U 18

Die Zehner sehen mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Ehrlich gesagt, fühle ich mich auch so. Es ist acht Uhr, draußen wird es nicht richtig hell, der Klassenraum ist ausgekühlt und einige Tische und Stühle stehen wohl noch seit der Weihnachtsfeier im Nachbarraum. Ungemütlich! Lustlos zerren Juan und Kevin das fehlende Mobiliar rüber und als endlich alle einen Platz gefunden haben, sage ich:
„Guten Morgen! Ich wünsche euch ein gutes Neues J…“
Sara, die ihren Kopf auf den Tisch gelegt hat, verkündet: „ Ich habe die ganze Nacht nich‘ geschlafen, bin nur zum Sterben gekommen.“
Die anderen gähnen oder murmeln irgendwas, Tugba lässt ihre langen Haare komplett übers Gesicht fallen und Kevin zieht seine Kapuze über den Kopf.
„Ich heiße Frl. Krise und bin eure Deutschlehrerin!“ füge ich hinzu. Vielleicht besser, ich stelle mich vor, immerhin waren vierzehn Tage Ferien.
„Stressen Sie nicht, Frl. Krise!“ Tugba hat sich nun auch noch ihre Mütze über den Kopf gestülpt. „Geben Sie mir lieber ein Pflaster!“
„Tu mal die Haare da weg, wenn du mit mir redest“, sage ich leicht unmutig. Spinnen die alle? Meinen die vielleicht, ich wäre heute freudig aus dem Bett gesprungen? Tzzzz. Ganz im Gegentum, ich schwöre!
Aber als leader of the päck muss ich ja jetzt ein Minimum an Schwung und Elastiziät verbreiten, sonst schnarchen die mir alle ab…
„Ich kann niiiihicht,“ wimmert Tugba, „ich brauche ein Pflasteeeeer!“
„Wieso das denn?“
Tugba lupft ein bisschen die Haare und präsentiert mir einen fetten Pickel auf der Nasenwurzel. Nein – Pickel stimmt nicht. Es handelt sich um ein schon ausgequetschtes Exemplar, entzündet,dick und rot .
„Jetzt lass den Quatsch mit den Haaren“, sage ich ungnädig. „Wenn das erstmal jeder gesehen hat, ist es doch auch egal!“
„Neiiiiiiiiin! Niiiiiiiemand darf das seeeeeeehehen!“ Tugba geht wieder auf Tauchstation.
„Also, Leute, Tugba hat einen total dicken Pickel auf der Stirn. Alle mal hergucken und dann fangen wir mit Deutsch an!“
„Ihhhhh, Frl. Krise, sie sind voll gemein!“ Tugba blinzelt mich wütend durch ihre Mähne an.
Die anderen lachen ein bisschen, aber nicht gehässig, sondern müde und nachsichtig und für den Pickel interessiert sich sowieso niemand, außer Kevin, der grundsätzlich für alles offen ist, was nicht mit Unterricht zu tun hat.
„Wollt ihr die Deutscharbeit wiederbekommen?“ frage ich rhetorisch und endlich kommt ein bisschen Bewegung in den Haufen. Nur Sara macht gar keinen Move mehr, ich habe den Verdacht, die ist wirklich eingeschlafen.

Die Deutscharbeit ist mittelschlecht ausgefallen, drei Fünfen, viele Vieren, wenige Dreien, zwei Zweien. Das reißt auch keinen aus dem immer noch anhaltendem Ferienkoma. Nur die Sechs von Peer lässt ein bisschen Stimmung aufkommen. Immerhin ein Täuschungsversuch! Peer versucht gar nicht zu leugnen und steckt die Arbeit schulterzuckend ein. Den Versuch war’s wert, scheint er zu denken.
Dann senkt sich wieder ein gnädiger Nebel aus Müdig- und Mattigkeit über die zehnte Klasse.
2013 – du fängst an wie jedes Jahr.

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36 Antworten zu U 18

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    leader of the päck- herrlich!

  2. Olaf aus HH schreibt:

    Neujahresdunst…
    Im Hintergrund des Waldes ruft das Käuzchen zum Schlaf oder Dämmer. Dakommsihnichsoganzrichiggegenanjetz.
    Huuhuuh !
    Aber der Rest wird kommen. Das dauert wohl nur ein wenig.

  3. Uli schreibt:

    Was sagen Sie denn hierzu:
    http://www.sueddeutsche.de/leben/wuerde-die-schule-doch-erst-um-uhr-beginnen-wie-eine-stunde-die-welt-veraendern-koennte-1.1501072

    Ich finde es schlüssig dass ein Schulbeginn um 9 Uhr viel sinnvoller wäre.

    • frlkrise schreibt:

      Das war immer mein Traum, d.h. Abendschule…das wär’s gewesen….!

    • Matthias schreibt:

      Dann wäre der Nachmittag für die Schüler vollends im A….
      Bei z.B. 36 Unterrichtsstunden eines 6.-Klässlers – wann käme der wohl von der Schule nach Hause?

      Und wie sollen die Eltern einigermaßen ein Auge darauf haben, dass ihr Nachwuchs morgens aufsteht? Arbeitsbeginn ist in D nunmal in den überwiegenden Fällen spätestens 8 Uhr, da würden die Kinder also (zurecht) noch im Bett liegen wenn die Erwachsenen morgens das Haus verlassen – und vielleicht eben auch etwas zu lange liegenbleiben.

