Frl. Krise und Über

In meinem Kopf sitzt ein kleines Männchen. Es heißt mit Vornamen „Über“ und mit Nachnamen „Ich“.
Über Ich ist übrigens nicht türkischer Herkunft, obwohl sich der Name sich wegen des Ü ein bisschen so anhört, sondern stammt, soweit ich weiß, ürsprünglich aus Wien. Es wohnt schon sehr lange in meinem Hirn und nimmt sich deshalb einige Rechte heraus.
Am Montag weckt mich Über um halb sieben. „Spinnst du?“ sage ich erbost. „Was soll das denn? Ich bin pensioniert und kann ausschlafen!“
„Damit fängst du gar nicht erst an. Steh auf!“ kommandierte Über, aber ich bleibe liegen. Bis halb acht genau. Dann machte Über so ein Theater, dass ich mich erhebe, dusche, anziehe und um halb zehn das Haus verlasse.

„Krank! Bekloppt! Crazy!“ sage ich ärgerlich zu mir und setzte mich ins Auto. Das Auto wundert sich auch, fährt mich aber freundlicherweise ohne Murren zu meinem neuen Arbeitsplatz. Unterwegs komme ich an meiner Schule vorbei, was keine große Emotionen bei mir auslöst, nur ein bisschen Verwunderung. Normalerweise gibt es nämlich vor der Schule nach acht Uhr keine freien Parkplätze mehr. Wenn ich erst zur zweiten Stunde oder dritten Stunde Unterricht hatte, hieß das, entweder gleich früh kommen und lange suchen. Deshalb fuhr ich auch am liebsten mit dem Fahrrad.
Heute ist natürlich alles frei vor der Schule! Ich könnte locker einen Lastwagen mit Anhänger parken. Typisch.

Der co-working-space ist schon voller als ich dachte. Montag Morgen! Aber es sind noch genug Plätze frei. Die Atmosphäre ist angenehm, wenn auch etwas unpersönlich – schließlich kenne ich noch niemanden. Der Typ mir gegenüber übersieht mich geflissentlich, nur sein Hund schnüffelt ein bisschen an meinem Bein herum.
Na, besser so, als umgekehrt.

Ich habe viel zu tun. Ihr denkt sicher: Typisch – Rentnerin! Viel zu tun… hahaha – Emails checken, Facebook lesen, vielleicht noch die Sonderangebote von Lidl aufrufen – mehr gibts doch da nicht…
Ha! Weit gefehlt.
Die Druckfahnen von unserer Krimikomödie sind gekommen, also dem Opus, das Frau Freitag und ich im Sommer geschrieben haben. Die Fahnen müssen jetzt pingelig genau kontrolliert werden, denn sonst enthält das Buch später Fehler.
Dann wollen wir eine längere Geschichte für eine Anthologie schreiben – an der murksten wir schon am Wochenende halbherzig herum – und einen neues Projekt bettelt auch noch um ein bisschen Zuwendung. Emails und so’n Kram darf man natürlich nicht vergessen.

Über Ich findet das alles herrlich! Er mag es, wenn ich busy bin und ist entsprechend entsetzt, als ich schon nach vier Stunden Feierabend mache.
Ich bin wohl gelaunt, meine Nerven fühlen sich an wie frisch poliert und ich komme mir übertrieben fleißig vor – immerhin ist es nach 15.00 Uhr. Als ich noch im Schuldienst war, hatte ich um diese Zeit auch montags frei.Nur fühlte ich mich da meistens schon wie durch den Wolf gedreht.

Über Ich hat auch heute Morgen gejubelt. Bowlen mit der Klasse. Ein letztes Mal. Yeah!
Na ja, Über. Jetzt halte mal die Bälle flach… Hat Spaß gemacht, aber ich war auch nicht böse, als es vorbei war. Kinder sind echt laute Geschöpfe. Sie haben eine Tendenz sich zu streiten, sich mit schlechten Ausdrücken zu bewerfen und zu behaupten, ich könne nicht bowlen. Stimmt sogar, aber sie können es auch nicht.
Bowlen gehört auch meiner Meinung nach zu den überschätzten Sportarten. Der Einzige, der brillierte, war Alex, mein Nachfolger. Aber der war nicht mit sich zufrieden – zu wenig Strikes. Um 12.00 Uhr war’s vorbei. Meine Kinderlein, altersbedingt flexibel und pubertär ichbezogen waren nicht sonderlich traurig und ich auch nicht. Nur Musa war ein bisschen betrübt und Merve auch.
Wir werden uns ja auch hin und wieder sehen, denn ich habe noch ein paar Kleinigkeiten an der Schule zu erledigen.
Das ist mir schon fast ein bisschen lästig…

Times are changing.

