„Zum kölschen Pitter“

28.Juni
„Heute Mittag gibt’s nichts Richtiges, Frl. Krise! Du kannst ’ne kalte Frikadelle haben, wenn du willst…mit Brot! Oder ein Solei!“
Sylvie, die Thekenschlampe im „Kölschen Pitter“ (bei mir um die Ecke), wedelte sich gelangweilt mit der unnützen Speisekarte Luft zu.
„Weshalb das denn?“
Sylvie rollte genervt mit den Augen. „ Der Chef ist heute alleine in der Küche. Seine Mutter ist krank!“
„Dann nehme ich nur ein Cola light!“
Männe bestellte sich ein Bier.
Später setzte sich Jupp, der Chef, an unseren Tisch. Seine Mutter fiele ein paar Tage aus – „ene Hätzaanfall“ – ab übermorgen käme seine Schwester, erzählte er. So’n Driss! Jetzt müsste er selber in die Küche. Ausgerechnet ! An einem Tag, an dem die Deutschen spielen. Jupp war abgegessen.
„Gib mal einen Tipp für das Spiel ab!“ versuchte Männe ihn aufzuheitern.
„Zwei zu eins für Italien!“ knurrte Jupp.
„Niemals!“ Ich war empört. Unsere Jungs! Die sich so gut geschlagen hatten!
Männe schubste mich an: „Ihr könnt ja wetten!“
„Meinetwegen.“ Jupp stand auf und zeigte auf mich. „Wenn ich gewinne, hilfst du mir morgen Abend in der Küche, Frl. Krise!“
„Gut. Ok. Das wird nicht passieren! Und wenn ich gewinne, dann…dann…dann machst du mir das Essen, wenn ich die nächste Party gebe!“
Jupp nickte, grinste, klopfte Männe auf die Schulter und entschwand Richtung Küche.

Ich nehme an, Ihr habt euch das Spiel auch angeguckt?! Für die ganz Vergesslichen: Jupp behielt recht.

Mein Wetteinsatz wurde aber erst eimal ausgesetzt. Jupps Schwesterchen kam früher als gedacht und ich rieb mir schon die Hände.
Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben….

30.Juni.
Samstag Mittag klingelte mein Händy. „Jupp hier! Frl. Krise, esch brauch desch! Wann kütt’ste?“
Oh no! Aber das Spiel und die Wette waren nun einmal verloren und wie ihr wisst, habe ich auch rheinischen Migrationshintergrund und einen alten Bekannten wie den Jupp kann ich nicht hängen lassen…
Also trottete ich gegen sechzehn Uhr ins Lokal. Jupp begrüßt mich mit einem lapidaren: „Esch han et gewoß!“
Ich sagte nichts, band mir auf sein Geheiß eine lange weiße Schürze um und schlich in die Küche. Jupp hatte mir schon am Handy erklärt, was ich machen sollte: „Nur dat klein‘ Programm, dat janz klein‘ Programm!“ hatte er gesagt. Nur Imbiss! Keine richtigen Gerichte!
Wenigstens sah ich in der Küche schon ‚dat Toni‘, stehen, Jupps hoffnungsvolle Tochter. Sie schnibbelte einen Riesenberg gekochter Kartoffeln in Scheiben.
Antonia ist fünfzehn oder sechzehn. Sie ist gerade mit der Schule fertig, Realschulabschluss immerhin und hadert mit ihrem Schicksal. Sie weiß nicht, was sie jetzt machen soll. Lehre („Aber was?“), weiter zur Schule gehen („Kein Bock!“), ein soziales Jahr („Wozu dat dann?“), ein Jahr ins Ausland („Und mein Freund?“) oder in der Kneipe jobben (Niemals!“).
„Hallo Toni!“
Als sie mich sah, ließ sie ihr Messer fallen, sagte: „Geil! Dann kann ich ja gehen,“ und zischte ab.
Ich säbelte gottergeben weiter an den Kartoffeln herum. Dann putzte ich Salat, schnitt Gemüse klein, schälte Kartoffeln und formte Hackfleisch zu einer Million Frikadellen. Dabei verfluchte ich Jupp, der nichts von Fertig- Produkten hält. Und ich verwünschte die italienische Mannschaft. Besonders natürlich diesen Typen, diesen Balotelli, oder wie der heißt, der sich nach seinem Tor das Hemd vom Leib gerissen und uns seinen Filmkörper wie in Stein gemeißelt auf dem Spielfeld dargeboten hatte.
(Ehrlich gesagt fand ich es trotzdem ein bisschen übertrieben, dass der Jupp nach der deutschen Niederlage alle Nudelgerichte von der Karte genommen hatte.)
Gegen Abend wurde ich dann großmütig entlassen. Jupps Schwester kreuzte nämlich wieder auf.
„Deshalb hat der mir freigegeben! Du Arme“ rief sie aus, als sie mich sah und drückte mich. „Dä fiese Möpp!“

Seit heute gibt es übrigens „Beim kölschen Pitter“ wieder Pastagerichte im Angebot, erzählte mir Männe eben.
Sogar ein ganz neues:
‚Balotelli con pollo*!

