Es fängt an mit dem Aufhören…

Es geht dem Ende zu. Ich räume mich – na ja, nicht ganz, aber zumindest meinen Lehrerinnenanteil – immer mehr weg.
In der Schule und besonders zu Hause haben sich im Laufe der Jahre Gebirge an Büchern und Materialien angesammelt. Den größten „Brocken“ habe ich am Wochenende vernichtet – mein Arbeitszimmer. Die Möbel ließ ich natürlich stehen und die sehen nun so für sich alleine ganz kühl und stylisch aus. Auf einmal ist alles weiß, die Wände, die Regale und die Besuchercouch. Vorher war das alles mit Schulmaterialien zugeknallt…. nur die unaufgeräumte Schreibplatte ( aus Glas, aber das sieht man gerade nicht) ist jetzt noch der einzige Schandfleck im Zimmer.

In der Schule bin etwas vorsichtiger. Ich entsorge zwar täglich alte Ordner, Mappen, Hefte und Bücher, aber unauffällig, fast heimlich. Ich will kein Aufsehen erregen, die Kollegen fragen auch so schon andauernd nach meinem letzten Tag.
„Du kannst doch einfach deinen Platz behalten und jeden Tag kommen und bei uns schreiben! Dafür bezahlst du – na, sagen wir mal- 100 €!“ schlagen mir einige Kollegen vor. Ich habe ihnen erzählt, dass ich mir einen „aushäusigen Schreibtisch“ mieten will, damit ich nicht im Rentnerleben versacke. „Du darfst dann auch immer Kaffee kochen, Frl. Krise, und die Spülmaschine ausräumen!“ runden sie ihr Angebot ab.
Eigentlich finde ich diese Lehrerzimmer-Idee super! Ich kann nämlich am besten arbeiten, wenn ein gewisses Rämmidämmi um mich herum herrscht und deshalb werde ich mich auch in den turbulentesten co-working-space (wie man das Neudeutsch nennt) einmieten, den ich finden kann. Auf keinen Fall in eine Wohnung mit vier kleinen Büros und drei wortkargen Web-Designern! Nein, es darf schon Richtung Großraumbüro gehen. Schließlich habe ich komplett verlernt „in Ruhe“ zu arbeiten. Ich kann nur noch laut…
Als Frau Freitag und ich im letzten Sommer an unserem Krimi geschrieben haben, geschah das bevorzugt in überfüllten Biergärten mit Techno-Beschallung und angegliedertem Minigolfplatz.
„Frl. Krise, das macht so Spaß hier!“ schrie Frau Freitag mir zu und ich schrie zurück: „Ja, echt, nur schade, dass sie den Flughafen so weit außerhalb bauen!“
Damals glaubten wir noch, der würde irgendwann mal fertig!

Meine allerletzte Biostunde habe ich auch schon gegeben. Ab sofort soll ich mit meiner Klasse an einem Theaterprojekt teilnehmen und die Bio-Zehn übernimmt eine neue Kollegin. Ganz ehrlich – ich bin kein bisschen traurig.
Da lag auch daran, dass Mustafa („Frl. Krise, ich zieh vorher raus, da kann doch nichts passieren, oder?“) und Timo („Wenn ich eine Woche nicht…na, sie wissen schon…dann hab ich so’n Druck, das geht von hier bis da zum Fenster, aber mindestens!“) mir wie immer in den letzten fünf Minuten unerhörte Details aus ihrem Liebesleben offenbarten…

Das Theater fängt gleich morgen an – ich freu ma‘ schoooon…

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34 Antworten zu Es fängt an mit dem Aufhören…

  1. C. Rosenblatt schreibt:

    Ich wünsch ihnen einen Schreibtisch mit Großbaustelle neben an 😀

  2. KC schreibt:

    Ich empfehle, sich in Häusern einzumieten, wo grad renoviert wird…ist bestimmt auch günstiger 😀

  3. Ich kann mittlerweile auch nur noch mitten im Getümmel arbeiten. Furchtbare Lehrerkrankheit!

  4. Bluete schreibt:

    Äh…. sie werden die wertvollen Materialien eines Lehrerlebens nicht vernichten wollen. Denken Sie an Frau Müller, die kann die gut gebrauchen ;-). Aber nein, im Ernst, werfen Sie die Materialien echt weg, nee, oder? Warum nicht in die Materialsammlung der Schule geben?

