Hüseyin wünscht mir was

Heute war mein vorletzter Schultag.
Viel zu tun hatte ich nicht mehr. Ein bisschen unterrichten – viele meiner Stunden wurden schon von Kollegen übernommen – ein bisschen aufräumen, abheften, quatschen, …was man an letzten Tagen eben so macht.
Langsam sickert durch, dass ich morgen gehe, aber ich habe mir jegliches Verabschiedungsgedöns verbeten. Ich werde noch mal mit den Kollegen feiern, aber nicht jetzt, sondern später bei unserem jährlichen Grillen.
Morgen dann noch Deutsch und Ethik und fini.
Nächste Woche beim Wandertag schlage ich wieder auf und verabschiede mich beim Bowlen von meiner Klasse.
So weit – so gut. Und mir geht’s auch gut. Irgendwie fühlt sich das alles ganz richtig an. Bestimmt wird’s morgen noch mal traurig, aber ich habe mich in den vergangenen Wochen schon ziemlich abgenabelt.
Abends dann essen gehen mit Frau Freitag und… am Freitag …äh…am Freitag? Was mach‘ ich da?
Keine Angst: Das Programm steht!

Mein Programm für heute war sozusagen der Einstieg ins neue Leben: Ich habe den Vertrag für einen externen Schreibtisch unterschrieben. In einem co-working space, wie man das heute nennt. Ab Montag werde ich in einem großen Raum mit vielen Menschen arbeiten. Es ist da ein bisschen wie im Lehrerzimmer, bloß – es klingelt es nicht, kein Kind wummert an die Tür, der Unterricht entfällt und die Kollegen sind fremde (meist junge) Menschen.
Ich bin gespannt!
Zu tun habe ich genug: jeden Tag können die Fahnen für unser neues Buch kommen, (‚wir‘ sind Frau Freitag und ich), wir sind noch in andere, zum Teil längerfristige Projekte verstrickt und außerdem bin ich jetzt endgültig „das Sekretariat“ unseres Teams.
Ach so – der Blog!!! Ja, der will auch geschrieben werden. Mal sehen, was dabei rauskommt!

Beschwingt verlasse ich meinen neuen „Arbeitsplatz“ und strebe meinem Auto zu. Nie mehr Schule, nie mehr Schüler….

„Frl. Krise!“ höre ich da. „Frl. Kriiiiise!“
Hüseyin aus der zehnten Klasse, den ich bis zum Februar in Kunst unterrichtet habe, steht auf der anderen Straßenseite und winkt mir wie verrückt zu. Hüseyin war schlecht in Kunst und er ist mir ganz schön auf den Nerven herum getrampelt. Wohnt der etwa in dieser Ecke?
„Was machen SIE denn hier, Frl. Krise? Waren Sie in dies Lokal?“
Er zeigt auf den Schnellimbiss, vor dem ich stehe. Ich nicke.
„Da gibt’s gute Döner! Warten Sie, ich komme rüber!“ Er stürzt sich selbstmörderisch über die befahrene Straße.
„Frl. Krise, warum gehen Sie von unsere Schule? Miriam hat mir gesagt.“
„Ich werde pensioniert! Also, ich gehe in Rente, sozusagen! Und du bist ja auch bald fertig – in drei Monaten.“
„Jaaaa, ist voll komisch, wa, Frl. Krise…? Ich war vier Jahre an unsere Schule…“
„Und ich zwölf…“
„Voll lange! Ich geh jetzt mein Onkel helfen, der hat ein Laden hier.“ Er zeigt auf einen kleinen Getränkemarkt.
„Und ich fahre nach Hause! Ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft, Hüseyin!“
Hüseyin nickt ein bisschen betrübt. Dann schüttelt er meine Hand.
„Frl. Krise!“, sagt er und lächelt: „ Und ich… ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!“

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33 Antworten zu Hüseyin wünscht mir was

