Aufsicht am Tor

„Schnell, schnell, beeilt euch! Nein, Sabi, du gehst nicht zurück wegen deiner Jacke, es ist heiß draußen! Hülya, Beeilung! Osman, los jetzt!“ Ich stehe an der Klassentür und gebe den Rausschmeißer.
„Chillen Sie ma, Frl. Krise!“
„Nein, Osman, ich chille nicht, ich bin schon zu spät. Ich habe Aufsicht!“
Immer dasselbe! Eigentlich müsste ich schon ein paar Sekunden vor dem Klingeln oder mindestens mit dem Klingeln unten auf dem Schulhof stehen um die Pausenflüchtlinge aufzuhalten. Die, die zu Leckerback wollen oder in irgendein anderes Geschäft und die, die nach der zweiten Stunde schon glauben, genug Wissen aufgeschlürft zu haben und nach Hause drängen. Dabei gehen sie wahrscheinlich nicht mal nach Hause, sondern treiben sich mit ähnlich gelagerten Figuren aus anderen Schulen in einem „Center“ rum, bei gutem Wetter auch mal im Park oder einem Hinterhof.
Aber lasse ich meine Klasse etwas zu früh raus, um pünktlich am Schultor aufzuschlagen, ziehe ich mir den Unbill sämtlicher Kollegen zu. Unser Klassenraum ist ja ganz oben, man kommt beim Runtergehen zwangsläufig an einer Menge Türen vorbei. Eine schöne Gelegenheit für meine Schüler, daran zu klopfen oder sie kurz aufzureißen und: „Momo, kommst du?“ rein zuschreien.

Egal, irgendwann stehe ich am Tor, genauer gesagt etwa 40 Meter davor, denn da endet der offizielle Pausenbereich. Hier gibt es eine gedachte Linie, die niemand überschreiten darf. Ich bin der Kontrollposten, sozusagen.
Das Tor ist übrigens geöffnet. Weshalb man es nicht abschließen darf, bleibt eines der ewig ungelösten Menschheitsrätsel.
Diese Aufsicht ist bei den Kollegen ziemlich unbeliebt, weil von vorne herein klar ist, dass es Stress geben kann. Manche lassen sich deshalb lieber im Treppenhaus oder im Flur einsetzen, wo nichts los ist und man unbelästigt von Kindern seine Stulle essen kann.
Ich hingegen bin ja immer für Action und Unterhaltung, mich findet man deshalb gerne vor dem Tor. Mir kann es auch in den Pausen nicht aufregend genug sein…
„Frl. Krise, haben sie gestern Shopping-Queen gesehen?“ Lilia und Hakan sind große Anhänger dieser Sendung.
„Nee, ich hatte bis vier Schule!“
„Dann müssen sie Internet gehen, da können Sie doch alle Sendungen sehen! Gestern war Motto:’Verführe jemanden mit dein Kleid‘!“
„Hey“, sage ich, „ist ja voll haram!“
Lilia grinst und Hakan sagt: „Soll man ja nicht im Ernst machen, Frl. Krise, nur so tun. Die eine hatte sich voll süßes Kleid gekauft und so Hammerschuhe…“
Hakan will Modedesigner werden, er ist furchtbar eitel und bei ihm dreht sich alles nur um Äußere. Er hat gerade zehn Kilo abgenommen und führt jetzt täglich ein neues Outfit vor. Heute trägt er grüne enge Röhrenjeans, die fast unter dem Hintern hängen und ein stylisches T-Shirt.
„….in Schwarz und eine echt geile Frisur in 15 Minuten , aber sie hatte keine schöne Ta…“
„Dürfen die raus?“ unterbricht ihn Lilia und zeigt auf das Tor, aus dem gerade zwei Gestalten beschleunigten Schrittes verschwinden.
Ich drehe mich um… „Mist! Wer war das?“
„Keine Ahnung! Rennen Sie nicht hinterher, Frl. Krise?“
„Soweit kommt’s noch! Jetzt sind die ja weg! Das passiert, wenn ihr mich so ablenkt!“
„…die Tasche, die die sich gekauft hatte, passte voll nicht zu dem Kleid, aber Rainer Maria Kretscher hatte gesagt, sie…“ Hakan ist noch bei der Shopping-Queen.
„Wer hatte das gesagt?“
„Na, der Modedesigner von diese Sendung! Der ist voll süß, der ist wie Hakan, der interessiert sich auch voll für Mode, Kretschmer heißt der!“ sagt Lilia.
Aha.
„Der ist schwul!“ Lilia zwinkert mir zu.
„Die sind doch alle schwul, die Modedesigner“, sage ich und Hakan errötet. Oh, Mist, das wollte ich jetzt nicht.
„Frl. Krise, da gehen wieder welche!“ Lilia nun wieder.
Tatsächlich, drei Mädchen sausen links durch die Büsche, nehmen Kurs auf die Mülltonnen neben dem Tor, verharren dort einen Moment und kommen dann langsam zurück.
„Sie dachten, wir wollten abhauen, Frl. Krise, wa? Hahaha! Reingelegt!“
„Frl. Krise, warum sind die alle schwul?“
„Ich weiß nicht, Lilia…Vielleicht interessieren sich mehr schwule Männer für schöne Sachen als andere Männer. Aber es ist doch auch egal, ob einer schwul ist oder nicht…“
„Hakan …“ fängt Lilia an und verstummt. Hakan betrachtet angelegentlich den Boden und rollt unter der linken Schuhsohle ein kleines Steinchen hin und her.
„Frl. Krise, darf ich gehen?“ Mahmut aus der Neun baut sich vor mir auf.
„Nein, warum?“
„Ich hab‘ Termin bein Kieferorthopäden. Frau Erbs weiß Bescheid!“
„Hast du einen Zettel?“
„Was für Zettel?“
„Von Frau Erbs, z. B. oder vom Arzt!“
„Mahmut muss gehen. Er darf! Er hat Termin!“ Jetzt mischt sich auch noch sein Kumpel Okan ein.
„Nix da! Ohne Zettel geht hier keiner…“
Die beiden schieben schimpfend ab.