Ach, Jupp!

* mit Hühnerbrust

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57 Antworten zu „Zum kölschen Pitter“

  1. pueppi schreibt:

    Wie war das?! Wettschulden sind Ehrenschulden? 😉
    Und der Dialekt ist ja wohl der Oberhammer – ihr redet tatsächlich so?

  2. gotsassaufeinemast schreibt:

    Nää, wat iset schön. Bei all dem rheinischen, fühl ich mich gleich wie zu hause. 🙂
    Das neue Gericht würde ich zu gern mal probieren. 😀

  3. vaginabesitzer schreibt:

    „Thekenschlampe“? …muss das wirklich sein?

  4. Ö schreibt:

    HalliHallo

    Ich habe soeben, den kompletten fertig gelesen. Immer schön abwechselnd hier und bei Frau Freitag 🙂 VOLL TOLL!!!!!!!!!
    Fühle mich ein wenig erschlagen, von den super Geschichten, die mich in der letzten Woche so wunderbar vom Lernen abgehalten haben.
    Überlege schon, ob ich auch so einen Blog starte, wenn ich mit dem Studium fertig bin und eine Arbeit gefunden habe, da könnten auch lustige Geschichten bei rauskommen; Diese Praktika in den Ferien klingen ganz interessant, vielleicht finde ich auch etwas? (Habe jetzt Langeweile … bis Oktober)

    • frlkrise schreibt:

      Ahhhh! Fürs Lesen des kompletten Blogs gibt’s Fleißpünkte! Bitte säääähr:*****

    • freudefinder schreibt:

      vielleicht hättest Du Lust hier zu helfen – eine deutsche Schule für sehr arme rumänische Kinder – die brauchen helfende Hände – für ein Sommercamp oder ähnliches..http://www.hci-online.de/de/index.php – Da könntest Du super Deine Wartezeit überbrücken…..
      Unfassbar, mit wie viel Freude dort über die Jahre etwas ganz bezauberndes entstanden ist. Auf Europäischem Niveau…..

      • frlkrise schreibt:

        Danke! Aber ich bleibe doch dabei, dass, wenn jemand spenden will (als Dank für zwei Jahre Lesen dieses Blogs – die Idee stammt übrigens von einem Leser, nicht von mir!) er/sie es bitte bei I SEE tun soll. Da einige angemerkt haben, dass deren Homepage nicht auf dem letzten Stand ist, habe ich das angemahnt. Der Verein arbeitet nach wie vor, allerdings fehlt ihnen im Moment jemand, der sich nachhaltig um die Homepage kümmert. Ihr könnt auch bei http://www.kids-kenia.de/ reingucken, die engagieren sich auch dort in Kenia und arbeiten mit I SEE zusammen. Hauptsache, den Kindern wird geholfen, deren Armut ist nämlich für uns unvorstellbar, das weiß ich, weil ich schon an einem Workcamp in dem Kinderheim teilgenommen habe.
        I SEE: http://i-see.de/de/verein/zeitleiste.html)
        I SEE e.V.
        Kontonummer 18408201
        Bankleitzahl 513 900 00
        Volksbank Mittelhessen
        Stichwort: Kinderheim Kiaragana

      • Ö schreibt:

        ich schau mich da mal um 🙂

      • Sandro schreibt:

        Also ich hab mir jetzt die Seite mal angesehen…
        Optisch find ich die ziemlich ansprechend. Wo haperts denn nun wirklich?
        Bisschen Inhalte einpflegen sollte doch kein Thema sein?
        Notfalls geben sie denen einfach mal meine Email-Addy….

      • frlkrise schreibt:

        Das mach ich sofort! DANKE. Das wäre ja super….Allerdings ist in den nächsten 2-3 Wochen wahrscheinlich niemand da, denn auch in Hessen haben die Ferien begonnen. Antwort kommt aber bestimmt!

