Posttraumatische Begegnung

Hohoho! Weihnachtsgeschenke kaufen! UNBEDINGT! Wann, wenn nicht jetzt?
Dachte ich so bei mir, als ich leicht angeschlagen vom Schulhof schlich. Immerhin war es noch nicht ganz dunkel, ich trug halbwegs bequeme Stiefel und eine Scheckkarte hatte ich auch dabei.
Nur mein widerborstiger innerer Schweinehund wollte nicht mit – aber Pech für ihn! Auf seine wehleidigen Zustände kann ich nicht immer Rücksicht nehmen, heute musste er mal dran glauben!

Also ab ins Parkhaus. Dann erst mal zur Post.
Da erwartet mich eine elendig lange Schlange. Fünfzehn Minuten Wartezeit, schätze ich – wenn‘ s reicht. Typisch! Hätte ich mir gleich denken können!
Mit einem kleinen Seufzer stelle ich mich an.
Vor mir steht ein Mann, etwa in meinem Alter – er würde sich vermutlich als Herr bezeichnen. Langer schwarzer Mantel, schwarzer Schlapphut, roter Schal, längere graue Haare, geputzte Schuhe. Er dreht sich zu mir um und grinst mich an. Sein Blick gefällt mir nicht und seine Zähne – eindeutig Marke Baustelle.
„Geduld, Geduld! Sie brauchen Geduld! Mit Geduld geht alles besser!“ sagt er salbungsvoll und schaut mir tief ins Auge.
Ich habe aber leider weder Lust mich von ihm anstarren zu lassen, noch mich mit ihm zu unterhalten und schon gar nicht, mich in Sachen Geduldsentwicklung belehren zu lassen.

Wenn ich ungeduldig bin, dann bin ich es. Punkt!

„Wenigstens ist es doch warm hier drinnen! Draußen muss man frieren!“ Er versucht es mit einem anderen Gesprächsanknüpfungspunkt und kommt mir mit seinem Gesicht etwas näher…
Ich schweige verbissen und trete einen kleinen Schritt zurück. Der Mann gefällt mir nicht. Nicht mein Typ! Überhaupt nicht. Er soll sich gefälligst ‚rumdrehen und mich in Ruhe lassen.
Aber es geht schon weiter: „Man muss alles im Leben positiv sehen, dann macht es mehr Spaß! Mein Motto! Schon immer!“
Wen interessiert’s? Mich nicht.
Der soll ruhig sein! Dabei habe ich einen rheinischen Migrationshintergrund und unterhalte mich eigentlich gerade in diesen Wartesituationen liebend gerne mit fast jedem über fast alles. Aber nicht mit diesem Unsympathen.
Aus Versehen gebe ich einen kleinen Ton ab, den er als Zustimmung auffasst. Das gefällt ihm.
„Aber vielleicht bin ich auch nur so ein geduldiger Mensch, weil ich das in meinem Beruf brauche!“ verkündet er nun und zwinkert mir zu.
Soll ich jetzt denken, er ist Gehirnchirurg oder was?
Wenn er Pailletten an Chanel-Abendkleider nähen müsste, dann bräuchte er Geduld!
Na ja, mir doch egal, was der macht.
Am liebsten würde ich ihm an den Kopf schmettern, dass gerade, weil ICH beruflich so geduldig sein muss, mein Geduldsreservoir komplett erschöpft ist und mir deshalb sein Gelaber tierisch auf den Keks geht. Das nervt eindeutig mehr als das Anstehen.
Aber ich gucke mir lieber cool die Weihnachtskarten an, zu denen sich die Schlange jetzt vorgearbeitet hat.
Der Kerl lässt nicht von mir ab: „Wir in unserem Alter sollten doch schon gelernt haben, die Geduld als eine große Tugend anzusehen!“ beschwört er mich.
Himmel! Wie lange soll das noch gehen? Es reicht! Now or never! Ich hole zum ultimativen Schlag aus und sage zuckersüß:
„Ja, Sie in ihrem Alter wahrscheinlich schon! Ich noch nicht!“
Er zuckt zurück, betrachtet mich einen Moment lang zweifelnd und dreht sich schlagartig um.
Endlich Ruhe. Puh.

Bilde ich mir nur ein, dass die junge Frau hinter mir kichert?

Mein kleiner Schweinehund meldet sich wieder. Ich soll die Schlange verlassen. Er will nach Hause auf die Couch! Was essen! Kaffee trinken! Frau Freitag anrufen!
Aber da hat er was von mir zu hören bekommen! Bisschen Geduld kann der Kerl ruhig auch mal lernen.
Hohoho!