Hakan und Lilia sind verschwunden.
Hm, diese Toraufsicht…

Werden Zöllner, Grenzpolizisten und ähnliche Organe eigentlich auch während ihrer Dienstausübung mit lebenswichtigen Fragen bombardiert?
„Ha’m Sie was zu verzollen?“
„Nee, ich hab‘ nur ein paar Zigaretten. Sorry, Herr Zöllner, mein Sohn ist, glaube ich, schwul. Er will jedenfalls Modedesigner werden. Dummerweise ist er auch noch Moslem. Äh…. hätten sie da gerade mal einen Tipp für mich…?“

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27 Antworten zu Aufsicht am Tor

  1. Membaris schreibt:

    Nee, ne? Diese hinterlistigen kleinen Biester!
    Lustig wars trotzdem.

    Sorry, Frl. Krise. 🙂

  2. Nania schreibt:

    Oh ja, das kenne ich auch noch, nur das es – glaubt man den Ausführungen meiner Mitschüler – bei uns einfacher war, das Schulgelände durch eine der vielen Türen zu verlassen. Ich hätte immer lieber im Klassenzimmer gesessen und – nicht lachen – Hausaufgaben gemacht. Damit spart man Mittags enorm Zeit, weshalb ich es später in der Oberstufe genossen habe, den Klassenraum nicht mehr verlassen zu müssen 😉

    Was das Tor angeht: Die Antwort ist schätzungsweise simpel: Wegen des Brandschutzes. Die Frage tauchte bei unserem Tor auf dem Unterstufenschulhof ebenfalls auf, wurde aber dann auch mit Nachfragen bei der Feuerwehr gelöst. Ein abgeschlossenes Tor kann im Brandfall zum Problem für die Leute werden, die rauswollen, aber auch für die, die reinwollen, also die Feuerwehr.

