Murat vs Udo

Mein Friseur Murat schüttelt den Kopf und wuschelt mir mit einer Hand durch die nassen Haare. “Haben Sie wieder selbst dran rum geschnitten, wa, Frl. Krise?” stellt er streng fest.
“Nein… ja….äh, nur ein bisschen”, stottere ich und fühle mich wie ein Kind, dass beim Naschen erwischt wurde. Dass der Mann das aber auch immer sofort merkt!
Zum Glück kommen genau in diesem Moment zwei junge Frauen in den Salon und
stürzen sich mit einem Wortschwall auf ihn. Mit einem türkischen Wortschwall! Ich verstehe leider so gut wie nichts, nur, dass es um eine Hochzeit geht. Alle drei reden gleichzeitig und in erheblicher Lautstärke. Ich fange schon an, mir Sorgen um meinen Coiffeur und meinen Bob zu machen, aber alles endet in Gelächter und freundlicher Verabschiedung.
“Die eine Frau hat bald Hochzeit!” sagt Murat und widmet sich wieder meinem Kopf. “An dem Tag haben wir dann sehr viel zu tun!”
Alle Frauen der Hochzeitsfamilie werden nämlich am großen Tag bei ihm schön gemacht – nein, er sagt “noch schöner” gemacht. Der arme Bräutigam… Das kostet nicht billig, aber Murat freut’s.
Er klappert blitzschnell mit der Schere auf meinem Schädel herum. Bei ihm sitzt jeder Handgriff, da gibt es kein Härchen, dass der scharfen Klinge entkommen kann.
“Neulich war das Fernsehen hier im Salon!” sagt Murat plötzlich und macht eine kleine Kunstpause.
“Das F e r n s e h e n ?” frage ich.
“Hm… Vox!”
“Vox?”
“Ja, gibt neue Sendung, heißt “Vier Hochzeiten und eine Traumreise”!
“Aber was wollten die hier?”
Murat lässt die Schere sinken und guckt bescheiden.
“Ich habe alle frisiert! Also, nicht alle, aber die Damen von der einen Hochzeitsgesellschaft! Das Fernsehteam war den ganzen Tag hier! War voll stressig!”
Er seufzt tief und holt den Föhn vom Nachbarplatz.
“Ist ja toll! Und wann wird das gesendet?” frage ich neugierig.
“Ach, irgendwann im Juni!” sagt er lässig und richtet das Gerät auf mich.
(Murat ist der einzige Mensch auf Erden, dem es gelingt meine Haare wirklich GLATT zu föhnen.)
“Ich werde mir das angucken! Auf jeden Fall!” verspreche ich.

Na, wenn das nichts ist! MEIN Frisur arbeitet im Fernsehen! Wouw!
Ein kleiner Glanz fällt auf mich… Ich komme mir selbst schon fast vor wie ein Promi.

Und du, Udo Walz – pack mal ein! Gegen Murat kommst du nicht an! Niemals!

Veröffentlicht unter Uncategorized | 9 Kommentare

Da isses!

Seit Tagen schon warten Frau Freitag und ich auf ein großes Ereignis. Wie Schwangere kurz vor der Entbindung schleichen wir herum, schrecken nachts hoch, telefonieren andauernd miteinander und belauern die Briefträger, die DHL Wagen – überhaupt jeden Menschen, der entfernt nach Briefzustellung aussieht.
Worauf wir warten?
Auf unser Baby, auf unser neues Buch!

