Immer dasselbe

Immer dasselbe.
Vor dem Lidl meines Vertrauens steht direkt neben den Einkaufswagen jemand, der eine dieser Straßenzeitungen anbietet. „Motz“ oder „Straßenfeger“ heißen die in Berlin.

Es werden immer mehr, die da draußen auf mich warten.
Überall strecken sie mir ihre Zeitungen entgegen. Eine junge Frau reißt mir die schwere Eingangstür der Bank auf, ein alter Mann schaut mich auf den Eingangsstufen der Post unterwürfig an, ein Alki labert mich vor dem Bioladen voll, ein Junkie haut mich im Straßencafé aggressiv an, ein junger Mann lächelt mir im U-Bahnhof übertrieben freundlich zu.

Ihre Verkaufsstrategien sind so unterschiedlich wie sie selbst.
Aber bei mir verfängt keine.
Ich kaufe diese Zeitungen nicht. Aus Prinzip – weil ich sie nicht lesen will.
Und was ich nicht lesen will, kaufe ich nicht. Da könnte ich ja statt der Zeitung gleich das Geld in die Blaue Tonne kloppen – oder aber, ich könnte es dem Verkäufer in die Hand drücken und auf die Mitnahme des Blattes verzichten.
Das mache ich manchmal.

Besonders vor dem Lidl. Da steht oft eine Frau. Ihr Alter kann man schlecht schätzen, wahrscheinlich ist sie ungefähr so alt wie ich. Aber vielleicht irre ich mich auch. Sie ist ziemlich dünn, hat lange schwarz-grau gesprenkelte Haare und tiefe, dunkle Augenringe. Ich vermute, sie kommt aus Rumänien. Meistens spielt sie auf einem Akkordeon. Die Zeitungen liegen neben ihr auf dem Boden. Wenn jemand an ihr vorbei geht, schaut sie kurz hoch und grüßt.
Die meisten Leute beachten sie gar nicht, sie zerren ihre Wagen aus der Wagenschlange oder knallen sie wieder rein.

Ich frage mich manchmal, wie sie das aushält. Also, ich meine, wie sie dieses Nicht -Beachtet- Werden aushält. Da zu stehen und Luft zu sein.

Keine Angst. Ich bin keine Sozial-Romantikerin.
Ich mache das alles auch so. Das Übersehen, das Nicht-Grüßen, das Nicht-Geben. In einer Stadt wie Berlin geht das auch gar nicht anders. Man kann ja schließlich nicht jeden Tag irgendwelchen Leuten ich-weiß-nicht–wie-viel Euro spenden. Und ich will das auch nicht. Ich spende regelmäßig an ein vernünftiges Projekt und im Katastrophenfall auch mal was zwischendurch.

Ich habe ein gutes Gewissen. Also ziemlich. Sagen wir mal… meistens.

Allerdings – dieser Frau vor dem Lidl gebe ich öfters den Euro aus meinem Einkaufswagen.
Sie lächelt mich dann geistesabwesend an und ich drehe mich um, gehe zu meinem Auto und schäme mich.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu Immer dasselbe

  1. Ich kaufe die Straßenzeitung immer. BISS heißt sie, herausgegeben von einer prima Organisation, deren Stiftung Schulen in Brennpunkten unterstützt.

  2. spreemieze schreibt:

    ich geh lieber zum Bäcker und kauf den Leuten einen Kaffee oder brötchen

  3. Frau Jule schreibt:

    die hinz und kuntz, die es hier in hamburg gibt, finde ich immer ziemlich super! ich kaufe sie immer sehr gerne. allerdings verhalten sich deren verkäufer eher unauffällig, stehen an den üblichen stellen rum und man wird selten irgendwie aktiv von denen angesprochen.
    das mit dem schämen allerdings kann ich nachvollziehen. es geht mir zu oft auch so.
    liebe grüße,
    jule*

  4. Bluete schreibt:

    Wofür genau schämen Sie sich?

  5. Mumbai schreibt:

    Die Armut die immer mehr in eine so erniedrigende Situation treibt macht wirklich nachdenklich.
    Schaemen tu ich mich nicht, wenn ich nicht gebe, denn als Steuerzahler (5o% meines Einkommens) finde ich, ist es Aufgabe des Staates dagegen etwas zu unternehmen. Aber…..und da koennte man jetzt stundenlang darueber diskutieren, wie und ob und an wen….und macht sich bei den sogenannten vielen „Gutmenschen“ vielleicht unbeliebt.

    • kinder-sind-unschlagbar schreibt:

      Sry, aber bei 50 % Steuersatz muss das Einkommen so hoch sein, dass man gut noch das eine oder andere soziale oder karitative Projekt, was einem am Herzen liegt, sponsern kann. (Es sei denn, man hat kein Herz, dann kann einem an nichts am Herzen liegen … :-))

      • Mumbai schreibt:

        wird auch hart und viel gearbeitet dafuer und ein gutes Einkommen bedeutet nicht, dass ich das Geld an Leute gebe, die Bettler abkassieren. Hat also nichts mit Herz sondern
        mit Hirn zu tun.

