Erstens kommt es anders….

Ich bin komplett runter gerockt! Sechs Stunden hatte ich heute Unterricht bei meinen süßen Kleinen. Am Stück! Nur unterbrochen von einer viertelstündigen Hofpause und zwei fünfminütigen Minipäuschen. Fünfundzwanzig frische Siebtklässler und ich – nä, danke!
Das war echt die extreme Überdosis „Neue Klasse“.
Ich kann auch gar nichts davon erzählen, weil mein Kurzzeitgedächtnis versagt hat und sich weigerte abzuspeichern, was alles geschah. Also nichts großartig Schlimmes, aber es war voll anstrengend!
Lasst uns mal alle beten, dass der Kollege, den ich heute zwei Stunden in meiner Klasse vertreten durfte, nächste Woche wieder gesund ist…die regulären vier Stunden, die ich donnerstags bei denen habe, sind mir nämlich gerade lang genug.

Viel weniger aufreibend, aber interessanter sind im Moment eigentlich unsere entlassenen Schüler. Jeden Tag kommen welche vorbei. Wirklich jeden Tag.
Vorgestern waren Aynur und Mustafa da. Sie wirkten geknickt. Die großen Sprüche sind ihnen schon vergangen. Aynur, die in den letzten Monaten bei uns nur noch widerlich überheblich auftrat („In diese verrostete Schule hier kann man man doch nicht arbeiten. Ich geh OSZ und dann werden Sie schon sehen…blablabla… “), gibt kleinlaut zu, dass sie an ihrer neuen Schule nichts gebacken kriege und dass es wohl doch besser gewesen wäre, sich bei uns wenigstens einen lumpigen Hauptschulabschluss zu ergattern.

Bei Frau Herz schlugen gestern drei ihrer Jungs auf. Marco kann es immer noch nicht richtig glauben: Sein ziemlich mickriger mittlerer Abschluss und sein Desinteresse an Bewerbungen haben ihm – oh Wunder – nicht zu einer Ausbildungsstelle verholfen. Und das gemeine Jobcenter verlangt jetzt, dass er richtig Gas gibt und täglich etwa zehn Bewerbungen rausschickt. Niemals! Daraufhin hat er sich lieber an einem OSZ angemeldet, um die Prüfung für den mittleren Bildungsabschluss zu wiederholen und zu verbessern. Lust dazu hat er eigentlich keine…und die alten Loser-Kumpel sind zum Teil auch wieder in seiner Klasse. Total coole Bedingungen für einen Erfolg…das sieht er sogar selber so.

Die anderen beiden Jungs hängen voll durch. Ihnen fehlt die persönliche Ansprache, das Familiäre, die Struktur, die die ihnen die Schule gab.
„Lass‘ mal alle zusammen was Schönes machen!“ sagt Kerim. „Frau Herz, wie früher…“
Jetzt macht keiner mehr irgendwas mit ihnen, schon gar nichts Schönes! Keiner interessiert sich für sie, keiner gibt ihnen Orientierung, sie sind aus allen Haltesystemen gefallen. Es kommt ihnen so vor, als hätte man ihnen plötzlich am Ende der Schulzeit ihr Zuhause gekündigt.
Und das ist auch so – ihr wirkliches Zuhause ist ja keins.

Samira aus der Klasse von Herrn Schmidt steht heute auf dem Schulhof und begrüßt mich mit den Worten: „Sie hatten voll Recht, Frl. Krise!“ Auch ihr dämmert langsam, dass es im OSZ schwieriger ist, die Prüfung zu bestehen als bei uns. „Ich will hier wiederholen,“ sagt sie jämmerlich. „Aber Herr Fischer nimmt mich nicht, die zehnten Klassen sind voll.“
Ihre Freundin Cemile sitzt nur zu Hause rum. „Ich hab‘ noch keine Lehrstelle gefunden. Was soll ich den ganzen Tag zu Hause machen?!“ stöhnt sie. „Ich vermisse die Schule voll! “ Cemile fehlt der Unterhaltungsfaktor, den die Schule auch hat.

