Frau Freitag, meine Heldin!

Man ist ganz schön blöd, wenn man mit dicker Erkältung in die Schule geht. Aber ich MUSS, unsere Klassenfahrten und die Herbstferien stehen vor der Tür – und wenn ich jetzt nicht die erste Klassenarbeit in allen Fächern schreibe, komme ich zeitlich schwer ins Schleudern. So ein Schulhalbjahr hat ja kaum Schultage, die meiste Zeit sind Ferien oder Wandertage. Also raffe ich mich nach zwei Tagen Herumliegens und Mich-Selbstbedauerns auf und schleppe mich wieder in die Schule.
„Warum waren Sie krank, Frl. Krise?“ fragt mich Osman. Super Frage, denke ich, das wüsste ich auch gerne!

Nach der Schule bin ich mit Frau Freitag verabredet. Ich fahre mein Auto in die Nähe unseres Stammcafe´, pilgere noch schnell zur Post an den Geldautomat und da kommt auch schon Frau Freitag um die Ecke.
Nach Kaffee, Cola, Zigaretten und vielen „Da hab‘ ich gesagt – da hat er gesagt“, wollen wir los. Um uns herum werden schon die Stühle aufgestapelt. Ich fische blind in meiner Handtasche nach dem Schlüsselbund.
„Meine Schlüssel sind weg!“
Frau Freitag rollt mit den Augen und reagiert nicht. Sie kennt das schon, diesen Schrei stoße ich immer gewohnheitsmäßig aus, wenn ich das dicke Schlüsselbund nicht sofort fühle.
Aber diesmal ist es wirklich weg. In einer leichten Panikattacke schütte ich den Inhalt der Tasche auf den Tisch. Alles, was frau zum Überleben braucht, kullert heraus – aber kein Schlüsselbund.
„Wo warst du überall?“
„Nur auf der Post!“
Es ist nach 18 Uhr. Die Post ist schon zu!
„Ach, du meine Scheiße. Jetzt komme ich nicht ins Auto und nicht in meine Wohnung.“
Ich setze mich vorsichtshalber wieder hin, fühle mich alt, krank und obdachlos.
Badwoman Freitag übernimmt das Kommando. „Los, zur Post, aber flott!“ befiehlt sie. „Vielleicht ist noch jemand da!“

Die Post ist natürlich schon dicht. Der Vorraum, in dem die Geldautomaten stehen, ist durch Glasscheiben vom Verkaufsraum abgetrennt. Zwischen zwei Scheiben ist eine kleine Lücke. „Hallo!“ schreit Frau Freitag durch den Spalt.
„HALLO! Wir haben ein Schlüsselbund verloren! Ist eins gefunden worden?“
Keine Reaktion.
„H A L L O! Ist ein Schlüsselbund abgegeben worden?“
„Ach lass,“ sage ich schon ganz mutlos, „Sind schon alle weg. Hat doch keinen Sinn!“
Aber Frau Freitag ist kriegerisch. Da brennt Licht und da bewegte sich ihrer Meinung nach auch etwas, also muss da noch ein Mensch sein.
„Wahrscheinlich hat er sich hinter den Tresen geworfen, damit wir ihn nicht sehen!“
Frau Freitag lässt nicht locker.
„HALLO! Ist hier ein SCHLÜSSELBUND abgegeben worden???“

Plötzlich erscheint eine Frau an dem Glasspalt.
„Entschuldigen Sie bitte die späte Störung! Ist bei Ihnen vielleicht ein Schlüsselbund abgegeben worden?“ flötet Frau Freitag nun so, als ob sie diese Frage nicht schon mehrmals mit Stentorstimme gestellt hätte.
Die Frau sieht uns mit schmalen Augen und grunzelter Stirn finster an. Sie hat schließlich Feierabend. Oder wir gefallen ihr nicht.
Die Frau versteckt etwas hinter ihrem Rücken.
„Automarke?“ fragt sie unfreundlich.
„Renault!“ rufe ich.
Die Frau dreht sich um, betrachtet verstohlen das versteckte Teil in ihrer Hand und sagt:
„Ich kann die Türe nicht mehr öffnen, gehen Sie raus. Ich komme ans Fenster!“
Frau Freitag kneift mich erfreut in den Arm und mir fällt ein Stein vom Herzen. Dann sausen wir nach draußen. Mit verdrossener Miene lässt die Postlerin stumm mein Schlüsselbund an seinem Band herab.
„Danke!“ „Suuuuuper!“ „Viiielen, vielen Dank!“ Wir überschlagen uns fast vor Glück und Dankbarkeit.
Die Frau verzieht keine Miene und knallt das Fenster wieder zu.
Frau Freitag und ich sehen uns leicht plexi an.
Wir sind uns einig: Wenn wir jemandem mit so einer kleinen Geste so eine grooooße Freude machen könnten, dann würden wir uns aber auch ein bisschen freuen!