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34 Antworten zu Posttraumatische Begegnung

  1. inneres Stimmchen schreibt:

    Fräulein Krise? Sie haben nur ein Auge?
    Sind sie- neben allem anderem- auch noch sowas wie ne Rheinpiratenbraut?! o.O

  2. hajo schreibt:

    richtig, Frl Krise, gib’s ihm und laß Dich ja nicht unterkriegen
    .. auch nicht, wenn’s „der Eigene“ ist
    (Mensch, ich mein‘ das MIschwesen 🙂 )

    Sag mal, Du hast nicht geschrieben, WESSEN Kreditkarte du dabei hattest 😉

    übrigens: wie hättest Du auf den „Typen“ reagiert, wenn er Dich angesprochen hätte mit „schau‘ mir in die Augen, Kleines?“

    „Wenn ich ungeduldig bin, dann bin ich es. Punkt! “
    Eine Frau, die konsequent ist …? Wahnsinn!

    Ich weiß, es reicht.
    übrigens (ein Wort, daß meine 6jährige Enkelin derzeit mit Vorliebe, aber trotzdem korrekt, benutzt): Wie sieht denn Deine Kreditkarte aus?
    #duckundweg#

    Liebe Güße aus Frankfurt am Main
    Hajo

  3. Kejo111 schreibt:

    In solchen Fällen warte ich nicht allzulange damit, zu sagen: „Steht vielleicht auf meiner Stirn geschrieben: ‚Bitte drängen Sie mir ein Gespräch auf‘?“

    Dann kehrt schlagartig Ruhe ein.

  4. nadineswelt schreibt:

    Zähne Marke Baustelle? Also pfui! Das ist ja schlimmer als die Mistlaberei!!!

  5. michaela schreibt:

    „Wo ist der Bus mit den Leuten…

  6. michaela schreibt:

    … die das interessiert?“

  7. Olaf aus HH schreibt:

    Wahrscheinlich ist er nur Hartz IV-Patient, verzweifelt und braucht Zahnersatz, den er sich nicht leisten kann. Seien Sie sozialgelassen und seien Sie froh, weil Herr Hartz der Vierte (dieser brasileinsfixierte Puffgänger von VW) Sie nicht trifft.
    Oder wollen Sie noch einmal den Sinuslift verfolgen – z. B. den hier, bourgeoismusikbegleitet ?:

    Frohen Nikolaus morgen. Mehr geht jetzt nicht wirklich.
    Zahnärzte sind schlecht dran… Jeder braucht sie, einige mögen sie. Quasi „Rechtsanwälte für das Dentale“ Shit…
    Wer zweifelt, bringt seine Pumpgun mit.

    • frlkrise schreibt:

      Weg mit diesem Videooooooooo!!!!!!

    • Ulla39 schreibt:

      Daß ich mal einen negativen Aspekt von Hartz4 zum Besseren korrigieren würde, hätte ich nicht gedacht. Fassen Sie’s als Ermutigung auf, nicht Verteidigung von Hartz4!!!
      Mit dem Zahnersatz ist es ganz sooo schlimm nicht: Man sollte wenigstens 1 mal im Jahr zum Zahnarzt gehen, wenn auch nur zur Kontrolle, wird im „Bonusheftchen“ eingetragen, gibt bei Zahnersatz Ermäßigung. Hartz4-Empfänger bekommen den doppelten Regelsatz; das ist immerhin etwas. Auf jeden Fall mit den Belegen über die „Einkommens“verhältnisse zur Krankenkasse gehen. Im persönlichen Gespräch läßt sich vieles besser klären.
      Daß ich mal einen negativen …

    • Kejo111 schreibt:

      ALG2-Empfängern wird der Zahnersatz (Regelversorgung) zu 100 % von der Krankenkasse bezahlt – das Argument „kann ich mir nicht leisten“ zieht also da überhaupt nicht.

      • tria-muchacha schreibt:

        ja, dumm nur, dass der „regelsatz“ sich nicht mit solchen banalitäten wie zahnerhalt befasst. da gibts das system „zahn raus, ersatz rein“: neckische plastezähnchen mit metallklämmerchen zur befestigung, für die die nachbarzähne auch hübsch mit angeraspelt werden. fazit: jahraus, jahrein wächst das brückchen, und am ende kann der träger mit fug und recht behaupten, er habe zähne wie sterne. (denn: abends kommen sie raus.)
        von den ganzen folge-gemeinheiten, die fehlende oder schlecht versorgte zähne hervorrufen (z.B. magen- und später herzkreislauferkrankungen), redet auch keiner. hier wäre prävention erHEBlich besser …

  8. crocodylus schreibt:

    War es einer dieser Herren?

