Hauptsache, die Frisur sitzt!

„Frl. Krise, Hasret ist noch Klo!“, erklärt mir Merve zu Beginn der Theaterprobe, „kann ich sie holen?“
„Nein! Du bleibst hier! Wo sind denn die anderen?“ Es ist immer dasselbe, bis man die Truppe zusammenhat, vergehen mindestens zehn Minuten.
„Burak ist Mensa. Der hatte voll Durst. Und Gisun muss noch was klären mit ihre Cousine,“ berichtet Tim.
Die anderen toben inzwischen durch die Aula – total aufgedreht. Kein Wunder, sie kommen gerade aus der Turnhalle von einem Sportwettkampf des siebten Jahrgangs. Es ist wie immer: Kaum passiert im Tagesablauf etwas Ungewohntes, bricht auch schon der ganze Laden zusammen.

Immerhin kleckern die Vermissten relativ zügig ein. Nur Hasret kommt und kommt nicht…
„Wo bleibt die denn?“ frage ich ungeduldig, während wir im Kreis sitzen, „so lange kann doch kein Mensch auf dem Klo hocken!“
„Ich lauf schnell hin!“ Merve ist schon aufgesprungen.
„Auf keinen Fall! Setz dich, bitte!“
„Aber… aber… Frl. Krise, ich MUSS zu sie! Sie hat doch nichts zum Anziehen! ICH hab doch ihre Anziehsachen!“
„Wie jetzt? Das verstehe ich nicht, Merve! DU hast ihre Sachen? Wieso das denn?“
„Ja, also, äh…das war, also…wir hatten doch Wettkampf und Hasret wollte nicht mitmachen. Sie hat heute ihre…äh…na ja, sie wissen schon, gekriegt!“
Natürlich! Und wahrscheinlich schon zum dritten Mal in diesem Monat!
„Ja, und?“
„Aber ICH wollte mitmachen bei diesen Wettkampf! Bloß – ich hatte meine Sportsachen vergessen. Da hat Hasret mir ihr Kapuzenshirt gegeben! Das hier!“ Merve zuppelt an ihrem grünen, schlabberigen Oberteil. „Und jetzt kann sie nicht kommen. Weil, sie hat nur ein Spagettiträger an!“
„Sie hat nur EIN Spagettiträger an?“ wiederhole ich dümmlich.
„Ja, und deshalb kann sie nicht kommen. Ist ja alles offen. Mit ein Spagettiträger kann sie nicht durch die Schule. Und ich hatte Angst, ich komme zu spät hier in Unterricht und bin nicht mehr zu sie auf Klo gegangen nach dem Sport und jetzt wartet sie da auf mich.“
„Ihr seid ja…!“ Ich schüttele den Kopf. „Saß die Hasret etwa die ganzen zwei Stunden auf dem Klo, während ihr Sport hattet? Und jetzt wartet die da immer noch auf dich? Das gibt’s doch nicht!“
„Ja, sie KANN ja nich kommen! Mit ein Spagettiträger!“
Irgendwie beginnt mir das einzuleuchten …wenn ich außer einem dünnen Spagettiträger nichts anhätte, würde ich wohl auch nicht… Ich muss grinsen.
„Hängt da nicht vielleicht noch ein Top an dem Träger?“ erkundige ich mich.
Merve sieht mich flehend an. „Was Top?!“ sagt sie. „Frl. Krise Ich MUSS jetzt zu sie gehen! Darf ich?“
„Ja, dann lauf in Gottes Namen! Aber beeil dich!“
Merve ruft: „Besteeeeee!“, und weg ist sie.

Ich lege Musik auf, wir machen ein paar Entspannungsübungen, besprechen die Szenenfolge unseres kleinen Stücks, beginnen zu proben und vergessen darüber alles andere.