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41 Antworten zu Frau Freitag, meine Heldin!

  1. michaela schreibt:

    Tja, Beamte… äh… *huch* 😳

    • Blogolade schreibt:

      😀

    • HarrietKrohn schreibt:

      Gibt’s bei der Post überhaupt noch Beamte?

      • michaela schreibt:

        Solange die Post keine Mehrwertsteuer erheben/abführen muss, ist sie für mich kein ’normales‘ privates Unternehmen… und nebenbei bemerkt qualifizieren sich so einige Postangestellte durch ihr Verhalten sehr gut für das Prädikat „Beamte/r“. Siehe Beispiel ,-)

      • Zero schreibt:

        michaela schreibt:
        September 8, 2012 um 1:07 nachmittags

        „Solange die Post keine Mehrwertsteuer erheben/abführen muss, ist sie für mich kein ‘normales’ privates Unternehmen…“

        Und das macht aus Postlern genau wie Beamte? Der Großteil aller Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, genießen eben keinen Beamtenstatus.

  2. Schön, dass der Schlüssel wieder da ist! Ich habe letztens schon meine Schüler verdächtig, mein Handy eingesteckt zu haben. Es lag Gott sei dank seelenruhig auf dem Lehrertisch im verschlossenen Klassenraum …

    • umblaettern schreibt:

      Hatte ich auch mal, dabei steckte der einfach in der Steuerdingsi (wieauchimmerdasheuit) der Rollläden, die ich runtergelassen hatte ^^ Habs aber Gott sei Dank bemerkt, bevor ich meckern konnte.

  3. muttimeckert schreibt:

    Vielleicht erhellt sich das Gesicht der Schlüsselherausgeberin, wenn ihr in den nächsten Tagen beispielsweise ein Täfelchen Schokolade als „Dankeschön“ vorbei gebracht wird?

  4. Robin Urban schreibt:

    Badwoman? Freud’scher Verschreiber? ^^

    Dass man jemanden (oder sich selbst) vor Freude kneift, kannte ich bisher nur aus Enid-Blyton-Büchern. Echt goldig!

  5. Haha, vielleicht hätte die Dame lieber den Schlüsselbund behalten und sich den ganzen Abend gefreut, dass da draußen jetzt jemand sehr viele Probleme hat…

  6. fire walk with me schreibt:

    Das bestätigt mal wieder alle Vorurteile, die ich über Postbeamte hege.

    • muttimeckert schreibt:

      Die Post hat noch Beamte?

      • krizzydings schreibt:

        die EINZIGE Beamtin der drei anwesenden Damen war FROLLEIN KRISÄÄÄH hihihihi!
        PS an Robin Städtisch: ich finde es großartig , dass es noch leute gibt, die das wort „goldig“ verwenden…hätte immer gedacht,wenn ich das verwende denken leute ich sei in der selben dekade wie FrlKrise geboren (und wahrscheinlich auch andersrum=P)

      • bambooos schreibt:

        Guck mal in meinen Blog, ich schreibe ständig „goldig“ 😉 lol. Und ich bin 24 😉

      • cheesecake schreibt:

        Die Post hat (wie die Telekom) in der Tat noch Beamte. Natürlich wurde versucht, möglichst viele Leute aus dem Beamtenverhältnis heraus zu holen; aber wer nicht wollte, konnte nicht dazu gezwungen werden. Allerdings stirbt diese Gruppe langsam aus, da seit der Privatisierung logischerweise nicht mehr verbeamtet wird.

  7. TrueLifeOfAStudent schreibt:

    Ich kenne das… Ich habe einmal nach dem Nebenjob im Club meinen Schlüssel im Büro vergessen. Ich stand also Samstag morgen nach 26 Stunden die ich wach war ohne Schlüssel vor der Türe. Mein Bett 10 Meter entfernt und doch so weit weg. Also wieder in den Club. Gott sei Dank war die Putzfrau noch da. Schlüssel geholt und um 10 Uhr endlich im Bett… Kenne das Gefühl von temporärer Obdachlosigkeit…

  8. Ande schreibt:

    Klingt wie die Post an der Skalitzer Straße?

  9. hafensonne schreibt:

    Falls es überhaupt noch eines Beweises bedarfte: Das ist so Berlin!

