Leidensgenosse

Halb zehn in Deutschland. Frl. Krise sitzt am Computer, schreibt Emails und wartet. Auf den Tischler. Der wollte um neun kommen, um die Fenster in Bad und Küche auszumessen.
Yeah! Ich bekomme neue Fenster! Danke, Vermieterin! Wurde aber auch Zeit, denn die alten sind oll, zugig und lassen sich kaum noch öffnen und schließen. Im Winter sieht man förmlich, wie die teure Heizungsluft rausströmt und das kalte Berlin anwärmt…

Wer nicht kommt, ist der Tischler. Die Emails werden länger als geplant, weil mich niemand unterbricht. Hat ja auch was – jedenfalls für die Empfänger.
So ein Handwerker ist von Natur unpünktlich, dass weiß man doch, sage ich mir und ärgere mich trotzdem, vor allem, weil ich nicht mal ein Brief an seine Eltern schicken oder ihn nachsitzen lassen kann…
Endlich klingelt’s an der Türe. Ein dicklicher, älterer Mann schüttelt mir die Hand. – Berliner Urgestein, das sieht mein geschultes Auge sofort.
„Jänicke, mein Name, na, denn will ick ma kieken, junge Frau,“ sagt er und betritt das Badezimmer. „Dit muss raus!“ erkennt er mit einem fachmännischen Blick auf das Fenster, „aba dit wird schwierich!“
Er beginnt mit einen Läserteil, einem normalen Zollstock und einer Teleskopmesslatte zu hantieren. Dann besteigt er schnaufend die Fensterbank. Ich fürchte um sein Leben und biete ihm eine Leiter an.
„Dit jeht schon so, junge Frau! “ sagt er und kraxelt wieder runter. Eigentlich kann ich es nicht leiden, wenn mich jemand mit ‚junge Frau‘ anredet. Das sagen Männer meistens nur zu älteren Frauen. Ich jedenfalls komme mir immer sofort uralt vor, wenn mich jemand so bezeichnet! Aber ich traue mich nicht zu widersprechen. Vielleicht ist er empfindlich und geht gleich wieder… Mit Handwerkern muss man vorsichtig umgehen.
Herr Jänicke lehnt er sich gefährlich weit aus dem Fenster.
„Wat für Fenster ha’m eijentlich die Leute unta Ihnen?“ will er wissen.
Ich wage nicht zu antworten. Wenn er erschrickt, ist es womöglich um ihn geschehen, denke ich, bestimmt ist seine obere Hälfte mit dem Bauch schwerer als die untere. Nicht auszudenken, wenn… Seine Füße haben kaum noch Bodenberührung. Ein kleiner Stups und…
Ich reiße mich zusammen. Erst mache ich mir Sorgen um ihn, dann dieser Mordgedanke! Kranksein weckt anscheinend niedrige Triebe bei mir.
Nun muss noch das Fenster in der Küche ausgemessen werden. „Ach, Jotte, nee!“ Herr Jänicke schüttelt den Kopf. „Dit is aba ooch übafällisch!“ Er klopft die Umgebung des Fensters ab.
Klopfklopfklopf…es klingt irgendwie hohl.
„Na, dit is ja komisch…hör’n Se dit?“ Herr Jänicke klopft wieder, er legt den Kopf schief und ich erwarte, das er gleich „Lunge frei, Bronchien verschleimt!“ diagnostiziert..
Ich schüttle den Kopf. „Was soll ich denn hören?“
„Dit is reinet Rehjips und keene Stütze – nüscht! Jefällt ma nich, junge Frau!“
Hm. Wände ohne Stütze? Gefällt mir auch nicht. Aber was will ich machen? Muss ich jetzt etwa umziehen in ein erdbebensicheres Haus?
Herr Jänicke erklimmt auch hier wieder schwerfällig die Fensterbank. Sie ist aus Holz und knackt bedenklich. Er macht in aller Ruhe Fotos mit dem Händy und murmelt Unverständliches vor sich hin.
Als er endlich mit der Messerei fertig ist, setzt er sich an den Küchentisch und zeichnet allerlei auf den Block. „Is det ihre Wohnung?“ fragt er. Ich schüttle den Kopf .
„Wegen die Kosten!“ erklärt Herr Jänicke. „Ick weeß nich, sollen da Holz oder Plastikfensta rin?“
Ich weiß das leider auch nicht.
„Na, macht ja nüscht, junge Frau, dit krijen wa schon hin! Aba dit wird dauern! Vier Wochen, wenn nich länger. Ick melde ma, wenn ick Bescheid weeß.“

