Postschulisches

Mustafa winkt mir von der anderen Straßenseite zu. Ihr erinnert euch vielleicht – der lange, liebenswerte, leicht verpeilte Musti aus meiner alten Klasse. So um die Achtzehn dürfte der jetzt sein.
Er telefoniert gerade ‚auf Händy’. Als ich mich endlich zu ihm durchgearbeitet habe, grinst er mich an und dreht sich leicht zur Seite. Sehr höflich – er will mich nicht mit seinem Gespräch belästigen. „Was denkst du, wer du bist…“, sagt er “ …blablabla…um fünf… blabla… voll unnormal… ich habe dich nie angelogen… blabla… okay, nee, geht niemand an, außer blablabla…. von mir hörst du ab jetzt nix mehr über diese thema… janein… kannst du vergessen…. blabla….“ In dem Stil geht es noch eine ganze Weile weiter.
Aha, denke ich, diese Gespräche kenne ich – alles wie immer.
„Meine Freundin“, erläutert Mustafa, nachdem er fertig ist und behält das Handy vorsichtshalber in der Hand, „also, meine Exfreundin.“
„Immer noch die…?“ Wie hieß die bloß? Denise? Jennifer? Nicole?
„Genau die! Ich hab Schluss gemacht mit sie, aber sie ruft dauernd an. Wie geht’s Ihnen, Frl. Krise?“
„Super! Und dir – abgesehen von der Ex??“
„Auch gut, na ja, geht so, ich hab neue Stelle, Frl. Krise, also Ausbildungsstelle, aber nicht so, was ich wollte, aber egal.“ Er seufzt. Es ist ihm nicht egal. „Ich hatte Realschulabschluss nachgemacht letzte Jahr! Hatte ich Sie geschrieben auf Facebook, wa?“
„Ja! Herzlichen Glückwunsch noch mal! Was ist denn das für eine Ausbildung, die du jetzt machst?“
Mustafa hampelt von einem Bein aufs andere. Das hat er schon immer so gemacht. Ich glaube, er ist gewachsen, ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Dabei war er war schon bei der Verabschiedung von der Schule über 1,90!
„Bürokommunikation! Ist voll schwer! Ich wollte gar nicht diese Beruf, aber… hab’ nichts anderes gefunden.“ Er zuckt mit den Schultern. „Pech, wa, Frl. Krise?“
„Hmmm. Immerhin! Ein Ausbildungsplatz! Später kannst du dich ja noch… Was macht die Familie?“
„Ach, wie immer!“ Er winkt ab. ‚Wie immer’ heißt Stress mit dem Vater.
Sein Handy klingelt. Er seufzt. „Und jetzt diese… die nervt voll rum.“
„Geh doch einfach nicht dran!“ sage ich, aber er hebt schon das Handy zum Ohr.
„Okay, mach’s gut, Mustafa!“ Ich klopfe ihm auf den Arm, schwinge mich auf mein Rad und fahre los.

Eineinhalb Jahre ist der schon weg von der Schule, denke ich. Gelandet im Leben, aber den Kindheitsballast schleppt er weiter mit sich herum: schwierige Verhältnisse, einen brutalen Vater, Familienangehörige im Krieg, unklare Vorstellungen, von dem was er sich wünscht, zutraut und umsetzen kanndarfmuss, wenig Unterstützung und…

„Ich schreib Sie auf Face, Frl. Krise! Heute Abend!“ ruft Mustafa mir nach.

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13 Antworten zu Postschulisches

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    „Ich schreib sie auf Face“
    vielleicht ist das nur „tüdelü“- aber es ist was. Mehr als nix jedenfalls

  2. Till schreibt:

    Was würde ich dafür geben Frl. Krises Facebooknamen zu erfahren…

  3. Kejo111 schreibt:

    Kaufmann für Bürokommunikation? Für einen, der eigentlich gar keinen Bock darauf hat und dessen Grammatik dermaßen unterirdisch ist (wie hat er bloß den RSA geschafft?), kein wirklich guter Weg. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass er durchhält und seine Abschlussprüfung besteht. Armer Mustafa …

  4. Xeniana schreibt:

    Schön , dass er jemanden hat , dem er offensichtlich vertraut. ein dozent von mir sagte Mal, wenn nur eine Beziehung gelingt, kann das für ein Leben Entscheidendes bewirken.

  5. Franz schreibt:

    Danke für den herzerfrischenden O-Ton, Frl. Krise. Das ist wieder die Ghetto-Oma, wie sie leibt und lebt. Ich bin schon fast süchtig nach diesem unverwechselbaren Sound mitten aus dem Leben.

  6. michaela schreibt:

    Man wünscht ihm Glück.

  7. Chrissi schreibt:

    Ich schließe mich dem Kommentar von Franz an, wie im Buch, man glaubt, man steht daneben und hört mit zu, das ist phantastisch und macht Freude!

  8. michael schreibt:

    Hach, Mustafa! Wollten Sie den nicht mal mit dieser Nesrin verkuppeln?

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