Mami?

„Tochter sagt manchmal ‚Mami’ zu ihr!“ übersetzt Zeynep und Tugba nickt: „Ja, nix Ane! Mami!“
Das scheint sie etwas zu irritieren, schließlich sprechen sie zu Hause nur Türkisch – die Kinder sollen ja ihre Muttersprache lernen. Deutsch gibt’s genug in der Kita oder Schule.

Bloß für die Mamis gabs bisher zu wenig!
Aber weshalb auch Deutsch lernen? Die Frauen erzählen, dass sie eigentlich nie Deutsch sprechen. Wo auch? Geschäfte, Ärzte, Apotheken, Banken, Lokale, Nachbarn, Freunde? Fehlanzeige. Sie leben in der Kreuzberger oder Neuköllner Türkei.
Bleiben doch nur die Kinder. Mit ihren Kindern könnten sie sprechen, werfe ich ein. Wenn die Deutsch gelernt hätten, dann…
Aber damit kann ich irgendwie nicht landen. Ist vielleicht auch keine gute Idee. Jugendliche haben zu so was auch keine Lust. Meinen Schülern war die “Sprachlosigkeit” ihrer Mütter zwar oft peinlich, aber es sicherte ihnen auch ein Stück vermeintlicher ‘Freiheit’.

Immerhin – jetzt sitzen wir hier und plagen uns mit der deutschen Sprache ab, auch wenn mir immer klarer wird, dass das ohne wirkliche Lernerfahrung noch viel schwieriger ist.. Aber woher auch? Die kurze Grundschulzeit ist so lange her…
Selbst das Schreiben und Lesen ist keine Selbstverständlichkeit.

Aber das wird schon. Heute ging es ja erst mal um die persönlichen Daten, an denen wir letzte Woche kläglich gescheitert waren.
Ganz glatt läuft es noch nicht, aber es gibt Fortschritte.
Sehr gut! Ich bin voll des Lobes.
Ich lobe überhaupt übertrieben viel. ‚Das hättest du in der Schule auch mehr machen müssen’, sagt mein pädagogisches Gewissen. ‚Gelobt werden tut soooo gut’.
Dieses blöde pG! Ich dachte, es wäre längst hinüber, aber nee, kaum gibt man wieder ein paar Stündchen, ist es gleich putzmunter und gibt ungefragt seinen Senf dazu.

Nach dem Unterricht wird ausführlich gefrühstückt. Tugba setzt sich neben mich. Sie guckt mich mit ihren kullerunden Augen an, nickt mir zu und schiebt mir selbstgebackene Açma rüber. Mit Käse! Voll lecker! Heute Abend will sie Ispanaklı Börek machen. Den Teig stellt sie natürlich selbst her. Was für eine Arbeit! Sie lacht. „Ja, ArbeitArbeit und schnellschnell essen… . “ Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie schon drei Kinder hat. Der Älteste macht ihr Probleme – falsche Freunde, übersetzt Zeynep. Ach je… diese falschen Freunde, immer dasselbe… Die Kleine geht ins erste Schuljahr. Tugba übt mit ihr Rechnen, deshalb kann sie auch die Zahlen ziemlich gut.
Ich habe das Gefühl, Tugba schon ewig zu kennen. Ja – sie sogar schon einmal als Jugendliche unterrichtet zu haben, so vertraut ist sie mir.
Sehr komisch.

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Unfassbar

Der beste Moment einer Klassenfahrt?
Für mich war es immer das Zurückkommen mit ALLEN Schülern. Keiner verlorengegangen, keiner verunglückt! Dem Himmel sei Dank!
Sich dann mit einem tiefen Seufzer ins eigene Auto setzen, nach Hause fahren und spüren, wie die Last der Verantwortung sich in Nichts auflöst. Herrlich.

Als Mutter war es immer erlösend, wenn der Reisebus nach langer Fahrt aus Frankreich oder Ungarn oder sonst wo her endlich um die Ecke bog und alle todmüde, aber aufgekratzt heraus hüpften. Gott sei Dank, mein Kind ist wieder heil da! Alles ist gutgegangen!

Jeder der Kinder hat, kennt das. Die Ängste, das Glücksgefühl.

