Frau Herz nun wieder

„Unsere Weihnachtsfeier… ich hab die organisiert.“ Frau Herz rührte in ihrem Kaffee und betrachtete mich nachdenklich. „Wir gehen zu dem kleinen Italiener in der Kennedystraße, Ecke Clintonweg. Da soll man ganz gut essen. Kennst du den Laden?“
„Natürlich! Ich komm da jeden Tag vorbei. Drin war ich aber noch nicht.“
In der Kennedystraße gibt an jeder Ecke einen kleinen Italiener oder Griechen oder Türken. Nicht mal der verfressenste Mensch könnte sich durch alle durcharbeiten.
„Willst du auch kommen?“ fragte Frau Herz und legte ihre Stirn in Falten.
Ich war unschlüssig. Sollte ich da hingehen? Einerseits hatte ich Lust einige Kollegen wiederzusehen, andererseits – man gehörte doch nicht mehr richtig …
„Du musst ja nicht kommen,“ unterbrach Frau Herz meine Gedankengänge. „Du kennst sowieso niemanden mehr! Wir haben so viele Neue!“

Weshalb ich mich trotz dieser düsteren Warnung auf die Teilnehmerliste setzen ließ, weiß ich nicht mehr genau.
Wahrscheinlich, weil jeder Mensch auf mindestens EINE Weihnachtsfeier im Jahr gehen MUSS, um nicht als Outlaw zu gelten.

6. Dezember – der Tag des hl. Nikolaus und der unserer Weihnachtsfeier…
Es ist 18.00 Uhr, die Glocken der benachbarten Kirchen läuten um die Wette, dicke, nasse Schneeflocken wirbeln durch die Luft und ich im summe auf dem Weg zum Italiener alte deutsche Weisen wie „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer
 “ vor mich hin. Hach, mir wird direkt ein bisschen weihnachtlich zumute.
Da ist auch schon das Lokal! Vor dem Eintreten noch schnell einen Blick durch die Glasscheibe der Tür:
Absolut gähnende Leere im Gastraum.
Hä? Bin ich etwa die ERSTE? Na, das wäre ja voll peinlich! Da kann ich jetzt unmöglich schon reingehen! Was macht das denn für einen Eindruck! Als hätte ich sonst nichts zu tun….
Also wieder abdrehen und noch kurz im Second Hand Shop nebenan verschwinden. Nach kleiner Wühlung erstehe ich für das Mumpikind ein sehr schönes Jäckchen einer sehr teuren Marke, zahle sehr günstige 4 Euro und stelle wieder mal fest, dass der Werteverlust bei Kinderbekleidung noch dramatischer ist als der bei Neuwagen.
Nun ist es Viertel nach sechs und ich setze mich beschwingt in Bewegung. Now or never….
Das Lokal ist inzwischen gut gefüllt. Kollegen kann ich allerdings nicht entdecken. Trotzdem trete ich beherzt ein und frage die Bedienung nach der Weihnachtsfeier.
„Weihnachtsfeier von was?“
„Die Weihnachtsfeier der Julie-Manet-Schule.“
„Die ist da hinten!“ Die junge Dame zeigt auf einen Nebenraum und rauscht weiter.

Ah, da sind sie! An einem großen, weihnachtlich geschmückten Tisch sitzen schon etwa zwanzig Kolleginnen, die ….aber… nee…. ich lasse meinen Blick wandern… und nochmal… Was ist denn das?!
Lauter unbekannte Gesichter! Das kann doch gar nicht sein! Wer ist das? Was sind das für Leute?

Da höre ich Frau Herz Stimme durch den Raum schallen. „Du kennst sowieso niemanden mehr! Wir haben so viele Neue!“
Für einen Moment bin ich komplett verwirrt. Laute Fremde! Das ist unmöglich! Ein paar alte Kollegen müssten doch noch dazwischen sein. Aber nein!
Ich gebe mir einen Ruck: „Entschuldigung, was ist das hier für eine Weihnachtsfeier?“ frage ich eine Frau.
„Wir sind von der Julius-Leber- Grundschule!“

Ach sooooooooooo!
Julius –Leber! Nicht Julie Manet!
Ich stürze aus dem Nebenraum und stolpere an die Theke. „Tut mir leid, das ist aber die einzige Weihnachtsfeier hier!“ sagt die Bedienung.
„Aber… aber… das ist doch hier der Italiener Kennedystraße, Ecke Clintonweg, oder?“ stammele ich.
Die Frau grinst. „Nee, wir sind der Grieche Kennedystraße, Ecke Bushweg!“

Oh, Mann! Ich bin im falschen Lokal. Ich glaub es nicht! Ich bin nicht dement und die Kollegen gehören nicht zu meiner Schule. Alles klar. Alles auf Null.

Ich bin dann zum richtigen Restaurant gelaufen, nicht einmal hundert Meter weit, genau an der nächsten Querstraße .

Und da saßen sie! Im Italiener in der Kennedystraße, Ecke Clintonweg.
Lauter vertraute Gesichter.
Frau Herz, Frau Schaum, Herr Wolf, Herr Fischer und all die anderen. Ach, wie schön!
Drei oder vier Neue waren auch dabei.

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11 Antworten zu Frau Herz nun wieder

  1. michathecook schreibt:

    Ja ja, dieses unendliche Multikulti und diese ganzen Restaurants da kann man schon mal durcheinander kommen, gell.
    Aber doch schoen das sie noch den richtigen Weg gefunden haben und anscheinend auch noch eins bis viele Leute gekannt haben.
    Wie ist sie den ausgegangen, die Feier ? Feucht Froehlich ?

  2. dangerschaf schreibt:

    😀 So kann’s gehen. Ich hoffe, Sie hatten dann einen schönen Abend und die Sucherei hat sich gelohnt.

  3. Till schreibt:

    Und wie ging es weiter ?🙂

  4. madameflamusse schreibt:

    Mist, ich bin ein Outlaw…

  5. sirpamononen schreibt:

    jawohl, widrigkeiten machen dynamisch!

  6. Maukedi schreibt:

    Frl. Krise, ich muss sie beruhigen. Es waren Minimum drei Kollegen, die im gleichen falschen Restaurant zunächst auftauchten. Was die Kollegen von der Julius –Leber-Schule nun wohl von der Julie-Manet-Schule denken mögen…

  7. hajo schreibt:

    ja, liebe FrlKrise, wer sich in Europa auskennt, ist klar im Vorteil (wer den Schaden hat, spottet halt jeder Beschreibung😉 )
    Frohe Adventszeit
    Hajo

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