Und heute war nun soweit.
Um 13.00 hatte ich einen Zahnarzttermin – der letzte einer langen Kette von Behandlungen.
Ich schob mein Fahrrad aus dem Hinterhof durch den Hausflur in Richtung Straße und öffnete noch schnell (bereits zum dritten Mal heute) den Briefkasten. Die Zeitung, ein bisschen Werbung, eine Rechnung… und ein großer brauner Umschlag.
Ich ahnte, was da drin ist!
Endlich!
Sollte ich den Umschlag jetzt hier im Flur aufreißen?
Nee, das ging gar nicht.
Her mit dem Handy und sofort Frau Freitag anrufen!
„Ich glaube, es ist da!“
„???“
„Das Buch!“
„WAS?! Du hast es? Bei mir ist noch nichts. SUPER! Wie sieht es aus?“
„Keine Ahnung!“
„Mach sofort den Umschlag auf!“
Das habe ich nicht getan. Ich konnte nicht.
Ich stopfte den Umschlag in meine Tasche und radelte los. Auf der ganzen Fahrt hatte ich ein saudummes Grinsen im Gesicht. Fast schon peinlich…
Erst beim Zahnarzt öffnete ich den Umschlag. Ganz vorsichtig, wer weiß – nachher ist doch was anderes drin… Geburtshelfer waren meine nette Zahnärztin und ihre genauso nette Helferin.
Und es war das Buch!
Tatatata!
Ein sehr schönes Gefühl!
Da legt man sich doch direkt gerne kopfunter in den Behandlungsstuhl und lässt sich an den Zähnen herumschrauben.

Und damit ihr auch schon ein bisschen was davon habt (es erscheint ja erst an 24. Mai) hier der kleine Trailer zu unserem Baby.
Um es gleich klarzustellen: Wir sehen ganz genauso aus, wie in dem Clip – vallah, ich schwöre!
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=3zvX8zgYx-A”>

Veröffentlicht unter Uncategorized | 32 Kommentare

Da staunt der Laie und die Fachfrau wundert sich…

„Bitte schön, Frl. Krise, Ihren Kaffee!“ Hanna lächelt mich freundlich an. Sie hat sich sehr verändert. Aus Blond wurde hellbraun, die orangefarbene Schicht auf ihrem Gesicht ist einer natürlichen Blässe gewichen und ihre Sprache erst! Kaum wiederzuerkennen: Ich bin schon seit fast zehn Minuten in diesem Restaurant und habe noch kein einziges „vallah“ „aboooo“ oder „Hurensohn“ aus ihrem Munde gehört.
Nein, ganz im Gegenteil, sie hat mich erstaunt, aber ausnehmend freundlich und höflich begrüßt, als ich reinkam. Jetzt schwirrt sie gleich wieder ab, der Laden ist nämlich proppenvoll.

„Meine Ausbilderin hat mir erlaubt, dass wir uns kurz unterhalten,“ sagt sie, als ich bezahlen will. “Kommen Sie, wir rauchen eine vor der Tür!”
Hallo? Kann das sein? Hanna fragt irgendjemanden, ob sie irgendetwas machen DARF?
„Da staunen Sie, wa, dass ich Ausbildungsstelle gefunden habe! Aber die Leute von den Träger, bei den ich ein halbes Jahr war, haben mir geholfen.“ Sie zeigt stolz auf ihr Namensschild, das an der langen blauen Schürze befestigt ist. „Hanna, 1. Ausbildungsjahr“ steht da.
Ihr gefällt die Arbeit. Es ist anstrengend und pünktlich muss sie auch noch sein. Aber alles scheint zu klappen.
Wir unterhalten uns ein bisschen über die guten alten Zeiten.
„Unsere Klasse war Legende, wa, Frl. Krise?“ sagt Hanna stolz. „War schlimmste Klasse ever!“
Na ja, denke ich…’Legende’! Was die sich zusammenspinnen! ‘Schlimmste Klasse ever’ stimmt schon eher. Menschlich kamen wir uns ja gegen Ende sehr nahe, aber die Abschlüsse, die Abschlüsse! Oder vielmehr die die nicht gemachten Abschlüsse! Mehrere Schüler ohne Hauptschulabschluss, nur einer mit Realschulabschluss… und was die mit ihrer Verhaltens’originalität’ meinen Nerven angetan haben! Ein zartbesaiteres Wesen als ich hätte sich damals glatt hinter den Bus geworfen.
(Wer diesen Blog vom Anfang bis zum August 2012 gelesen hat, weiß wovon ich spreche!)
Ich bezahle und verabschiede mich. „So, Hanna, mach’s gut. Bis demnächst mal!“ Ich bin schon fast um die Ecke, da fällt Hanna noch etwas ein.
Sie rennt hinter mir her.
„Ach, Frl. Krise! Sie haben auch ein Buch über uns geschrieben, stimmt’s?“
Ich zucke zusammen. SHIT!
„Wie kommst du darauf?“ frage ich vorsichtig.
„Turgut und Erkan haben so eine Lehrerin von der Schule im Park getroffen, die hat das erzählt! ‘Ghetto-Oma’ heißt das Buch!“ Hanna kichert. „So hat Nesrin Sie doch immer genannt.“