Nicht auszumalen, wie es sein muss, an einem Flughafen zu stehen und das sehnsüchtig erwartete Kind kommt nicht.
Kommt nie mehr.
Da gibt es keinen Trost.

Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der Passagiere und Crew-Mitglieder von 4U9525.

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Kleine Schritte

33, 34, 36, 39, 41, 43.
So alt sind meine neuen Schülerinnen.
Alle stammen aus der Türkei und sind schon lange in Deutschland. Sie arbeiten in einem kleinen, sehr kreativen Frauenprojekt und verdienen zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Geld.
Natürlich sind sie verheiratet. Zusammen gerechnet haben sie 13 Kinder.
Schulisch sieht es düster aus: 4-5 Jahre Grundschule in der Türkei. Das ist alles, was ihnen vergönnt war.
Außer Hanim. Die war nie in der Schule, deshalb kann sie weder richtig schreiben noch lesen. Zeynep hat immerhin einen Hauptschulabschluss. Den hat sie an der VHS in Berlin gemacht.
Man kann sich einigermaßen mit ihnen verständigen, aber das, was sie da so sprechen, ist eigentlich kein Deutsch.
Und Deutsch wollen sie lernen.
„Super!“, sage ich zu ihnen und denke natürlich: „Wird aber auch langsam Zeit.“ Dabei nehme ich mir schon seit Jahren vor, mein Englisch aufzupolieren, mein Französisch wenigstens zu stabilisieren und Türkisch richtig zu lernen. Bekomme ich auch nicht geregelt.
Die Frauen nicken und lachen ein bisschen. Sie sind aufgeregt. Ganz süß, wie sie da sitzen und verlegen an ihren Kopftüchern zuppeln. Sie könnten meine Töchter sein, denke ich.

Mit dem Lernen geht es nur langsam voran – einmal die Woche Unterricht ist zu wenig. Fast nichts.
Aber wir geben uns Mühe.

Heute ging um die Zahlen. An sich kein Problem, dachte ich, schließlich wird man nach 10 bis 15 Jahren Lebenszeit in Deutschlands Hauptstadt wohl bis zwanzig zählen können.
Da ging auch noch so halbwegs.
Aber dann: Zwei der Mädels wissen ihren Geburtstag nicht auswendig. Mit Hilfe von Ausweis und Krankenkasse ergründen wir umständlich das Datum. Tugba hat am 1.1. Geburtstag – ich dachte das gäbe es nicht mehr….
Telefonnummern? Fehlanzeige – okay, kein Wunder, wenn man alle drei Monate eine neue Nummer bekommt.
Aber jetzt die Adresse. Die Hausnummer!
Bitte… die weiß man doch! Oder?!
Nein.
WAS? DIE auch nicht?

Nächste Woche werden wir Bürgeramt oder Krankenhaus oder Polizei oder irgend so was spielen! Unbedingt!
Deshalb gibt es eine Hausaufgabe: Die Daten müssen erforscht und rauf und runter gelernt werden! Und der Name muss buchstabiert werden können!
Meine Damen scheinen irgendwie erfreut. Sie lechzen sogar nach mehr.
„Geburtstag von Kindern!“ sagt Zeynep.
Hanim fordert: „Telefon von Mann!“
Und Tugba? Die macht sich Gedanken darüber, wie alt sie wohl wirklich ist und ob sie das vielleicht noch bis nächste Woche herausbekommen kann…

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Wer ist hier Bluna?