  5. RogueEconomist schreibt:

    Du bis aber een ganz lecker Mädsche… Im Ernst, sie sind einfach unglaublich. Sie drehen aber auch echt eine Schote nach der anderen, oder? Haben sie mal überlegt ein Format wie „Frl. Krise unterwegs“ ins TV zu bringen? 🙂

  6. Roland_09 schreibt:

    Ohhh, nicht gleich die feministisch-politisch-korrekte Krise kriegen, vaginabesitzer:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Fabul%C3%B6sen_Thekenschlampen

    • SameOldStory schreibt:

      Ich bin auch an dem Begriff hängen geblieben, allerdings nicht aus feministisch-politisch-korrekten Gründen. Mir geht es dabei nur um den Respekt vor bestimmten Berufsgruppen (und Menschen im Allgemeinen). Ein ganz zauberhafter Mensch aus meiner Verwandtschaft hat sich kürzlich über „Saftschubsen“ im Flugzeug ausgelassen, da hab ich mich auch sehr an diesem Begriff gestört.
      Aber gut, die Empfindlichkeiten liegen da sicher bei jedem anders…

    • Diana schreibt:

      Was mich stört ist die Vagina und dann der ….besitzER!
      Äh – Hallo?
      Macho oder …besitzerIN?

  7. kuperkeikka schreibt:

    härrlisch, frollein, härrlisch! 😀

  8. Barbara schreibt:

    super 🙂 und bei dem dialekt bekomm ich auch ein bisschen Heimweh 😉 und koelschdurst 🙂

  9. Thomas schreibt:

    Schöne Nummer.
    Ich Dummbatz habe Sie immer in Berlin gesehen. Sorry.
    Aber jetzt weiß ich es besser. Guten Appetit beim Essen.

    Gruß aus der Neustadt

  10. Nadine schreibt:

    Mit diesem kölschen Dialekt werd ich einfach nicht warm – aber vielleicht bringt mich Frl. Krise doch noch dazu.

  11. Olaf schreibt:

    „(Ehrlich gesagt fand ich es trotzdem ein bisschen übertrieben, dass der Jupp nach der deutschen Niederlage alle Nudelgerichte von der Karte genommen hatte.)“

    Seien Sie bloß froh darüber, sonst hätten Sie womöglich noch aus Hartweizen etc. einzelne Spaghetti und anderes.selber zusammennudeln dürfen. Stück für Stück, wo Herr Jupp doch nichts von Fertigprodukten hält.

    Ach ja – Kölle hat was… 😉
    Wenn Sie verstehen, was ich meine.
    Hihi.

    • Thomas schreibt:

      Kölle hat was…
      Ja, H&M, Douglas, McDoof und den Kölner Dom, aber nicht Frl. Krise.

    • olga schreibt:

      Kölle do ming Stadt am Rhing……………..;)

    • thymi schreibt:

      Na ja, Olaf, man rollt n i c h t jeden einzelnen Spaghetti (Spaghetto?) auf die gewünschte Länge und Dicke 😉
      Eine Nudelmaschine wird es bei Jupp schon geben…aber trotzdem.
      Wenn Sie verstehen, was ich meine.

      • Olaf schreibt:

        Miss Thymi,
        so souverän bin ich – kein Nudelmaschinist 😉 – in der Richtung dann nicht, auch wenn ich gerne (und man sagt, recht gut) kochen kann. Auch gar mediterran… Meine Bolognese ist ungeschlagen (es m.ü.s.s.e.n unter anderem etwas geraspelte Karotten mit hinein !!!), was Bratkartoffeln angeht, so habe ich bei der Europameisterschaft 1986 in Pisa („Patate di Bruzzolo 1986“) ohne Korruption eine Bronzemedaille erbraten (ich war arm und hatte kein Geld).
        Außerdem wollte ich es natürlich auch nur etwas dramatisieren, um Frollein Krise etwas aufzubauen.
        Im Lichte des den Begabten dieser Welt verliehenen („Leihe“: Unentgeltliche Überlassung) Großen Latinums müßte es wohl tatsächlich in etwa Spaghetto heißen.
        Ich glaube, ich habe verstanden. Hoffe ich wenigstens.
        Herzlich alles Gute aus Hamburg nach Franken – 😉

        P.S.: @ Frollein Krise, hätte denn Herr Jupp eine Nudelmaschine gehabt ? Bitte nicht falsch verstehen…

      • frlkrise schreibt:

        Ich glaube, der hätte die Nudeln gekauft!

  12. Robin Urban schreibt:

    Nudeln sind eigentlich eine chinesische Erfindung *klugscheiß*

    Balotelli darf man übrigens nicht verwünschen, weil das ja rassistisch ist.