Alles, was wir gepredigt haben, ist eingetreten. Alles. Aber Frau Herz und ich können nicht einmal richtig schadenfroh darüber sein.
Ok., ich gebe zu, bei Aynur bin ich’s schon. Geschieht ihr ganz recht, und je schneller die von ihrem hohen Ross runterkommt, um so besser. Vielleicht kriegt sie dann noch die Kurve, sie ist ja schließlich nicht doof.

Aber die Jungs, die von zu Hause gar nichts an Unterstützung mitbekommen, die tun uns richtig leid.
„Du könntest sie adoptieren!“ schlage ich Frau Herz vor. „Dann ist jedenfalls für den Rest deines Lebens für Unterhaltung gesorgt!“

Bevor ich mich auf mein Fahrrad schwinge um nach Hause zu entweichen, stolpere ich auf dem Schulhof über meine halbe Klasse. Sie machen finstere Gesichter.
„Frl. Krise, die neunte Stunde ist ausgefallen,“ beschwert sich Gürkan.
„Freut euch doch!“ sage ich.
Aber niemand freut sich, denn niemand will nach Hause.
„Dürfen wir hier bleiben und auf dem Hof spielen?“ fragt Hamudi. „Oder an die Computer?“
„Oh Himmel, jetzt geht das bei den Kleinen auch schon los!“ Ich sehe Frau Herz kopfschüttelnd an.
„Du könntest sie adoptieren!“ schlägt Frau Herz vor. „Dann hättest du mehr Unterhaltung als restliches Leben….!“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Achtung Fallgrube! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

36 Antworten zu Erstens kommt es anders….

  1. Der Mathehügel schreibt:

    Hallo Frl. Krise,
    ich hoffe, Sie haben Ihre unterrichtsfreie Zeit genossen!
    Ich bin aus dem Urlaub zurück – und was sehe ich? Bei Ihnen gehts wieder los und ich darf lesen. Toll.
    Aber was haben Sie denn da für eine Weichspülerklasse? Sooo brave Schüler? Wo gibts denn sowas???
    Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden, was die „alten“ Schüler angehet. Ich fürchte sonst um mein Lesevergnügen!!!
    Apopo. Habe Frau Freitag reicher gemacht. Der Flug nach Kreta war kurzweilig. Aber Ihr Kind wird sicher noch besser!!!!

  2. Olaf schreibt:

    Liebes Frollein Krise,

    jetzt kommt etwas sehr richtig „altmodisches“ von ganz damals: Das alles klingt so, als würde es jetzt bald recht bitter schmecken.
    Für alle, vor allem für die „Alten“ (Schüler), die es jetzt offenbar merken, woran es nun hakt.
    Zugleich tragisch, aber: Die bittere Medizin war wohl immer die beste, dann geht es vorwärts. So hart es sein mag.
    Bei mir war es damals ekliger Lebertran… (so 1959/ 1960, da war ich drei/ vier Jahre alt).
    Bääh ! Aber so r.i.c.h.t.i.g eklig Bääh !!. Dazu jodhaltige Nordseeluft für vier Wochen.
    Vielleicht lebe ich deshalb noch, denn heute weiß ich (verläßlich), daß es damals nicht recht gut um mich stand. So 1958/ 1959.
    Meine Ma ist jetzt 81 Jahre alt, sie lebt immer noch, ist altersgerecht gesund, und ich bin froh und dankbar für diese „Tranigkeit“..
    That’s the way the cooky crumbles…

    • michael schreibt:

      > Zugleich tragisch, aber: Die bittere Medizin war wohl immer die beste, dann geht es vorwärts. So hart es sein mag

      Nein, bloss Handeln aus Einsicht heraus, kann man von keinem erwarten. Einfach z.B. mal schauen, wieviele Erwachsene Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch nehmen.

      • Olaf schreibt:

        Das mag wirklich so sein bzw. es ist wohl wirklich so, daß bloße abstrakte intellektuelle Einsicht reicht wohl nicht wirklich, z. B. Rauchen (Helmut Schmidt ?) … Saufen (Ernest Hemingway ?) … Kiffen (Wolgang Neuss ?)… Fressen (weiß ich jetzt auch nicht so richtig, vielleicht Rainer Calmund ?) etc.
        Aber wer kann dann das richtige für „Erwachsene“ bewirken, was Erkenntnisse über Vorsorgeuntersuchungen und/ oder sinnvolles Folgeverhalten angeht ?
        Die eigene sinnliche Erfahrung, mehr haben wir Menschen wohl nicht – es wird wohl wirklich weh tun und beängstigend sein müssen, so richtig mit Schweißausbruch im Nacken, wenn der betroffene Mensch daran denkt. Und dann vielleicht mag es geschehen und klappen…
        Ob dann bitter oder nicht.