      • kinder-sind-unschlagbar schreibt:

        @Mumbai
        Ich habe nicht behauptet, dass Sie für Ihr überdurchschnittliches Einkommen nicht hart gearbeitet hätten. Sicher haben Sie sogar jeden Cent ehrlich und redlich verdient.
        Ich sage nur, dass man nicht alle Verantwortung auf den Staat abschieben darf, nur weil man eben Steuern zahlt.
        Ich persönlich gebe Bettlern auf der Straße in der Regel auch nicht. Es fällt schwer zu unterscheiden, wo man damit mafiöse Banden unterstützt. Aber wir haben ein Patenkind in Nikaragua und unterstützen damit seit über 20 Jahren eine seriöse Organisation, die Projekte in der dritten Welt durchführt. Man kann nämlich auch Herz UND Verstand haben …🙂

  6. Camou schreibt:

    Ich wohne in einer provinziellen Kleinstadt. Solche Zeitungen gibt es hier nicht, hätten auch nie eine Chance. Ich kenne nur die nicht deutsch sprechenden schwangeren Frauen oder jungen Männer, die gegenüber vor dem LIDL abgeladen werden zum Betteln. Da gebe ich grundsätzlich nichts. Ich unterstütze doch nicht freiwillig die Mafia.

  7. frlding schreibt:

    Im Großen und Ganzen geht es mir da wie dir.

    Wobei ich aber nie „Bargeld“ gebe, sondern ne Packung Brötchen, Kuchen oder irgendwas, was ich im Laden in den Wagen getan habe. Ich habe leichte bedenken, dass ich ansonsten irgend eine mafiöse Gemeinschaft damit unterstütze… und eine Packung Brötchen wird ihr „Leithammel“ kaum von den Leuten wegnehmen. Oft sehe ich dann auch, wie sie die Packung gleich aufmachen und essen.
    Dann hab ich kein schlechtes Gewissen mehr und für mich ist alles prima.

  8. Hier in NRW gibt es die fiftyfifty, ein Straßenmgazin aus Düsseldorf. Kaufe ich seit Jahren von „meiner“ Verkäuferin. Sie steht immer stumm vorm Supermarkt. Ein Ansprechen der vorbeigehenden Leute ist von fiftyfifty auch nicht gewünscht. Machen trotzdem viele, ich kann es auch verstehen… Nicht aber meine Verkäuferin.

    Anfangs habe ich ihr auch mal einen Kaffee mitgebracht, war ja auch kalt. Später plauderten wir, irgendwann erfuhr ich, sie trinkt gar keinen Kaffee. Ist zu teuer, konnte sie sich nie leisten und es schmeckt ihr auch nicht wirklich. Also drückte ich ihr die zwei Euro Kaffeegeld so in die Hand, da haben sie und ihre vier Kinder am Ende mehr von.

    Ich gab ihr ab dann regelmäßig etwas. Das ist nun über fünf Jahre her. Ich besuche die Familie regelmäßig, sie sind mir ans Herz gewachsen. Wir sind befreundet. Ich hätte nie gedacht, was aus einer fast schon achtlosen ersten „Spende“ entstehen kann. Ich habe durch sie einen Einblick in eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Die Familie kommt aus Rumänien, wird immer wieder mit dem Zigeuner-Vorwurf konfrontiert und hat es generell nicht leicht. Natürlich nicht.

    Die fiftyfifty verkauft sie immer noch, wenn Zeit ist zwischen den Gelegenheitsjobs, die sie bekommt. Früher wurde sie oft vor ihrem Supermarkt verjagt, ich bin dann für sie eingetreten, ich wusste sie klaut nicht. Ich habe ihr vertraut. Mich kannte man als langjährige Kundin, sie durfte bleiben. Mittlerweile sagt auch aus dem umliegenden Geschäften niemand mehr „Der gebe ich nichts, die wird doch heute Abend mit dem Mercedes abgeholt!“. Es gibt keinen Mercedes in ihrer Welt.

    Und trotzdem habe ich auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich andere Verkäufer vor anderen Supermärkten stehen sehe. Aber ich kann nicht die Welt retten, ich muss sie auch ignorieren, an ihnen hindurchsehen und meinen Wagen holen. Aber es fällt mir schwer, jedes Mal aufs Neue.

    • Ulla39 schreibt:

      Danke, Frau Shopping, daß Sie uns Ihre Erfahrung berichtet haben. Alle diese Zeitungsverkäufer haben ihre Geschichte, manche ähneln sich, andere überhaupt nicht. Allen diesen Menschen ist gemeinsam, daß sie eine Würde haben, auch wenn ihnen unsere Gesellschaft (und die, aus der sie stammen) es schwer, manchmal unmöglich macht, sie zu wahren.

    • Roland_09 schreibt:

      Nein, ich rette nicht die Welt. Ich bestelle meinen Garten.

  9. Papageno schreibt:

    Ich kaufe mir in Zürich immer beim gleichen Verkäufer das Strassenmagazin „Surprise“. Gespräch mit dem Verkäufer und immer lesen des Magazins. Manchmal bin ich einverstanden mit den Inhalten, manchmal zweifle ich. Genau so wie es sein soll. http://www.strassenmagazin.ch/magazin.html

  10. marianne mustermann schreibt:

    das problem ist, daß jeder diese zeitungen verkaufen darf.

    das machen sich inzwischen rumänische banden zu nutze, die mafia-artig organisiert sind.

    sie stellen leute vor die supermärkte, die diese zeitungen verkaufen – das geld indes wird von den mafiosi eingesammelt.

    die „normalen“ obdachlosen, die bisher diese zeitungen verkauft haben werden teilweise brutal von ihren plätzen vertrieben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s