Frau Lehmann!
Die hatte mir vor ein paar Wochen erzählt, dass sie sich am Wochenende sehr nett mit ehemaligen Schüler unterhalten hätte. Sie kannte sie zwar nicht beim Namen, aber nach der Beschreibung konnte es sich nur um die zwei Oberchaoten aus meiner Klasse handeln.
„Ich hab ihnen erzählt, dass du ein Buch über sie geschrieben hast!“ sagte die liebe Kollegin freudestrahlend und ich erstarrte. Das durfte ja wohl nicht wahr sein!
Nervös las ich in den nächsten Tagen jeden Post meiner alten Schüler bei Facebook.
Aber nichts geschah. Nur einmal schrieb Mustafa mir eine Nachricht: „Ich habe gehöhrt, sie haben Buch über unsere Klasse geschriben.“
Nach einer Schrecksekunde entschloss ich mich zum Angriff: „Ja, klar, was sonst?!“ antwortete ich auf der Stelle. „interesante sache,“ kam zurück.
Sonst passierte nichts. Gar nichts.
Ich fühlte mich sicher.

Und nun das.
Hanna weiß Bescheid.
Alle aus der Klasse wissen Bescheid – sagt Hanna.
„Hat denn einer das Buch gelesen?“ frage ich etwas verlegen. Leugnen ist ja nun überflüssig.
„Nein!“ Hanna schüttelt den Kopf. „Aber können Sie mir Buch nicht einmal mitbringen und leihen? Bitte, bitte, Frl. Krise“
„Nö,“ sage ich.
Soll sie doch in eine Buchhandlung gehen, wenn sie es wirklich LESEN will. Rauchen tut sie ja, wie viele andere, schließlich auch – das Buch kostet gerade mal so viel wie zwei Päckchen Kippen. Und in der Bücherei bekommt sie es ganz umsonst.

Ich bin ein bisschen erschüttert. Nicht, weil ich möchte, dass sie mein Buch lesen! Nein! Ganz und gar nicht!
Aber dass nicht einmal die Tatsache, dass es ein Buch über SIE gibt, sie neugierig aufs Lesen macht, das wundert mich.

Frau Herz grinst, als ich ihr von Hanna erzähle:
“Ist doch klar!”, sagt sie. “Und das weißt du doch auch, Frl. Krise! Lesen ist eben einfach schwul!”

Veröffentlicht unter Achtung Fallgrube! | 47 Kommentare

Sonderangebot?

Ikea ist am Dienstag Nachmittag angenehm leer. Früher bin ich da immer samstags hin marschiert…. schrecklich! Ich komme also zügig voran, nur in der Kinderabteilung werde ich von einer jungen Familie mit zwei Kindern ausgebremst.
Das ältere Kind, ein etwa dreijähriger Junge, wälzt sich am Boden. Die Vater trägt ein Baby auf dem Arm. Das brüllt sich gerade ein…
„Steh sofort auf, Oskar!“ sagt die Mutter ungeduldig und versucht den Jungen am Arm hochzuziehen. Aber der Kleine rollt sich auf den Bauch und macht sich schwer.
„Psch, pscht!“ Der Vater versucht inzwischen das Baby durch wildes Herumschuckeln zu beruhigen. Er nimmt eine hässliche Handpuppe – eine Eule oder so etwas – und fuchtelt damit vor dem Gesichtchen des kleinen Kindes herum. Ganz großes Gebrüll!
„Lass doch den Quatsch!“ Die Mutter gibt ihre Bemühungen mit Oskar auf und versucht dem Vater das Baby zu entreißen. Doch der spielt nicht mit, wendet sich ab und schnauzt: „Die bleibt jetzt bei mir!“ Dann stößt er seinen Sohn mit dem Fuß an.
„Und dich bringen wir das nächste Mal ins Kinderparadies!“
„Da bring ich DICH das nächste Mal hin!“ faucht die Mama.
Ich flüchte. Ikea – Wohnst du schon oder erziehst du noch?