  3. michael schreibt:

    Bietet die Schule keine Nachmittagsbetreuung an ?

  4. PeterLe schreibt:

    Bitte eine kurze Erklärung, was ist ein OSZ, welche Abschlüsse hätten die Schüler an Ihrer Schule machen können und welche dort. Vielen Dank und ich freu mich immer noch auf Ihr Buch, auch wenn ich das Blog mitlerweile durch habe.

    • frlkrise schreibt:

      OSZ = Oberstufenzentrum, da kann man ALLE Abschlüsse machen, vom Haupschulabschluss bis Abi und berufl. Abschlüsse je nach beruflicher Ausrichtung – Technik/Medizin/Mode usw.
      Bei uns alles, außer Abi.

    • Tricia McMillan schreibt:

      Das Buch wird doch keine Abschrift vom Blog. Da kommen gaaanz neue Geschichten und Erkenntnisse!!!
      Was mich übrigens mal interessieren würde: wie sind Sie mit den Lehrern ihrer Töchter klargekommen? Da kam es doch sicher auch zu interessanten Situationen…

  5. Ulla39 schreibt:

    Etliche der Schüler wollen nicht nach Hause, sie haben kein Zuhause. Sie tun mir sehr leid, es sind doch so junge Menschen. Vielleicht fällt Ihnen ein Engagement in dieser Richtung ein für die Zeit „nach“ der Pensionierung. Den Jugendlichen würde es guttun.

  6. Stephan schreibt:

    Nah rauben die „7. Klässler“ einem den letzten Nerv? Augen zu und durchhalten! 😉

  7. Jürgen schreibt:

    „Also nichts großartig Schlimmes, aber es war voll anstrengend!“
    Das ist es ja, was von der sog. Öffentlichkeit so wenig wahrgenommen wird. Der „normale“ Unterricht ist schon sauanstrengend. Und dann noch die Schüler, die wir haben…
    Herzl. Gruß.

    • frlkrise schreibt:

      Schööööne Ferientage!

    • rotezora. schreibt:

      Stimmt. Ich war als Ruheständlerin jetzt noch einige Male nachmittags in der Schule und habe mit zwei Kolleginnen den Kunstbereich gründlich durchgeräumt und ausgemistet, Dinge, zu denen man im laufenden Betrieb in dieser Gründlichkeit gar nicht kommt. Schülerkontakt entfiel komplett, da in der ersten Woche nachmittags ausschließlich Konferenzen stattfinden. Das war total gechillt, man hat so vor sich hin gerödelt und hatte nicht das Gefühl, schwer gearbeitet zu haben. Ganz anders im Unterricht: da habe ich doch in den letzten Jahren mit zunehmender Tendenz Ermüdungserscheinungen gemerkt, will sagen: Unterricht und alles was dazu gehört lief, aber zu Hause war nicht mehr viel Energie übrig. Ich war total geschlaucht. Gut, dass jetzt Schluss ist, auch wenn mir meine Achtklässler und das dazugehörende Adrenalin manchmal fehlen. Dafür hat sich mein Blutdruck weitgehend normalisiert.

  8. rhadamanthys schreibt:

    Irgendwie nicht überraschend. Aber jetzt mal eine ernsthafte Frage. Aynur soll nicht doof sein und sie hat nichtmal den mickrigen Hauptschulabschluß geschafft. Wenn ich mir da die Fragen, die hier neulich verlinkt waren ansehe, dann sehe ich darin schon einen Widerspruch.

    • frlkrise schreibt:

      Nö. Wenn man jahrelang null Interesse zeigt und nicht mal über die simpelsten Grundkenntnisse verfügt (so Sachen wie z.B. Punktrechnung geht vor Strichrechnung) fällt man z. Bleistift in Mathe auch durch so eine mickrige Prüfung.

