Im Kaufhimmel

Weihnachtsgeschenke machen Spaß. Ich meine natürlich das VERSCHENKEN, nicht das Einkaufen. Erstens wird es mir immer fürchterlich warm im Kaufhaus, weil ich ja Klamotten für Frost und Fahrrad angezogen habe und zweitens nervt mich die lange Warterei an den Kassen. Ich hasse es Schlange zu stehen.
Gegen das Letztere hilft nur betont frühes Aufschlagen in den Konsumtempeln – na ja, was ich so ‚früh’ nenne.
Um halb zwölf durchkreuze ich das Kaufhaus. Meinen Zettel habe ich natürlich zu Hause vergessen, aber was man einmal aufgeschrieben hat, ist ja im Hirn verankert. Denkt man… aber bei mir ist das leider nicht so. Ich gondele die Rollteppen rauf und runter, ohne Sinn und System. Müsste ich all diese Treppen laufen, würde das mein Erinnerungsvermögen bestimmt schlagartig verbessern.
In der Kinderklamottenabteilung brauche ich nichts, muss aber da durch, um zum Spielzeug zu kommen. Raffinierterweise ist das Spielzeug ganz oben und gaaaaanz hinten. Damit man durch ALLE Abteilungen durchmuss. Das machen die mit Absicht, ich schwöre!

Ein Wühltisch bremst mich aus. Winzige Handschuhe! Richtig, ich wollte ja dem Mumpikind Handschühchen kaufen. Die vorschriftsmäßige Oma hat zwar ein Paar gestrickt, aber die sind nicht für extreme Wetterlagen geeignet und jetzt steht doch dieser Orkan mit Springflut, Kälteeinbruch, Schneeverwehungen und nicht mal Sven Plöger weiß, was noch allem, vor der Tür. (Die reden im Fernsehen andauernd davon, muss ich heute Nachmittag einen Hamsterkauf machen?)

Mit dem ausgewählten Paar steuere ich die Kasse an und stelle erfreut fest: Ich bin die einzige Kundin weit und breit. Der frühe Wurm sozusagen!
Die Kassiererin, eine junge, stark geschminkte Blondine in beneidenswert luftigem Blüschen und mit viel Gold an den Händen nimmt die Ware gnädig entgegen. „Frau Engel“ steht auf ihrem Namensschild. Wie passend für die Jahreszeit!
Sie wendet die Handschuhe hin und her. Da baumeln drei Schildchen an den Handschuhen, aber es scheint was zu fehlen…
„Preis?“ fragt sie muffig, „ist ja kein Preis dran!“
Ist das etwa meine Schuld? Hört sich fast so an. „Tscha…,“sage ich unschlüssig.
„Warum nicht?“ fragt sie in strengem Ton weiter.
Woher soll ich das wissen? Arbeite ICH in diesen Laden? Ich überlege, ob ich anfangen sollte, mich zu ärgern.
„Haben Sie nicht geguckt?“
„Doch! Irgendwas mit 8 Euro neunundsiebzig oder so.“ Jedenfalls stand das an dem gleichen Paar, das ich auf dem Wühltisch gefunden habe. Ich hätte es ja auch gerne genommen, aber es war viel zu klein.

Die Kassiererin seufzt und wedelt mit den Handschuhen. „Wo haben Sie die her?“
„Von einem Wühltisch. Da hinten.“
„Wo? Da?“
„Nee, andere Richtung. Hinter den Mützen.“
Die Dame hebt mokant die Augenbrauen und reicht mir die Handschuhe.
Meint die gute Frau jetzt ehrlich, ich latsche zurück? Schwitzend mit allen Taschen und Tüten? Ich schüttle energisch den Kopf.
Sie stöhnt leise und rollt mit den Augen. Okay, ich kann’s verstehen, ich möchte auch nicht Kassiererin im Kaufparadies sein so kurz vor Weihnachten. Aber als Kundin habe ich es auch nicht leicht…
Madam grabscht mir die Handschuhe aus der Hand und entschwindet. Sogar im Abgang strahlt ihre Rückenpartie noch Vorwurf aus.
Nach einiger Zeit taucht sie wieder auf. (Und ab hier vermeidet sie sorgfältig jeden Blickkontakt mit mir.)
„Acht neunundNEUNZIG!“ sagt sie in strafendem Ton.
Woher sie wohl diese Summe hat? Bestimmt will sie mich bestrafen, hat noch was drauf gehauen.
Ich bezahle ohne mit der Wimper zu zucken.
Schweigend kassiert sie, gibt mir einen Cent Wechselgeld raus, schiebt mir die Handschuhe rüber, sagt nicht ‚Danke‘, ‚Tschüss‘ oder ‚Schönen Tag noch‘, sondern dreht sich zu ihrem Kollegen, der gerade eintrudelt und tuschelt ihm mit schrägem Seitenblick auf mich etwas ins Ohr.

Ich möchte nicht wissen, was…

Engel, ha! Na ja, verbuchen wir’s unter: „Lasst uns frooooohoh uhund munter sein“ und weiter. Der Kaufhimmel hat noch viele Kassen…

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7 Antworten zu Im Kaufhimmel

  1. frlkrise schreibt:

    Seltsam! Die Kommentarfunktion ist abgestellt…
    Ich kann sie nicht aktivieren!

    Wenn da mal nicht Frau Engel ihre goldigen Fingerchen im Spiel hat….

  2. Olaf aus HH schreibt:

    Da ging es dann um zwanzig Cent.
    Booahh Ey !
    Sie sind großartig.

  3. Kejo111 schreibt:

    Ich teste mal – geht doch wieder, hm?

    Wie schon im anderen Thread erwähnt: Solchen Verkäuferinnen spreche ich beim Gehen immer freundlich mein Bedauern aus, dass sie bei der Berufswahl dermaßen danebengegriffen haben.

  4. Herr Sonntag schreibt:

    Liebe Frau Krise,
    schauen Sie der Wahrheit ins Gesicht: Das waren IHRE SchülerInnen! (Mist, das denke ich mir zumindest immer in solch einem Fall)

  5. Moritz schreibt:

    Ich hätte der die Handschuhe hingeknallt und wäre gegangen. Am besten noch während sie den Preis nachguckt. Dann muss sie zweimal laufen um die Handschuhe wieder aufzuräumen.
    DIE will doch verkaufen. Sie können auch überall anders hingehen. Berlin ist ja jetzt nicht grad ne Kleinstadt in ders nur einen Laden gibt oder?
    Also so unhöfliche Kassiererinnen die sauer sind auf den Kunden das sie was tun müssen kann ich gar nicht leiden. Da geh ich dann lieber ohne Ware wieder.

  6. lindasturm schreibt:

    Herrlich, Fräulein Krise, wie schön, Sie hier in der Blogwelt zu finden – und das gleich beim ersten Herumschnüffeln :-)!

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