Da öffnet sich langsam die Tür der Aula. Die Damen Hasret und Merve schieben sich kichernd in den Raum. Hasret trägt ihr grüne Shirt und Merve hat ein hautenges Ringelteil an. Das war der pummeligen Hasret natürlich viel zu eng. Ich blicke auf die Uhr.
„Das glaube ich jetzt nicht! Diese lächerliche Umziehaktion hat ja über eine halbe Stunde gedauert! Spinnt ihr?“ Ich bin empört.
„Was wollen Sie, Frl. Krise! Ging nicht schneller!“ Hasret fährt sich unauffällig mit einem Labello über die Lippen. „Wir mussten uns doch voll umziehen! Und ich musste mir noch Kopftuch neu machen und Merve musste sich Haare kämmen!“

„Fischgrätenzopf!“ sagt Merve und strahlt mich an. „Hier, guck! Vallah, war voll schwer, Frl. Krise! Musste ich dreimal aufmachen machen, bis es richtig war! Ist aber voll schön, wa? Passt voll gut zu unser Theaterstück, oder?““

Ach, ja ja… Wenn ich bedenke, dass Merve in der Rolle eines Straßenfegers auftritt, muss ich sagen, dass sich die Mühe mit den Haaren wirklich gelohnt hat…! Und es ist doch auch schön, wenn die Kinder so mitdenken!

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17 Antworten zu Hauptsache, die Frisur sitzt!

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    Waaaa diese Grammatik! >_<
    Passiert es Ihnen (noch? Haben sie es je getan?) wie eine Schallplatte "zu", "nach", "an", "bei", sowie die armen sträflich verschluckten Artikel einzubringen und die Sätze in den Genitiv zu transferieren?

  2. renosch schreibt:

    off topic: Was ist eigentlich mit Frau Freitag los? Von der liest man ja schon länger nichts mehr / nur noch selten.

    • krizzydings schreibt:

      komisch…eigentlich hatte ich was geschrieben (kann es sein,dass wordpress mich als spammer deklariert hat und die kommentare verschwinden lässt?)
      naja ich finds auch schade ,dass sich frau freitag so rar macht…
      aber ich glaube die hat ziemlich viel um die ohren…

  3. nadineswelt schreibt:

    Wenn dem Straßenfeger die Haare im Gesicht hängen, sieht er nicht mehr, wo er noch fegen muss! Is doch voll logisch!!!

  4. Susanne schreibt:

    🙂
    Ach man muss sie einfach liebhaben die Hasrets und Merves und wie sie alle heißen….
    Danke Frl. Krise für diesen unterhaltsamen Start in den Tag!
    🙂

  5. lichterspiele schreibt:

    Eine Lehrerin von uns hat vertrödelte Zeit einfach bei Endstunden hinten drangehängt, das hat recht schnell geholfen. Wäre vielleicht auch mal ein Versuch.

    • frlkrise schreibt:

      Das hört s. alles so einfach an! Es handelt s. hier um einen Kurs, also geht es um Schüler aus vier Klassen, die all unterschiedl. Schulschluss haben. Bei längerem Dabehalten muss ich die Eltern informieren. Bei 26 Stunden Unterricht mit -sagen wir mal- jeweils einem bis fünf Zuspätkommern kann ich mich dann gleich hintern Bus werfen!

      • Chris schreibt:

        hihihi, hintern Bus … musste lachen bei der Vorstellung, wie sich ein Möchtegern-Selbstmörder hintern Bus wirft und dann völlig erstaunt feststellt, dass der Bus losgefahren ist und er noch lebt …
        Aber so wie ich frlkrise mittlerweile kenne, war das natürlich Absicht!

      • Olaf aus HH schreibt:

        Der Ansatz ist schon recht tricky – aber achten Sie darauf, daß der Bus dann nicht vielleicht rückwärts fährt. Das wäre sehr bitter.
        Viele brauchen Sie noch so lange. Weil es herrlich ist, von Ihnen zu lesen.

      • lichterspiele schreibt:

        Hach ja, die gute alte Zeit, bei uns haben sowas die Eltern noch zustimmend abgenickt, bzw. wir hätten daheim nochmal einen Anschiss kassiert 😉

  6. Irene schreibt:

    Strassenfeger? Momo!

  7. immerschönlangsam schreibt:

    Ist das köstlich! Das heitert nach einem anstrengenden Scultag richtig auf, und stellt die eigenen Problemchen völlig in den Schatten… :-))

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