Immer diese Fachsprache!

Kerem ist der Kleinste in meiner Klasse. Er sieht aus wie eine Spitzmaus, ganz süß.
Überraschenderweise tritt Kerem heute ganz in Gelb auf. Hellgelbe Hose und dottergelber Kapuzenpulli. Ich beobachte während der Hofaufsicht, wie er seine Kapuze über den Kopf und weit ins Gesicht rein zieht. Dann schnürt er sie ganz eng zusammen, bis nur noch die Nase zu sehen ist. Jetzt sieht er plötzlich aus wie ein gelber Vogel oder nein – wie ein Küken.

In der 9. Stunde versuche ich verzweifelt herauszubekommen, welches meiner Kinderlein sich schon einen Platz für das Sozialpraktikum gesucht hat, das nach den Winterferien, also in etwa fünf Wochen losgeht. Dieses Praktikum hat nichts mit der Berufsfindung zu tun, sondern soll die Sozialkompetenz der Schüler erhöhen, indem sie für ein halbes Jahr einmal in der Woche drei Stunden in einem Kindergarten, Altenheim oder ähnlichem aushelfen.
Fünf Schüler aus meiner Klasse haben es erst zu einem Praktikumsplatz gebracht, unter anderem Kerem. Der Rest scheint darauf zu warten, dass ihnen die Angebote auf dem Silbertablett serviert werden.
„Erzähl‘ doch mal, wie das war, als du dich im Kindergarten vorgestellt hast!“ fordere ich Kerem auf. Vielleicht motiviert das ja die anderen…
Kerem kommt ziemlich unwillig nach vorne, zieht seine Kapuze übers Gesicht und verwandelt sich wieder in ein Küken. Alle lachen.
„Jetzt lass doch mal den Quatsch!!“ sage ich.
„Iremömmelkömmelgaten“ nuschelt Kerem unter seiner Kapuze.
„Och, nee Kerem! Was soll das jetzt?!“
„Er hat neue Zahnspange, Kerem!“ erklärt Hülya und das Küken nickt heftig.
Erst nach einigem Hin und Her und nachdem er mir seine Spange vorgeführt hat, beginnt Kerem zu erzählen. Er spricht ein bisschen undeutlicher als sonst, aber man kann ihn ganz gut verstehen.
„Also erstmal bin ich zu’n Kindergarten gegangen, danach ich kam nicht rein, weil da war so ein Schloss mit ein …mit ein…so ein ..ich weiß nicht, wie man das nennt und das war zu.“
Wir wissen auch nicht, was er meint, aber pantomimisch bezwingt Kerem das Hindernis und ist auch schon drin im Kindergarten.
„Danach, da war so eine Bürofrau und die hat gesagt, wenn du um 13.00 Uhr anfängst mit dein Praktikum, dann ist es schlecht, denn es gibt’s dann keine Kinder, weil die schlafen. Und danach sie hat gesagt, vielleicht kann ich zu den Fahrstuhlkindern, weil die schlafen ja nicht!“
Aha, die Fahrstuhlkinder… Hab ich noch nie gehört, diesen Begriff! All diese neuen Termini in der Pädagogik – da blickt ja kein Mensch mehr durch…
„Danach, wir sind raufgegangen, also die Bürofrau und ich.“ Kerem ruckelt seine Spange zurecht (Ein interessantes Teil, denn sie bedeckt komplett die Zähne des Unterkiefers und ist knallrot) und schnauft.
„Und dann?“
„Danach, wir waren bei den Fahrstuhlkindern und da hat die andere Frau gesagt, okay, das geht und jetzt mach ich bei diese Kinder Praktikum!“
„Aber Kerem, eins hab‘ ich nicht verstanden. Fahrstuhlkinder, was ist das eigentlich?“
Kerem sieht uns stirnrunzelnd an und schnauzt: „WAS FAHRSTUHLKINDER?!?“
„Du hast doch gerade gesagt, du warst bei den ‚Fahrstuhlkindern‘!“
„Niemals! Vorschulkindern hab ich gesagt! VORSCHULKINDER!“

Womit wieder mal bewiesen ist, dass Küken mit Zahnspangen nicht die besten Informanten sind…

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23 Antworten zu Immer diese Fachsprache!

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    XD und der inkludierte Leser denkt zu erst an Rollstuhlkinder und fragt sich: Wieso schlafen die denn nicht?!
    Herrlich!

  2. Fjarill schreibt:

    Und ich dachte schon: „wir sind raufgegangen“ – klar, Fahrstuhlkinder sind oben untergebracht! Aber auf Vorschulkinder wär ich nicht gekommen. 😀 Süßes Küken.

  3. amhránaí schreibt:

    Küken mit Zahnspangen – danke für dieses großartige Kopfkino!!

  4. nana schreibt:

    boah wie süüüüüß! außer knallrote zahnspange, das klingt ein bisschen fies.

  5. flosch schreibt:

    Und ich dachte, das wäre dann die moderne Version des Schlüsselkinds…

  6. Frau Hilde schreibt:

    Jöö, ist das niedlich.
    Armer Bub, ist so eine knallrote Zahnspange nicht mega-unkuhl?

  7. Jürgen schreibt:

    Wirklich süß!

  8. Aber um mal zu einer winzigen Verteidigung für Kerem anzusetzen, mit neuer Zahnspange ist es echt erstmal schwer, verständlich zu sprechen. 😉

  9. Mithrandir schreibt:

    Kann es ein, dass Kerem bzw. seine Eltern sich leider keine weniger auffällige Zahnspange leisten können?

  10. nadineswelt schreibt:

    Wie genial! Fahrstuhlkinder – Vorschulkinder. Nein, da wär ich auch nicht draufgekommen. Und wieso um alles in der Welt sucht sich Kerem ne rote Zahnspange aus???

  11. Olaf aus HH schreibt:

    Zur Zeit habe ich ein Provisorium im Gebiß und nuschel auch ein wenig mehr als sonst so…
    Bitte nicht so ganz böse oder lästerlich sein, was Kerem angeht (wer hat nun bloß die Farbe ausgesucht ??).

  12. irashanau schreibt:

    Die rote Zahnspange ist doch ein schöner Kontrast zu der gelben Kleidung. Bis zum Praktikum sollte er aber das Sprechen mit der Spange noch ein bisschen üben, damit die Vorschulkinder ihn verstehen 😉

  13. Bluete schreibt:

    … und ich überlegte ob es bereits im Kindergarten sowas wie FAHRKINDER gibt, also Kinder, die mit dem Bus in den Kindergarten kommen, wie die Fahrschüler. Aber wenn das so ist, habe ich derzeit auch ein Fahrstuhlkind :-).

    • Graugrüngelb schreibt:

      Es gibt (heilpädagogische) Kindergärten, zu denen die Kinder mit Bussen (oder per Taxi) gebracht werden. Sooo abwegig ist der Gedanke also nicht.

    • kroetengesicht schreibt:

      In meinem alten Kindergarten ist es ganz normal, dass alle Kinder des Kindergartens morgens mit einem Bulli abgeholt und mittags wieder weggebracht werden. Der Kindergarten gehört zur evangelischen Kirchengemeinde im Ort und ein armer Zivi muss mit einem Begleitelternteil (nicht seine Eltern, sondern von den Kindern) immer hin und her fahren, bis alle Kinder da sind. Der Kindergarten ist total beliebt.

  14. Pannes schreibt:

    Mit einem Bulli abgeholt werden, das finde ich aber mal arschcool! Will auch! 😉

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