Psycho…

Ach, ist das schön ruhig im Lehrerzimmer…keiner da, nur ich. Die Computer summen leise, der Wasserhahn tropft, eine Wespe brummt am Fenster herum und der Kühlschrank ächzt dezent.
Das Lehrerzimmer – ein Hort des Friedens.

Die Tür wird aufgestoßen, Frau Herz tritt ein. „Machst du mir einen Kaffee?“ fragt sie mich. Sie scheint etwas mitgenommen zu sein. Hinter ihr stolpert Marcel rein. Er sieht abgekämpft aus, die Haare hängen ihm verschwitzt ins Gesicht und sein T-Shirt hat dunkle Flecken. Stumm reicht ihm Frau Herz ein Glas Wasser.
„Trink mal was!“ sagt sie dann, „Kaltes Wasser ist gut für die Nerven!“
Marcel stürzt das Wasser hinuter.
„Dieser Schwanz, ich töte ihn,“ sagt er aufgebracht, „Ich geh andere Schule, ich schwöre! Zweimal hat der mich heute rausgeschickt. Was denkt er? Denkt er, er ist mein Vorgesetzter? “
„Er ist der Schiedsrichter, er IST so eine Art Vorgesetzter,“ sagt Frau Herz fest, „komm jetzt runter, Marcel!“
„Ich komm nicht runter!“ Marcel beginnt hin und her zu laufen. Seine Stimme wird lauter. „Wenn die mich auch nie anspielen! Was kann ich dafür? SCHWEINE! Warum spiel ich überhaupt mit? Wichser, alle! Und der schickt mich raus. Ich töte ihn!“
Frau Herz bleibt bemerkenswert ruhig und gibt kleine, therapeutisch wertvolle Satzfetzen von sich.

Und das ist gut so. Marcel ist ein äußerst schwieriger Junge. Alles war bisher schwierig bei ihm, seine Kindheit, die Trennungen in der Familie, seine schulische Vorgeschichte.
Dann hat man alles mit ihm gemacht, was man so mit einem Kind machen kann und zwar jahrelang. Therapien, Aufenthalte in der Kinder-und Jugendpsychatrie, Betreuung in verschiedenen Einrichtungen, alles. Mit erschreckend wenig Erfolg. Und jetzt ist er erst mal austherapiert.
Ungeheilt entlassen.
Seit fünf Wochen ist er wieder in einer reguläre Schule. bei uns. Auf Wunsch der Eltern.
Die Schule muss ja alle nehmen, egal wie verrückt sie sind.

Marcel macht sich eigentlich bisher ganz gut. Abgesehen davon, dass es hier und da mal knallt – schließlich ist er immer noch hochaggressiv und hochempfindlich und wehe, man fasst ihn falsch an…
Jeder Kollege kennt ihn schon. Seine Ausraster und auch die Gratwanderungen, die wir mit ihm vollführen, sind Gesprächsthema im Lehrerzimmer, auf Konferenzen, an runden Tischen, an eckigen…überall.

Marcel stößt noch eine schöne Auswahl an Drohungen und Beschimpfungen aus. Er trinkt ein zweites Glas kaltes Wetter Wasser. Frau Herz trinkt einen Schluck Kaffee. Dann bringt sie ihn zurück in die Turnhalle…

Gut, dass der nicht in meiner Klasse ist, denke ich. Puh, das könnte ich nicht andauernd haben…
Und jetzt lass ich erst mal die Wespe raus…Gefangen in der Oase, das geht gar nicht.

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27 Antworten zu Psycho…

  1. B wird Lehrerin schreibt:

    Oh je 😦 Marcel möchte ich auch nicht in meiner Klasse haben …

  2. So unterhaltsam der Krisen-Blog auch ist, bei solchen Beiträgen wird einem dann doch wieder bewusst, dass es ganz schön hart zugeht an deutschen Schulen…zumindest manchen.

