Auch eine Erkenntnis…

Frau Herz hat Besuch von ihrer ehemaligen Schülerin Chanel. Die beiden sitzen sich in der Mensa an einem Tisch gegenüber. Ich komme mit meinem Kaffee dazu.
Frau Herz isst gerade ein Nudelgericht, worunter ihre Aussprache etwas leidet.
Chanel trinkt ein Wasser und sieht super aus. Ehrlich. Chic angezogen, dezent geschminkt. Nur die langen künstlichen Wimpern und Fingernägel gefallen mir nicht.
Sie besucht so eine Art Berufsschule für Körperpflege und will irgendwas mit Beauty und Massage werden. Oder mit Wellness und Visagistin – mal sehen.
Das Wort „besucht“ könnte natürlich streng genommen auf eine nur gelegentliche Anwesenheit hindeuten, überlege ich – bei uns hat sie in der zehnten Klasse nämlich auch viel gefehlt… aber nein, jetzt gehe sie regelmäßig, versichert sie uns. Im Moment habe sie sowieso Praktikum, das sei krass mies, viel besser als jede Schule!

Und sie ist zu Hause ausgezogen und wohne in einer Art betreuten WG! Diese ewigen Streitigkeiten in der Familie, das habe sie zu sehr belastet. Aber jetzt würde sie sich wieder gut mit ihren Eltern verstehen und sich auch oft bei ihnen aufhalten.
Frau Herz lobt das mit vollem Munde, was sich ungefähr so anhört: „Mpham Mömömel bemammt!“

Hm… gibt es noch etwas Neues? Chanel denkt nach.
Nein, Emre und Ömür habe sie lange nicht gesehen. Aber eine Lehrstelle hätten die nicht, das wüsste sie bestimmt. Ach ja, Hanna. Die sähe sie gelegentlich. Die sei wieder mit ihrem Ex Fikri zusammen. Ich verschlucke mich fast am heißen Kaffee und Frau Herz stockt die Pasta im Munde. Fikri! Tzzzz… Ausgerechnet der! Chanel lächelt und gibt uns zu verstehen, sie könne das auch nicht nachvollziehen.
Chanel ist übrigens gerade Single. Ihrem Freund Justin hat sie gleich nach dem Schulwechsel den Laufpass gegeben. Frau Herz und ich sehen uns zufrieden an. Gott sei Dank! Hätte sie das nur schon eher gemacht! Dieser kleine Gängster! Der hat sie doch nur vom Lernen abgehalten! Vielleicht hätte sie sonst doch noch einen Schulabschluss bekommen…

Chanel spricht leise. Sie sagt kein einziges Mal „Spast“ oder „der ist behindert“, sie blickt uns freundlich distanziert an, duzt uns nicht und antwortet wohlerzogen in ganzen Sätzen. Was sie sagt, klingt äußerst vernünftig und erwachsen. Gegen die Zehntklässler hier in der Mensa wirkt sie geradezu reif und gesetzt.
Ich hätte, ehrlich gesagt, noch im Juli keinen Pfifferling darauf gegeben, dass sie sich fängt! Juli! Das war doch gerade erst! Erst vor knapp fünf Monaten…

Chanel hätte mal ruhig ein bisschen früher mit dem Erwachsenwerden anfangen können, finden Frau Herz und ich später, als wir in den Unterricht gehen.
„Typisch, wir hatten natürlich nur den Ärger, Frau Herz,“ beklage ich mich.“Weißt du noch? Mit der war doch kein Auskommen!“
„Genau,“ sagt die und schnauft, „ Aber so isses doch immer !“

In meinem Klassenraum angekommen, schlage ich die Tafel auf. In wackliger Kinderschrift steht da:

„Schule ist auch keine Lösung!“

Hm.

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23 Antworten zu Auch eine Erkenntnis…

  1. Stephan schreibt:

    Irgendwann werden halt die meisten erwachsen! 😉 Für was soll Schule keine Lösung sein? Haben Sie da mal nachgefragt? 😉

  2. inneres Stimmchen schreibt:

    Schule ist keine Lösung für welches Problem? Aus welchen Elementen? …
    Irgendwie voll schön, dass ne Schülerin sie auch besuchen darf… also obwohl Frau Herz ja nicht mehr ihre Lehrerin ist