  13. Maraike schreibt:

    Herrlich geschrieben. Ich mag ihren Schreibstil sehr. Und im Gegensatz zu Ihnen, freu ich mich,wenn die Sommerferien wieder vorbei sind und es neue Geschichten gibt.

    Aber bis dahin wünsche ich Ihnen angenehme und erholsame Sommerferien.

    LG Maraike

  14. Inch schreibt:

    Und was ist mit dem Tankstellenpraktikum? Haben Sie da etwa geschwänzt???

  15. michaela schreibt:

    Cola light ist evil, Frl. Krise!

  16. Rabin schreibt:

    *g* Ich mag den Humor von Jupp. Bekomm ich die Addy von der Kneipe, wenn ich wieder in Köln bin?

  17. frlkrise schreibt:

    Der Jupp und ich haben rheinischen Migrationshintergrund….d.h., wir sind natürlich NICHT in Köln….(*seufz)

  18. ClockworkGnome schreibt:

    Also da muss ich jetzt aber mal meckern, gerade als Lehrerin (also Vorbildfunktion und so 😉 ) sollte man doch froh sein, dass es noch Leute gibt, die nichts von Fertigprodukten halten und frisch kochen!
    Und mal so nebenbei, braucht man nicht den berühmten „Frikkoschein“ vom Gesundheitsamt, wenn man in einem gastronomischen Betrieb Speisen zubereitet? 🙂

  19. Kolderup schreibt:

    Rheinländer haben keinen Migrationshintergrund, sondern arbeiten außerhalb des Rheinlandes immer im Entwicklungsdienst an der kulturellen und moralischen Weiterentwicklung der Menschheit. Meistens vergeblich … (auch *seufz)

  20. welikethemoon schreibt:

    Was isn ein Solei? Und schönen Gruß an Antonia – unbedingt ein Jahr Ausland. Ist gut für Persönlichkeitsbildung und vielleicht weiß sie danach, was sie werden will. Freund aufs heiratsfähige Alter verschieben. Wenn er dann noch auf sie wartet, um so besser, dann weiß sie auch sicher, dass er sie wirklich schätzt.

    • Ich eben wer sonst schreibt:

      Ein Sol-Ei
      zitat: Soleier sind in starker Kochsalzlösung eingelegte, hartgekochte Eier. Durch die Salzlösung werden die Eier konserviert und bleiben ohne Kühlung einige Zeit haltbar. Sie sind ein traditionelles Gericht besonders der Berliner Küche und gehörten dort in Kneipen zum Standardangebot aus dem „Hungerturm“.

      Krieg ich auch Fleißpunkte, Frl. Krisi 🙂

  21. Nobelix schreibt:

    Tja, wie es aussieht ist Frl. Krise ein echtes Multitalent. Lehrerin, den Jungs zeigen, wie man nen Tankdeckel aufbekommt (ganz großes Kino übrigens…) und nun auch noch Frikadellen braten als Küchenfee. Was mag wohl als nächstes kommen? Ein Tag im Cockpit eines Airbus? Panzer fahren bei der Bundeswehr? Ein Tagespraktikum bei Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst? Ich bin gespannt…

  22. Ulla39 schreibt:

    So langsam vermisse ich das Deutsch von Menschen mit anderem Migrationshintergrund… Spätestens wenn die Schule wieder anfängt…

  23. Stefan K. schreibt:

    Liebes Frl Krise, ich hoffe, Sie machen noch mehr Ferienpraktika und Aushilfsjobs! 😉

    So herrliche Anekdoten trösten uns über die schulfreie Zeit hinweg…

  24. setzdich schreibt:

    Mensch, Frl Krise als TV-Serie das wärs doch. Und wenns dann nichtmehr läuft dann ein Spin-Off im Stil von „The Simple Life“. Mich als Zuschauer hätten sie schon 😉

  25. Mel schreibt:

    ist doch gut, wenn viel selbst gemacht wird, anstatt irgendwelche Fertigprodukte zu verwenden…..
    (ich könnte jetzt aber wahrscheinlich trotzdem ziemlich lange kein Hackfleisch oder Kartoffeln mehr sehen).
    Furchtbar, sogar in den Ferien gucke ich hier herein! Freue mich aber sehr, hin und wieder etwas zu lesen 🙂

  26. Schwarzkümmelöl schreibt:

    Echt toller Beitrag, machte richtig Spaß zu lesen.

  27. Sina schreibt:

    so, habe den (das?) Blog jetzt einmal von hinten nach vorne durchgepflügt. War sehr unterhaltsam. Aber eine Frage lässt mich nicht los: Was wird denn nun aus Ömür? Lehrstelle?

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