Der Himmel ist blau, die Sonne blendet und wo ist meine Sonnenbrille? Wieso habe ich keine Übergangsjacke? Welche Schuhe trägt man bei 15° C? Muss man wirklich jetzt schon die Socken ad acta legen wie dieser Typ, der in halblangen Hosen vor mir an der Lidl-Kasse steht? Warum zum Teufel bin ICH seit geschlagenen vier Wochen erkältet?
Weshalb fühle ich mich nach dem Winter, der keiner war, wie ein zerzauster Maulwurf, der aus Versehen seinen Kopf aus der Erde steckt und schnell wieder in die gemütliche Finsternis zurück will?
Fragen über Fragen.
Und vor allem: Wann bin ich endlich dran?
Die Langsamkeit liegt eindeutig an den unfähigen Kunden. Der eine friemelt umständlichst sein Kleingeld Cent für Cent hervor, der andere entdeckt einen ‚weißlichen Belag’ auf seiner Avocado und beim nächsten offenbart sich ein ganz gravierendes Problem: Er hat kein Geld. Portemonnaie vergessen, vermute ich.
Unangenehm, aber lösbar. Ist mir auch schon passiert. Da stellt man seinen Wagen bescheiden ab, geht nach Hause und kommt mit der Knete wieder.
Nicht so dieser Herr. Der will- im übertragenen Sinn – eine Art ‘Deckel machen’. Das klappt vielleicht in seiner Stammkneipe, hier jedoch nicht.
Schließlich verlässt er schnaufend den Laden.
Die Kassiererin – eine bemerkenswert coole Person mit Glatze, Nasenring, Flesh Tunnel und vielen Tattoos – zuckt ungerührt die Schultern: „Den kenn’wa schon, der kommt öfta.“
„Schizo oder Para?“ fragt der sockenlose Mann vor mir.
Sie schüttelt den Kopf und greift nach der ersten seiner zahllosen Bierflaschen. Dann zeigt sie auf ihren Kopf und sagt milde:
„Tzycho eben – jenau wie Sie und icke.“

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Scheinpenis?

Liebe Frauen! Habt ihr schon was vor am Sonntag?
Nein?
Dann hätte ich da was, aber äh… stopp!
Vielleicht wisst ihr das ja nicht: Sonntag ist nicht nur Sonntag, sondern da ist zusätzlich auch noch Frauentag!
FRAUENTAG!
Vorsicht! Da kann man als politisch bewegte Frau nicht IRGENDWAS unternehmen. Da muss was thematisch Passendes her. Bloß was? Da fällt nicht jeder etwas ein…
Aber zum Glück machte der ‚Förderverein von Zoo und Tierpark’ in Berlin einen schönen Vorschlag.
Der bietet am Sonntag eine Spezialführung im Tierpark Friedrichsfelde an. Das klingt doch gut, oder? Das Wetter soll ja am Wochenende herrlich werden.
Ach so, das Thema der Führung! Hätte ich fast vergessen. Das lautet: ‚Frauenpower’.
Sehr passend und beziehungsreich, es geht nämlich zu den Hyänen.
Die haben schon so lustige Namen, die gleich an das große Frauenthema Mode erinnern. Da gibt es die Tüpfelhyäne und die Streifenhyäne und die Schabrackenhyäne. (Gut, der letzte Name hört sich jetzt nicht sooo charmant an, mehr wie ein Schimpfwort – aber das kennen wir Frauen ja auch. )
Um die äußeren Werte der Tierlein geht es bei dieser Führung sowieso nicht.
Es geht mehr ums Sozialverhalten, also darum, wie Männer und Frauen miteinander umgehen.
Das ist bei Hyänens sehr interessant: Ihre Rudel werden nämlich immer von einem Alphaweib angeführt – die Männer haben nichts zu melden. Die Frauen sind deutlich größer als die Kerle und schüchtern die zusätzlich ganz raffiniert ein: Sie verfügen nämlich über einen Scheinpenis und Pseudohoden! Wow! Auch Netzwerkarbeit funktioniert bei ihnen bestens: Sie helfen nämlich ihren Töchter dabei, einen hohen Rang zu erlangen und die Männchen restlos ans Ende der Hackordnung zu verbannen.

Und um sich dit anzukieken– meint der Förderverein- soll frau am Frauentag zu die Hyänen.
Mann natürlich auch, wahrscheinlich, damit er sieht, wie gut er es (noch) hat und damit er ein bisschen Angst bekommt und den Frauen hier und da entgegenkommt, denn gegen das Modell Hyäne ist Gleichberechtigung ja geradezu gold!

Ganz ehrlich, das Modell Hyäne hat was, oder?
Aber en Detail gefällt es mir irgendwie nicht. Ich stell mir das gerade mal so vor…. Nä, nä, nä! Das isses auch nicht.

Ich mach Sonntag was anderes. Weiß bloß noch nicht, was…

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Wartezimmerblues

Gehen Ärzte eigentlich mal in ihre eigenen Wartezimmer?
Bestimmt nicht. Sonst würden sie wahrscheinlich schreiend rauslaufen.

