Ich weiß nicht, was die mir beim Zahnarzt da gestern gegeben haben. Jedenfalls habe ich dieses Mittel abends nicht noch einmal eingeworfen.
Obwohl – das war gar nicht so schlecht, das Zeug…
Jetzt hab ich also wieder einen Zahn weniger!
Wir frühstücken gerade zusammen und ich mümmele linksseitig auf meinem Brot herum.
Nesrin kommentiert: „Was? Zahn gezogen? Sie sind doch noch nicht so alt!“ Ich beteuere sofort, dass ich ja auch noch ein paar hätte, aber sie guckt mich zweifend an.
„Mein Zahnarzt sagt außerdem, man solle nicht ‘Zahn ziehen’ sagen „, erzähle ich, “ der sagt immer ‘herausnehmen’, der findet wahrscheinlich, das hört sich harmloser an.“
„Egal!“ stellt Nesrin fest, „ich muss nächste Woche Zahnarzt. Missgeburt! Die schlimmste OP for ever!“
Sie beißt herzhaft in ihr Brötchen. „Das hatte noch keiner! VAllah! Da ist Ihr Zahn nix dagegen, Frl. Krise.“
Ach, diese jugendliche Empathie, wie ich sie liebe…
Aber nicht nur den Zahn, auch die Zeugnisse sind wir los.
Eine glanzlose Veranstaltung! Die Noten kennt jeder, die Prognosen für die Abschlüsse auch und so wird das wertvolle Dokument ohne große Emotion entgegengenommen.
Wenn sich einige nicht gewaltig auf den Hosenboden setzen, werden sie ohne Abschluss die Schule verlassen. Bei ihnen tummeln sich natürlich auch die meisten Fehlstunden und Verspätungen auf den Zeugnissen herum! Unfassbar.
„Das ist ja wohl Verarschung!“ schreit Aynur angesichts ihrer knapp 50 Verspätungen und zeigt uns den Vogel. Stimmt, sie hatte nämlich eigentlich locker das Doppelte! Bloß hört man irgendwann auf, mitzuzählen…
Natürlich bin ICH daran schuld und Karl und die anderen Kollegen. WIR schreiben da ja irgendwelche Fantasiezahlen hin, gerade so wie wir Lust haben!
Verspätungsmäßig clean sind nur Emre und Ömür. Null Verspätungen!
„Wie letztes Jahr,“ sagt Ömür und lächelt versonnen.
Rituell wird ein bisschen herumgemäkelt. Necla beschwert sich über die Sportnote, Musti behauptet, seine Mathekurs sei falsch, Jasmin findet, sie habe in Bio Besseres verdient und Hassan rechnet immer noch einmal seine Punkte nach.
Alles wie immer.
Endlich ist es vorbei. Nesrin und Ömür fallen mir um den Hals, Emre schüttelt uns die Hand, Gülten knufft mich in die Seite und Azzize wirft noch eine Kusshand in die Runde. Der Rest verschwindet mehr oder weniger grußlos… Ist ja auch nur für eine Woche, da muss man sich doch nicht verabschieden!
Karl und ich kehren die Klasse, stellen im Nebenraum die Stühle hoch, schließen die Fenster und plaudern noch einen Moment.
Knapp fünf Monate noch für unsere Lieben…dann …ja, was dann? Die Aktien stehen schlecht…
Sie sollen sich in den Ferien weiter bewerben und auch für die mündliche Prüfung arbeiten, haben wir ihnen dringend ans Herz gelegt.
„Und SIE?“ hat mich Necla angefratzt. „SIE machen gar nichts!“
Genau, Necla!
Ich mache gar nichts.
Jedenfalls heute und morgen.