt ha’m se ooch wat aus’m Kasten jeklaut: Eene neue Scheckkarte un denn noch paar Tage späta die Benachrichtijung mit de Pin-Numma. Dit hat er erst jemerkt, als ihm 1000 Euro vom Konto abjehoben wurden. Na, der is richtich jekniffn. Tscha. So kanns jehn. Und wer kann dem sein Briefkasten öffnen? Janz Jenau! Icke!“

Na, da war ich aber beruhigt.
Wenn ALLE klauen, dann gleicht sich das bestimmt auf Dauer wieder aus…

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7 Antworten zu Postgängster

  1. Nadine schreibt:

    Hach es ist so schön, wieder von Ihnen zu lesen🙂 ich freue mich über jeden neuen Beitrag

  2. datmomolein schreibt:

    Ehrlich, ich hoffe doch mit meinen teuren Systemschlüsseln geht das nicht, sonst kann nachher noch jemand meine Wohnungstür öffnen. Das ist ja beängstigend ….
    Aber schön wieder von Ihnen zu lesen. Mir fehlt ihre sehr ironische Art auf das Leben zu schauen. Das ermahnt mich immer, nicht alles so ernst zu nehmen.

  3. twilight schreibt:

    Das ist wie im Supermarkt. Die ehrlichen Kunden bezahlendie Waren der Diebe, die Überwachungskamera und das Gehalt der Ladendetektivs mit. Da hilft nur eins: Wegen der Gerechtigkeit sollten wir alle klauen! Oder hat jemand eine bessere Idee?
    Hat Spaß gemacht, den Text zu lesen!

  4. Ich würde das sofort meinem Vermieter melden.o_O

    Schön, Sie wieder regelmäßig zu lesen!🙂

  5. Helmut71 schreibt:

    Das war 1978: Ich sperre meinen weißen Golf auf und nehme Platz. Irgendwie sitze ich nicht richtig. Nanu, seit wann hat mein Auto denn einen Drehzahlmesser? Tja, meine Karre stand einige Plätze weiter, aber der Schlüssel hat gepasst!

  6. thymi schreibt:

    Und wer öffnet Ihren Briefkasten, Frl. Krise (außer Ihnen)?
    Thymi

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