    Bei meiner Grundschule kam man an den Vordereingang nur durch ein solche Tor ran, das durfte nie abgeschlossen werden, weil die Feuerwehr dazu keinen Schlüssel besitzt und es viel Zeit in Anspruch nehmen kann, Zeit, die man im Extremfall nicht hat.

  3. Uli schreibt:

    Warum die Schüler nicht vom Gelände dürfen ist mir irgendwie nicht klar So lange sie vor Ende der Pause wiederkommen, wäre mir ja egal ob die zu „Leckerback“ gehen.

    Wenn „schwul“ heute noch die gleiche Bedeutung hat wie zu meiner Schulzeit (und da bin ich mir relativ sicher) würde ich lieber von Homosexuellen reden, sonst klingt das abwertend „unmännlich“.

    • frlkrise schreibt:

      Wer vom Gelände runter geht, hat keinen Versicherungsschutz mehr. Außerdem hat die Schule eine Aufsichtspflicht. Und last not least, es gäbe noch mehr Verspätungen , bzw. etliche kämen gar nicht wieder.

      • Uli schreibt:

        Ok, das macht natürlich Sinn.

      • Lingling schreibt:

        Wie ist das dann z.B. beim selbstständigen Gebäudewechsel (z.B. für Sport am anderen Standort) Besteht da das Problem mit dem Versicherungsschutz auch, oder ist das dann gedeckt, weil es ja „schulisch“ ist? (Bei uns lag der Bäcker damals so praktisch am Weg… *hihi*)

      • Old-school-Girl schreibt:

        Das ist nun durchaus verständlich.
        Ich lese seit kurzem ihren Blog voller Freude und vergleiche ihn mit meiner Schulzeit.
        Wir hatten nebenan so ein Abbruchhaus gehabt, da trafen wir uns in den Pausen zu neckischen Spielchen in allen Ehren. Oft war die Pause etwas zu kurz, was zu mancher Fehlstunde oder mindestens ordentlicher Verspätung führte.

        Das mit dem Versicherungsschutz war uns eher egal. Wir waren jung und praktisch unverwundbar

    • hurenb0ck schreibt:

      Ich denke man muss die Sprache nicht komplett auf dem Altar der political corectness opfern. Schwul ist nicht abwertend. Ich selber sage gerne Schwuchtel ( auch wertneutral ).

      • peterbruells schreibt:

        „Schwul“ ist eventuell nicht abwertend. All Modedesignern homosexuelle Orientierung unterstellen zu wollen, ist es jedoch schon.

  4. Budde schreibt:

    Oha! Da kann man nur hoffen, dass wirklich niemand aus dem privaten Umfeld Ihrer Schüler hier mit liest – sonst hat „Hakan“ bald noch ein Problem mehr. (Ich meine, so wie Sie ihn schildern, hat er ja wohl gerade ne kleine Sinnkrise.)

    • cheesecake schreibt:

      Es las sich jetzt irgendwie nicht so, als würden die Schüler nicht ähnliche Schlüsse ziehen können. Hakan scheint mit seinen Interessen in Bezug auf Mode nicht hinter dem Berg zu halten. Ganz unabhängig davon, ob ein hohes Interesse für Mode oder der Wunsch, Modedesigner zu werden, tatsächlich überdurchschnittlich oft auf Homosexualität schließen lässt: Zumindest hat die Berufsrichtung einen gewissen Ruf und Mode gilt nicht grade als „klassisch männliches“ Metier. Von daher dürfte der Blogbeitrag keinen großen Unterschied machen.

  5. anna schreibt:

    Ist doch ganz logisch: Als Modedesigner muss man sich damit beschäftigen, Frauen anzuziehen. Nichtschwule Männer interessieren sich allerdings eher fürs Gegenteil — ausser sie sind vorbildlich religiös.

