Eisiges

„I am godfather of ice cream,“ sagt der Besitzer der Eisdiele und wischt sich mit einem Tafellappen den Schweiß von der Stirn. ‚Fischer‘ steht auf seinem Namensschild am Kittel und die Eisdiele heißt ‚Schneeflocke‘. Ich nehme mein Eis in Empfang, Erdbeer, Schokolade, wie immer.
„Der Typ hat wohl einen an der Waffel!“ Männe schüttelt den Kopf.
„Es schmeckt aber gut! Warum nimmst du keins?“
Männe sieht sich skeptisch um. Der Laden ist ziemlich runtergerockt, das Mobiliar abgenutzt, fast schäbig, das Glas der Theke streifig, eine dicke Fliege brummt am Fenster und der Boden wirkt schmuddelig.
„Ach, nein, lieber nicht…“
Ich halte ihm das Eis vor den Mund. „Willst du mal probieren?“
„Nee, lass mal.“ Männe wendet sich ab.
„Man kann Salmonellen von Eis bekommen, stimmt’s?“ Mir ist so, als hätte ich das mal in Bio durchgenommen.
„Keine Ahnung!“
„Oder nur von Fleisch? Im Eis ist Fleisch, oder?“
Männe seufzt.
„Meinst du, ich soll das lieber nicht essen? Männe! Sag doch mal!“
„Woher soll ich das wissen, Frl Krise?!“
Ich drehe mich zur Theke um. Ich will den Eisverkäufer fragen, der hat das Eis schließlich zusammengerührt. Aber der Mann ist verschwunden. Statt dessen steht jetzt Harald Glööckler hinter der Theke und beobachtet mich. Er ist stark geschminkt und trägt einen langen schwarzen Pelzmantel. Ich finde das etwas warm für die Jahresszeit, aber er ist schließlich Prinz of Fashion und deshalb wird er wissen, was er tut.
„Ausverkauft!“ sagt Harald zu mir und zeigt auf die leeren Eisbehälter. „Aber sie haben ja schon ein Eis!“
„Eben,“ sage ich.
„Sie könnten mich ablösen!“ schlägt mir Harald vor.
„Gerne,“ sage ich und gehe hinter die Theke. Ich könnte ein Praktikum machen, hier.
Bei Harald in der Schneeflocke…

Die Eisdiele ist auf einmal voller Kinder.
Harald guckt mich kummervoll an. „ Keiner hat bezahlt. Sind Sie die Lehrerin von denen?“
„Nein!“ Ich schnipse meine Eiskugeln unauffällig in einen der kleinen Eiscontainer. Es schmeckt so komisch, wie Hundefutter irgendwie.

Hinter der Theke gibt es noch ein Hinterzimmer. Ein kleiner unordentlicher Raum mit einer alten Couch, einer Tafel und einem Berg Eiern. Genau! Ich schlage mir vor den Kopf. Eier! Eis wird aus Eiern gemacht, nicht aus Fleisch.
„Wir könnten neues Eis machen!“ sage ich zu Männe.
„Ja! Ich will noch ein Eis!“ ruft ein Junge.
„Könnt ihr denn bezahlen?“ frage ich. „Wo ist eigentlich euer Lehrer?“
„Aber Frl. Krise! Sie sind doch unsere Lehrerin!“ sagt der Junge. Es ist Ömür. Er stopft sich den Rest seines Hörnchens in den Mund.
„Ömür! Was machst du denn hier? Wir haben doch gar keinen Wandertag!“
Und überhaupt! Was sind das für fremde Kinder? Wo ist meine richtige Klasse? Emre und Nesrin und Musti…
„Wo sind die anderen, Ömür?“
Ömür guckt mich ernst mit seinen großen brauner Kulleraugen an, schluckt und sagt: „Frl. Krise, erinnern Sie sich noch an Test bein Berufsinformationszentrum? Da kam raus, ich soll Pferdewirt werden!“
„Ja, dann mal los!“ sage ich und setze mich entschlossen aufs Pult. Ich befinde mich plötzlich in einem riesengroßen fremden Klassenraum. Karl steht neben mir. Er zeigt auf die leeren Schultische und Stühle.
„Du könntest eigentlich heute die Namenschilder malen,“ sagt er, „dann weiß gleich jeder, wo er hingehört.“
Ich nicke. Aber ich habe keine Liste und weiß gar nicht, wie die Kinder unserer neuen Klasse heißen. Und ich habe überhaupt keine Lust das jetzt zu machen. Außerdem…sollen die sich doch hinsetzen, wo sie wollen. Es gibt sowieso viel zu viele Stühle.
„Ich putze lieber mal die Tafel!“ verkünde ich und nehme den Wassereimer.
Wo zum Teufel ist der Tafellappen? Vallah – irgendwo habe ich den doch eben noch gesehen…!
Es klingelt. „Oh, schon Pause!“ sagt Karl.