Aber was sollen sie auch in ihrem Wartezimmer? Da sitzen doch nur Patienten!
Außerdem waren sie da doch vor zwanzig Jahren schon mal drin, damals, als sie alles für das Wartezimmer getan haben, was man als Arzt tun kann: Sie haben Möbel gekauft, ein paar Zeitschriften und auch eine kleine Auswahl Kinderspielzeug (oder den abgelegten Kram ihrer eigenen Kinder angeschleppt und der ist oft besser, als der neu gekaufte!)
Ja. Und vorher mussten sie auch noch das ganze medizinische Zeug, diese vielen Instrumente und Apparaturen anschaffen – klar. Das war natürlich unsagbar teuer und deshalb litt die Ästhetik des Wartezimmers ein bisschen. Egal, Hauptsache praktisch und langlebig, dachte der Arzt und das war ja auch völlig in Ordnung.
Aber ‚Eins zwei drei, im Sauseschritt
eilt eilt die Zeit – wir eilen mit’ und schwupps – schon sind die Jahre ins Land gegangen. Der Arzt ist inzwischen ergraut, er hat Berufserfahrung angehäuft, eine Familie gegründet und ein Haus gebaut.
Das Wartezimmer aber ist immer noch das alte.
Und so sieht es dann auch aus.
Gestern musste ich zu meiner Augenärztin. Ihre Praxis brummt, man muss wochenlang auf einen Termin warten und dann noch mal mindestens eine Stunde, bis man aufgerufen wird.
Viel Zeit, das Elend genau zu studieren.
Abgewetzte Dielen, an drei Wänden entlang festgeschraubte, unbequeme Stühle mit fleckigen braunen Polstern, in der Mitte ein unfassbar oller Tisch mit TOTAL zerlesenen uralten Zeitschriften, eine wackeliger Garderobenständer, der umzustürzen droht, zwei Grünpflanzen, die mit dem Tode ringen und in der Ecke der Höhepunkt: das Kinderparadies! Ein Minipodest, mit grünem abgenutztem, schmuddeligen Teppichboden und darauf eine Plastikbox mit uraltem Ich-kann-nicht-erkennen-was, auf der die Keime Tango tanzen.
Ach ja und vier Bilder an den Wänden. Fotos. Griechenland und Portugal, glaube ich. Ausgerechnet…

Voll einladend.

Das Wartezimmer meines Hausarztes ist fast noch schlimmer. Seine Stühle sind so durchgesessen, dass ich jedes Mal nach ein paar Minuten Rückenschmerzen bekomme. Immerhin wird bei ihm manchmal Tee aus einer Thermoskanne angeboten.

Natürlich gibt es auch freundliche Wartezimmer, in denen man sich gerne aufhält. Bei meiner Zahnärztin kann man sich auf ein Sofa schmeißen, Wasser trinken und ‚Schöner wohnen’ lesen. Mehr will man doch gar nicht! Und genügend Spielzeug gibt es auch. Das Mumpikind konnte ich neulich mühelos eine Stunde damit befrieden.
Also – geht doch!

Liebe Ärzte – falls hier überhaupt welche mitlesen.
Tut mir EINEN Gefallen. Geht heute nach der Arbeit mal für drei Minuten in euer eigenes Wartezimmer.
Stellt euch vor, ihr wärt krank. Nix Schlimmes, eine Erkältung oder so. Ihr seid also noch fast im Vollbesitz eurer geistigen Fähigkeiten und nicht fiebrig-komatös! Tut, als ob ihr einen Termin hättet und trotzdem eine Stunde warten müsstet!
Setzt euch hin. Und dann guckt euch mal mit Verstand um….

Wenn ihr Hilfe braucht: Ich komme gerne vorbei und mache Probesitzen!

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Dem Coiffeur ist nichts zu schwör