  9. Rabia schreibt:

    Liebes Frl. Krise,

    ich muss gestehen ich bin zu einem frl.krise-blogaholic mutiert und habe innerhalb von 4 Tagen diesen Blog von vorne bis hinten komplett durchlesen.

    ICH LIEBE SIE!
    Soviele Dinge, die Sie schreiben, kann ich perfekt nachvollziehen und ich freue mich jedes Mal wenn es Neues zu lesen gibt.

    Danke für das Schreiben dieses Blogs!!!!

    Viele liebe Grüße und ganz viel Kraft, um den Alltag in der Schule zu überstehen!

  10. Inch schreibt:

    Hihihi! Klasse! Dem haben Sie es schön gegeben. Solche Zutraulichkeiten mag ich auch nicht. Ich meine, irgendwann muss doch jeder merken, dass der andere keine Lust auf Geschwätz hat?

  11. zartbitterdenken schreibt:

    Ich mag das auch nicht, wenn Menschen meinen persönlichen Wohlfühlabstand einhalten. Und überhaupt… woher kommt das Verlangen mit einem Fremden gleich so derart vertraut sein zu sollen?

  12. KC schreibt:

    Aber was er nun beruflich macht, hat er dann doch nicht verratem, oder wie?

    • muttimeckert schreibt:

      Doch wohl hoffentlich nicht Lehrer im Ruhestand?
      😉

      Bei Zähnen fällt mir ein: Ich bin vor zwei Tagen auch eines Zahnes verlustig gegangen (mit Hilfe einer sehr professionellen und besonders einfühlsamen Zahnärztin). Die entstandene Lücke (zwar im Backenzahnbereich aber immerhin bei meinem häufigen und besonders breiten Lachen sichtbar) muss jetzt 6-8 Wochen ungefüllt bestehen bleiben.
      Ich ertappe mich schon dabei, dass ich mich scheue zu lachen, damit man das nicht sieht.

      • asty schreibt:

        Ich hätte auch auf Lehrer getippt…. 🙂
        Waren Sie da wirklich nicht neugierig, Frl. Krise, was der nu von Beruf war?
        Lehrer wäre doch echt der Hammer gewesen!!

        Grüsse
        asty

      • KC schreibt:

        Stimmt, wir hatten mal so einen Pflegefall, der nur als Vertretungslehrer arbeitete, weil er seine Beißerchen sanieren musste und die dafür fälligen 10 Riesen nicht hatte…und immer fleißig Kette geraucht hatte

  13. Barkai schreibt:

    Soll ich jetzt denken, er ist Gehirnchirurg oder was?
    vermutlich so in der Art. Aber der einzige Neurochirurg in meiner Verwandtschaft ist auch chronisch ungeduldig außerhalb des OP-Saals (innerhalb des OPs kann ich’s nicht sagen, aber vllt ist es wie mit Lehrern und die ganze geduld wird im Beruf aufgebraucht?)

    Aber vllt hättest du freundlich fragen sollen, ob er pailletten annäht?

  14. Frau Hilde schreibt:

    Also, ein bisschen hätt’s mich ja schon interessiert, was der gute Mann denn beruflich so getätigt hat, bevor er alt wurde.
    Aber nach einer Ewigkeit Schlangestehen bei der Post… hm… nee, da hätte mich das vielleicht auch nicht mehr interessiert…

  15. RogueEconomist schreibt:

    Nur so nebenbei: Passiert ihnen das auf der Post auch immer, dass alle Leute vor einem ewig brauchen und man selbst nach 30 Sekunden am Schalter wieder draussen steht?
    Aber hier zeigt sich wieder: Shoppen, der ÖPNV, Urlaubsfotos und Erledigungen könnten so schön sein wenn die anderen Leute nicht da wären…

  16. tria-muchacha schreibt:

    *lach mich schlapp* GROOOOOßartig!

  17. Prinzenrolle schreibt:

    frl. krise interveniert – die Entdeckung des Tages! Ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie ich hierher geraten bin – aber ich freu mich sehr darüber! Ich hatte gerade eine amüsante halbe Stunde und bin morgen sicherlich wieder da zum Stöbern.
    Danke für gute Unterhaltung a la „Wie das Leben so schrieb“ und noch eine gute Zeit!

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