  6. Minou schreibt:

    Lassen Sie das mit dem „alle schwul“ nur nicht Roberto Cavalli hören 😉 Aber wenns denn unbedingt ein „nicht schwules“ Vorbild braucht, würde der sich vielleicht anbieten 🙂

  7. Guido schreibt:

    Hmm. Das mit der Feuerwehr leuchtet ein. Aber dann wäre es doch OK, das Tor während der Pausen zuzuschließen. Da ist jemand da und kann aufschließen, wenn’s brennt.

    • Anne schreibt:

      Das ist ungefähr so sinnvoll wie die (zum Glück gescheiterte) Idee, beim Berliner Flughafen statt der automatischen Türöffner Menschen hinzustellen. Wenn’s brennt, sind Fluchtinstinkte oft stärker als die Vernunft.

    • Nania schreibt:

      Ist schätzungsweise brandtechnisch gesehen, auch nicht in Ordnung. Wenns brennt ist die Hektik und Panik sowieso groß und wenn man dann erst das Tor aufschließen muss? Die Gefahr, dass man nach der Pause vergisst, es wieder zu öffnen, ist m.E. auch viel zu groß.

  8. Olaf aus HH schreibt:

    > „Dürfen die raus?“ unterbricht ihn Lilia und zeigt auf das Tor, aus dem gerade zwei Gestalten beschleunigten Schrittes verschwinden.
    Ich drehe mich um… „Mist! Wer war das?“
    „Keine Ahnung! Rennen Sie nicht hinterher, Frl. Krise?“
    „Soweit kommt’s noch! Jetzt sind die ja weg! Das passiert, wenn ihr mich so ablenkt!“ <

    Das könnte wohl das Team von JOOP.rtl.sat1.kabel9.tv.oder düddellüt.de und der sonstige TV-Gimmickturbo in Ihrer kleinen Welt in irgendwo gewesen sein…
    Diese Chance ("Schangse") war dann wohl vertan oder verknallt.
    😉 Schüler und -Innen…

  9. fast-wurzelkind schreibt:

    Nein, das Tor muss offen sein, genauso wie man in einem Mietshaus mit Sicherheitsschlössern in der Eingangstür auch nicht zuschließen darf, wegen dem Fluchtweg (da gibts immer mal meist ältere Leute die das ganz gerne machen, die „darf“ man dann aber „belehren“ 🙂

  10. Tricia McMillan schreibt:

    Frl. Krise!!! Sowas können Sie doch nicht machen!!! Der arme Hakan… 😦

  11. Michael schreibt:

    In meiner Schule waren die Tore in der Pause zu (nicht abgeschlossen) und der Lehrer lehnte dagegen. Wie sollte man da vorbei kommen. Und das mit der Hofaufsicht war auch einfach: die machten die Lehrer, die vorher eine Freistunde hatten.

  12. idriel schreibt:

    Die Tasche passte übrigens wirklich nicht….. 😉

  13. Wolfram schreibt:

    Hier in Frankreich sind die Tore abgeschlossen, allerdings mittlerweile oft am zentralen Schließsystem angemeldet und können deshalb zentral geöffnet werden. Der Zugang zu einer Schule ist durchschnittlich ungefähr so einfach wie der zu einer Kaserne, und ich habe jedes Wort abgewogen.

  14. geschmacksverstaerkerei schreibt:

    Es kommt immer auf die Hausordnung an.

    • J schreibt:

      Nein, die Brandschutzverordnung schlägt immer das, was in einer Hausordnung steht. Man kann mit einer Hausordnung nicht den Brandschutz aushebeln.
      (Das konnte ich hier nicht so stehen lassen=)

  15. silver account schreibt:

    • Falls Sie Lust auf einen spannenden psychologischen Roman haben sollten, dürfte Sie der folgende Tipp interessieren: „Und Nietzsche weinte“ von Irvin Yalom.

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