Lieber Baumstamm als Stammbaum…

So Tage wie gestern muss ich nicht andauernd haben. Schule bis 4 Uhr (unter anderem vier Stunden am Stück bei meinen übertrieben munteren Kleinen), um sechs Treffen mit Kollegen u. Schulleitung (hektisches Tackern von jeder Menge „Eltern-Papiere“, die verspätet aus dem Druck kamen) und dann von sieben bis neun Elternabend. Die Eltern von zwanzig Kindern waren übrigens da – rekordverdächtig!

„Hast du eine Kopftablette für mich, Frau Wolf?“ fragt mich Osman heute morgen in der ersten Stunde. Kopftablette könnte ich auch brauchen, denke ich und sage:
„KopfSCHMERZtablette? Nein, und wenn ich eine hätte, dürfte ich sie dir leider nicht geben, Osman. Lehrer dürfen keine Tabletten an Kinder verteilen. Geh mal einen Moment rüber ans offene Fenster! Und ich heiße übrigens Frl. Krise und nicht Frau Wolf!“
Weshalb nennen die mich alle Frau Wolf? Herrlein Krise hat noch keiner zu Karl Wolf gesagt.
„ Ach ja. “ Osman verschwindet im Nachbarraum.
Vielleicht macht ihm auch meine Aufgabe Kopfschmerzen…
Wir haben gerade Ethik und es geht um das Thema Familie. Die Schüler sollen in einen kleinen Stammbaum ihre Geschwister, Eltern und Großeltern eintragen. Gar nicht viel und gar nicht so einfach, wie sich herausstellt.
Viele wissen die Namen ihrer Großeltern nicht, weil sie sie kaum kennen. „Ich habe meine Oma erst einmal gesehen!“ sagt Hülja. „Wir gehen nicht so oft Türkei!“
„Was schreibe ich bei meine Oma? Mein Opa hat gleichzeitig zwei Frauen!“ Yusuf knabbert an seinem Stift und sieht mich unschlüssig an.
„Aber du weißt doch sicher, wer deine richtige Oma ist?“
Yusuf nickt. „Die zweite Frau von mein Opa ist Deutsche“, sagt er , „die heißt Hanna! Die ist nicht meine Oma.“

Bei den Vätern wird es dann ganz schwierig.
„Knecht“ hat Gürkan in sein Vater-Kästchen eingetragen.
„Der ist weg. Der hat meine Mutter geschlagen!“ murmelt er finster.
Auch einige andere Schüler lassen die Stelle unausgefüllt. Sie kennen ihre Väter nicht oder wissen nur ihre Vornamen.

„Meine Familie ist ganz klein, nur meine Eltern“ erzählt Hülja. „Eigentlich ist sie groß, aber wir sind verkracht mit die.“
„Wir auch!“ rufen zwei andere Kinder.
Kerem ist auch schon ganz fertig. Er darf sich aber nicht über zu wenig, sondern zu viel Familie beschweren. Seine acht Geschwister passen nur unter Gequetsche auf das Blatt. Er seufzt schwer und radiert ein Loch ins Blatt.

Die liebe Familie…nichts als Ärger hat man mit ihr.
Das mit dem Stammbaum sollte man sich heutzutage lieber schenken! Auch die türkischen Familien sind immer mehr in Auflösung begriffen…

“Das ist Integration!“ sagt Frau Herz und lacht böse.

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19 Antworten zu Lieber Baumstamm als Stammbaum…

  1. bambooos schreibt:

    “Das ist Integration!“ sagt Frau Herz und lacht böse.
    ^^
    Tz tz tz…aber wo sie Recht hat…

  2. Olaf schreibt:

    > Die Eltern von zwanzig Kindern waren übrigens da – rekordverdächtig! <
    Liebe Miss Krise – vor längerer Zeit hatten Sie herumgemault, daß kaumniemand von den Eltern zum Elternabend gekommen ist.
    Nun waren sie alle (?) oder wenigstens sehr viele da.
    Ich weiß und bin mir sicher, Sie waren zufrieden damit.
    Die Bedingungen waren Sch… – wohl für alle.
    Dennoch – well done. Wenn ich als Amateur das überhaupt schreiben darf, denn Sie sind die junge dynamische Fachfrau aus dem Lehramt. 😉

