‚Miristschlecht‘

„Hallo, Frl. Krise, wie geht’s?“ Ahmad aus dem zehnten Schuljahr lungert vor der Lehrerzimmertür herum und lächelt mich freundlich an.
„Danke, Ahmad. Und wie geht’s dir?“
„Danke, gut! Haben wir nachher Kunst bei Sie?“
„Nee, Ahmad, ich habe heute bloß noch Deutsch in meiner Klasse. Kunst haben wir erst am Freitag.“
„Ach so, ja, stimmt. Malen wir das große Bild weiter?“
Wo ist denn mein Schlüssel? Eben hatte ich ihn doch noch…Ich wühle in den Tiefen meiner Tasche. Dabei fällt mir ein: „Ahmad, diesen Freitag fällt Kunst aber aus. Wir haben doch Wandertag!“
„Echt?! Oh, schade!“
„Na ja…, aber das mit dem Wandertag habt ihr doch bestimmt schon in der Klasse besprochen!?“
Ahmad zuckt mit den Achseln: „Janein, keine Ahnung, Frl. Krise!“
Endlich – da ist ja mein Schlüssel!
„Frl. Krise, ist Frau Müller drinne im Lehrerzimmer?“
„Keine Ahnung! Warte mal einen Moment…!“
Ich schließe auf und Ahmad späht um die Ecke.
„Frau Müller!“ruft er. „Können Sie mal?“
Während Kollegin Müller zur Tür eilt, verfällt Ahmad zusehens.
„Frau Müller“, sagt er kläglich, „ wegen Mathe…mir ist nicht… mir ist komisch. Ich habe so Bauch und mein Kopf tut weh. Ich kann nicht…ich will nach Hause, ich bin krank, glaube ich.“
Er blickt auf den Boden, seine Schultern hängen plötzlich und seine Stimme klingt brüchig.
„Ahmad! Hallo!“ trompetet Frau Müller fröhlich. „Hast du diese Prozentaufgaben für heute gemacht?“
Ahmad guckt sie leicht geschockt an. Was ist das für eine Lehrerin? Null Empathie für einen armen Kranken? Nur Interesse an Matheaufgaben!
Er schüttelt leicht den Kopf.
„Also, du hast die Aufgaben gar nicht, stimmts? Dachte ich mir! Dann bis gleich in Mathe!“, schmettert Frau Müller gut gelaunt und zieht die Tür zu.
„Dieser Halunke!“ ruft sie fröhlich, „ Der denkt auch, er kann’s bei mir probieren…!“

In der nächsten Pause sehe ich Ahmad wieder. Er geht, in der linken Hand einen Fußball haltend, Richtung Bolzplatz. Mit der Rechten stopft er sich eine dicke Streuselschnecke in den Mund.
„Na, Ahmad, dir geht’s wieder besser! Kannst ja schon wieder was essen!“
Ahmad nickt, titscht den Ball auf und kaut.
„Voll gemein, Frau Müller, wa, Frl. Krise?“ fragt er schlitzohrig. „Mir war echt ein bisschen schlecht!“
„Hm…!“
„Doch, war! Echt, Frl. Krise. Sie sind doch auch mal krank, oder?“
„Hm…!“
Ahmad grinst, kickt den Ball weg und spurtet los.

Ahmad hat recht. Ich war erst gestern krank! Und wie! Nur weil ich drei Löffel verdorbener Bohnensuppe gegessen hatte!
Aber es gibt offensichtlich auch so was wie Prozentaufgabenvergiftung …besonders wenn man die Aufgaben nicht gemacht hat.

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35 Antworten zu ‚Miristschlecht‘

  1. Hihi, bei mir hat das früher immer geklappt, wenn ich krank gespielt habe in der Schule…war allerdings auch selten und sonst eilte mir natürlich ein guter Ruf als brave Schülerin voraus….;-)

  2. frlstreberlin schreibt:

    oh das kenne ich 😛
    Besonders bei Französisch. Diese doofen unregelmäßigen Verben. Die liegen immer so schwer im Magen 😦 Und dann noch bei Fr. Rottenmeier. Was kann ich dafür, dass die Ärzte immer nur genau dann noch einen Termin frei haben, wenn die Verben abgefragt werden sollen… ?

  3. 4enno schreibt:

    Ich dachte immer, die Dinge ändern sich. Offensichtlich bleibt aber Vieles gleich: Wir waren damals wie Ahmad, und unsere Lehrer wie Frau Müller. Und auch wir fanden das damals „voll gemein“.

  4. Olaf schreibt:

    > Ich war erst gestern krank! Und wie! Nur weil ich drei Löffel verdorbener Bohnensuppe gegessen hatte! <
    Ehrlich – ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil sich einige Tage in Ihrem Blog nichts so recht bewegt hatte.
    Dann ist es ja jetzt (hoffentlich) wieder gut. Haben Sie nach drei Löffeln bemerkt/ geschmeckt, daß die Bohnensuppe nicht gut war ? Wow.
    Ups, ja ! Wäre das nicht eine Marktlücke oder (neudeutsch) Geschäftsidee ? Verdorbene Bohnen-, wahlweise Linsen-/ Erbsen-/ Rinds-/ Lammgulasch- etc.-Suppe… Natürlich Bioökoetc. Erwachsene zahlen das Doppelte um irgendwelchem Streß zu entkommen ?
    Krisensuppe – greifen Sie zu ! 1.99 EUR im Angebot (wo denn auch sonst ?), drei Dosen 4.99 EUR.
    😉
    Oder so.

