Feuchtgebiet – Zwischen Anhalter Bahnhof und Friedrichsstraße

Kann es sein, dass das Jahr schon zu Ende ist? Es war so eins der mittleren Sorte – mit Höhen und Tiefen und ziemlich wenig Blog… Ich streue Asche auf mein Haupt und gelobe Besserung, obwohl Stories mit Kindern jetzt im Pensionat (wie Frau Freitag meinen Zustand nennt) ja mehr oder weniger ausfallen.
Aber nein, stimmt nicht, Kinder gibt es überall. Und man muss nicht mal besonders auf sie achten, sie machen sich schon bemerkbar, die kleinen Racker.

Letzte Woche, halb zwölf. Ich sitze in der ziemlich leeren S-Bahn, muss eine längere Strecke fahren, lese, gucke ab und zu eine Runde ins winterliche Berlin und finde alles äußerst friedlich und gemütlich.
Am Anhalter Bahnhof entert plötzlich und unerwartet eine Horde Schüler den Wagen. Sechste Klasse, denke ich und ziehe Beine, Arme, Tasche, Buch und Kopf ein, denn einige Mädchen klemmen sich überfallartig neben mich. Sie sind aber altersgemäß süß, sie flüstern, kichern und schubsen sich. Bestimmt waren sie im Gruselkabinett und ich erinnere sie an die ERSCHRECKER, die dort den Besuchern auflauern…
So, weiter lesen. Aussichtslos. Machen die einen Krach! Früher hätte ich die Lautstärke wahrscheinlich nicht mal registriert … und so geht es wohl auch der Lehrerin der Klasse, die sich mit drei Jungen neben uns platziert hat. Die redet fast am lautesten von allen. Die Jungen lärmen auch herum, boxen und treten sich ein bisschen. Die Lehrerin übersieht das großzügig und ich kann sie verstehen. Nur kein Stress in der Bahn.
Die Jungen versuchen sich jetzt gegenseitig von der Bank zu drängeln und prompt verteilt einer von ihnen seine Limo großzügig über alle Beteiligten. Die Lehrerin hat nichts davon abbekommen und freut sich. Es beginnt ein großes Gewische und Geputze und vor allem Herumgezanke:
„Du Spast, was soll die Scheiße?“
„Selbst schuld, wenn du mich getretet hast!“
„Alta, meine Jacke ist ganz nass da. Bezahlst du Reinigung!“
„Was Reinigung!? Mir doch egal, deine Jacke!“
Die trockene Lehrerin schaltet sich ein: „Thomas, pscht! Setz dich sofort hin! Dustin – und du stell dich nicht so an. Deine Jacke ist doch gar nicht groß nass, höchstens etwas feucht!“
Die drei Jungs hören sofort auf, sich zu streiten, gucken sich kurz mit aufgerissenen Augen an und brechen dann in unterdrücktes Gelächter aus.
„Kennt ihr etwa nicht den Unterschied zwischen ’nass‘ und ‚feucht‘?“ forscht die Lehrerin unerbittlich weiter.
Die Jungen fallen übereinander her, lachen hemmungslos und ringen nach Luft.
„Ihr kennt wohl den Begriff ‚feucht’ gar nicht…?“ die Lehrerin schüttelt bedenklich den Kopf und sieht mich hilfesuchend an. DEN Eindruck habe ich nun nicht gerade, ich verkneife mir mühsam das Lachen.
„Feucht heißt nur leicht nass…“, doziert die Lehrerin und die Jungen hängen voll in den Seilen. Meine Mädchen haben es endlich auch gehört und quieken in den höchsten Tönen. Echt megapeinlich, diese Frau! Was die für Ausdrücke benutzt! Feucht! Voll porno! Und das mitten in der S-Bahn! Biolehrerin ist die garantiert nicht, denke ich. Bestimmt gibt sie Latein und Physik oder so…
Zum Glück steigt gerade ein großer schlanker Mann mit langem wehenden Haar zu. Er trägt einen schmalen beigen Mantel und eine Hose mit Schlag. Alles aus glänzendem Brokat oder wie der Stoff heißt und über und über mit üppigen bunten Blumenranken und Kronen bestickt.
Ein Märchenprinz.
Mitten in der S-Bahn.
So was sieht man auch in Berlin nicht alle Tage. Die Kinder fetzt es nun endgültig – die Jungen schreien vor Vergnügen und strampeln mit den Beinen, die Mädchen prusten laut in ihre Schals.
„Friedrichsstraße!“ ruft die Lehrerin genervt und winkt in alle Richtungen. Sie wirkt angeschlagen. „Friedrichsstraße. Wir müssen raus! Los!“

Eins der Mädchen winkt mir verstohlen von draußen zu. Sie grinst, denn der Prinz sitzt jetzt neben mir. Ich lächle zurück.
Prinz ist auch besser als Porno, in echt.

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11 Antworten zu Feuchtgebiet – Zwischen Anhalter Bahnhof und Friedrichsstraße

  1. anneinsideoffice schreibt:

    Wer war da peinlicher? Die Lehrerin, die Schüler oder der Prinz?
    Eigentlich keiner, jeder halt in seiner Lebens – Rolle!
    Köstlich beobachtet und beschrieben!

  2. Susanne schreibt:

    Eine Weihnachtsgeschichte, wie sie die Großstadt schreibt, wie schön.

  3. zweitesselbst schreibt:

    Pfiat eich und alles Gute für 2015 ^^

  4. Tanja Werdenberg schreibt:

    Und ich habe schon gedacht, da kommt nichts mehr! Naja, war ja selber als Bloggerin nicht allzu kreativ und fleißig. Aber das nenne ich eine wirklich schöne Überraschung zum Ende dieses ****-Jahres 2014!
    Danke! Und bitte weitermachen!

  5. martinacarmenluise schreibt:

    Schön, Sie noch in diesem Jahr zu lesen! Gute Gelegenheit, noch rasch ein frohes neues Jahr zu wünschen. Rutschen Sie gut rüber!

  6. Mumbai schreibt:

    Frl. Krise habe ihre stories echt vermisst. Bitte nicht aufhoeren zu posten in 2015 und alles Gute dafuer und fuer Sie im Neuen Jahr.

  7. oxypelagius schreibt:

    Ach schön.. ja ich werde auch wieder schreiben..

  8. michaela schreibt:

    Ich war auch mal in diesem Alter… in dem man quasi über ALLES lachen kann. Und es auch tut.
    Kann man sich heute kaum noch vorstellen. Und Kinder, insbesondere in größeren Gruppen, finde ich tendenziell mega nervig… Wird man unweigerlich zum Spießer?

  9. Dunja schreibt:

    Frl.Krise schreibt wieder im Blog! Da freu ich mich und alle, die mir zuhören „müssen“, wenn ich kichernd vorlese. „es guets Neus“ aus meinem hocherfreuten Schweizerhaushalt!

  10. fraufreitag schreibt:

    ich frage mich, welche schule eine schülergruppe in der woche vor sylvester auf einen wandertag schickt. da waren doch schon längst ferien…

  11. oachkatz schreibt:

    Freu mich, wieder frl. krise zu lesen zu bekommen.

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