  3. fraudehnertsallerlei schreibt:

    Oh ja, Stammbäume gestalten sich heute ziemlich schwierig…schade, dass so viele Kinder nur so wenig von ihren Vätern wissen, wenn sie sie überhaupt kennen…Aber Frau Herz´ Satz find ich auf eine ziemlich böse art sehr lustig! 😉

  4. rotezora. schreibt:

    Stammbaum.. oha, ein Feld voller Tretminen. Das kann ganz bös ins Auge gehen. Ähnlich wie diese Geschichte mit dem rezessiv vererbten Merkmal, die Zunge nicht längs einrollen zu können. Es geht die Mär, dass eine Bio-Lehrerin ihre Lerngruppe aufforderte, das in der eigenen Familie zu überprüfen, wobei sich herausstellte, dass ein Vater nicht der biologische Vater sein konnte, was weder die Tochter noch der Vater wusste… Peinlich!!!

    • 0x0d schreibt:

      Genauso eine eine „Tretmine“ in dem Zusammenhang sind die Blutgruppen. Vor allem, wenn Vater 0 und Tochter AB hat.

      • Tricia McMillan schreibt:

        Ja, sowas sollte man lieber lassen! Gab in meiner Familie auch immer Streß und wir sollten auch noch Fotos da rein basteln. Das ging gar nicht, weil Vater unbekannt oder Bilder der Eltern nach Streit entsorgt. Als ich dann in kindlicher Neugier zu viele Fragen gestellt habe, hatte ich meinen ersten persönlichen Shitstorm. Vielen Dank auch Frau Busche! Das werde ich Ihnen nie verzeihen!!!

  5. Amy schreibt:

    Hmm… ich hätte damit aber auch schon kleinere Probleme gehabt. Ich kenne nur von einer Großmutter den Mädchennamen und nicht mal den Vornamen meines lange vor meiner Geburt verstorbenen Großvaters – meine Großmutter war zum Zeitpunkt meiner Geburt schon seit 10 Jahren erneut verheiratet, sodass der Vater meiner Mutter eigentlich nie Thema in der Familie war…

  6. Ulla39 schreibt:

    Integration als Grund für die Auflösung türkischer Familien? Ich bin mir da nicht so sicher. Die Türken werden offener, decken nicht mehr so viel zu, lassen Blicke hinter die Kulissen zu, vor allem die Kinder und Jugendlichen, besonders gegenüber Deutschen (wo der Druck, daß man bestimmte Dinge nicht sage oder tue, aus dem türkischen Umfeld fehlt). Auch ist unser „deutsches“ Bild von heilen türkischen Familien ein Abklatsch dessen, was wir glauben sollen, nicht der Realität.

    • Das sehe ich auch so. Meine beste Freundin wurde von ihren Eltern verstoßen, weil sie einen deutschen Freund (der zum Islam beigetreten und ein richtig netter Kerl ist) hat (dabei waren die Eltern bis dato immer „Integrationsvorzeigetürken“. Da hat niemand von uns mit gerechnet. Sie wurde vor die Wahl gestellt und hat sich für den Freund entschieden, was ich nicht für selbstverständlich halte (sie ist noch Studentin und war zumindest zum Teil noch von den Eltern abhängig), aber auf jeden Fall begrüße. Wer sein Kind wegen soetwas aus dem eigenen Haus wirft, hat jeglichen Respekt verloren, und den Anspruch darauf, auch nur irgendetwas im Leben des Kindes beeinflussen zu wollen. Hier ist das „Auseinanderfallen“ der Familienstruktur wohl eher zu begrüßen, auch wenn es mir für sie unendlich leid tut, dass ihre Eltern sich so aufführen.

      Die beiden sind jetzt verlobt, und ich freue mich schon auf die Hochzeit.

      • Ulla39 schreibt:

        Auf diese Hochzeit würde ich mich auch freuen!
        Daß der küntige Schwiegersohn Muslim ist, zählt nicht; schwer wiegt, daß er kein Türke ist. Diesem Nationalismus frönen aber nicht nur Türken. Eine Libyerin ( lange mit der Familie in Deutschland lebend) will einen Marokkaner (lange mit der Familie….) heiraten. Was für ein Aufstand, was für ein Entsetzen. Ein deutscher Nicht-Muslim hat schließlich Öl auf die Wogen gießen können. Ein Ägypter will eine Türkin heiraten, der gleiche Aufstand. Ließe sich fortsetzen.