„Frl. Krise! Hallo!!! Telefon!“ Männe zielt mit einem Händy auf mich. „schläfst du immer noch oder kannst du schon mit Frau Herz telefonieren?“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Ferien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

34 Antworten zu Eisiges

  1. pueppi schreibt:

    Da spricht die Sehnsucht nach der Klasse und ein bisschen Wehmut aus dem Traum.
    Auch die neue Klasse wird toll, anders – aber mit Sicherheit bietet sich auch da viel Lesestoff für uns 😉

  2. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Spätestens als Ömür auftauchte, wusste ich aber, dass das ein Traum ist *g*

  3. commonhoni schreibt:

    Da kann man ja froh sein, dass das seltsam schmeckende Eis und die schmuddelige Eisdiele in diesem Falle ein Taum waren. 😉
    Hoffen wir mal, dass Sie mit Ende der Ferien dann doch wieder etwas Lust auf die neuen Kinder haben und denen schöne Namensschilder verpassen. Aber noch haben Sie ja ein wenig Zeit übrig, in der alles nur ein ‚böser Traum‘ gewesen ist. 🙂
    Falls Sie doch noch ein Praktikum anstreben, dann doch lieber eines, bei dem nicht so ein großer Ansturm herrscht bei entsprechendem Wetter? Sonst kommen Sie doch garnicht mehr zur Ruhe! Und wer kann das wollen? 😀

  4. PeterLe schreibt:

    Drogen vom Kiez oder Sangria von der Tanke?

  5. Mithrandir schreibt:

    Erst als Ömür auftauchte?
    Als Frl. Krise von Fleisch im Eis redete, fragte ich mich das erste Mal, wann sie denn in die Bildungsferne gereist sei.

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Ja gut gestutzt habe ich an der Stelle auch, dachte mir aber irgendwie nichts dabei *g*. Man denkt seltsames Zeug, wenn es draußen sehr warm ist.

  6. Kejo111 schreibt:

    Noch nicht mal Halbzeit der Sommerferien, und du träumst von deinen Schülern und der Schule? Au weia. Du brauchst dringend noch ein paar Wochen Auszeit …

  7. impetrare schreibt:

    Hm, das Eis scheint nicht ganz frisch gewesen zu sein.

  8. hajo schreibt:

    abschalten is‘ wohl nicht?
    brav! so erkennt man doch, wie sehr Du Dich mit Deinem Beruf identifizierst
    .. oder wie stark Du durch Deinen Beruf infiziert bist?
    hach, und so was zum Wochenende 😦

  9. Olaf schreibt:

    > „I am godfather of ice cream,“ sagt der Besitzer der Eisdiele und wischt sich mit einem Tafellappen den Schweiß von der Stirn.<

    Whouw.
    Schon ab da war es mir klar – ganz klar ein Traum… (der Tafellappen in der Eisdiele)
    Zur Zeit träume ich auch recht wildes Zeug, unter anderem: Stehe auf dem Bahnhof (in "weitwegirgendwo", aus irgendeinem Grund fühle ich "Bayern", eventuell München) und willmuß nach Hause. Auf jedem der vielen Gleise steht ein Zug. Nur: Es steht in der Bahnsteigsanzeige nicht, wohin der jeweilige Zug fährt.
    In der Fahrplananübersicht steht, wann mein Zug zu meinem Ziel (Hamburg) losfährt, nur nicht, von welchem Gleis. Kein Onkel/ keine Tante in blauer Unform mit roter Mütze ist zu sehen. Da könnte ich ja wenigstens fragen. Andere, die ich frage, wissen es nicht oder verstehen mich nicht.
    (Geht es noch blöder ??)
    Wenn der Zug also zu "meiner" Zeit losfährt, dann ist er weg und ich kriege ihn nicht mehr. Das einzige, was ich dann weiß ist die Tatsache, daß er es gewesen ist und ich in ein paar Stunden zuhause sein könnte.
    Frollein Krise – Träume sind eigentlich etwas wunderbares, ich bin da irgendwie bei Ihnen.
    Irgend etwas will "es" Ihnen jedenfalls sagen.
    Come in and find out, wie die D.-Werbung suggeriert. Es könnte lohnen.

