Irrtümer haben ihren Wert…

Es ist leer in der Schule, wie immer Freitag mittags. Wenige Klassen, die Zehner, haben noch nach 13 Uhr Unterricht. Aber heute nicht, denn sie gehen am Abend auf große Klassenfahrt.
SUUUUUPER!
Ich kann mein Glück kaum fassen! Meine siebte und achte Stunde fällt aus! Endlich komme auch ich einmal freitags früher nach Hause.
Fröhlich pfeifend laminiere noch schnell ein paar Arbeitsbögen, kopiere das Material für Montag, quatsche eine Runde mit Karl, räume meinen Platz auf und trödele aus dem Haus. Es ist ganz still im Gebäude, ich bin bestimmt die Letzte, die geht. Auch auf dem Schulhof ist nichts mehr los, nur Musa und Osman stehen am Ausgang und streiten sich.
„Was willst du, Hässlichkeit! Rede noch einmal so hinter mein Rücken, dann…!“ Musa fuchtelt mit der Faust in der Luft herum.
Osman unterbricht ihn:“Du hast meine Mutter beleidigt du Spast, ich..!“
Als sie mich sehen, stürzen beide auf mich zu: „Frl. Krise, er meinte mir Fettsack hinter mein Rücken. Ich hab ihn ein Box gegeben, aber…“
„Er meinte mir Hurensohn! Ich lass nich meine Mutter beleidigen!“ Der kleine Osman hat dicke Tränen in den Augen.
Ich versuche die beiden zu beruhigen, aber Musa ist zu aufgebracht. Er will immer wieder auf Osman losgehen, der sich auch im Recht fühlt.
Oh, Mann! Mutter beleidigen geht nicht, aber Fettsack sagen auch nicht und ich kriege nicht raus, was der Auslöser für den Konflikt war.
Es geht hin und her zwischen den beiden und schließlich sage ich: „So, Jungs, vertragt euch jetzt und ab nach Hause. Es ist Wochenende! Basta!“
Musa erstarrt, guckt mich entgeistert an und brüllt: „Warum beleidigen sie uns? Ich erzähl das mein Vater, was Sie zu uns sagen!“
Hä? Ich bin mir keiner Schuld bewusst! „Was ist denn jetzt wieder los? Ihr sollt euch vertragen, hab ich nur gesagt!“
„Sie haben mir Bastard gesagt!“ Musa hat sich vor mir aufgepflanzt, die Arme in die Hüften gestemmt.
„Basta! Ich habe ‚basta‘ gesagt, Musa, das ist Italienisch und heißt SCHLUSS!“ Ich muss lachen. Das Wort ‚basta‘ muss ich mir echt abgewöhnen, denke ich, schon ein paar Mal kam es zu diesem ‚Mistverständnis‘, wie es Aynur aus meiner alten Klasse nannte.
Musa sieht mich misstrauisch an, aber er beruhigt sich.

Osman schnüffelt immer noch und wischt sich die Tränen vom Gesicht.
„So, jetzt geh mal schön nach Hause,“, sage ich versöhnlich und lege meinen Arm um Osman Schultern. „Und hör auf zu weinen, Hasi!“
Osman wird stocksteif. „Warum nennen Sie mich ‚Assi‘? Voll gemein, ich sag‘ auch mein Vater…!“
Jetzt schlägt’s wohl dreizehn! Sind die beide taub?
„HASI! HASI habe ich gesagt! Nicht Assi! Spinnt ihr eigentlich?! Mensch…! “ Mir reicht’s. Sollen die sich doch zanken und die Köpfe einschlage, phhhfff, mir doch egal!

Osman und Musa schütteln sich plötzlich die Hand.
„Tschuldigung.“ “
„Auch Tschuldigung!“
Dann tuckern sie zusammen ab.

So ein gemeinsamer Außenfeind wie das böse Frl. Krise verbindet eben…

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32 Antworten zu Irrtümer haben ihren Wert…

  1. michaela schreibt:

    Einen super Job haben Sie da, Frl. Krise… *seufz*

  2. Moritz schreibt:

    Die sind doch völlig auf Schimpworte geprägt und hören gar nichts anderes mehr. Sie wollen doch geradezu diese Worte hören das sie sich darüber aufregen können oder?

    Ich mein warum sollte eine Lehrerin Bastard oder Assi zu einem Schüler sagen und das einfach so nach der Schule. Das macht absolut gar keinen Sinn. Sehr sehr seltsam alles bei ihnen Frl. Krise.