    • frlkrise schreibt:

      Was noch was ist, geb ich weiter – vor allem Bücher und so.
      Aber auch Lehrmaterial passt nicht auf jeden…. ich konnte mit den „Hinterlassenschaften“ meiner „scheidenden“ Kollegen immer wenig anfangen!

  5. Julika schreibt:

    Oooch, Frl. Krise, obwohl sie sagen, dass sie kein bisschen traurig sind, klingt es doch traurig. So ein Arbeitszimmer hat doch eine Geschichte – haben sie das alles weggeworfen oder vielleicht doch verschenkt, damit es von jungen Praktikanten weiter verwendet kann? Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich sollte mein völlig chaotisches Arbeitszimmer leer räumen…….ging ihnen das wirklich so leicht von der Hand???

    • frlkrise schreibt:

      JA! Überwiegend JA! Man kommt in so einen Vernichtungsrausch. Und ein paar Lieblingsbücher habe ich behalten – vorerst!

      • Julika schreibt:

        O.K. – Vernichtungsrausch kenne ich auch – ist ein geiles Gefühl!! Dann kann ich diese Radikalaktion nachvollziehen…und die Lieblingsbücher werden Sie sicher nochmal brauchen!

  6. hafensonne schreibt:

    Krimi mit Frau Freitag? Hab ich was verpasst? *sich verschämt troll*

  7. abz schreibt:

    Krimi???? Wann kommt der raus?
    Wie war es heute mit frau müller?

    Zum schreibtisch kann ich gar nichts sagen, das ist so traurig, aber das „heimlich” kann ich verstehen. Sonst würde es ja auch wieder heißen, Sie packen zu sehr an.

    • frlkrise schreibt:

      Am 24. Mai!
      Frau Müller war gut vorbereitet ( danke Frau Hahn!) und ich habe mich dezent zurückgehalten…!

      • Michael schreibt:

        Perfekt, mein Geburtstag. Wird ein prima Geschenk (ist allerdings auch schon vorbestellt).
        Kommt ihr zum Lesen dann auch mal in die Metropolregion Rhein-Neckar (LU/MA)? Wäre schön.

  8. schwebse schreibt:

    Erst beim zweiten Lesen habe ich erkannt, das da nicht steht „..und WIR zahlen dir 100 Euro“, sondern das Sie zahlen sollen.
    Ich meine, es wäre doch bloß korrekt, dass die zukünftigen Ex-Kollegen etwas abdrücken, wenn Sie im Lehrerzimmer die milde Abendsonne der weisen Abgeklärtheit scheinen lassen, ebenso wie Sie einen gewissen Starruhm um sich verbreiten. So eine Atmosphäre sollte den Kollegen schon etwas wert sein, oder?

    • frlkrise schreibt:

      Ich fürchte, mit milder Abendsonne kann ich nicht dienen…..!
      Und bestimmt würden mich bald alle hassen, weil ich immer so ekelhaft erholt wäre und auch noch höchst überflüssige Kommentare absondern würde!

