Das schönste Geschenk…

Heiligabend, gegen 16.00 Uhr.
Ich verstaue alle Geschenke in zwei großen blauen Ikeatüten und verlasse die Wohnung um zu Tochter zwei zu fahren. Dort soll sich die ganze Familie treffen, also auch Männe, der mal wieder mit dem Auto auf den letzten Drücker quer durch Deutschland fährt.
Während ich die Tür abschließe, bimmelt in der Wohnung das Telefon. Eigentlich will ich nicht mehr drangehen, stürze dann aber doch noch einmal rein.
Männe ist in der Leitung.
„Schlechte Nachrichten. Ich hatte einen Unfall!“ sagt er mit Bürostimme.
„Was?!“
„Ja, ich sitze noch im Auto.“
„Männe! Ist dir was passiert?“
„Mir tut die Schulter weh. Sonst nichts. Ich habe mich überschlagen.“
„Um Gottes Willen! Wo bist du?“
„Keine Ahnung. Ungefähr 350 Kilometer vor Berlin. In einem Gebüsch.
Die Feuerwehr kommt gleich. Es sind auch Leute hier! Komischerweise kann ich den Motor nicht abstellen.“
„Bist du immer noch im Auto drin? Dann steig mal schnell aus!“
„Geht nicht!“
„Männe!“
„Ich sag dir Bescheid, wenn sich was Neues ergibt!“

Aufgelegt.

Nein, das kann nicht sein. Ich weigere mich zu glauben, was ich da gerade gehört habe. Meine Knie verwandeln sich in Puddingmasse, sie sind auf einmal ganz glibberig. Trotzdem renne ich wie angestochen vor die Wohnungstür, schleppe alle Tüten rein, renne im Kreis herum, renne ins Bad, renne in die Küche und quer durchs Schlafzimmer und den Flur entlang wieder ins Wohnzimmer.

Unfall!
Und er sitzt im Auto, anscheinend eingeklemmt. Aber wie normal der sich anhörte! Bestimmt ist er voll im Schockzustand. Schulter! Wer weiß, was er noch alles hat. Im ersten Schreckzustand fühlt man doch gar nichts. Und was heißt, der Motor lässt sich nicht abschalten? Mein fantasiebegabtes Gehirn produziert sofort fürchterliche Bilder von brennenden Autos, Rettungsscheren, Krankenwagen, Blaulicht….
Mit zittrigen Fingern wähle ich Männes Handynummer. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“ sagt die Telefonstimme. Das gibt’s doch nicht! Er war doch gerade noch dran!
Ich wähle wieder und wieder, allerdings ohne Erfolg.

Zwei Stunden später. Inzwischen bin ich bei meiner Tochter. Die Wohnung ist festlich geschmückt, der Tisch ist gedeckt, aus der Küche duftet es köstlich, der Baum funkelt und glitzert und unter ihm stapeln sich die Geschenke. All das steht im herben Kontrast zu unserer Verfassung. Nur das Mumpikind ist bester Stimmung. Es spielt mit einem neuen Holzpuzzel und verdrückt dabei unauffällig ein Plätzchen nach dem anderen. Niemand entreißt dem Kind die Süßigkeiten, wir haben andere Sorgen.
Warum meldet sich der Mann nicht? Ich überlege, die Polizei anzurufen. Aber die Töchter meinen, wir sollten noch etwas warten. Bestimmt würde er jetzt gerade im Krankenhaus durchgecheckt und da könne er ja nicht telefonieren.
Trotzdem versuche ich es weiter. Und endlich!
„Hallo!“
„Männe! Wie geht es dir? Wo bist du?“
„Ich bin im Krankenhaus. Es ist irgendwas mit meiner Schulter. Sonst bin ich ok. Die haben mich komplett auf den Kopf gestellt, mit CT und allem.“

Männe klingt so normal und sachlich, als spräche er über ein Hühnerauge am kleinen Zeh. Er sei von der Autobahn abgekommen, sei eine Böschung runtergerast und habe sich überschlagen. Die Polizei hätte was von geplatztem Reifen gesagt. Man hätte dicke Äste absägen müssen, um an ihn heranzukommen. Aber er habe dann das Auto ohne große Hilfe verlassen. Durch die Frontscheibe, bzw. die leere Fensteröffnung… Das Auto sei natürlich hin! Er sei jetzt in Gotha, sagt er. Und wir sollten auf GAR KEINEN Fall kommen! Jedenfalls nicht heute Abend. Er wolle seine Ruhe haben, er bekäme jetzt ein Bett, was zum Schlafen und fertig.