      • rhadamanthys schreibt:

        Das kann man dann aber auch unter doof verbuchen. Es gibt nunmal gewisse Grundtechniken, die sollte man wissen. Wenn man an gar nichts Interesse zeigt, deutet das doch auf ein eher simples Gemüt hin. Ohne ein gewisses Training wird das Hirn auch nicht besser und dann bleibt man auf einer nicht altersgemäßen Stufe. (Vielleicht ist das ein politisch korrektere Fornmulierung als doof)

    • Tom schreibt:

      Mickriger Hauptschulabschluß?
      Vor 40 Jahren hatten den doch keine Abitouris überhaupt verstanden.
      Statt Baumschulabschluß haben sie mit Kräuterdiplom bestanden – Basili cum laude.

      • rhadamanthys schreibt:

        Hier war neulich ein Link zu diversen Aufgaben des Hauptschulabschlusses in Hamburg, das war wirklich keine Herausforderung.
        Ok, da hängt auch immer von der Perspektive ab. An der Uni war für die Ings das Mathevordiplom der BWLer lächerlich einfach, die Physiker haben das der Ings nicht sonderlich schwer gefunden und für die Mathematiker hatten alle anderen sowieso nur „Rechnen“ und nicht Mathematik.

      • Tricia McMillan schreibt:

        So, und jetzt wieder ab in den Botanik-Blog!

  9. welikethemoon schreibt:

    Voll deprimierend. „Ihr wirkliches Zuhause ist ja keins.“ Die Armen… vielleicht doch adoptieren?

  10. Pinslerin schreibt:

    Ganz schön tragisch das Ganze…
    Ich hoffe deine Alten bekommen trotzdem noch die Kurve 🙂 mindestens einzelne!
    Habt ihr in eurer Stadt keine Einrichtungen oder Plätze für Jugendliche? Wo sie auch nach der Schule noch chillen oder sich irgendwie beteiligen, spass haben können oder so? Ich find es ganz schön krass wenn die Schule zum Ersatz-Zuhause wird. Ich kenn das zwar, dass man sich bei Freunden oder PartnerIn verbunkert, jedoch find ich das viel naheliegender als die Schule.

    • rhadamanthys schreibt:

      Eben nicht Spass haben oder chillen, sondern etwas arbeiten. Ich hatte auch mal eine Mitarbeieter, der wegen akuter Lustlosigkeit in der 10’ten die Schule geschmissen hat, dann aber in der Arbeit festgestellt hat, dass man mit „Nichtskönnen“ nicht so richtig weiterkommt, der hat dann als Datenbankadministrator auch sienen Weg gefunden.

  11. Tricia McMillan schreibt:

    Ach Frl. Krise…. Sie werden im Ruhestand sicherlich noch ehrenamtlich bei ihren Lieben bleiben!!!

  12. oachkatz schreibt:

    Trotzdem…ganz schön witzig, die Frau Herz.

  13. Stefan K. schreibt:

    Ich find es auch traurig zu lesen, wieviele der Jugendlichen von zu Hause zu wenig Aufmerksamkeit und keine Unterstützung hinsichtlich Motivation bekommen 😦

    Ich würde mich freuen, wenn so engagierte Menschen wie Sie nach Ihrer Pension sich ehrenamtlich um solche ugnedlichen kümmern wollen… – und finde es ärgerlich, dass unser vom Staat finanziertes Betreuungssystem offenbar vorn und hinten nicht ausreicht!

    • rhadamanthys schreibt:

      Was heißt hier“vorn und hinten nicht ausreicht“? Wenn man den Blog liest, werden die Kinder nicht nur zum Jagen getragen, sondern bekommen die Beute sogar noch vorgekaut. Für jede versäumte Chance gibt es mehrere Nachholtermine, es gibt Gruppenprüfungen deren Schwierigkeitsgrad sich an dem Schälen einer Banane orientiert. Es gibt pro Klasse mehrere Lehrer, dazu Erzieher. Es läßt nur den Schluß zu, die wollen oder können nicht. Ein bißchen Eigenleistung muß schon dabei sein.

      • frlkrise schreibt:

        Aber Stefan hat nicht ganz unrecht! Die Freizeitangebote wurden und werden drastisch gekürzt.

