Vertretung fetzt

Vertretung! Ich soll Aufsicht führen – vier Schüler des zehnten Schuljahrs müssen eine Arbeit nachschreiben. Endlich mal eine schöne, befriedigende Aufgabe! Komischerweise stehen nur zwei Jungen, Juan und Kevin, vor dem Raum, in dem das Event stattfinden soll.
„Katja und Esra fehlen!“ sagt Kevin mürrisch auf mein Nachfragen.
„Ich kann nichts!“ versichert mir Juan, kaum, dass er den Raum betreten hat. „Muss ich schreiben?“
„Natürlich! Fang doch erst mal an!“ Ich versuche muttivierend zu gucken, denn helfen kann ich ihm nicht, es geht um Mathe.
Juan setzt sich widerwillig hin, zieht nicht einmal seine Jacke aus und malt mit ablehnender Miene kleine schwarze Männchen auf den Arbeitsbogen.

Auch Kevin ist nicht begeistert. „Warum nachschreiben? Wer ist denn auf die glorreiche Idee gekommen, uns heute nachzuschreiben zu lassen?“
„Dein Mathelehrer und wahrscheinlich, weil du heute ausnahmsweise mal da bist!“ sage ich milde.
„Hä?“ Kevin legt seine Stirn in Falten. „Wie meinen Sie das?“
„Kevin, stell dich nicht dumm. Du fehlst doch in einer Tour. Wie oft warst du z. B. seit dem Sommer in ‚meinem‘ Kunstunterricht?“
„Ja, Kunst! Da geh ich nicht hin, weil Sie mir letztes Jahr so schlechte Note gegeben haben!“
„Weil du letztes Jahr auch schon andauernd gefehlt hast!“
„Gaaaaarnicht!“ Kevin streicht sich sein überlanges Pony aus dem Gesicht. „Ich war fast immer da und wenn ich nicht da war, dann war ich entschuldigt und bloß, weil Sie mich nicht leiden können…“
Ich schweige. Es hat wohl keinen Sinn, ihn daran zu erinnern, dass er mir in der ersten Kunststunde dieses Schuljahrs hoch und heilig versprochen hatte, nicht mehr zu schwänzen.

Kevin haut sich auf einen Stuhl und starrt auf die Arbeit vor ihm auf dem Tisch.
„ Ich hab keinen Stift!“ teilt er mir mit.
Wortlos reiche ich ihm meinen Kuli.
„Ich hab keinen Taschenrechner!“ sagt er dann und guckt mich an, als wäre ich persönlich schuld am Elend der ganzen Welt.
Ich zucke mit den Achseln.
Juan steht auf und reicht ihm seinen rüber. „Ich kann sowieso nix!“ sagt er und nimmt seine Tasche. „Kann ich in meine Klasse gehen?“
„Bitte!“
Jetzt bin ich mit Kevin allein.
„Können SIE Mathe?“ fragt Kevin und sieht mich schräg von unten an.
„Nein!“ sage ich.
„Wie sind Sie da Lehrerin geworden? Wenn Sie nichts können?“
Ich bleibe ganz stoisch. „Ich habe mir das Lehrer-Examen gekauft! Das Geld dafür habe ich mir mit Mathenachhilfe verdient!“
„Hä, wie jetzt?“ Kevin ist verwirrt.
Er senkt wieder seinen Kopf und tippt wild auf dem Taschenrechner herum..
„Woher soll ich das können!“ meutert er. „Wenn der mich doch immer raus schmeißt!“
Nach 85 Minuten legt er den Stift hin. „Fertig!“

Das waren ja mal zwei angenehme Stunden! Die reine Erholung! Beschwingt gehe ich Richtung Lehrerzimmer. Vor dem Vertretungsplan stehen meine Jungs.
„Frl. Krise! Neunte Stunde fällt heute aus bei Sie, wa?“
„Was? Warum das denn?“
„Steht hier!“
Tatsächlich! Wegen der zwei Vertretungsstunden darf ich die 9.Stunde abhängen! Ist ja herrlich.
Meine Kinderlein freuen sich wie die Verrückten. Yeah! FREI!
Höchst unpädagogisch klatschen wir uns ab!
Frl. Krise…!

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18 Antworten zu Vertretung fetzt

  1. nadineswelt schreibt:

    Die unpädagogischen Lehrerinnen waren immer die coolsten!

  2. da waren doch nur 2 schüler… tzzzz, diese verschleierungstaktiken…

  3. inneres Stimmchen schreibt:

    Tsss frei für abhängen… tss tss tss hat man da noch Worte 😀

  4. Robin Urban schreibt:

    Ich bin beeindruckt von Kevins Wortschatz! „Glorreich“! Aus dem wird mal was!

  5. Be Punkt schreibt:

    „Ich habe mir das Lehrer-Examen gekauft! Das Geld dafür habe ich mir mit Mathenachhilfe verdient!”

    Herrlich!

  6. frauhilde schreibt:

    Subtile Ironie. Schön. 🙂
    Aber wow, man bekommt regulären Unterricht frei, wenn man Vertretungsstunden macht? Krasse Sache!

  7. Stephan schreibt:

    Wie schaut eine Lehrerin „muttivierend“?

  8. Thommi schreibt:

    Hihihi, als angehender Lehrer habe ich schallend gelacht über: „Wie sind Sie da Lehrerin geworden? Wenn Sie nichts können?“

    Sollte so eine Frage mal von meinen Schülern kommen habe ich hoffentlich ein Bündel guter Antworten zur Hand. In der Uni fühlt man sich auch jetzt zum Abschluß hin manchmal als würde man nichts, rein gar nichts, können.

    • lottamachtkrach schreibt:

      Naja, ist ja auch so 😉
      Das wurde mir ziemlich klar, als ich mit meiner ersten „perfekt ausgearbeiteten“ Unterrichtsstunde mit Pauken und Trompeten untergegangen bin. „Die Stunde hätten Sie am Gymnasium in der 9. Klasse halten können, Frau Krach. Nicht an der Hauptschule in der 8.“

  9. rotezora. schreibt:

    Da hielt sich wohl die Muttivation für die neunte Stunde auf beiden Seiten in engewn Grenzen gehalten!

  10. rotezora. schreibt:

    Na, was hab ich denn da für einen Schwachsinn geschrieben, denkt euch mal das „w“ und „gehalten“ weg.

  11. Inch schreibt:

    Sie sollten nachschreibende Schüler nicht mit komplizierten Denkaufgaben verwirren! Examen gekauft, Mathenachhilfe … Tzzz

  12. Claudia schreibt:

    Moment Moment Moment … Kevin kennt das Wort glorreich? Und an ihn glaubt trotzdem keiner? Mensch, der Grundstein liegt bei dem, da muss nur noch gefeilt und geformt werden! Der ist nicht hoffnungslos! Ich meine – glorreich! Nicht krass oder scheiß oder was auch immer … er hat glorreich gesagt! (Hat er doch, oder haben Sie ihm da gar ein angenehmeres Wort in den Mund gelegt?)

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