„Bitte in die Vier!“

Gestern Abend um 18.00 Uhr hatte ich einen Termin bei Kniearzt Dr. Schneider. Endlich!
Ein guter Freund von Frau Freitag, der Deutschlehrer, hatte ihn mir empfohlen. Allerdings war mir etwas ungemütlich zu Mute, schließlich habe ich die ganze Chose schon einmal hinter mich gebracht, vor ungefähr zehn Jahren – am anderen Knie.
„Keine große Sache, so ein Meniskus – nur eine Routineoperation“, hatte mir damals der Orthopäde versichert.
Ja!!! Routine für den Chirurgen, aber nicht für mich.
Drei Jahre habe ich gebraucht, bis mein Knie nach dieser OP wieder halbwegs gangbar war!

„Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz,“ flötete die Empfangsdame und wies auf die Wartezone im Flurbereich. Von hier aus ging es in mehrere Untersuchungsräume und in ein Röntgenkabuff. Aber nur, wenn man aufgerufen wurde.

„Herr Roth, bitte in Untersuchungsraum Vier!“ Herr Roth, der es scheint’s schwer am Knie hatte, hinkte in den vorgeschriebenen Raum.
„Frau Senger, bitte ins Röntgen!“ Frau Senger verschwand.
„Herr Thalmann, bitte in die Drei!“ Weg war Herr Thalmann. Ich saß immer noch da.
Mann, war das langweilig!
Frau Senger verließ durchleuchtet den Röntgenraum. Dafür verschwand Herr Schmid dorthin. Es rumpelte laut und nach fünf Minuten war er wieder draußen. Die Röntgenassistentin, die aussah wie eine Tochter von Ingrid Steeger, schaffte richtig was weg.
Nur aus den Untersuchungsräumen kam niemand wieder heraus, außer einer Sprechstundenhilfe, die gar nicht reingegangen war. Sehr seltsam.
Ich begann mir Sorgen zu machen. Wo blieben die Patienten? Was war mit Herrn Roth und Herrn Thalmann geschehen? Und weshalb betrat kein Arzt die Untersuchungsräume?
„Frau Sonntag, gehen Sie bitte in die Vier!“
„Nein!“, wollte ich rufen, „da ist doch schon Herr Roth drin!“ Aber ich schwieg. Man will sich ja nicht unbeliebt machen.
Vielleicht ist die Praxis untertunnelt, überlegte ich mir. Man geht überirdisch in die Zimmer rein und kehrte unterirdisch zurück. Oder so. Drum sieht man auch keinen Arzt. Die sausen nur da unten in den Stollen herum.
Die Zeit schlich dahin. Es wurde halb sieben, es wurde sieben. Nichts geschah.
Die kleinen Flurlampen gaben ein merkwürdiges Licht ab. Meine Haut an den Armen wirkte anders als sonst, so gesund und braun. Genau über mir hing ein Kabel aus der Decke herab.
War das gar keine Arztpraxis, sondern ‚Versteckte Kamera‘?
Oder ein Labor für psychologische Studien? Wurde hier die Aufmerksamkeit und Leidensfähigkeit von Patienten getestet? „Die Probandin wartete sieben Stunden ohne Nachfrage und Essensaufnahme. Obwohl mehrere andere Probanden auf offensichtlich geheimnisvolle Weise verschwanden, zeigte sie keinerlei Anzeichen von Empathie, sondern….“
Vielleicht gab es hier gar keinen Arzt, sondern Aliens untersuchten die Patienten. Zuerst wurde man von Frau Steegers Tochter auf Qualität untersucht, dann übernahmen die grünen Männchen das Kommando. Der Deutschlehrer war auch so komisch in letzter Zeit… Mit meinem rechten Knie würden die auf einem anderen Planeten nicht viel anfangen können…
Halb acht. Inzwischen waren alle Patienten verschwunden. Nur ich saß noch da.
Viertel vor acht. Es könnte auch um Organhandel gehen! Die Leute hatten schließlich nur alle was am Knie, der Rest war noch intakt.
An meiner Lunge hätten sie nicht viel Freude, überlegte ich, der Magen ging so, eventuell könnte man noch was mit der Leber anfangen, die war abgehärtet. Oder die Milz… mit der gab es noch nie Probleme.
„Frl. Krise, in die Eins, bitte!“
Man hatte mich aufgerufen! Endlich!
In die Eins. Dahin war noch keiner gegangen.
Ich machte mich humpelnd auf den Weg, vielleicht besser, man sah nicht zu gesund aus!

Dr. Schneider wartete schon auf mich. Alles war gut, es gab keine Außerirdischen und keine Organhändler, aber ich blieb ein bisschen zurückhaltend… Man weiß ja nie!