Er packt seinen Kram zusammen und steht auf. Beim ersten Schritt verzerrt sich schmerzlich sein Gesicht. „Dit nervt, wenn ma älta wird. Jeden Tach tut wat anderet weh! Mein Knie…dit macht ooch nich mehr lange…“

Ich habe vornehm dazu geschwiegen. Als ‚junge Frau‘ hat man schließlich noch keine Beschwerden dieser Art…

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24 Antworten zu Leidensgenosse

  1. brummelbrot schreibt:

    Ich wurde heute morgen vom Malermeister mit „Mei Moidl, des werd scho“ begrüßt. Mädchen. Na toll. Dann lieber „junge Frau“. Wird man eher ernst genommen ^^.

    Ältere Handwerker scheinen alle etwas mollig rund zu sein. Sind wir froh, dass die Fensterbänke noch dran sind… Und man bleibt gespannt, was in vier Wochen passiert 😉

  2. NähMa! schreibt:

    Ey, ich spreche mich jetzt mal voll gegen Handwerkerdiskriminierung aus!
    Muss ich quasi, schon rein automatisch. Bin schließlich mit einem verheiratet. Und der redet nicht so komig. ;o)
    Der dutzt nur jeden anderen Handwerker sofort. Und jeden Baumarktmitarbeiter. Und auch manchmal die Verkäufer in anderen Geschäften. So: „Hömma, habt ihr auch 8er Schrauben?“
    Die ersten Male hab ich mich immer gewundert, wie viele Leute er so kennt…
    Hab mich dran gewöhnt.
    Trotzdem:
    Handwerker is nich gleich Handwerker, okeeee?
    Ich erzähle jetzt auch nicht wie gerne der Gatte mit Lehrern arbeitet….*gg*
    LG
    Die NähMa!

  3. hafensonne schreibt:

    Kompliment für die gelungene Transkription des gesprochenen Berlinerisch! Ick konnte Herrnn Jänicke orijinal hörn! Wascheinlich ’n Lichtenberga.

  4. sannekurz schreibt:

    wie wunderbar…will man gleich seine eigenen Fenster auch auswechseln lassen…

  5. Olaf aus HH schreibt:

    Da hätte ich etwas für Sie, Frollein Krise:

    Eine herrliche vergleichende Betrachtung deutscher Handwerkertugenden von Thomas Freitag.;-)
    Und was das Knie angeht, so könnte es dann u. U. kommen:

    • Ulla39 schreibt:

      „Polen am Bau“ köstlich, köstlich!
      Hatte einen schönen bequemen Liegesessel, verlor nach und nach seine Schrauben, habe‘ sie gesammelt und einen (deutschen) Möbelschreiner gefragt, ob er wohl den Sessel…? Nee, den kann man nicht mehr reparieren. Fragte einen anderen ortsansässigen Handwerker, ob er…? Nee, den …s.o. Frage einen polnischen Bekannten, ob er …? Er guckt, denkt nach und repariert schnell und erfolgreich. Viele Jahre später verliert der Sessel wieder seine Schraube, ich frage den polnischen Bekannten … Nee, jetzt kann ich ihn leider nicht mehr reparieren. Die Haushaltshilfe aus Polen sagt, sie bringt jemanden, der repariert. Ich: „Ein Pole hat schon gesagt, es geht nicht mehr.“ Sie:“ Wenn Pole sagt so, dann geht wirklich nicht.“ Stimmt!!

    • frlkrise schreibt:

      Haha, seeeehr lustig! Dankä!