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17 Antworten zu Frl. Krise und Über

  1. puzzle schreibt:

    Vermutlich ist das Über aber doch seeeeehr stark beeinflüßt von seinen vielen jugendlichen Coaches zuvor.

  2. nana schreibt:

    bowling ist genauso doof wie kegeln, nur dass einem hinterher meistens irgendwas noch ein bisschen weher tut.
    viel freude im „neuen leben“ 😉

  3. Lehrerin schreibt:

    Na, das klingt aber nach einem Abschied, der auch ein bisschen Erleichterung mit sich brachte. Ich kann’s nachvollziehen. Wat wäre dat schön auch einfach nur mal ein paar Stunden zu arbeiten ohne das Gefühl zu haben, durch den Wolf gedreht worden zu sein 🙂

  4. Patty schreibt:

    Mein Über Üch üst ein büsschen neidüsch!

  5. klosterfrau schreibt:

    Ich bewundere alle Kollegen und Kolleginnen, die es bis zum regulären Pensionsalter von 65 schaffen. Alle Achtung! Ich wünsche Ihnen viel Freude in Ihrem neuen Lebensabschnitt!

  6. klosterfrau schreibt:

    PS Das doofe Über Ich soll endlich mal die Klappe halten.

  7. Cloudy schreibt:

    Inzwischen beschleicht mich fast ein bisschen das Gefühl, dass der ominöse Co-Working-SPace nach einem Seemann mit einem durchgeknallten Chef benannt ist. Leute, die den Hund zur Arbeit mitschleppen? Ach herrjechen ._.

  8. C. Rosenblatt schreibt:

    crazy shit ihre Sprachswitche heute ^^
    was sagte denn „Es“ dazu- ich mein- wenn „Ich“ und „Über-Ich“ heute so krass drauf waren, dann sitzt Es bestümmt auch irgendwo rum …

    Schön, dass Sie weiter bloggen.
    Ich freue mich darüber 😀

  9. frauhilde schreibt:

    Das Über-Ich ist aber ein ganz schön lästiges Dings. Kann man das nicht irgendwie ablenken?

    Meine Güte, und ich dachte immer, RUHEstand habe etwas mit Ruhe und so zu tun … Ich wünsche Ihnen viel Energie für all das Co-working-Gedöns!

  10. Olaf aus HH schreibt:

    Aha – schon geht’s los…
    Nun bin ich ja gespannt.

  11. abz schreibt:

    hallo, frl. krise,
    ich freu mich richtig. Die letzten monate habe ich traurig mitgelesen. Aber das wird ja jetzt spannend. Ich versteh zwar im moment grad nicht, wie sie das so lange machen konnten, aber meine bewunderung haben sie. Besonders für die letzten 15 jahre. So lange muss ich das noch machen und z.z. könnte ich grad was anderes gebrauchen.
    Ich bin gespannt, wie sich so ein co working space büro vom lehrerzimmer unterscheidet. Und natürlich auf den krimi.

    • krizzydings schreibt:

      Apropos was anderes machen…dürfte man im Sabbat-Jahr eigentl. Praktika,450€ Jobs oder sowas machen? Ich meine so aus abwechselungsgründen…bestimmt ist doch nicht jeder der Typ für ein Jahr Urlaub und ausschlafen?

  12. Inch schreibt:

    Jetzt habe ich Ihren letzten Schultag verpasst? Ach, wenn man mal paar Tage nicht dazu kommt, seine Blogrunden zu drehen…:(

  13. Helmut schreibt:

    „Ich bin wohl gelaunt“ doofe neue Rechtschreibung!

    Viel Erfolg als Bestsellerautorin!

  14. oachkatz schreibt:

    Ich glaube, das hat schon seine Richtigkeit mit Frl. Über. Irgendwie mögen Sie die nämlich ganz gerne, stimmts?

  15. Till schreibt:

    Hm…wieder kein neuer Post…
    Sind sie auf der Büchermesse?
    Gruss an Fr. Steen!

  16. wolfcat01 schreibt:

    hallooooo leute, nun lasst die arme frau doch erstmal ein bisschen ihren ruhestand geniessen ,es reich doch wenn diese “ Über Ich“ gespenst schon jetzt anfängt zu nerven ! ich lese ja derzeitig nur sporadisch doch ich finde diese beiträge immer wieder klasse ….
    so freu ich mich auch dass frl.krise weiter bloggt!
    schönen sonntag
    frollein ! 🙂

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