  3. Philip schreibt:

    Hallo Frau Krise.
    Darf ich eine kleine Geschichte erzählen? Dazu müsste man das Rad der Zeit ein wenig zurück drehen. Am besten in das Jahr 1986. Es war das Jahr in dem ich die Mittlere Reife gemacht habe. Das ist jetzt schon lange her….fast ein halbes Leben. Dennoch erinnere ich mich heute noch ziemlich genau daran, wie das alles so war. Vor allem war es so, dass ich in der Klasse war, die NICHT ins Schullandheim gefahren ist. Der Klassenlehrer wollte die Verantwortung einfach nicht übernehmen. Gut, unser Klassenbuch war in der Spalte *Eintrag* ziemlich vollgeschrieben. Und auch sonst waren wir echt wild. Auch in der 10ten haben wir, trotz neuem Klassenlehrer, auch keine Abschlussfahrt gemacht. Raten Sie mal…ja genau: Wegen der Verantwortung.

    Letztendlich haben dann doch alle in meiner Klasse die Mittlere Reife bestanden und heute, heute weiß ich, dass aus allen etwas geworden ist. Sogar der, der in der 10ten wochenlang geschwänzt hat und dem man quasi die Mittlere Reife geschenkt hat, ist heute Elektromeister und hat eine kleine Firma mit einer handvoll Angestellten.
    Man muss natürlich ehrlich sein und sagen, das so etwas in der heutigen Zeit eher nicht mehr funktionieren würde. Früher war es doch so, dass man, wenn man irgendwo hinein wollte, an der Türe angeklopft hat und dann wurde einem geöffnet. Man war dann drinnen. Und wenn einem nicht geöffnet wurde, hat man die Türe eben eingetreten und war dann auch drinnen.

    Heute kommen ja junge Menschen nicht einmal in die Nähe dieser Türe.

    Ich habe von einer Bekannten erfahren, dass deren Tochter sich um einen Platz an einer weiterführenden Schule *bewerben* musste. Früher hat man einfach eine Anmeldung aufgefüllt und war *drinnen*.
    Selbst als FacilityManager braucht man ja heute schon beinahe seinen Master.

    Meine Cousine, die auch lange nicht wusste was sie beruflich machen sollte, ist übrigens auch Lehrerin geworden.

    Ich zolle der jungen Dame einen riesen Respekt….alleine schon wegen der Verantwortung….

  4. Paddy schreibt:

    Sagen Sie Frau Herz mal, daß man mit vollem Mund nicht spricht. Siehe auch:

  5. Robert F. Drago schreibt:

    Absolut starke Texte. Konnte kaum aufhören, zu lesen. Hat Spaß gemacht; besonders beeindruckt mich, dass die Beobachtungsgabe so tief ins Detail reicht. DANKE!

  6. Kejo111 schreibt:

    Wer weiß, vielleicht hat tatsächlich die Schule Chanel daran gehindert, erwachsen zu werden. Ich erlebe das oft in der Ausbildungsvorbereitung, dass Bagaluten, die sich in der Schule benehmen wie die Axt im Walde, im Betriebspraktikum wie ausgewechselt erscheinen.

    Eigentlich kein Wunder – dort sind sie endlich unter Erwachsenen statt unter Gleichaltrigen. Viele brauchen das einfach, um endlich ihr unerträgliches pubertäres Verhalten abzulegen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

  7. nadineswelt schreibt:

    neinneinnein, das geht anders! Schreib doch nächstes mal drunter:
    no boys = no love
    no love = no sex
    no sex = no children
    no children = no school
    no school = no problems!!
    😉

  8. Anette schreibt:

    Aber genau hier sieht man doch, dass das ganze Ermahnen, Zurechtrücken, Mantrareden manchmal doch etwas bringt. Kaum im wahren Leben angekommen, WISSEN sie, wie sie sich benehmen müssen, auch wenn sie es vorher in der Praxis anders gemacht haben. Ich habe zu meinem Sohn mal gesagt: „Wenn ich gewusst hätte, wie nett du später wirst, wäre ich früher nicht immer so streng und konsequent mit dir gewesen.“ Er antwortete lächelnd: „Wenn du nicht so streng und konsequent gewesen wärst, wäre ich vielleicht nicht so nett geworden.“

  9. Inch schreibt:

    Das ist ja wie mit den Kindern im elterlichen Haushalt. Die kochen nicht, die backen nicht und über die Unordnung im Zimmer habe ich irgendwann aufgehört, mich aufzuregen, nur verlangt, dass die Tür geschlossen bleibt und ggf. (bei Besuch) auch abgeschlossen wird, falls einer mal aufs Klo und die Türen verwechselt.
    Und kaum sind die Blagen ausgezogen, putzen sie ihre Wohnungen und bebacken und bekochen alle und jeden!