  9. Jürgen schreibt:

    Ich geh in anderthalb Jahren und fang jetzt schon mit wegwerfen und -schenken an. Und ich freu mich dabei. Nach 40 Jahren ständig Pubertierende um die Ohren …

  10. michael schreibt:

    Ach was, arbeiten! Sie werden am Schreibtisch sitzen und das

    ..
    Amina bremste, drehte bei, stürzte in die Klasse, schrie: “Nein, aber morgen…“, haute mit dem Po die Tür von innen zu, flüsterte ohne jede Verzögerung: „Hassan wars!“, riss die Tür wieder auf, stürzte raus, schrie dabei: „…es ganz bestimmt mit!“ und weg war sie.
    15 Sekunden höchstens….der vielleicht schnellste Verrat aller Zeiten…….

    vermissen.

  11. Claudia schreibt:

    Vielleicht können Sie ja ein Büro direkt im Flughafen mieten, die bauen da noch länger.
    *duck*
    Mensch, das klingt irgendwie alles superspannend.

    • krizzydings schreibt:

      Gibts denn schon Strom und fließend wasser…….wenn ja dann könnte man die alten flughäfen ja behalten und stattdessen in dem neuen das vielversprochene messe tagungszentrum „luftbrücke“
      oder ein Konzertsaal…! Dann wird die Elbphilarmonie wird eine Commerzbankfiliale und der Jase-Werder…äh Jade-Weser-Port der neue flughafen (inkl. abstellmöglichkeit für 3Container/monat)

  12. Olaf aus HH schreibt:

    Frollein Krise – hören Sie auf mit dem Anfangen des Aufhörens ! Das tut mir weh. Weil es mir fehlen wird, wenn Sie nicht mehr Schule machen. Was soll denn dann werden mit Sie und mit Schule ? Bzw. ohne Ihnen und immer noch Schule ?
    Na gut, vor reichlich zwei Jahren (Ende 2010) habe ich auch mein damaliges Büro leergeräumt und bin gegangen – nicht im Frieden.
    Aber Sie ? Das geht nicht.

    Traurig trolle ich mich, was soll jetzt werden ?

  13. bayernpauline schreibt:

    Entsorgungsrausch ist was Tolles und hat was Befreiendes! Darf ich fragen, wie Ihre Lesung letztens in Hamburg war? 😉

  14. nadineswelt schreibt:

    Is bestimmt voll das komische Gefühl!
    Wenn Bayern nicht zu weit weg wäre könnte ich Dir unsren Behördenflur anbieten. Da ist immer Halligalli!

  15. Nobelix schreibt:

    Ich könnte auch noch einen Platz bei mir im Büro anbieten. Hier ist nicht nur immer Chaos, sondern wir SIND das Chaos – zwischen klingelnden Telefonen, nervenden Kunden und hereinstürzenden Kollegen.

  16. zustandslacher schreibt:

    Kein Wunder, dass Sie die Kids nicht vermissen, wenn die so frech zu Ihnen sind. Aber nach dem Gedankengang meines „Verziehungsratgebers“ werden das einmal sehr offene und vielleicht sogar erfolgreiche Erwachsene. Sie werden schon das Beste aus der Situation machen!

  17. Olaf aus HH schreibt:

    Da fällt mir ein: Ich könnte Ihnen einen Laubbläser schicken. Den kann man mit Klebeband arretieren, so daß er stundenlang nerven kann (rööööm-röööööhhhm, römpömpöm – ad infinitum ad emesis…), bis der Sprit ausgeht.
    Könnte es Ihnen helfen ?

  18. hafensonne schreibt:

    Bitte auch in Rostock lesen. Gucken Sie (bzw. Ihre Agentur) hier: http://www.literaturhaus-rostock.de/literaturhaus-rostock/

  19. flipflop schreibt:

    Hey, Frau Krise, dem Link ins Rentnerleben fehlt der Doppelpunkt, wenn ich nicht irre.

  20. K schreibt:

    Oh, ich habe es auch total genossen, die Ordner voll Arbeitsblätter und Materialsammelsurien (man könnte ja vielleicht wieder einmal fachfrend in … eingesetzt werden) in der Tonne zu versenken ohne! vorher Klarsichthüllen von Papier zu trennen.

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