Wer ist der Lauteste im ganzen Land?

Ab und zu ruft Bettina an. Sehr ab und zu, vielleicht einmal im Jahr. Höchstens.
Wir waren früher mal Nachbarinnen, aber das ist ewig her. Eigentlich haben wir uns gar nichts mehr zu sagen, aber aus irgendeinem Grunde meldet sie sich meist um die Weihnachtszeit.

Uns so war es auch dieses Jahr.
Unser Gespräch streifte zunächst die großen Themen Wetter und Gesundheit, wandte sich dann ihrem neuen Hund, dem fallenden Ölpreis und meinem Enkelkind zu und drohte fast schon vorzeitig zu versiegen, als Bettina noch gerade rechtzeitig mit „Ach, hab ich dir schon erzählt, dass ich umziehen will?“ die Kurve kriegte.
Umziehen ist immer interessant.
„Nanu, warum das denn? Du wohnst doch schon ewig da!“
„Ja, aber ich bin es leid. Es ziehen neuerdings immer mehr Türken in unser Haus. Du weißt ja, ich hab nichts gegen Ausländer, wirklich nicht, aber dass die sich auch so gar nicht anpassen können!“
„Wie meinst du das?“
„Na, die Kinder von denen, zum Beispiel. So einen Krach, wie die machen! Es ist nicht zum Aushalten. Sogar abends! Die brauchen ja abends nicht ins Bett anscheinend! Also, ich meine zu einer normalen Zeit, wenn Kinder so ins Bett gehören!“
Mein zarter Hinweis, dass meine deutschen (Eulen-)Töchter im lautesten Alter (also von 1-18 Jahren) auch nur schwer zu einer tolerablen Zeit ins Bett zu kriegen waren, wurde ungnädig aufgenommen. Also fragte ich:
„Wohnt die Familie mit den Kindern denn genau über dir?“
„Ja sicher. Und nebenan sind jetzt auch noch welche. Es ist unerträglich.“
„Hast du sie denn überhaupt schon mal angesprochen? Ich meine, vielleicht …“
„Quatsch, DAS bringt doch gar nichts! Ich sag dir, die Türken sind einfach lauter als wir!“

Seufz.

Aber Bettina ist nicht die einzige, die so spricht.

Die nette junge Besitzerin eines kleines Wollladens in Neukölln, in dem ich regelmäßig einkaufe und mit der ich mich immer sehr nett unterhalte, begrüßte mich Anfang Dezember:

„Schön, dass Sie mal wieder kommen! Sie waren ja so lange nicht mehr hier!“
„Ja, das stimmt, aber ich bin nicht mehr so oft in die Gegend. Meine Tochter wohnte doch nebenan, aber die ist im Sommer weg gezogen.“
„Weg gezogen? Wohin denn, ich meine, in welchen Bezirk?“
„An den Stadtrand, ins Grüne.“
„Ach, wie schön! Das würde ich auch so gerne! Es wird doch immer schlimmer hier in der Ecke! Ist echt nicht mehr zum Aushalten. Ganz ehrlich! Ich sag oft zu meinem Mann, los, lass uns umziehen! Wissen sie warum? Ich dachte ja früher, die Arabs wären laut! Aber die Zigeuners jetzt, die sind ja noch viel, viel schlimmer!“
Die junge Frau schüttelte traurig den Kopf.

Sie ist übrigens türkischstämmig und wunderbar integriert.

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8 Antworten zu Wer ist der Lauteste im ganzen Land?

  1. Kejo schreibt:

    Laute Nachbarn sind ein Ärgernis, klar. Aber ob sie nun arabisch sind oder Roma/Sinti oder türkisch oder peruanisch oder chinesisch oder britisch oder norwegisch oder deutsch, ist doch so was von wurscht!

  2. fraufreitag schreibt:

    fragt sich der leser, warum die tochter ins grüne gezogen ist, hehehe.