Später treffe ich die jungen Eltern an der Kasse wieder – diesmal ohne Kinder. Oskar ist bestimmt im Kinderparadies entsorgt worden… Aber wo ist das kleine Kind?

Hat eine/r von euch gestern bei Ikea ein Baby gekauft?

Veröffentlicht unter Uncategorized | 30 Kommentare

So was…!

Ich mache mir Sorgen. ich habe ja jetzt dazu Zeit.
Früher kam ich gar nicht dazu, da musste ich an Tausende übertrieben wichtige Sachen denken, um meinen Arbeitstag zu überleben. Das fällt nun alles weg… Diese Lücke kann ich nun bequem mit Sorgenmachen ausfüllen. Zum Bleistift um Frau Freitag.
Die wird immer wunderlicher. Ehrlich! Gestern hat mir erzählt, dass sie glaube, sie wäre zur Zeit immer so müde, weil all ihre Energie in den Frühling umgeleitet würde. Also, falls ihr das jetzt nicht verstanden habt: Sie sagt, ihre umgeleiteten Körperkräfte hätten erst bewirkt, dass nun alles blüht! Okay. eine interessante Theorie, aber ein bisschen crazy, oder?
Dann ruft sie mich heute Morgen um neun an. Aber nicht etwa von ihrem Arbeitsplatz aus – nee, das kann sie mir nicht erzählen! Im Hintergrund waren deutlich Straßengeräusche zu hören. Ich vermute, sie saß in einem Straßencafe und rauchte. Hat sich wahrscheinlich krank gemeldet oder schwänzte. Sie wollte wissen, ob ich arbeite und war sehr zufrieden, als sie erfuhr, dass ich schon brav an meinem externen Schreibtisch saß und mir den Kopf zerrüttete, wie die Protagonisten unseres nächsten Werks agieren könnten. Dabei bin doch ICH pensioniert und nicht sie. Bedenklich, bedenklich.
Ihren Blog vernachlässigt sie auch sträflich. Die Ärmste. Ich glaube, es geht ihr nicht gut… Heute hat sie endlich mal wieder geschrieben, aber was! Lest es bloß nicht. Es ist wirres Zeug…

Übrigens hatte ich heute ein merkwürdiges Erlebnis bei Ikea. Ich bloß zu müde, es jetzt auch noch zu aufzuschreiben. Frau Freitag geht mal einfach vor.
Dann bis morgen…

Veröffentlicht unter Uncategorized | 7 Kommentare

Sorry

Der Blog!
Der liegt mir momentan etwas im Magen. Ich komme einfach nicht zum Schreiben. Frau Freitag ist zwar auch nicht viel besser, aber die ist ja auch nicht im „Pensionat“, wie sie meinen neuen Modus gerne nennt.
Fakt ist, das Pensionat ist geil, aber zeitraubend.

Früher war das so:
Aufstehen, Schule, Blog, Unterricht vor/nachbereiten, Lesen/Fernsehen/Telefonieren (am besten gleichzeitig) Schlafen.
Jetzt ist die Sache schon schwieriger. Kein Stundenplan, keine festen Zeiten, dafür jede Menge Arbeit mit der Fertigstellung unseres neuen Machwerkes – diesem „Der Altmann ist tot“. Aber heute ist Schluss damit. Wahrscheinlich rattern jetzt gerade die Druckmaschinen, falls sie heutzutage noch rattern.
Und in vier Wochen haben wir dann endlich Buchpremiere…