So. Interessiert jemand das Ergebnis der Untersuchung?
Erstmal keine OP! Juchuh! Noch Schonung bei leichter Bewegung und Krankengymnastik und dann noch mal gucken…
Ich liebe Herrn Dr. Schneider, auch wenn in seiner Praxis seltsame Dinge vor sich gehen…

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28 Antworten zu „Bitte in die Vier!“

  1. Rohrstock schreibt:

    Sehr amüsant geschrieben. 🙂
    So eine Praxis kann schon ganz schön spooky sein…

  2. inneres Stimmchen schreibt:

    Herrlich!
    Ausgerechnet eine radiologische Praxis als Anlaufpunkt für Organhandel oder alienwissenschaftliche Forschungen zu verwenden, würde auf jeden Fall von wenig Ahnung über strahlenbedingte Mutationen am humanen Zellkörper zeugen 😀
    In dem Fall wäre in Humpeln vielleicht sogar ein Merkmal für besondere Reife gewesen

    wünsche weiter gute Besserung
    und viel Spaß beim Kniesport… bin gespannt auf ihre Gedanken, wenn sie in der Physio hocken ^^

    • michael schreibt:

      > Ausgerechnet eine radiologische Praxis

      Radiologie war schon! Und „gesunde Kniescheibe raus, kaputte rein“ kommt noch.

  3. Olaf aus HH schreibt:

    Das mit den num(m?)erierten Kabinen ist ja fast wie in der Geisterbahn oder bei Miß Marple, jedenfalls ein echtes schräges Bäumchen-Wechsel-Dich, wenn eine Sprechstundenhilfe irgendwo rauskommt, die stundenlang zuvor nicht hineingegangen ist, nachdem vorher alle möglichen arglosen Menschen einfach so nach Aufruf dort verschwinden. Vielleicht liegen da in den Gängen irgendwo sogar noch alte Skelette von vergessenen oder verirrten Patienten herum oder so.
    War das etwa möglicherweise die Praxis von Dr. Mabuse ? Haben Sie eventuell schrille Schreie gehört, die Sie sich nicht eingestehen können und über die Sie aus nackter Angst aufgrund übelster Drohungen nicht berichten möchten ? Wurden eventuell längliche Behälter (so ca. 200 x 60 x 50 cm Kantenlänge) von schweigsamen, dubiosen, ständig um sich sehenden und dunkel gekleideten Gestalten diskret herausgetragen, während die Tür des Raumes noch gespenstisch knarrte ?
    Eine wohl zeitgemäßere Variante wäre allerdings diese: Wahrscheinlich soll das alles nur eine polizeiliche Praxisdurchsuchung erschweren, sollte eine Krankenkasse auf Abrechnungsbetrugsfälle aufmerksam geworden sein. Auch derartiges will bedacht sein, wobei Organhandel auch eine nicht unrealistische Möglichkeit sein könnte. Nichts genaues weiß man eben nicht, das ist ja das wirklich Beunruhigende. Vielleicht ist Dr. Mabuse auch ein Belegarzt/ bzw. einer der „lustigen Mediziner“ des Urban-Krankenhauses am Landwehrkanal ? Vielleicht erinnern Sie sich an den Fall des Horst. E. mit seinem Appendix ?
    Es wird wohl Zeit für eine richtig gute Verschwörungstheorie, nachdem Sie wahrscheinlich knapp einem grauenhaften Martyrium entronnen sein dürften.
    Könnten eventuell auch andere LeserInnen etwas dazu beisteuern ?
    😉

  4. mama007 schreibt:

    Frl. Krise, ich glaube leise, dass ich Ihre Praxis kenne weil ich mich erinnere die gleichen seltsamen Gedanken gehabt zu haben….. Und, falls es die gleiche ist, darf ich IHnen sagen: im Untergeschoss stehen die WIRKLICH gruseligen Apparate….!
    Erholsame Grüße: Ihre Mama007

  5. Seifenfrau schreibt:

    Köstlich – ihre Arztpraxisüberlegungen! ♥
    Und ich grauliere zur (momentanen) Nicht-OP!
    Liebgrüßt…

  6. Hahaha…ich war mal der festen Überzeugung als beim Internisten gewartet habe, dass die Ort illegale Armamputationen gemacht haben…alle, aber auch wirklich alle Patienten kamen mit einem riesigen Verband an einem Arm wieder aus dem Behandlungszimmer….ich weiß bis heute nicht warum…

  7. Inch schreibt:

    Mensch, Frl. Krise, das ist ja fast so gruselig wie beim Zahnarzt, bei diesem Dr. Schneider da.

  8. Kätchen schreibt:

    Halloween schlägt um sich. Jetzt auch bei Frl. Krise! Hilfe!

  9. Kennguru schreibt:

    „Frl. Krise, in die Eins, bitte!“

    Bei meinem Doctore haben die so eine mittelalterliche Lautsprechernalage und ich stelle mir gerade vor, wie wirklich der Name Frollein Krise durch so einen knarzigen Lautsprecher ertönt.