  3. Olaf aus HH schreibt:

    Kaffemaschinen ächzen – und können sogar stöhnen. Kühlschränke brummen oder können auch zirpen. Jedenfalls kenne ich nach 56 Lebensjahren keinen Kühlschrank, der ächzen könnte. Außer vielleicht dann, wenn der Kompressor resigniert abschaltet.
    Aber es gibt wichtigeres: Marcel… War nicht er es, der Ihnen dieses so schöne galante „Glitzer“kompliment gemacht hatte ? Oder irre ich mich ? Das alles zu seiner Biographie klingt jedenfalls nicht wirklich gut. Aber muß er unbedingt mit „verrückt“ bezeichnet werden (wobei ich ihn nicht kenne und Sie natürlich viel dichter dran und mit Sicherheit kompetenter sind als ich) ?
    Ich drücke ihm und allen Beteiligten jedenfalls die Daumen und die großen Zehen….

    • frlkrise schreibt:

      Sie verwechseln ihn mit Glitzer-Ali, der ist schon entlassen. Marcel ist ganz neu… und unser Kühlschrank ächzt, aber nicht mehr lange, fürchte ich.

      • Olaf aus HH schreibt:

        Ja – Glitzer-Ali… Jetzt, wo Sie es sagen, erinnere ich mich wieder. Danke.
        Ich werde wohl etwas „tüttelig“ (so sagt man hier in meiner Stadt) in meinem zunehmend hohen Alter. Da können Sie – verehrtes Frollein Krise – natürlich einfach nicht mithalten 🙂
        Hier noch ein hilfereichender Tip für das Kollegium zur Vorbereitung der erforderlichen Tagungswoche mit Beschlußfindungswochenende:

        http://shopvergleichen.com/products/K%FChlschrank/

    • Jürgen schreibt:

      Natürlich können Kühlschränke ächzen. Auch denen wird manchmal alles zu viel.

  4. Technikstudentin schreibt:

    „Marcel stößt noch eine schöne Auswahl an Drohungen und Beschimpfungen aus. Er trinkt ein zweites Glas kaltes Wetter.“

    Ich möchte bitte kein kaltes Wetter im Glas… draußen reicht schon 😉

  5. michaela schreibt:

    Sturm im Wasserglas?

  6. Jürgen schreibt:

    Frau Herz ist Klasse. Und Sie haben wieder einen prima Blog geschrieben.

  7. K schreibt:

    Ja so ist das, die Spezialisten haben nichts ausrichten können, aber in der Klasse xyz ist ja noch ein Plätzchen frei, Frl. Krise und Co wuppen das schon …

    • psycho-logisch schreibt:

      Das Problem ist, dass Interventionen (vor allem stationäre) so gut wie nichts ausrichten können, wenn im direkten Umfeld des Betroffenen (hier: des Kindes) keine Unterstützung stattfindet. Es kann nicht Aufgabe der Schulen sein, solche Unterstützung allein zu leisten; aber auch sie müssen ihren Teil dazu beitragen. Gerade deshalb sollten LehrerInnen jedoch auch angemessen bezahlt werden und im Alltag von anderen Fachkräften unterstützt werden. (In vielen Schulen ist es nicht die Regel, dass es auch nur einen einzigen Schulpsychologen oder Sozialarbeiter gibt.) Effizienz hat ihren Preis – den kaum jemand zahlen will.

      Je stärker „Problemkinder“ abgeschoben und ausgegrenzt werden (und zum Beispiel auf Sonderschulen geschickt werden), desto schlechter stehen die Chancen einer Besserung — und desto höher ist und bleibt das Risiko für potentielle Opfer und größeres Leiden des Betroffenen. Denn das Kind hat freilich ebenfalls keine Freude an solchen Situationen.

      • Tricia McMillan schreibt:

        Der arme Junge! Noch ein Kind und alle wollen ihn schon abschreiben, weil sie keinen Rat mehr wissen. Das hört sich an, als sollten eher die Eltern zur Therapie gehen, um zu lernen, ihrem Kind Halt zu geben!!!