      • rhadamanthys schreibt:

        Das soll jetzt eine Antwort auf die Antwort von frlkrise sein, man kann nicht mehr direkt auf ihren letzten Beitrag antworten.
        Es ist sicher richtig, dass die Freizeitangebote gekürzt wurden, aber andererseits wird offensichtlich trotzdem sehr viel Geld für die Kinder ausgegeben. Ich kann mich nicht an eine zweiten Klassenlehrer oder Erzieher an der Schule erinnern, auch nicht aus anderen Schulformen als „Gymnasiumsschulle“. Außerdem muß man sich schon fragen, ob es tatsächlich Aufgabe des Staates sein soll, Jugendliche zu bespaßen. Wenn ich Tante google mal zu „berlin freizeitangebot jugend“ befrage, bekomme ich eine erstaunlich hohe Anzahl von Treffern. Es ist ja auch nicht so, dass die Kinder unendlich viel Zeit hätten, theoretisch sollte ja auch ein wenig Zeit für Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen aufgewendet werden. Ok, habe ich auch sehr wenig gemacht, aber es hat trotzdem gereicht, was ich bei den hier geschilderten Fällen nicht beobachten kann, dafür habe ich sehr viel Freizeit mit dem Inhalt der Stadtbibliothek gefüllt.
        Es wird jetzt das Argument kommen, aber für „DIE“ ist ja auch genug Geld da, ist es eben nicht, außerdem kann man Geldausgaben nicht mit Verschwendung in anderen Bereichen rechtfertigen. Letztendlich muss das alles von irgendjemanden bezahlt werden und die immer weniger werdenden Netto-Steuerzahler fragen sich natürlich, ob sie wirklich den Freizeitspaß von lernunwilligen oder teilweise lernunfähigen auch noch bezahlen sollen, wenn diese das reichliche Angebot (s.o.) von Bildungsangeboten nicht wahrnehmen.

      • frlkrise schreibt:

        Der 2. Klassenlehrer kostet nichts. Er hat, anstatt „nur“Fachlehrer zu sein, einfach noch ein paar Aufgaben mehr – eben wie ein Klassenlehrer.
        Wenn zwei Lehrer gleichzeitig in der Klasse unterrichten, dann NUR deshalb, weil es Kinder in der Klasse gibt, die den Förderstatus „Lernen“ ( früher hieß das lernbehindert) oder „Geistige Entwicklung“ (früher hieß das geistig behindert) oder „emotional-sozial“ (Früher hieß das verhaltensgestört) haben. Sonderschulen gibt es ja kaum noch. Diese Kinder laufen so mit, haben aber ein paar Lehrerstunden extra – übrigens viel zu wenig! In unserer Schule sind das pro Klasse 4-6 Kinder. DAHER der 2. Lehrer, nicht aus BESPAßUNGSgründen!!!!!!!
        Freizeitangebote sind wichtig, weil viele Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, wenn sie aus der Ganztagsschule kommen, familienbedingt auf der Straße abhängen. (Ganztagsschule heißt übrigens nach sieben bis acht Zeitstunden(!)Unterricht keine Hausaufgaben mehr…außer in den hohen Klassen) Jugendclubs und andere Einrichtungen werden zusammengekürzt. Der Jugendclub, der z. B. unsere Schüler nachmittags betreuen soll, kämpft seit Jahren erbittert um seinen Erhalt. JEtzt haben sie wieder eine Zusage für die nächsten 3 Monate. Ob es dann weitergeht???? Das weiß keiner. Und das ist hier überall so! Sorry, aber Du weißt überhaupt nicht, wovon du redest. Googeln alleine genügt nicht….

      • Nania schreibt:

        Ich glaube (auf Ihren letzten Kommentar bezogen), dass es nicht ausreicht, allein das „Angebot“ zu schaffen. Das hat es noch nie.
        Ich meine, wann erkennt ein Kind schon, dass es unbedingt ein Instrument lernen will? Ich kenne viele in meinem Alter (23) die es HEUTE bereuen, dass sie DAMALS entweder gar kein Instrument lernten, weil sie kein Interesse hatten, oder dass es für die Eltern damals zu teuer war, oder das sie zwar mal zwei Jahre Klarinette gespielt haben, sich aber dann nicht mehr dafür interessierten.