Mit dem SCHREIBEN eines Buchs ist es nicht getan – ha, weit gefehlt! Es gab in den letzten vier Wochen richtig viel zu tun:
Nach Abgabe des Manuskripts geht nämlich die Arbeit erst richtig los.
Deshalb stehe ich auch jetzt ziemlich früh auf, viel früher als geplant, nämlich schon zwischen sieben und acht, fahre gegen neun – falls keine anderen Termine vorliegen – zu meinem externen Schreibtisch im Co-working-space und spiele “Sekretariat”. Meine Chefs sind Frl. Krise, Frau Freitag und der Verlag.
Die tun zwar alle sehr nett und locker, aber eigentlich sind die total pingelig und regen sich gleich mörderisch auf, wenn ich etwas falsch mache oder vergesse. Ganz ehrlich – mein alter Chef Herr Fischer war da wesentlich großzügiger.

Die erste Tat des Arbeitstages: Mac hochfahren – ohne Mac ist man in so einem hippen “Co-working space” ein Nichts. Mit den Emails fange ich am liebsten an, obwohl ich weiß, dass EINE beantwortete Email gerne einen Rattenschwanz von weiteren Emails nach sich zieht. Dann ein paar Telefonate – ohne Smartphone ist man ist man in so einem hippen co-working space ein Loser – deshalb benutze ich mein armes kleines Nokia Händy mit einer gewissen Arroganz.

Die Lektorin hält einen wochenlang in Schach, dann das mehrfache Korrekturlesen – und das ist erst die Spitze des Eisberges. Alle Entscheidungen, die das Buch betreffen, müssen mit den Autoren abgesprochen werden und das ist ja auch gut so. Aber es frisst Zeit.
Und schon kommt die Druckfahne oder eine leicht gekürzte Fassung vom Hörbuch und die schreien : Lies mich, aber bitte GANZ GRÜNDLICH und am liebsten bis übermorgen! Also wird alles noch mal korrigiert und inzwischen hängt einem der eigene Text schon kilometerlang zum Halse raus und man fragt sich, was man da eigentlich für eine Schwachsinn verzapft hat und wer zum Teufel das lesen soll.
Die Vorschläge für Lesungstermine trudeln ein, Sprecherinnen für das Hörbuch werden gesucht und nicht gleich gefunden, das Cover verändert sich zum hundertsten Mal, Werbemaßnahmen müssen abgestimmt werden, Interviews gegeben und und und. Es nimmt einfach kein Ende.
Ich bin zwar die Chefsekretärin, aber Frau Freitag muss auch ran. (Von wegen Winterschlaf!) Und wir müssen uns andauernd absprechen. Andauernd. Bevorzugt telefonisch.
„Bei dir ist immer besetzt!“ murrt mein Männe und geht dankenswerterweise auch noch dazu über, mich zu bemehlen.

Langsam hat es sich rumgesprochen, dass ich nun IMMER Zeit habe. „Du bist doch jetzt pensioniert!“ sagen Freunde und Verwandte und beglücken mich mit Aufträgen. Tochter Nummer zwei zum Beispiel ist zwar noch in Elternzeit, fummelt sich aber schon ein bisschen wieder in die Berufstätigkeit ein. Sie muss schreiben. Einen Vortrag entwerfen, eine Veröffentlichung abschließen. „Mama kannst du mal….?“
Mama kann – sie verwandelt sich in eine Oma und schiebt den Kinderwagen am Kanal entlang.
Die Insassin des Gefährts ist 10 Monate alt und sehr gesprächig. „Dada tatata lödellödel“, sagt sie und zeigt mit ihrem kleinen Zeigefingerchen auf einen Baum. „Das ist ein Baum,“ übersetzt die brave Oma und befiehlt: „Psssst jetzt, du sollst schlafen!“ „Mememe nenene,“ sagt das Kind und reibt sich die Augen. Es ist totmüde. Aber Schlafen? Voll langweilig. Lieber den Schnuller aus dem Wagen schmeißen und ein bisschen brüllen. Die Oma hievt es schnell aus dem Wagen und setzt sich auf eine Bank. „Lödellödel,“ sagt das Kind und lacht erfreut. Der Nachmittag geht ins Land…
Frau Freitag ruft auf dem Händy an. Sie hat Pause. „Gibt es was Neues im Sekretariat? Und hast du schon was geschrieben?“ fragt sie streng (wir haben letzte Woche schon wieder mit einem neuen Projekt angefangen), doch ehe ich antworten kann, sagt das kleine Kind: „Nenenene“, und Freitag seufzt.