  3. Naja. Der Bundespräsident hätte das nicht gesagt, aber der Bundespräsident lebt eben auch nicht neben der zehnköpfigen bosnischen Familie, die noch nicht überrissen hat, daß benutzte Windeln weder ins Altpapier (wird nicht mehr abgeholt) noch in die gelben Säcke (werden auch nicht mehr abgeholt) gehören. Man sollte den Leuten in der Wohnung daneben auch zugestehen, daß Zuwanderung auch Nerven kostet.

  4. anneinsideoffice schreibt:

    Ja laut ist doof, im Büro, zu Hause und auch sonst.
    Unsere lauteste Nachbarin welche wir je hatten, war übrigens eine Öesterreicherin, was die immer herumgebrüllt hat🙂
    Mein jüngster Sohn begann als Kleinkind immer zu weinen wenn er sie hörte.
    Die zog zum Glück bald weg, der Mann hatte die Flucht ergriffen😉

  5. ClauDia OverMann schreibt:

    Hat man ein Recht auf Ruhe? Schon, aber nur zur Schlafenszeit, ansonsten muss man wohl hinnehmen, das geräuschvoll in der Nachbarschaft gelebt wird. Nur auf dem Friedhof hat man unter der Erde seine Ruhe.

  6. papaverax schreibt:

    Also ich habe festgestellt, dass Didgeridoo-Spielen unheimlich gut hilft. Plötzlich sind alle ruhig. Also ob sie plötzlich merken, wie hellhörig die Wände sind. Oder es ist irgendein krasser australischer Wüstengeist, der da rauskriecht und mal kurz zu den Nachbarn rübergeht und sagt, es ist OK, sie haben den Loudness-Preis des Tages gewonnen und können jetzt auch wieder ruhig sein, keine Ahnung…

  7. datmomolein schreibt:

    als ob „laut sein“ irgendwas mit der nationalität zu tun hat… meine mutter hat solche lauten obernachbarn, da stampft das kind nur und vor 22-23uhr geht es scheinbar nie ins bett. die sind wohl ohne jeglichen migrationshintergrund. und leider kommt man da auch nicht mit reden weiter. ich hab ja mal deathmetal empfohlen, aber naja.
    nett war auch die nachbarin, die sich ein flügel zulegte und spielte. so 8-10std am tag. später stellte sich heraus, dass sie ihr instrument im wohngebiet stundenweise „vermietete“. meine eltern mögen klaviermusik, mein vater spielt selber klavier, aber so alles ab 4-6std aufwärts am tag nervt dann doch. Da gab es wohl ein russischen migrationshintergund, ich glaube nicht, dass der eine rolle spielte.
    wie papaverax schreibt, oft merken laute menschen nicht, dass ihre lautstärke weiter tönt, weil sie scheinbar sehr laut gewöhnt sind und somit oft keine geräusche von anderen mitbekommen.
    da hilft dann nur, mal gegensteuern. da mein vater am wochenende oft vor um 8 wach ist, hat er dann mal eine zeitlang um 7:30 klavier gespielt. das wurde dann sehr schnell begriffen. seitdem hält man sich an diverse ruhestunden. Auch das wohl von vermieterseiten darauf hingewiesen wurde, dass „instrument vermieten“ nicht mehr „privat“wohnung beinhaltet sondern dann geschäftlich versteuert werden müsste.

    wir haben jetzt teenagerkinder neben uns. das ist halt ab und zu laut. obwohl diverse musik mich immer erschreckt, mehr aber ob des genre. ich versuche dann mit gutem rock „musikerziehung“ nebenbei zu leisten. hin und wieder wird das sogar aufgenommen. und nirvana oder led zeppelin nebenan kann ich sehr gut tolerieren.

  8. Mafdet schreibt:

    Kinder sind IMMER laut. „Eingeborene“ ebenso wie Eingewanderte. Meiner Meinung nach muss man da als Nachbar einfach durch.
    Wir selbst waren schließlich auch mal Kinder und haben damals unsere Nachbarn lärmbelästigt.

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