        Es hilft auch nicht, mit dem Finger immer auf „die“ zu zeigen. Wie geht es denn dem Jungen mit türkischen Wurzeln im deutschen Fußballverein? Was halten die Eltern davon, wenn ihre „deutschen“ Kinder plötzlich mit zwei Mädchen mit Kopftuch im Chor singen?

        Dazu kommt natürlich, dass viele Freizeitangebote eher von den Eltern an die Kinder herangetragen werden, als andersherum. Und da muss man mit den Eltern arbeiten, nicht nur allein auf die Kinder schauen.

      • rhadamanthys schreibt:

        @Nania
        „DIE“ bezog sich nicht auf Ausländer, sondern auf eine beliebige Gruppe, für die aus Sicht des Betrachters fälschlicherweise Geld aufgewendet wird, Banken, Autofahrer, usw. Immer in beliebtes Argument, wenn für DIE Geld da ist, muß auch für andere Geld da sein. Leider so nicht richtig, da die Summe des zur Verfügung stehenden Geldes endlich ist.

        @frlkrise
        Ich weiß schon, dass der zweite Lehrer nicht zur Bespaßung da ist, aber die Ausgaben pro Schüler sind in Berlin höher als im Bundesdurchschnitt. (Zumindest laut statistischem Bundesamt) Das Ergebnis aber offensichtlich nicht. Das soll nicht Ihr bewundernswertes Engagement kritisieren, ich wäre da schon lange durchgedreht, deutet aber daraufhin, dass die Mittel nicht effizient eingesetzt werden.
        Natürlich können die Lehrer nichts dafür, dass die Klassen 4 -6 Kinder haben, die nicht zur Lerngruppe passen, um das mal möglichst neutral zu formulieren.
        Der Staat unternimmt schon ein ganze Menge, um allen Jugendlichen eine Chance zu geben, es wird aber trotzdem von einigen Kommentaren immer noch so getan, als sei das zu geringe Engagement des Staates schuld, dass die armen Schüler nichts können. Genau diesem versuche ich zu widersprechen, ohne ein Minimum an Eigenleistung wird das nichts. Die Bespaßung bezog sich auf die Betreuung außerhalb der Schule.

  14. michael schreibt:

    > Es läßt nur den Schluß zu, die wollen oder können nicht

    Welcher Schüler will denn schon lernen? Bei uns haben die Eltern darauf geachtet, dass die Kinder lernen. Das scheint heute teilweise anders zu sein.

    • rhadamanthys schreibt:

      Es gibt welche, aber sicher nicht die Masse. In der Oberstufe haben dann aber doch sehr viele zumindest an einigen Fächer durchaus Interesse. Wir waren bspw. im Physik-Leistungskurs zum Schluß noch sieben Schüler, die alle gelernt haben oder auch mal für längere Experimente freiwillig länger da waren. (Gravitationswaage, Röntgenkristallaufnahmen) Von denen hat keiner mehr Druck von den Eltern gebraucht. Gut, Physik-LK nimmt keiner weil ihm nichts besseres einfällt.

      • DCF schreibt:

        @rhadanthys:
        Natürlich braucht man zum Lernen Eigeninitative und am besten Unterstützung durch die Eltern, aber beides stellt sich nicht dadurch ein, dass Außenstehende es gerne so hätten.
        Lernen, zuhören, anwesend sein, Interesse, Initiative, Verantwortung akzeptieren für die Konsequenzen des eigenen Handelns sind alles Dinge die man auch lernen muss. Je schlechter die familiäere und soziale Ausgangslage des Kindes, desto mehr muss das über die Schule oder andere Wege (OSZ, Freizeitangebote, Sozialarbeit…) geregelt werden. Das ist aufwendig, langwierig, oftmals klappt es gar nicht.
        Dennoch gibtes keine Alternative dazu, spontane „Selbstheilungen“ sind doch mehr als selten.

  15. Agetherma schreibt:

    Ja, unsere Azubis kriegen auch ganz große Augen, wenn Sie plötzlich auf die Berufsschule kommen und die Anforderungen dort sehen… 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s