So, aber jetzt werde ich schreiben. Jetzt sofort. Drei Stunden Zeit habe ich. Dann warten wieder familiäre Tätigkeiten auf mich. Ich hoffe, Frau Freitag ist zufrieden. Die Emails habe ich auch schon erledigt.
Das Pensionat … ich sag’s euch! Man kommt zu nix!

Veröffentlicht unter Achtung Fallgrube! | 27 Kommentare

Früüüüühling….

Dieses Jahr ist der Frühling ein Spätling.
Aber seit gestern scheint er sich ja auch hier langsam anzuschleichen…

„Es schneit schon wieder – herrlich! Es könnte das ganze Jahr Winter sein!“ freute sich Frau Freitag noch zu Ostern. Jetzt muss sie sich wohl mit verhaltener Wärme anfreunden.
„Das Wetter ist mir schnurz – Hauptsache, Ferien!“ behauptete Frau Herz am gleichen Tag. Heute fängt allerdings die Schule wieder an und der Spaß ist vorbei. Dafür scheint aber die Sonne.

Das bisschen Licht zeigt bei der hauptstädtischen Bevölkerung sofortige Auswirkungen. Die Radfahrer strampeln wilder durch die Autoschlangen, die Fußgänger stürzen sich selbstmörderischer über die Straße und die Autofahrer verhalten sich unkooperativer als sonst – falls das überhaupt noch möglich ist.

In der U- Bahn hingegen geht es trübe zu und ich kann auf den ersten Blick nichts, aber auch gar nichts vom Frühlingserwachen bemerken. Die Leute starrten wie immer mit leeren Gesichtern vor sich hin.

Dann steigen zwei Mädchen ein. Sie setzen sich neben mich. Sie sind vielleicht elf, zwölf Jahre alt und reden ohne Punkt und Komma. Es geht um Schmerzen. Ja, wirklich.
Die eine, sie heißt Tina, erzählt in voller Lautstärke von den verhängnisvollen Auswirkungen einer Zahnoperation in den Ferien.
„Pscht! Hör auf! Sei ruhig!“ möchte ich am liebsten rufen. „Ich will das nicht hören!“ Zahnarzt! Alles, aber bitte nicht das!
Zum Aufstehen und Umsetzen bin natürlich zu faul und zu neugierig. Also zuhören…

„ ‘…ist eigentlich gut geworden, alles’, sagt der Zahnarzt,“ berichtet Tina. „Aber es war doch erst so kalt, wa? Das Wetter, mein ich und dann so bisschen warm und dann wieder kalt. Und bei Schnee und so tat mir immer alles voll weh bei den Kiefern. Zog sich alles so zusammen, irgendwie!“
Ihre Freundin nickt: „Kenn ich. Wenn es so kalt is, und man atmet, dann tut der Gaumen voll weh. Bei mir….“
Tina macht eine wegwerfende Handbewegung. „Gaumen ist nix gegen Kiefernschmerzen. Voll schlimm, sag ich dir. Ich hab voll viele Tabletten genommen, hat aber nich genutzt bei dieses krasse Wetter. Das war wegen der Schwellung, hat mein Zahnarzt gesagt.“
Beide kichern. Das Wort Schwellung… das erinnert doch gleich an… Wie in der Schule!

Die namenlose Freundin fasst sich wieder und sagt tröstend: „Aber Wetter wird doch jetzt voll schön. Frühling! Dann kriegen deine Kiefern bestimmt auch ihren Frieden.“

Ja! So sei es!
Frühling!
Friede den Kindern und Kiefern!

Veröffentlicht unter wie süß... | 23 Kommentare