  1. Franz schreibt:

    … ein „schönes Leben“ (nach der Schule!) wünsch ich dir auch, Frl. Krise. Ein „voll schönes“. Gespickt mit neuen Erfahrungen, einem anderen Zeitmanagement und jeder Menge bisher unbekannter Herausforderungen. Fest steht, dass du das mit dem gleichen Schwung angehen wirst wie bisher. Und du kannst sicher sein: Es lohnt sich! (Auch wenn dir noch eine Welle von Entzugserscheinungen nach „deinen“ Kids bevorstehen.) – Ich drück dir auf jeden Fall ALLE Daumen! 🙂

  2. krizzydings schreibt:

    is dochn nedder ihr hüseyin! :0)
    das mit der sekräterin ihrer schriftstellerischen Kooperative kann ich mir vorstellen und muss auch wieder loßlachen xD
    Das mit der Schulglocke könnte man so lösen: sie nehmen ihre Glocke „kurz“ auf Händy auf und installieren sie als Weckerklingel,die sie dann ähnlich wie schulstunden programmieren…wenn die Tischnachbarn sie mal fragen, was das ganze soll, sagen sie einfach das wäre ihr SMS-Klingelton
    Meine Grundschullehrerin und wahrscheinlich mein GeschichtsLK -Lehrer gehen dieses Jahr auch in Rente…zusammen mit meinen anderen grundschulalumnis basteln ihr was…allerdings frage ich mich ein bisschen, ob das nicht eigentlich eher horror ist wenn ehemalige schüler einen daran erinnern, dass man schon so alt ist
    Schönen Unruhestand, liebste Krise!
    Ihre Krizzy

  3. Wegelagerer schreibt:

    Besser als Hüseyin hätte man diesen Wunsch doch nicht formulieren können 😉

    • hajo schreibt:

      finde ich auch und ich gestehe, dass mir beim Lesen „etwas ins Auge gekommen ist“
      ich wünsche Dir, liebe Frl. Krise, für Deinen weiteren „Berufsweg“ viel Freude
      und uns weiterhin viele Geschichtchen und Geschichten
      Liebe Grüße
      Hajo
      Na, und ansonsten: bleib gesund!

  4. Land Ei schreibt:

    Ach, ist DAS schööööön! Also, dass der Hüseyin Ihnen ein schönes Leben wünscht. Und die Sache mit dem externen Schreibtisch finde ich ja auch äußerst spannend.
    Einen möglichst netten letzten Tag und fröhliches Sitzen am externen Schreibtisch ohne Unterricht wünscht
    das LandEi

  5. Olaf aus HH schreibt:

    > „Frl. Krise!“, sagt er und lächelt: „ Und ich… ich wünsche Ihnen ein schönes Leben!“ <

    Sigh !
    Das wünsche ich Ihnen natürlich auch von Herzen. Ein sehr schöner Wunsch von Schülerherzen. Die mediterrane Welt ist opulent. Wunderbar.
    Zugleich – so Schule ohne Sie und Sie ohne Schule ist merkwürdig.
    Schön, daß Sie aktiv bleiben werden.

    Erholen Sie sich erst einmal. Und dann…
    Und beste Grüße an Frau Freitag !

    Morgen wird es wohl noch einmal traurig.
    Zugleich Glückwunsch. Eines der Ziele erreicht.
    Beste Grüße von Herzen aus Hamburg !

  6. Immelinga Rusitzka schreibt:

    Oh, voll traurig! Und voll süß…ein Türke hat mir in Bayreuth vor vielen Jahren das gleiche gewünscht und mich mit diesem Satz total beeindruckt. Ich habe ihn nie vergessen – den Satz…und deswegen den Türken auch nicht..

  7. Claudia schreibt:

    Och, eigentlich sind sie doch ganz süß, die „Kleinen“.
    Ich wünsch Ihnen auch ein schönes Leben nach der Schule.
    Es wird bestimmt toll.
    LG
    Claudia

  8. C. Rosenblatt schreibt:

    Ja, neulich stand in der Zeitung den Renter ginge es so gut, dass man nicht mehr vom „welkenden/ letzten/ sterbenden Drittel“ sprechen sollte, sondern irgendeine eigene Sparte für das aktive PensionistInnenben einführen sollte.
    Ihre Pläne klingen so king, dass sie dies zu bewahrheiten scheinen 😀

    • krizzydings schreibt:

      Ihre Plänen klingen so ging…ich schmeiss mich weeech ! Fräulein Krise Ihre Leser übernehmen jetzt auch schon diese redeweise…
      dabei dachte ich es gibt nur gut erzogene unter denen 😉 [SCHERZ!!!!]