    • rotezora. schreibt:

      Was heißt hier „auf Schimpfwörter geprägt“? Das Problem entsteht eher durch einen begrenzten Wortschatz einerseits und mangelndes Selbstbewusstsein andererseits. Wie sonst sollte ein Jugendlicher auf die absurde Idee kommen, dauernd beschimpft zu werden, sogar von Lehrpersonen? Ein weiteres Beispiel: Ich ertappe zwei Schüler außerhalb des Schulgeländes und schicke sie zurück. Betont langsam schlendern die beiden vor mir her. Ich: „Geht das auch etwas fixer?“ Darauf ein für mich zunächst völlig unverständlicher Wutausbruch, Beschimpfung, Drohung… bis mir klar wird: Sie glaubten sich als Drogenabhängige beleidigt!

  3. Olaf aus HH schreibt:

    So schließen junge Männer Frieden. Seien wir froh, daß das geht.
    Osman = Os(s)i (nicht Ossi !) ?
    Hassan = Hasi (nicht Assi !) ?
    Wenn die beiden von Ihnen sehr diplomatisch geliebkostgeherzten Jungs um andere Bedeutungen dieser Worte in dieser Welt wüßten…
    Vallah, Booah Ey !
    „Mistverständnis“ (damals Aynur) ist fast so gut wie die gute alte „Schildkrötenunterfunkton“. Kommt jedenfalls auf Platz zwei meiner Hitliste.
    Alles sollte gut sein. Jetzt.
    Wenn ja, dann ist alles richtig.
    Schöne Tage an alle, vor allem an Sie.

  4. Matthias schreibt:

    Bei manchen jungen Leuten ist ob ihres lauten und reichlichen „Musikgenusses“ mittels Ohrhörern tatsächlich von Hörschäden, also beginnender Taubheit, auszugehen. Auch der Pausenlärm dürfte im Handwerk zur Pflicht Gehörschutz zu tragen, führen.

    Ich bin wirklich nicht der Typ, der sich ständig über die schlechten deutschen Sprachfähigkeiten von Schülern (mit MHG) aufregt (auch wenn ich es bedenklich finde). Wenn es nun aber soweit kommt, dass sogar Lehrer in der Schule ihren Sprachgebrauch beschränken müssen, um nicht missverstanden zu werden, sehe ich wirklich unsere Sprache bedroht. Denn es ist wohl davon auszugehen, das bei etlichen ihrer Schüler nach der Schulzeit kaum noch ein Wissenszuwachs bei der deutschen Sprache stattfindet.

    (Und warum klingt mein Post jetzt so fürchterlich gestelzt und verschwurbelt?)

    • Konrad schreibt:

      Das mit den Hörschäden ist nicht nur bei jungen Leuten so. Das geht irgendwann nicht mehr weg, ich weiß (leider) wovon ich rede…

    • Nele Abels schreibt:

      Ach so’n Knurps – seit 25 Jahren höre ich Schwermetall am oberen Anschlag auf Walkmen, Discmen, MP3Playern und habe als mittvierziger Lehrer immer noch ein so gutes Gehör, dass es im Unterricht eher schwierig ist, mich nicht von Eckgewispere ablenken zu lassen. 🙂

  5. Sabine schreibt:

    Genau das hatte ich heute auch, nur nicht so schlimme Wörter 😉 Einzelförderunterricht bei einem Erstklässer mit Sprachproblemen

    Ich: Das ist keine Kirche auf dem Bild, das ist ein Dorf.
    KInd (erschrocken): Sagt man nicht, das Wort…
    Dauert einen Augenblick bei mir um zu verstehen, was er meint
    Ich: Nicht doof – Dorf

    Übrigens Frl. Krise, ich lese ihren Blog schon seit mehreren Monaten, (hab das BUch auch vorbestellt) und habe es von Anfang bis Ende gelesen. Ist mein Lieblingsblog, v.a. seit ich jetzt auch in einer Schule arbeite (als Sozialpädagogin).

  6. Mascha schreibt:

    *Mascha kippt vom Stuhl vor Lachen* 😀

  7. michael schreibt:

    > Jetzt schlägt’s wohl dreizehn! Sind die beide taub?

    Spricht Frl. Krise vielleicht nicht mehr so deutlich? Irgendwie bin ich in Versuchung 😀 , mich nach dem Sitz des Gebisses zu erkundigen. “Tschuldigung.”