    • frlkrise schreibt:

      Nur nicht! So schlecht war mir lange nicht mehr!
      Nach drei Löffeln habe ich gedacht, die Suppe schmeckt nicht… und erst später, als sie mir aus dem Gesicht fiel, wurde mir klar, weshalb…*würg

    • michael schreibt:

      Olaf,

      Wenn Frl. Krise mal nicht schreibt,magst Du ja vielleicht hier http://en.wikipedia.org/wiki/Foodborne_illness etwas über verdorbene Lebensmittel nachlesen.

      Wenn Du herausfinden willst, warum es schön ist, gesund zu sein, oder wenn Du etwas gegen Deine Lebenserwartung tun willst: probiers doch mal mit verdorbenem Hackfleisch.

      • Olaf schreibt:

        Danke für den Tip.
        Verdorbenes Hackfleisch –
        heute vormittag gekauft (500 Gramm), liegt auf dem Balkon in der Sonne und gammelt ab jetzt vor sich hin, die Folie wölbt sich jetzt schon ein wenig. In einer Woche, wenn es dann nach Fisch riecht – genauer: zerlegten Proteinen – werde ich mich melden und dann roh probieren, natürlich ohne vorher Braten oder dergleichen. Dazu ein altes Brötchen, knallhart und ein Bier. Und dann geht’s lohooos.
        Bis dahin könnten Sie einen Sinn für Ironie entwickeln. Oder ich auch.
        Frieden ?

      • 4enno schreibt:

        Olaf,
        ich hätte da noch 2006 abgelaufenes Bier im Keller stehen. Wegwerfen ist schade um den Pfand und wegschütten traut sich keiner. Deal? 😀

      • Olaf aus HH schreibt:

        @4enno:
        So ganz traue ich mich ja nicht, nachdem ich schon den Test für das alte Hackfleisch für Freitag (Oh je – das ist ja schon bald !!) versprochen habe. Aber na ja, sechs Jahre altes Bier – wenn es denn dem Reinheitsgebot entspricht – kann dann auch nicht mehr wirklich schaden.
        Das wird dann wohl mein Ende sein. Mutig aber Ende. Ein für alle Mal. Wollt Ihr alle das wirklich ??
        Vorsorglich: Leben Sie wohl Frollein Krise und Ihr Leser und Leserinnen, es war sehr schön, Sie und Euch lesen zu dürfen. Here I’ll go. I die, fare well goodbye, Fare well goodbye, I’ll die.
        Mist. Das war es dann wohl.
        Und ich bin doch erst sechsundfünfzig. Muß ich jetzt wirklich ?

      • michael schreibt:

        @4Enno
        > Wegwerfen ist schade um den Pfand und wegschütten traut sich keiner. Deal

        Worin besteht denn der Deal ? Wenn Olaf das Bier trinkt, ißt Du das Hackfleisch ? 😀

  5. GG schreibt:

    Das ‘Miristschlecht’ kommt ja auch meist in Schulen vor … 🙂

    • GG schreibt:

      Und da war doch noch die Verteidigung des Nasobems vor Nasobema Rex: Im allerschlimmsten Notfalle, d.h. kurz vor dem Gefressenwerden durch Nasobema Rex ergreift das Nasobem einen Ast und lässt sich hin und her pendeln. Vom Zugucken wird dem Nasobema Rex so schlecht, dass es sich übergeben muss und das Nasobem kann „zur Nase“ entkommen. (Das hab ich mir nicht ausgedacht, Wikipedia ist mein Zeuge.)

  6. welikethemoon schreibt:

    hahahah, das war grad echt lustig, besonders die Stelle, an der Ahmad zusehends verfällt. Da werd ich wohl noch ne Weile dran hin lachen.

  7. kingkenny7 schreibt:

    Ich hatte in meiner ganzen Schulzeit vielleicht dreimal Miristschlecht und einmal zählt eigentlich nicht, denn da musste ich wirklich ganz dringend in den Zug nach Frankfurt, wo Metallica am Abend spielten.

  8. Nania schreibt:

    Miristschlecht wird dann zum Problem, wenn einem mal wirklich schlecht ist und niemand einem glaubt.
    Ich habe in der achten Klasse die Freude gehabt, mitzuerleben, wie ein Lehrer einen Mitschüler nach Hause geschickt hat und der Lehrer in der Stunde zuvor noch meinte, es seien ja nur noch drei Stunden.
    Vier Tage Ausfall wegen Magendarmgrippe.