    • Christjann schreibt:

      ach Olaf, wie schrecklich… ich wünsche dir klarere Träume und dass dein Zug nicht ohne dich abfährt!
      liebe grüsse
      Christjann

    • frlkrise schreibt:

      Und was will uns dieser zugige Traum sagen?

      • Olaf schreibt:

        Wahrscheinlich, daß mit der Bahn AG nichts geht.
        Im Ernst: Ich muß dem einmal nachspüren…

    • thymi schreibt:

      Na, Olaf, vielleicht stehen Sie ja gerade auf dem richtigen Gleis und können noch aufspringen? Fürs WollenMüssen nach Hause?
      Und wer will denn schon nach München? 😉
      Wenn ich da so frei vor mich hin assoziiere, machen mich beide Träume ein bißchen traurig.
      Ich geh jetzt selber was träumen.

      • Olaf schreibt:

        Das sind wohl so 12 oder 14 Gleise gewesen – das wäre eine Art Bahnsteigsreiselotto geworden.
        Mein Traum sollte Sie übrigens nicht traurig machen – obwohl ich dabei ein wenig „Heimweh“ hatte, wie ein kleines Kind. Es ist schon etwas verrückt, in meinen Träumen fühle ich oft auch intensiv.

    • Tricia McMillan schreibt:

      Nehmen Sie sich nen Leihwagen!!!

  10. christjann schreibt:

    Vermutlich weiß man auch nur im Traum wie Hundefutter schmeckt… 😉
    Ich dachte schon, Sie machen noch ein drittes Praktikum… Ihre Ex-Kids hätten sich an Ihnen mal ein Beispiel nehmen können –
    Gehen Sie eigentlich mal Gülten im Bioladen besuchen?

    schöne Grüße aus dem klebrigen Südfrankreich, Eis… lechz…

  11. michael schreibt:

    Der Direktor als Verkäufer in einem versiften Eisladen ? Die Entzugserscheinungen werden sich aber sicherlich im Lauf der Zeit legen.

  12. Mrs. Porcelain schreibt:

    AAAAAAaahhhhhh Harald Glööckler im Traum…. Alptraum! Aber trotzdem herrlich!!

  13. invivoveritas schreibt:

    Endlich alles durch, es lebe die Prokrastination!
    Vielen Dank für die gelungenen Posts.

  14. kingkenny7 schreibt:

    Nicht schlecht. Ich muss meistens ein Flugzeug vorm Absturz retten. Ist auf Dauer ganz schön langweilig. Naja, wenigstens war dieser Glööckler noch nicht an Board…

  15. Jürgen schreibt:

    Ich finde es sehr schön, dass Sie in den Ferien auch schreiben. Zumindest, wenn Sie nicht in Urlaub sind.
    Lieben Gruß aus dem tropisch heiß-feuchten Süden!

  16. ömür als pferdewirt, würde ich sehen wollen, wenn mir das pferd nicht leid täte.

  17. SusiP schreibt:

    *gnihihi*

    Mehr nach Hundetrockenfutter oder Dose?

  18. Nadine schreibt:

    Das war kein Traum, das war ein Alptraum! Spätestens als Glööckler auftauchte!

  19. freudefinder schreibt:

    und ich dachte schon, da kommt ein neues Praktikum – aber als die Kinder auftauchten, nachdem alles ausverkauft war……… immer wieder ein Genuss.

  20. re56nates schreibt:

    Erst dachte ich, das ist real aber dann wurde mir klar, dass das wohl ein Traum sein muss aber was für einer! Echt lustig!

  21. Kennguru schreibt:

    … „Meinst du, ich soll das lieber nicht essen? Männe! Sag doch mal!“
    „Woher soll ich das wissen, Frl Krise?!“ …

    Ihr Freund sagt zu Ihnen auch Frl. Krise!? Wie cool ist das denn!!!!1111einseinself

  22. fast-wurzelkind schreibt:

    Ha, der Glööckler, ich fands an der Stelle eigentlich gruselig… schon die Vorstellung, aber warum ist er überhaupt aufgetaucht, wohl heimlich die Folge letzte Woche geschaut? Das ist die Faszination des Grauens.

  23. Mel schreibt:

    das mit dem Glööckler hab ich noch geglaubt, aber dann kam ich doch ins stutzen *lach*

  24. Tricia McMillan schreibt:

    Harald Glööckler ist auch für mich das Irritierendste an diesem Traum.
    Erzählen Sie doch mal, was für ein Verhältnis haben Sie genau zu ihm?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s