  8. poprischtschin schreibt:

    Die armen Kinder werden „Basta“ und „Hasi“ noch nie gehört haben und haben es daher nicht erkennen können. „Bastard“ und „Assi“ sind ihnen wohl eher vertraut, schade eigentlich.

  9. Pu schreibt:

    ‚Dann tuckern sie zusammen ab‘
    DAS ist aber auch gefährlich!
    „Frl. Krise hat uns ‚Tucken‘ genannt!“

  10. Alice schreibt:

    Für „Hasi“ hätte es von mir aber auch eine Reaktion gegeben… 🙂

  11. michathecook schreibt:

    sie sind aber auch wirklich ne boese. solche worte zu benutzen, die muetter zu beleidigen…mensch sie als vorbild, das darf aber wirklich nicht mehr vorkommen..

    aber wenn…dann berichten sie es unbedingt den es sorgt immer wieder fuer lacher und das ist gut so.

  12. Evanesca Feuerblut schreibt:

    *rofl* Das muss ich mir merken – wenn das nächste Mal eine Kumpeline meinen Freund „armer Hasi“ nennt, kann ich mit „Hast du meinen Freund einen Assi genannt?“ kontern. Danke, Fräulein Krise!

  13. HarryHirsch schreibt:

    Wer derlei sprachliche Unglücke einmal nachlesen möchte, dem sei Axel Hacke:
    „Der weiße Neger Wumbaba“ empfohlen. – Man hört, was man kennt:
    Man hört „Stracciatella“ – man kennt (und „hört“): „schwarzer Teller“. Und man hört von der Mutter, die von Beruf „Raumfliegerin“ ist.
    Mein Lieblings-verhörer ist: Der „Käfer Otto Peter“ (wo doch der Kieferorthopäde gemeint war),
    gefolgt von OPA DONG (wo es nicht um einen greisen Vietnamesen geht, vielmehr um ein Liedchen aus 1968 von Dorthe: „…..“, sind Sie der Graf von Luxemburg). Und nicht nur die Jungs mit MigraHigru sind betroffen:
    In das Land der bekanntlich unbegrenzten (Un-)Möglichkeiten reist nichtsahnend ein Grieche mit dem in Griechenland nicht unüblichen Vornamen Stavros.
    Im Hotel nach seinem Namen gefragt, sagt er „Stavros“ und dazu seinen Nachnamen. Die Dame an der Rezeption fragt, ohne eine Miene zu verziehen, zurück: „How do you spell Starwars? Like the movie?“

  14. Michaela schreibt:

    *hihi* habe eben herrlich gelacht 🙂
    Die Schildkrötenunterfunktion hier bei den Kommentaren sorgte für den zweiten Lacher.

  15. Ulla39 schreibt:

    Die Journalistin Mely Kiyak, die manchen bekannt sein dürfte, erzählt, daß ihr (kurdisch-türkischer) Vater in einem italienischen Café zwar stracciatella wollte, aber „Straßenteller“ sagte. Der erfahrene Kellner brachte das gewünschte Eis.

  16. Susann schreibt:

    Haha, selektives Gehör…man sollte davon absehen, in der Mittelstufe Wörter wie „marginal“ verwenden zu wollen…

  17. roger schreibt:

    Hallo Frau Krise

    Wie wird das erst im Inklusionsbetrieb
    aussehen? Der soll ja kommen.

    Gruss Roger

  18. Jürgen schreibt:

    Prima das Problem gelöst, Madame De La Crise!

  19. Tricia McMillan schreibt:

    Äähm, Frl. Krise, kann das sein, daß Sie unter nem Tourette-Syndrom leiden und es nicht wahrhaben wollen?

  20. anjifrosch schreibt:

    Meine Güte! Auf dem Schulhof und in den Klassenzimmern hat die Deutsche Sprache ja extrem gelitten!! Darf ich fragen, Frau Krise, ob sie in einer Hauptschule unterrichten?

  21. laprof schreibt:

    Musste heute an Sie denken. Ich (Lehrerin an Genasium) sagte im Unterricht, weil endlich die richtige Anwort kam: „Jawoll“. Eine Schülerin flüsternd: „Hat die gerade lol gesagt?“.

  22. Mariha schreibt:

    Oh Mann, das erinnert mich an meine Schulzeit. Nach der Pause bin ich zum Klassenraum gegangenund im Flur einem Klassenkameraden begegnet, „Felix, wie der Kater“ sagte ich und grinste. Ich wurde daraufhin zum Konrektor vorgeladen, weil der Felix verstanden hat:“Felix, f**k deinen Vater!“.

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