  6. Werner schreibt:

    Wo ist denn da das Problem, junge Frau? Solange ich beim Schlachter noch mit „Was darfs denn sein, junger Mann?“ angesprochen werden, ist alles in Ordnung, da weiß ich, daß ich noch nicht wie 100 aussehe. Schlimm würde es erst, wenn die die Verkäuferin sagt „Lassen se mal den alten Mann vor, der fällt mir sonst noch um.“

  7. inneres Stimmchen schreibt:

    FRÄULEIN Krise… hat was dagegen wenn man sie junge Frau nennt… aha.

  8. wiycc schreibt:

    Handwerker sind irgendwie eine Sorte für sich. Konnte ich heute auch mal wieder beobachten.

  9. twelli schreibt:

    „Denn will ick ma kieken…“

    Das brachte ein Lächeln auf mein Lippen. :=)

  10. Lily schreibt:

    Meiner Erfahrung nach gibt es da den obigen Handwerkertyp, gemütlich, geschwätzig und rund, und den großen, hageren Schweiger. Letzterer wurde oft in seinem natürlichen Lebensraum, der Malerwerkstatt beobachtet- manchmal ist er jedoch auch unter den Kfz-Handwerkern anzutreffen. Sein Balzruf, ein langgezogenes „Eey! Wirds bald!“ lockt oft nicht nur die Sekretärin, sondern auch den Gesellen an. Auffallend ist bei der hageren Unterart, dass die Handflächen klodeckelgroß sind. Der Blaumann (bei der Maler-Variante der Weißmann) ist oft mehrere Zentimeter zu kurz. Lange war strittig, ob das Kfz-Handwerk wirklich natürlicher Lebensraum ist. Bei der Malerwerkstatt ist dies bewiesen- nur diese Spezies kann ohne Leiter Decken streichen.

  11. asty schreibt:

    oh, wie schöööön, ich habe ihn auch absolut original vor mir gesehen, äh gehört, den Handwerka mit seene Utensieljen. Klasse !!

    Aber eins wundert mich ja trotzdem. Hatte der denn keinen anständigen Auftrag vom Chef? Oder vom Vermieter? Der hatte ja irgendwie keinen Schimmer, was er da eigentlich sollte, oder?
    „Ditt muss raus. “ Ja, das war doch wohl so abgemacht, dass ditt raus muss…. ?!?
    Komisch. Naja, immerhin ist er überhaupt gekommen, wa ?

    Liebe Grüsse
    asty

  12. lieber junge frau als – was will sie? is die behindert…

  13. einestachelbeere schreibt:

    Bin gerade auf deine Seite gestoßen und bin ganz begeistert von der Urigkeit hier 😉 Ich konnte den Handwerker mit seinem runden Bauch richtig vor mir sehen! Toll! Hoffe, es gibt bald neue Fenster.
    Liebe Grüße

  14. Ulla39 schreibt:

    Eines hat bis jetzt jeden verwirrt, der mich – weißhaarig – mit „junge Frau“ anredet, wenn ich erwidere:“ Stimmt, ich bin jünger als sie.“
    Gute Besserung weiterhin!!

  15. Inch schreibt:

    Sehr sehr schön. Ich freue mich schon auf den Tag bzw die Wochen, wenn die Handwerker durch meine Wohnung wuseln… falls ich nicht doch vorher aufgebe und umziehe

  16. nadineswelt schreibt:

    Bin ja gespannt, wie lang Du im Winter ganz ohne Fenster da sitzt.

  17. Ulla39 schreibt:

    ich muß mal darauf zurückkommen, daß Handwerker unpünktlich seien. Kennen Sie nicht den Spruch „Pünktlich wie die Maurer“?? Bezieht sich allerdings nur auf die pünktliche Einhaltung vom Ende des Arbeitstages…

  18. michaela schreibt:

    „bestimmt ist seine obere Hälfte mit dem Bauch schwerer als die untere“ 😀
    Polen am Bau kannte ich von einem Berliner Freund von mir – der seines Zeichens Handwerker ist…

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