  8. commonhoni schreibt:

    So jemand ähnlichen hatte ich auch in der Klasse, zeitweise. Er lebte zu der Zeit in einer Jugendgruppe des Kinderheimes, die Eltern sollten wohl schon als er sehr klein war bei einem Autounfall verunglückt gewesen sein, zumindest war das die Geschichte, die später kursierte.
    Irgendwann ging er mit einem Stuhl auf das Mobbing-Opfer Nr. 1 unserer Klasse los, zumindest hat er es versucht. So richtig mitbekommen hat das kaum jemand, zumindest wurde niemand verletzt. Er wurde 2 Wochen suspendiert, danach hörten wir nurnoch, dass er Hausaufgaben zum Nacharbeiten von unserer Klassenlehrerin bekam. Er wurde von da an nirgends mehr gesehen.
    Besonders aggressiv habe ich ihn nicht in Erinnerung, eher als einen, der sich Aufspielen musste.
    Aber das war dann eben das eine Mal zu viel. (Es war wirklich nichts passiert, auch wenn der Versuch allein natürlich schockierend ist!)
    Ich drück die Daumen, dass Frau Herz ihn auch zukünftig so gut zu zügeln weiß 😉

  9. klosterfrau schreibt:

    Ich arbeite an einer Berliner Grundschule und hatte bis vor kurzem in meiner 4. Klasse ein ähnliches Kind wie Marcel. Er war riesengroß für sein Alter, die Sechstklässler hatten vor ihm Angst, meine Klasse sowieso, er warf Tische um, brüllte, fluchte, drohte und man konnte nie wissen, aus welchem Anlass er wieder hoch ging. Ich fühlte mich als hätte ich eine Zeitbombe in der Klasse. So alleine gelassen wie damals habe ich mich noch nie gefühlt. Als nach einem halben Jahr ein Platz in der Psychiatrie frei war, waren wir alle unglaublich erleichtert. Es gibteinfach zu wenige therapeutische Einrichtungen für diese Kinder.

  10. Stefan K. schreibt:

    Der neue Touché von TOM passt in diesen Blog und irgendwie auch zu dieser schwierigen Geschichte:
    http://taz.de/digitaz/.tom/tomdestages?day=2012/09/18

  11. Stephan schreibt:

    Schade das man sich als Lehrer nicht seine Klasse zusammenstellen darf 😉 !!!!

  12. huhnic schreibt:

    Ich hab 9 solcher Marcels. Allerdings im Alter von 9-11 Jahren… und es macht Spaß! Ehrlich! (Wobei nicht alle ganz so schlimm sind wie der..)

  13. Saskia schreibt:

    Geschafft ! Ich habe ihren Blog nun von hinten bis vorne durchgearbeitet, natürlich nicht am Stück sondern über Wochen hinweg … Manchmal haben mich ihre Einträge so gefesselt das ich Abends stundenlang nicht vom Laptop weggekommen bin. Und mein Freund hält mich für reichlich bescheuert weil ich davor saß und laut loslachte 😀
    Herzlichen Glückwunsch zu ihrem tollen Blog, ich hoffe es kommen noch ein paar lacher die mir die Tage versüßen 😉

  14. Leni Mü schreibt:

    An meiner Grundschule gabs eine Problemklasse, alle anderen waren total brav. In der haben sich Jungs im Unterricht gegenseitig Nasen und Arme gebrochen, die Lehrerin angegriffen, von Mitschülern Geld erpresst, haben absichtlich ins Waschbecken gekotzt usw.. und keiner hatte die im Griff. Bin ich froh, dass ich nach der zweiten Klasse gewechselt habe 😉

  15. fearlesscreek schreibt:

    ich arbeite therapeutisch und sozialarbeiterisch mit solchen kids und mir stellt sich oft die frage ob es wirklich sie sind, die nicht ticken! bei all dem was die von den sogenannten „normalen“ präsentiert kriegen …. ein paar jahre mit einigen gesunden menschlichen bindungen bringen vielleicht viel mehr als eine einweisung in eine psychiatrie.

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