„Wie geht’s, Madame?“ Murat lächelt mich ein bisschen zerstreut an und schiebt mir galant den Stuhl unters Hinterteil.
„Was soll gemacht werden?“
„Schneiden, bitte!“
Murat legt die flache Hand auf meinen Kopf und wuschelt mit gespreizten Fingern durch meine Haare. Das machen die Friseure immer so. Ich weiß nicht, warum. Damit verschaffen sie sich irgend einen Aufschluss, vermute ich. Vielleicht über die Qualität der Haare oder der Kopfhaut. Oder es macht ihnen nur einfach Spaß- wie gesagt, keine Ahnung.
Dann seufzt er.
„Wie immer, Bob?“ fragt er.
„Ja, bitte, aber nicht zu kurz.“
„Da muss Form rein!“
„Äh, ja…“.
„Und Färben!“ sagt Murat.
Das habe ich befürchtet. Widerspruch ist zwecklos.
„Okay!“
Murat schlurft ein bisschen gebeugt von dannen. Es sieht immer so aus, als hätte er Hausschuhe an, dabei trägt er schicke Slipper. Aber er ist auch sehr groß und nicht mehr der Jüngste. Murat sieht überhaupt nicht aus wie ein Friseur , eher wie ein französischer Journalist. Einer aus dem Feuilleton. Er hat auch keine Friseurfrisur, sondern einen leicht schütteren, unregiert-lockigen Kopf. Dazu eine schwarze kleine Lesebrille, ein schwarzer Rollkragenpulli, eine legere, ebenfalls schwarze Hose – und fertig ist sein Intellektuellenlook. Er ist der Chef des Salons – ‘Coiffeur Murat’ steht draußen auf dem Ladenschild.
Da schlurft er auch schon wieder herbei mit der angerührten Farbe in der Hand.
„Selbst gefärbt, was?“ fragt er streng, scheitelt mein Haar und beugt sich hinunter, wahrscheinlich, um das Elend besser in Augenschein nehmen zu können.
„Hm,“ sage ich demütig. Ich war ja bestimmt ein halbes Jahr nicht mehr hier. Und Selbst-Färben ist absolut pfui! Jedenfalls findet Murat das.
„Das Haar ist überfärbt!“ stellt er traurig fest .
„Aber ich habe doch immer nur die Ansätze…,“ versuche ich mich zu verteidigen.
Murat schüttelt leicht den Kopf und schweigt.

Dann muss die Farbe einwirken und ich besehe mich derweil im Spiegel. Wie ich aussehe! Katastrophe! Aber ich bin nicht allein. Ich habe mal gelesen, dass sich Frauen beim Friseur während der gesamten Prozedur extrem hässlich finden. Es gab eine Studie dazu…
Die Frau neben mir sieht zum Glück auch nicht viel besser aus. Sie hat eine Million winzigster Lockenwickel auf dem Kopf. Bestimmt Dauerwelle. Voll Achtziger. Ich wusste gar nicht, dass es noch Menschen gibt, die so was haben wollen. Dummerweise sitzen wir in so einer Art Schaufenster und die Passanten wechseln, glaube ich, extra die Straßenseite, um einen Blick auf uns zu werfen Ich lege die Brille ab. Dann sieht man mich nicht so gut.
Murat bringt mir zum Trost Kaffee und einen ‚Spiegel’. „Das lesen Sie doch gerne, Madame“, sagt er und verbeugt sich leicht. Er muss ein irre gutes Gedächtnis haben, jedenfalls besser als meins, denn ich kann mich gar nicht dran erinnern, hier schon einmal den ‚Spiegel’ gelesen zu haben.

Später beim Schneiden sagt er bekümmert: „Die Spitzen sind sehr, sehr schlecht.“ Es hört sich so an, als spräche er über den Verfall von Sitte und Moral.
„Bestimmt, weil ich oft ins Schwimmbad gehe,“ beeile ich mich zu erklären.
Murat senkt den Blick und murmelt etwas. Ich bin erkältet, meine Ohren sind dicht und ich kann nicht verstehen, was er meint. Vielleicht besser so.

Dann ist es überstanden. Murat, der einzige Mensch auf Erden, der es schafft, meine Haare ganz glatt zu fönen, hat sich wieder mal selbst übertroffen. Der Bob sitzt, die traurigen Spitzen sind Vergangenheit und die Farbe meine Haare war nie so schön wie heute.

Murat ist plötzlich strahlender Laune, er wuschelt mir Abschied nehmend noch einmal die ganze Pracht durch, fegt noch einen Hauch Haarspray durch die Luft, der mich wie ein Schleier umweht, charmiert mich zur Kasse, hilft mir in den Mantel, reißt die Tür auf und verabschiedet mich mit den Worten: „Bis bald, Madame Krise!“

Au revoir, Murat. Wir sehen uns wieder. Aber so ganz bald bestimmt nicht…

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