      • michael schreibt:

        > Ihre Plänen klingen so ging…Ihre Leser übernehmen jetzt auch schon diese redeweise…

        Und die Rechtschreibung! 😀 [SCHERZ!!!!]

    • michael schreibt:

      > Ihre Pläne klingen so king, dass sie dies zu bewahrheiten scheinen.

      Die Standard sprichworte dazu:
      a) Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
      b) Der Mensch dachte, Gott lachte.

  9. Immelinga Rusitzka schreibt:

    Sehr geehrte Frl. Krise und sehr geehrte Tine (sowie alle anderen LeserInnen),   ich entschuldige mich hiermit für meinen geschmacklosen und diskriminierenden Kommentar!!! Mir ist ein Fehler unterlaufen und daher bitte ich Sie, meinen Beitrag zu löschen, falls das möglich ist! Gern würde ich Sie (@Frl. Krise) persönlich kontaktieren um Ihnen diesen Fehler genauer zu erläutern. Mit freundlichen Grüßen Immelinga Rusitzka

  10. Immelinga Rusitzka schreibt:

    Danke!!!

  11. Jürgen schreibt:

    Ach, Mrs Crisis, wie schön. Ich habe noch anderthalb Jahre und werde schon von vielen Stellen vereinnahmt und weiß gar nicht, ob ich das will. Hatte immer ein Leben neben der Arbeit.

  12. Thommi schreibt:

    Tja, komisch ist das bei so letzten Sachen. Man nimmt sich dann immer so viel vor was man in der freien Zeit alles machen will „Jetzt könnte ich doch endlich mal….“ und am Ende läßt man es doch liegen.

    Ich hoffe das ist im Rentenalter dann anders, denn da krempelt sich ja eigentlich alles um, oder?

  13. Ich möchte Ihnen an Ihrem letzten „Schultag“ alles Gute wünschen, mögen all Ihre Erwartungen an Ihren neuen Lebensabschnitt in Erfüllung gehen. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre hervorragend geleistete, pädagogische Arbeit. Sie hätten die Lehrerin meiner Kinder oder Enkel sein können, wir wären gut miteinander klar gekommen. Ich habe es genossen von Ihrem Schulalltag lesen zu können und es bewundert, wie Sie mit ihm umgingen. Sie haben sich ein schönes Leben redlich verdient. Lassen Sie bitte weiterhin von sich hören. Einen herzlichen Gruß von Claudia M. Overmann.

  14. Ehemalige schreibt:

    Ich wünsche Ihnen alles Gute für den neuen Lebensabschnitt und hoffe sehr, dass Sie weiterhin bloggen.
    Haben Sie Frau Freitag auch in den Ruhestand geschickt? Sie hat am 26.2. das letzte Mal was von sich lesen lassen.
    Ich bin mittlerweile seit einem Jahr in Pension und kann Ihnen sagen, es lässt sich durchaus auch ohne Schule aushalten!

  15. renosch schreibt:

    „Ich wünsche Dir noch ein schönes Leben“ hat eine Kommilitonin (in die ich verknallt war, woraus aber nichts wurde) immer zum Abschied gesagt.

    Das klang so endgültig .. vor allem weil ich doch noch was erhoffte!

  16. Johanna Kindermann schreibt:

    Das wird eine wahnsinnige Veränderung werden, aber sicherlich eine gute! Ich schließe mich Hüseyin an und bin gespannt, was aus Ihnen und diesem Blog hier wird!

  17. gesundheit 2.0 schreibt:

    Lange habe ich still mitgelesen, jetzt möchte ich Ihnen auch gerne meine Freude an Ihrem Blog kundtun (heute heisst das wohl feedback geben …) An so vielen Tagen waren die Erlebnisse von Frl. Krise an der pädagogischen Borderline Grund zum Schmunzeln und Lachen. Und dazu Erlebnisse wie das legendäre Praktikum an der Tankstelle …
    Ich wünschen Ihnen sehr viel Spaß bei Ihren neuen Aktivitäten – zeigen Sie der Welt (und den jungen Menschen im co-working-space), das wir Rentnerinnen bzw. Pensionärinnen nicht „auf’s Altenteil“ abschieben brauchen. Ganz im Gegenteil: die Welt braucht Menschen wie Sie.