      Und die Hausaufgaben – wann sollen die gemacht werden? Während die Eltern Tatort schauen oder früh vor der Schule?

      Man sollte auch nicht vergessen, dass es im Sommerhalbjahr schon lange (sehr lange) vor 8 Uhr hell wird.

  4. zitronenkirsche schreibt:

    „… nur zum Sterben gekommen“ ist mindestens genauso klasse. 😀

  5. Stephan schreibt:

    Nach den Osterferien sind dann alles wieder geistig da 😉

  6. Der Mathehügel schreibt:

    Hallo Frl. Krise,
    bin auch wieder da. Hoffe, Sie haben mich nicht zusehr vermisst. 😉 Habe immer mitgelesen. (Aber immer viel zu spät, um noch zu kommentieren)
    Aber vielleicht haben wir uns heute morgen gesehen? Waren Sie die schlafwandelnde Kollegin auf dem Weg zur 10b? Ich mein, die hat echt noch gepennt. Aber die nSchüler waren auch nicht besser . . . Sogar Physik in Klasse 8 war mal möglich.
    Geiler Schulanfang!!!
    Gruß Der Mathehügel

  7. Ulla39 schreibt:

    Liebe Krisi, ich freue mich für Sie, daß Sie bald pensioniert werden. Diese Schüler sind ja nicht zum Aushalten.

    • krizzydings schreibt:

      Wenn jeder so denken würde, wäre Deutschland schon längst verloren und Frl. Krise würde an einer elitegesamtschule eines eher wohlbehüteten Stadtteils arbeiten… (wobei ich bezweifle, dass die schüler dort mehr Plan von der Welt haben)

      • Ulla39 schreibt:

        Auf so viel Verallgemeinerung eingehen, ist zeitraubend.
        Ich halte es mit dem Spruch „Keiner darf verloren gehen“ von Arnold Dannemann(Gründer des CJD). Nur liegt offensichtlich die Last ziemlich einseitig auf den Lehrern. Die Schulbehörden müßten sich FÜR ihre Lehrer einsetzen und auf die Veränderungen bei den Schülern eingehen. Auch eine engagierte warmherzige humorvolle Lehrerin wie Frl Krise hat keine unerschöpflichen Energien.

  8. Dem Satz „2013 – du fängst an wie jedes Jahr.“ kann ich mich nur anschließen!^^

  9. GG schreibt:

    So aus der Entfernung unterhält mich der neue Artikel mal wieder sehr gut 🙂 . Aber die Vorstellung, mitten unter euch zu sein, wäre dann nicht mehr lustig.

  10. nadineswelt schreibt:

    Also, ich finde Peer Reaktion besser, als wenn er das Diskutieren und das „ichhababanich“ anfangen würd. So hat er wenigstens Arsch in der Hose und steht zu seinen Fehlern.

    • frlkrise schreibt:

      Die Beweislast war allerdings ERDRÜCKEND!

      • daisy schreibt:

        Dass die Schüler aber auch nicht kapieren, dass wir LehrerkörperInnen trotz hohem Alter auch noch so ein bisschen Computerwissen haben und googeln können. Erstaunt mich von Jahr zu Jahr mehr.

      • Robin Urban schreibt:

        Aber ist denen das sonst nicht auch herzlich egal?

      • Michael schreibt:

        Warum? Hat er den Namen seines Tischnachbarn mit abgeschrieben? Nicht lachen, hat ein Klassenkamerad von mir mal gemacht. Das war ein Riesengejohle, als der Lehrer dann zwei Arbeiten mit dem gleichen Namen präsentierte. Kurzer Schriftvergleich mit den Schulheften, dann war klar, wer die 6 verdient hatte. Und „verdient“ ist hier wörtlich zu nehmen!

  11. klosterfrau schreibt:

    9/12 Wochen – geiler Film!

  12. klosterfrau schreibt:

    Ich meine natürlich 9 1/2!

  13. Inch schreibt:

    Was würde eigentlich passieren, wenn Sie sich an Ihren Tisch setzen, den Kopf auf selbigem ablegen und auch schliefen?

  14. oachkatz schreibt:

    Trotz allem: auch Ihnen eine Gutes Neues. Und man kann seinem Anfang vielleicht sicher einen Mangel an Phantasie vorwerfen, im weiteren Verlauf wird dieses Jahr Ihnen sicher einiges Neues bieten, spätestens ab Ostern, oder? Ich werde Ihre Berichte aus der Schule sehr vermissen.

  15. Hach, klingt exakt wie mein Anfang Montag früh bis auf Kleinigkeiten *nachbesser*: die Tische standen auf dem Flur, weil da noch die Kostüme vom Krippenspiel drauf „trockneten“ – seit Ferienbeginn… – und die Hälfte der Klasse, die zu Anfang der Stunde nicht bei den wenigen dösenden Exemplaren zu finden war, kam eine halbe Stunde später: der Busfahrer hatte noch nicht abgespeichert, dass er ab MO wieder die SCHULBUSroute statt die Linienbusroute nehmen musste und sie stehengelassen…

    • Kejo111 schreibt:

      Und wie die Räume wieder rochen nach zwei Wochen Ferien … durchgehend geheizt, aber nie lässt da mal jemand Luft rein. Grausig.

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