  10. Blogolade schreibt:

    Frau Freitag wollte Sie wohl keineswegs auf ihrem Sofa nächtigen lassen… schön dass der Schlüssel so schnell wieder auftauchte. Ich neige da immer gleich zu Panik wenn meiner nicht zu finden ist.

    • Blogolade schreibt:

      nanü, warum lande ich denn in der Mod-Schleife?

      • krizzydings schreibt:

        wieso solltest du nicht in der modschleife landen? das ist eigentlich standard in den wordpressBlogs, die ich kenne. frlkrise und auch frfreitag sind meiner meinung sogar darauf angewiesen die kommentare zumindest grob durchzusehen, da sich auf grund der hohen popularität dieser hochgeschätzten damen leider immer wieder schwarze …äääääh BRAUNE Scheeeei…äh… afe auf die seite verirren und sehr viel dummme kaka von sich geben ^^

      • frlkrise schreibt:

        Stimmt, alle Kommentare werden genau gescheckt…!

      • Blogolade schreibt:

        ah, achso. Ich dachte, ich lande nur beim ersten Mal in der Schleife. SO kenne ich das von den meisten WP-Blogs
        Dass so viele schwarze Schafe hier sind, war mir nicht klar

  11. Old-school-Girl schreibt:

    Und nebenbei lese ich: Die Zigarette schmeckt wieder?
    Ach, wie schön, daraus lese ich, als Kennerin der Sucht: Frl.Krise ist über den Berg

    Dann darf ich ja ein unbetrübtes Wochenende für die Restkonvaleszens wünschen

  12. michael schreibt:

    Fennas Rache: Irgendwie muss ich jetzt nämlich hieran denken.

    • thymi schreibt:

      Na, immerhin war Frl. Krise krank…
      Und wofür Rache, Michael? Fenna bekam doch alles, was sie wollte.
      Bestenfalls teilweise moralische Rehabilitation, aber auch nicht so richtig, denn nur die Anhäufung von Fehlern wurde getadelt: Unpünktlichkeit, nicht Bescheid sagen, Nörgeln, Wehleidigkeit, usw.. Einzelnes davon kann jedem passieren.
      Immerhin zeigt Ihr Beitrag, wie lange zarte, blondgelockte Mädchen im Gedächtnis mancher Männer bleiben 😉
      (Richtig: ich bin dunkel, und mein Charakter ist schwarz.)

    • rotezora. schreibt:

      Stimmt. Und dass noch jemand in der Post war und den Schlüssel herausgeben konnte, liegt daran, dass das Fräulein einen gut hatte im Universum. Da spielt es letzten Endes doch auch keine Rolle, dass es sich um eine freudlose Postangestellte handelte, oder?

  13. Mascha schreibt:

    Super Aktion von Frau Freitag…..*Mascha strickt einen Super Woman Umhang für die Dame*

  14. wiycc schreibt:

    Servicewüste. Immerhin hat sie sich bequemt, den Schlüssel rauszurücken.
    Jeder normale Mensch wäre froh, wenn er einen Schlüsselbund dem Besitzer aushändigen kann.

  15. christaschule2010 schreibt:

    Suuuper – Schlüssel wieder da! Das war ja aufregend!

  16. thymi schreibt:

    @michael: Ich vermisse bei Ihrer Antwort ein 😉 . Aber bei Ihnen muß sich halt die Komik durch den Text erschließen.
    Neidisch? Nein, ich kann mich nicht beklagen, ich möchte gar nicht blond und…oder sind Sie etwa selbst…äh…sorry…;-)

  17. dorlan schreibt:

    Hab mal im USA-Urlaub Schlüssel und Zweitschlüssel vom Leihwagen beim Klamottenshoppen irgendwo hingelegt und gar nicht bemerkt, dass er fehlt. An der Kasse sagt meine Tochter: Guck mal, der Schlüssel (der da hinterm Tresen lag) sieht aus wie deiner! Puh, hab ich nachträglich noch einen Riesenschreck bekommen. Gott sei Dank rückte ihn die Kassiererin ohne Probleme wieder raus.

  18. welikethemoon schreibt:

    Ich glaub die Angestellten bei der Post sind überwiegend so. Voll muffelig, wenn jemand noch nach Feierabend angetanzt kommt, egal wegen was. Dagegen sind die bolivianischen Grenzbeamten direkt Sonnenscheine.

  19. Kennguru schreibt:

    So ein Schulhalbjahr hat ja kaum Schultage, die meiste Zeit sind Ferien oder Wandertage.

    Das habe ich doch neulich schon festgestellt, dass Sie viel zu viel wandern.

    Plexi ist auch mal wieder so eine schöne Formulierung, danke!

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