Wir telefonieren dann noch ein paar Mal hin und her.

Der Heiligabend findet auch noch irgendwie statt, aber das größte Geschenk müssen wir nicht auspacken….

Am ersten Feiertag gibt es kein Familienessen, sondern eine Fahrt nach Gotha. Männe geht es wirklich ziemlich gut, er sieht aber ein bisschen aus wie Frank Stein, ein Auge ist schwarz und ein paar kleine Schnittwunden verzieren seinen Schädel. Das Schulterblatt ist gebrochen, sonst sind keine gröberen Schäden zu vermelden.
Ich darf ihn am zweiten Feiertag mitnehmen! Wir besuchen kurz das Auto, vielmehr, das, was von ihm übrig geblieben ist und räumen es aus. Dann geht’s durch dichten Nebel ab nach Berlin, gleich wieder in ein Krankenhaus zur augenärztlichen Notfallstelle – im Gothaer Krankenhaus konnten sie damit nicht dienen. Da lobe mir die Großstadt! Abends sind wir dann endlich zu Hause. Gerade ist Weihnachten vorbei…

Jetzt liegt Männe im Bett – mit ruhig gestellter Schulter. Er ist doch ein bisschen angeschlagen, lässt sich von mir betüdeln, trinkt Kakao und liest ein neues Buch.

Es ist kalt in der Wohnung. Wir warten auf den Mann, der die Heizung reparieren soll, denn die ist aus falsch verstandener Solidarität mit Männe auch noch in den Krankenstand getreten und produziert weder Wärme noch Warmwasser.

Aber was soll’s.
D a r ü b e r werde ich mich nicht aufregen….

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

24 Antworten zu Das schönste Geschenk…

  1. Franz schreibt:

    Was für eine schlimme Überraschung so kurz vor der „Bescherung“! Zum Glück hat ‚Mennes‘ Schutzengel seine Hand im Spiel gehabt. Euch beiden die besten Wünsche für eine rasche Wiederherstellung und für einen erleichterten Rutsch ins neue Jahr!

  2. Fabulatoria schreibt:

    Oh, nein. So sollte Weihnachten hicht laufen. Zum Glück hatte ihr Männe einen so guten Schutzengel. Ich wünsche ihm schnelle Genesung. (Und der Heizung auch ;o))

    Liebe Grüße, Carmen

  3. Simone Heller schreibt:

    So viel Glück im Unglück!
    Gute Besserung und liebe Grüße aus dem Süden Deutschlands
    Simone

  4. Anne schreibt:

    Auch von mir gute Besserung und Danke dem Schutzengel!
    Ich hatte vor 4 Jahren auch einen schweren Unfall, bei dem ich dachte: „Ich sterbe, scheisse, so schnell!“ Überlebte trotzdem, lebe wieder gut und schätze seither das Leben besser..da ich weiss wie schnell was passieren kann!

  5. IWe schreibt:

    Auch ich wüsche eine rasche und vollständige Genesung.

  6. gerritjanappel schreibt:

    Es gibt doch noch Weihnachtswunder…

    Gute Besserung aus der Wortpüttscherei und alles Gute für das neue Jahr!

  7. Kathy schreibt:

    Puuuuh, da hat Dein Männe aber echt einen superguten Schutzengel gehabt! Gott sei Dank ist ihm nichts Gravierendes passiert.

    Ich wünsche ihm gute und schnelle Genesung und erholt euch gut von dem Schrecken!

  8. Claudia Overmann schreibt:

    Das ist ja noch mal fast gut gegangen und ich freue mich mit. Ich würde Männe dieses Jahr nicht mehr aus den Augen lassen. Einen ganz ruhigen Übergang ins neue Jahr wünsche ich, bei kuscheligen Temperaturen auf der Couch, einen herzlichen Gruß von Claudia Overmann.

  9. beigebunt schreibt:

    Uuuaaaah. *Gänsehaut und Magengrummeln beim Lesen* Das sind die Geschichten, bei denen man immer sicher ist, dass sie bloß den anderen passieren, bis es dann doch mal anders ist. Bin froh, über das „schönste Geschenk“.