  9. Minou schreibt:

    Tja, Ich hatte früher zwar immer das Gefühl, dass meine Lehrer die Tour durchschauen….aber gehen lassen haben sie seltsamer Weise mich trotzdem. 😉
    Mal Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich schon gedacht „Gott sei Dank hat der/die jetzt Mir-ist-schlecht ausgegraben“ und ihn/sie freundlich lächelnd entlassen??? Ich persönlich bin ja ab und an hocherfreut, wenn die Kinderlein mal keine Zeit für mich finden…

  10. fearlesscreek schreibt:

    ein wirklich toller blog! ich habe mit deinen schülern zu tun, wenn sie so 20 sind und liebe meine „kackbratzen“ sehr…! ich freu mich auf neues von frau krise! puja

  11. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Oh ja, Miristschlecht kenn ich nur zu gut…sowohl in Beobachtung als auch Praxis! 😉

  12. Mascha schreibt:

    Miristschlecht kommt bei mir immer automatisch, wenn ich irgendwelche unangenehmen Termine vor mir habe….aber das ist dann nicht gespielt….mir ist dann wirklich schlecht!!

  13. Wolfgang schreibt:

    Haha, ich hatte mal ganz hohes Fieber, 38,5, aber merkwürdigerweise nur in der ersten Stunde (Erdkunde) vor dem Schwimmen… 😉

  14. M. schreibt:

    Mir wurde immer kotzübel, wenn es zu den Wandertagen ans Wandern ging. Da hatte ich immer ganz schnell was mit dem Knie. Und heute? Heute habe ich wirklich Ersatzteile drin….
    So schnell kanns gehen und Lügen von früher holen einen ein. Das hab ich nun davon…

  15. Maren Thunert schreibt:

    Bei meinem Sohn setzt dann immer wundersamer Weise die Spontanheilung schon in der S-Bahn ein….. und es war doch nur die Teilnahme am Krippenspiel. Eine Mischung aus Miristschlecht und Lampenfieber ist auch gemein.

  16. wahrheitsfindung schreibt:

    Kein Wunder, wenn Sie so lustige Geschichten schreiben, dass sogar der Smiley (mit Mehrfachfunktion) am Unteren Seitenrand „mittig“ mit liest. Ist das jetzt die neue Kennzeichnungspflicht statt Aufforderung zum Schmunzeln auf Befehl … oder wie … oder was? 😉 Ich hab auch so’n Ding verpasst gekommen. 😦

    Es würde mich sehr interessieren was Sie dazu sagen, oder wissen Sie noch gar nichts von Ihrem Glück, Frl. Krise????

    mfg.die Wahrheiitsfindung

  17. fast-wurzelkind schreibt:

    jaja, ich hatte auch mal als Teenager einen voll mießen Tag und mich hat keiner nach Hause geschickt, obwohl ich kotzelend ausgesehen haben muss, danach war ich dann wirklich krank geschrieben, als es mir wieder gut ging, musste ich mich natürlich beschweren, denn an dem Tag war mir nicht nach Widerspruch, aber da sind wohl eher die Schuld, die immer vortäuschen und nicht die Lehrer, die wirklich Kranken haben dann das Nachsehen…

    • Nania schreibt:

      Das ist auch ein wiederkehrendes Problem, dass auch auf andere Aktivitäten außerhalb der Schule zutrifft. Wenn zu viele Schüler wegen Sportveranstaltungen mal fehlten, wird es schwierig, für den Tag der offenen Tür an der Wunschuni frei zu bekommen.
      Oder für ein musikalisches Ereignis.

  18. freudefinder schreibt:

    versuchen kann man es ja mal – schade wenn die Lehrerin so locker damit umgeht und den Nagel gleich so auf den Kopf trifft.

  19. Stephan schreibt:

    Vielleicht sollte man mal eine AG ins Leben rufen! Inhalt: Verdauung von schwer verdaulichen Inhalten, Aufgaben und Arbeiten!
    Früher war das dann die Arbeitsgemeinschaft: Nachsitzen und Aufgaben nacharbeiten! Aber so ändern sich die Zeiten und heute haben die Kits Verdauungsprobleme und wir hatten kein Sitzfleisch! 😉

  20. katerwolf schreibt:

    Prozentaufgabenvergiftung gibt es. Und Dreisatzvergiftung. Hatte ich früher auch. Im Endstadium.

    • thymi schreibt:

      Aber liebe Katerwolf, für manche ist das eiin Schmankerl!
      Prozentaufgaben und Dreisatz. Eine Freude, wenn man´s kann 😉

  21. Ich eben wer sonst schreibt:

    Mir war früher vor Sport und Schwimmen immer schlecht. Und manchmal vor Werte und Normen (Ethik)

  22. Mel schreibt:

    ich hatte heute auch miristschlecht…..war mir das unangenehm!!!!

  23. Milan No schreibt:

    Ich erinner mich an einen Mitschüler – nicht gerade ein Musterknabe – der hatte Miristschlecht und natürlich wurde ihm nicht geglaubt; während des Musikunterrichts überab er sich dann in den Mülleimer und wurde vom Lehrer geradezu gedrängt nach Hause, denn ihm ginge es garnicht so schlecht. Ob er das wirklich meinte oder nur das schlechte Gewissen des Lehrers auskosten wollte habe ich mich schon damals gefragt

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