    Dann ist das ja nochmal gut gegangen, wobei ich mich doch sehr für Ihren OP-Bericht interessiert hätte.
    …Nun bekomme ich das Narkosemittel. Der Arzt sagt ich soll langsam von 100 an abwärts zählen. 100, 99, 98, siebenundneunzZzZ… Der Arzt fängt an zu schnippeln und dann ich: „HA! reingelegt, bin noch wach!“…

  10. fraufreitag@wordpress.de schreibt:

    dein gehirn hätten sie nehmen können.

  11. michaela schreibt:

    Aliens nehmen nur Privatpatienten.

  12. kingkenny7 schreibt:

    Sehr schön! Irgendwie haben Sie mich gerade an Murakami und Paul Auster erinnert.

    Vielleicht haben Sie es bei Frau Freitag schon gelesen, aber ich habe Ihre Bücher Sonntag mal kurz empfohlen: http://ziegenhodensuppe.wordpress.com/2012/10/28/ein-paar-tipps-am-sonntag/

    Ansonsten gute Besserung weiterhin!

  13. Hartmut Schlehdorn schreibt:

    Ich befürchte, die Praxis von Hr. Dr. Schneider wird künftig vermehrten Zulauf bekommen. Ihr Hinweis auf die vermeintliche Tochter von Ingrid Steeger wird eine ganze Männerschar (Ü40) ihrer Knieschmerzen bewusst werden lassen… ja quasi remobilisieren. Klimbim sei Dank. Bitte bei Gelegenheit die Adresse posten.

  14. Roland_09 schreibt:

    Gut, dass Sie keine Lektüre dabei hatten. Sonst wäre Ihre Phantasie ja beschäftigt gewesen, und wir hätten keinen Blogeintrag. 🙂

  15. rotezora. schreibt:

    Das hört sich doch ganz gut an! Möge die Übung gelingen und eine OP überflüssig machen.

  16. hajo schreibt:

    das Ende hätte ich mir schon etwas anders vorgestellt, liebe Frl. Krise
    .. mit DEM Namen (Schneider, und dann auch noch Dr. 😉 )

  17. Deutschleerer schreibt:

    Sag bloß du hast den Wasser-und Kaffeeautomaten nicht entdeckt?
    Und das mit den Zimmern kann ich aufklären, die sind alle verbunden, so dass die Ärzte und Ingrid Steeger immer nur durch die Verbundingstüren eilen und dabei nicht so oft an den Wartenden vorbei müssen…
    Aber da ist schon was los wa, beim Schneider (und dann keine OP, bei dem Namen!)…!
    Gruß
    und besser dich!

  18. Nania schreibt:

    So eine ähnliche Geschichte hat mir mal mein Zahnarzt erzählt. Da war die Lösung nach dem Eintreten ins Behandlungszimmer aber sehr auffällig: Der Raum hatte eine Eingangs- und eine Ausgangstür, die gegenüber voneinander lagen ;), aber gruselig muss es dennoch gewesen sein.

  19. zweitesselbst schreibt:

    Ja, mit so nem Knie ist auch nicht so spaßen. Aber bei „Vielleicht ist die Praxis untertunnelt“ musste ich, nachdem ich schon davor in mich hinein grinste, echt lachen, wie ich mir das vorstellte. haha immerhin keine Aliens und auch keine OP. Alles wird gut. (H)

  20. Sisi schreibt:

    Hast du mal aus dem Fenster von Zimmer eins geschaut?
    Wahrscheinlich sondiert der gute Doc die Patienten nach „noch heilbar“ und „hoffnungsloser Fall“. Die heilbaren werden weiter behandelt und die hoffnungslosen Fälle werden schlichtweg aus dem Fenster geworfen. Da liegt wahrscheinlich schon ein ganzer Berg. Weglaufen können sie ja nicht…

    Oh Gott, ich sollte ins Bett gehen. Mir geht mal wieder die Phantasie durch…

  21. kinder-sind-unschlagbar schreibt:

    Eine Frage ist allerdings noch ungeklärt: Wie sind SIE aus der Praxis gekommen? Durch den Wartezimmerflur? Dann muss man sich allerdings fragen, wor Herr Roth, Frau Senger und Herr Thalmann sind!

  22. Stefan K. schreibt:

    Liebes Frl Krise, ich freue mich für Sie, dass es erstmal keine OP geben wird und wünsche Ihnen gute Genesung, damit dies auch so bleibt!!

    Wie lange hat Dr. Schneider ihnen denn verordnet, sich zu Hause die Decke auf den Kopf fallen zu lassen? (Ich verstehe sie so, dass sie es nicht besonders genießen, zu Hause zu sein…)

    Ich hoffe, Sie bekommen genug Krankenbesuche zur Ablenkung…? 🙂

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