  10. Lilo schreibt:

    So einen Unfall hatte ich mit meinem großen und meinem mittleren Kind, das witzigerweise selbst schon seit es reden kann Mumpi nennt, auch, nur wegen Ölspur und an Nikolaus und wir fanden uns nicht im Busch wieder, sondern quer auf der Autobahn! Mein Mann beschreibt seine Sicht der Dinge, nämlich meinen Anruf sehr, sehr ähnlich. Hab grad ziemlich Gänsehaut… Am längsten hallen bei mir das Bewusstsein wie schnell so was geht und das nicht begreifen können, dass wir tatsächlich auch alle nur leicht verletzt aus dieser Autoleiche, die mal unser guter Golf war gekommen sind. Der ist wirklich einen Heldentod gestorben! Ach ja, und natürlich die unbekannten, großartigen Trucker, die vorbildlich die Unfallstelle gesichert, die Erstversorgung übernommen und sich unglaublich großherzig um meine zwei Kiddies gekümmert haben und denen ich vor lauter Schock nicht mal danken konnte. Denen gehören immer wieder viele gute Gedanken!
    Gute Besserung für Männe! Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

  11. michaela schreibt:

    Argh, was für ein Alptraum!
    Zum Glück mit gnädigem Ende.
    Uff.

  12. mayarosa schreibt:

    Da freu‘ ich mich mit euch, dass alles nochmal gut ausgegangen ist.

  13. anni forest schreibt:

    Autsch!

    Beste Genesungswünsche an Männe & Co.:
    Der Schulter, den Schnittwunden und dem Auge,
    den Nerven von Frl. Krise, der Heizung und dem Konto bzgl. neuem Auto!

    Guten Rutsch mag man da nicht wünschen. Liebe Grüße af

  14. frlkrise schreibt:

    Danke, danke, danke fürs Mitgefühl und die guten Wünsche!
    Es ist jetzt sehr nett bei uns: Männe ist ungewohnt beschäftigungslos und die Heizung arbeitet wieder!

  15. madameflamusse schreibt:

    mei mei mei…ich krieg da auch Gänsehaut, ich kenne die Seite am Telefon – mehrfach…war Hölle. Fein das es Euch soweit gut geht und auch die Heizung wieder mitmacht. ALLES Gute und vorallem Besserung …und so !!

  16. Beate schreibt:

    Ich wünsch weiterhin noch gute Besserung! Das war wirklich ein tolles Weihnachtsgeschenk, das ihr nie vergessen werdet. Darf ich meinen Sohn zitieren? “ Unser Weihnachtsgeschenk ist, dass Papa noch da ist!“ Mein Mann ist letztes Jahr am 14.12. angefahren worden und hat mit viel Glück überlebt. Seitdem ist Weihnachten für uns alle noch viel wichtiger und schöner geworden… mich lässt die Angst um Mann und Sohn allerdings nicht mehr los…
    LG Beate

  17. michathecook schreibt:

    gute besserung und einen besseren start ins neue jahr aus china

  18. Au mann! Da hatte er (und ihr) aber echt ma Glück im Unglück! Wenn das kein Weihnachtswunder am Weihnachtstag war… Uff!
    Ich wünsch ihm eine ganz schnelle gute Besserung!!!
    Liebe Grüße,
    Frauke

  19. Olaf aus HH schreibt:

    Oha – ich habe mitgelitten…
    Puuh.
    Alles Gute für Männe, es scheint ja schon weitgehend wieder im Lot zu sein.
    Er hat wohl einen guten Sachbearbeiter im intergalaktischen Zufallsbüro.
    Erholen Sie sich alle erst einmal.

  20. Papageno schreibt:

    Gute Besserung für Männe! Und obwohl die ganze Angelegenheit bestimmt nicht sehr lustig war: Frl. Krise schreibt auch hier so, dass ich manchmal ein Schmunzeln nicht unterlassen konnte. Alles Gute wünscht für 2014 Papageno aus Zürich

  21. Franka schreibt:

    Glück im Unglück!

    Alles Gute weiterhin!

    ♥ Franka

  22. kriante schreibt:

    Puuh…dann wünsche ich jetzt mal die maximale ausnutzung der Pflichtauszeit und ein Gesundbleiben aller Familienmitglieder…möglichst keine Weltreisen mehr vor Silvester.

  23. rotezora. schreibt:

    Oh, Schreck lass nach… Gott sei Dank nochmal gut gegangen! Da wird man ganz bescheiden und dankbar, und die Heizung funktioniert auch wieder. Alles Gute im Neuen Jahr!

  24. dangerschaf schreibt:

    Beste Genesungswünsch an Männe!!!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s