  7. Nadine schreibt:

    Bei uns ging dieser Stammbaum bis zu den Urgroßeltern. Mit Geburtstagen und Todestagen. Nicht einfach, wenn der Großvater aus Polen kommt und nicht über seine Eltern sprechen will.

  8. Fremde schreibt:

    Ach Frl. Krise, vor einem Jahr habe ich schon mal deinen Blog ganz durchgelesen, jetzt habe ich endlich Zeit wieder aufzuholen.
    Ich finde schade, dass sich die Stammbäume so auflösen, man wird ja doch auch durch seine Familiengeschichte sehr beeinflusst…

  9. Tricia McMillan schreibt:

    Steht „Stammbaum“ eigentlich im Lehrplan, oder quält man die Kinder und ihre Familien nur so zum Spaß mit diesem Mist?
    Ne Mitschülerin durfte herausfinden, daß die Oma nicht einen einzigen der vier russischen Vergewaltiger, die sie 1945 geschwängert haben, mit Namen kannte. An diesen ver**** sch*** Stammbäumen können Familien zugrunde gehen!!!

    • Membaris schreibt:

      Um sowas seiner Enkelin im Rahmen einer Schulaufgabe zu erzählen, muß man aber noch ein gutes Stück zynischer als Frau Herz sein. Oder sein Enkelkind wirklich hassen. Solches Wissen gehört nicht in Kinderköpfe.

      Mein Sohn hatte gerade Anfang der sechsten in Englisch das Vergnügen, einen Stammbaum erstellen zu müssen. Der hat für sich beschlossen, alle überflüssigen Personen aus dem Stammbaum heraus zu lassen, das betraf vor allem seinen leiblichen Vater, dessen Ehefrau und seine Halbbrüder. Auch meinen mir angetrauten, aber getrennt lebenden Göttergatten ignoriert er, statt dessen ist er nun zumindest auf dem Papier der Nachkomme meines jetzigen Lebensgefährten.
      Ach ja, Kinder liebens im Zweifel unkompliziert, und ich kann meinen Sohn auch verstehen, dass er sich dem zuwendet, der für ihn tatsächlich Interesse aufbringt, im Gegensatz zu seinem Vater und seinem Stiefvater.

      Ich finde es wichtig, das sich Kinder mit Ihren Vorfahren beschäftigen. Als ich mich damals damit amüsieren durfte, habe ich ehrlich gesagt längere Gespräche mit meinen Eltern geführt als jemals davor oder danach während meiner Pubertät. Und ich bin froh, das damals dadurch noch die eine oder andere Begebenheit weitergegeben wurde, die sonst mit dem Tod meines Vaters verloren gegangen wäre. Eltern sind eben immer auch Zeitzeugen. Klar, die schlimmen Begebenheiten seiner Flucht im Winter 1945 von Polen nach Deutschland erzählte er mir mit 14 auch nicht, aber mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, wieviel gelebte Geschichte auch in meiner Familie existiert.

  10. Tricia McMillan schreibt:

    Ach ja, und ich dachte bisher immer Frau Herz wäre ne Coole.
    Jetzt leider ein zynisches Miststück?

  11. Ulla39 schreibt:

    Hier ist so viel von Stammbäumen die Rede. Wenn ich zurückdenke, wurde in meiner ganzen Schulzeit (ab 1945) nicht darüber gesprochen. Wahrscheinlich war in den Köpfen der Erwachsenen noch die Rekonstruktion des Stammbaumes zum Ariernachweis präsent (und allzu viel Nazi-Gedankengut bei einigen).
    Sehr traurig, was Tricia McMillan berichtet, ist aber oft passiert, nicht nur durch Russen, sondern auch Franzosen, Briten, Amerikaner, und passiert immer noch, jeden Tag, jede Stunde.
    Es sollte den Familien überlassen bleiben, ob sie mit ihren Kindern über ihre Vorfahren sprechen oder nicht.

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