  18. Das ist ja rührend! In diesem Sinne: keep on rocking im Büro!

  19. Sisi schreibt:

    Das erinnert mich irgendwie daran als ich im letzten Jahr meine Sachen im Büro gepackt habe. Ok, ich ging „nur“ in Elternzeit aber mit der Gewissheit das ich nie mehr zurückkehren werde. Ich hatte mich soooo lange auf diesen Tag gefreut. Ich habe mich von meinen Lieblingskunden verabschiedet und war einfach happy. Am Tag meines Abschieds kam stand dann auf einmal ein riesen Blumenstrauss auf meinem Tisch mit einer Karte und schon bei den ersten Worten musste ich losheulen. Ich schieb es gern auf die Hormone (war schließlich Schwanger) aber sooooo leicht ist mir der Abschied dann auf einmal doch nicht gefallen. Die ersten Worte der Karte waren im Übrigen „Liebe J…, niemals geht man so ganz….“.

    Jetzt mit etwas Abstand steht mein Entschluss nie mehr in diesem Büro zu arbeiten noch immer fest.

    Ja ich weiß, dass ist bei Ihnen eine andere Situation. Was ich damit sagen möchte? Keine Ahnung! Kam mir einfach grad in den Sinn.

    Ich wünsch Ihnen viel Spaß am Rentnerdasein inkl. fünf vor acht noch den Großeinkauf im Supermarkt erledigen und mit Centstücken passgenau bezahlen, am Sonntag schleichend durch die Gegend fahren, auf die Jugend schimpfen und was Rentner sonst so den ganzen Tag machen 😉

  20. Blogolade schreibt:

    Liebes Fräulein Krise, nun ist es wohl soweit. Der letzte Schultag ist überstanden und ich stelle mir vor, wie sie mit Frau Freitag und ihrer Familie gerade mit einem Prosecco auf den nächsten Lebensabschnitt anstoßen. Ich wünsch Ihnen auf jeden Fall alles alles Gute und hoffe für uns Leser, dass dieses Blog nun nicht geschlossen wird sondern es noch viel aus ihrem Lehrerleben und dem kommenden Lebensabschnitt erzählen darf.

  21. KC schreibt:

    Schüler können ja auch echt süß sein 😀

  22. Matt schreibt:

    Wo Ihnen schon nicht mulmig ist: mir schon. Weiß selbst nicht so genau warum …

  23. Olaf aus HH schreibt:

    Ich noch einmal…
    Nach zwei Gläsern Rotwein und Gewinnung einer sehr persönlichen Einsicht kommt noch ein Nachklapp von mir: Wahrscheinlich waren Sie traurig, als Sie Ihre Schlüssel abgegeben haben etc. und was sonst noch dazu gehört, wenn jahrelanges Verbundenverwickeltes abgewickelt wird. Das ist die Einsicht in das tatsächliche Ende des Bisherigen.
    Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – und jedem Anfang ein Zauber oder so.
    Well – on !
    Lassen Sie uns alle nicht zu lange schmachten ! 😉
    Denken Sie an Ihren „co-working space“ und machen Sie dort los, wenn es soweit ist.

  24. Stefan K. schreibt:

    Willkommen in der Freiheit, liebes Frl. Krise 😉

    Ich hoffe, Sie hatten einen schönen letzten Tag!

    … und bin gespannt auf die Erlebnisse mit den „Co-Workern“ 😀

  25. Curima schreibt:

    Hallo Frl. Krise,
    wie schön, dass Ihnen ehemalige Schüler so viel Gutes wünschen. Und wie schön, dass Sie auch nach Ende der Arbeitszeit tolle Dinge vorhaben 🙂 Ich hoffe, der letzte Tag war gut und dass wir weiter neue Blogeinträge von Ihnen lesen können 🙂

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