  10. Sophia schreibt:

    Vielen Dank! Das zu lesen, hat mir den Tag gerettet. Ich arbeite seit ein paar Jahren in einer Kita in einem sozialen Brennpunkt. Wenn ich mir anschaue, wer da schon alles eingeschult wird, ohne – nach unserer Einschätzung – schulreif zu sein, wird mir jedes Mal ganz übel. Ich habe immer den Eindruck, die meisten könnten gut noch ein Jahr länger in der Kita vertragen, anstatt gleich mit der Schule überrollt zu werden. Da fehlt häufig ganz viel im sozial-emotionalen Bereich – von der Sprache mal ganz abgesehen. Wie sollen sie da jemals eine halbwegs gerade Schulkarriere hinlegen? Es tut mir gerade wirklich gut, mal etwas Positives zu lesen, was die Zukunft solcher Kinder angeht.

    • Mel schreibt:

      Unser Mini ist noch nicht in der Kita, aber ich bin froh das sich auch da einiges in den letzten Jahren getan hat und sehe an einer Freundin, das die Komunikation zwischen Eltern und Erziehern sich positv entwicklelt hat. Ihre Tochter hätte in die Schule gekonnt, doch gemeinsam hat man sich entschieden noch ein Jahr zu warten und das gemeinsam und mit sinnvollen Argumenten.

  11. Sisi schreibt:

    Klopft euch auf die Schulter denn WARUM ist sie denn jetzt wohl so gesittet und kann sich vernünftig artikulieren?
    NUR wegen der guten Vorbilder in der Schulzeit! 😉

  12. hajo schreibt:

    „Schule ist auch keine Lösung“
    immerhin erzeugt sie doch manchmal einen Philosophen (m/w) 😉
    .. oder war das abgeschrieben?
    NEIN, Hajo, Du bist doch Optimist!!! 😀

    • lucyrenard schreibt:

      Ich würde sagen, die Schule allein ist keine Lösung, Das würde eigentlich auch die Kommentare hier auf eine gewisse Weise zusammenfassen. Die Schule gibt alle Arten Chancen, positive sowie die, die von der Gesellschaft als negativ betrachtet werden. Die Frage ist aber, ob man diese Chancen ausnutzt und wenn ja, dann wie. Und welche Erfahrungen man damit macht. Meine Schule, zB., galt als sehr streng, ich war in einer Art Musterklasse, wo es überwiegend Kinder aus den Mittelschicht- und akademischen Familien gab. Ein Drittel von den Mitschülern haben sofort nach der Matura geheiratet und Kinder gekriegt, manche davon sind schon geschieden. Es gibt einige soziale „Loser“ und einige „Winner“; eine junge Frau hat sich – trotz aller Bemühungen seitens der LehrerInnen und der Eltern (pikantes Detail ist ihr im psychologischen Bereich tätiger Stiefvater) – seit einigen Jahren mit Eskortdienst verbunden usw. Die Schule hat allen eventuell gleiche Wege zur Verfügung gestellt: wie man sie geht und wann man erwachsen wird hängt doch von jeder einzelnen Person ganz persönlich ab.

      Danke für den Artikel! War sehr angenehm zu lesen.

      • Alexei schreibt:

        Es liest sich, als ob Escortservice was absolut negatives wäre…

        Jedem dass was derjenige will. Ein Recht darauf einen Job auszuüben, der einem gefällt, sollte doch keinem verwehrt werden.

        Und die Wege sind bei weitem nicht gleich… Nur die Wahrnehmung der Eltern und der Lehrer ist noch dahingehend verschoben, dass es ja immer auf die „Falschen Freunde“ ankäme – dabei spielt das Elternhaus und die ersten Jahre der Erziehung sowie das elterliche Umfeld eine größere Rolle – ob jedoch die Kinder dieses Umfeld aufnehmen oder ablehnen, hängt nur von der Art der Förderung der eigenen Kinder ab.

  13. sandramariaerd schreibt:

    Toller Artikel! Mein Mann erzählt ähnliche Geschichten. Aber es ist doch gut zu wissen, dass manche Kids es nach der Schule schaffen erwachsen zu werden, obwohl man ihnen dieses vorher nicht zugetraut hat. Andere dagegen, die in der Schule unauffällig waren, haben es hinterher schwer. Sei es drum.

    Einen schönen Sonntag.
    LG Sandra-Maria Erdmann

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