Vom Aufräumen und Abschiednehmen

„Wie das aussieht!“ Tische und Stuhle stehen kreuz und quer, überall fliegen Papiere, Hefter, alte Unterlagen und Ablagen herum und der Boden ist mit Papierschnitzeln bedeckt. Sodom und Gomorra ist das hier!
Ein Bild der Verwahrlosung. Meine Schüler sehen das nicht. Oder es ist ihnen egal. Sie turnen munter durch den Raum oder hocken auf den Tischen, haben ihre Füße auf den Stühlen und hören übertrieben laut Musik.
Ihre Zahl hat in den letzten Tagen auf übersichtliche neun bis zehn eingependelt. Aynur und Mustafa sind eben in irgendwelche Schulen entwichen, um irgendwelche Test zur Klasseneinteilung zu machen und die anderen fehlen ohne Angabe von Gründen.
„Heute müssen wir den Klassenraum ausräumen,“ verkünde ich. „Jeder nimmt seinen Kram mit nach Hause oder schmeißt ihn weg.“
Lautes Stöhnen. Aufräumen!!
Danke schön auch… Voll ungemütlich, vallah!
Aber unbarmherzig zerre ich alles aus Schränken und Regalen, was entsorgt werden muss. Zum Glück haben wir das vor vier Wochen schon einmal gemacht, das meiste ist damals schon den Weg allen Sterblichen gegangen. Aber in einer Schule sammelt sich ja in kürzester Zeit unglaublich viel Papierkram an und die Jungen düsen immer wieder runter auf den Hof zu den Müllcontainern. „Blaue Tonne!“ schreie ich ihnen hinterher. (Ihren Weg werde ich später an Hand der unterwegs verlorenen Objekte verfolgen können…)
Fuat springt unter Azzizzes spitzen Schreien auf einigen bereits defekten Plastikablagen herum, bis sie völlig zerlegt sind und Erkan befördert zwanzig “ Beruf aktuell“ Bücher einzeln per Weitwurf in den Papierkorb. Manchmal trifft er, meistens nicht.
Ich schimpfe unhörbar vor mich hin (a là: „Wie alt sind die eigentlich! “ und “ Na wartet, ihr werdet euch noch wundern!“ und „Mann, werde ich froh sein, wenn das vorbei ist!“) und versuche mich gleichzeitig daran zu erinnern, wie wir früher mit einigen Schülern ganze Klassenräume frisch gestrichen haben, bevor das Schuljahr zu Ende war. Unser Raum hätte es auch bitter nötig. Aber ich würde mich eher zu einer Leihmutterschaft mit Zwillingen verpflichten lassen, als mit unseren Schülern den Raum zu malern.
Erkan reißt gewaltsam und mit einer gewissen Häme alles von den Wänden, was sich nicht in Rahmen befindet und ich sammle fluchend die Pinnadeln auf.
Den großen Schrank habe ich schon letzte Woche aufgeräumt und das Pult gestern. Sehr schön…ich bin zufrieden. Unterricht wird hier keiner mehr sein. Es war höchste Zeit, das alles zu tun.
Meine Schüler ziehen unter dem üblichen Geschrei ab. Keiner guckt sich mehr um.

Die Klasse sieht komisch aus. Und der Nebenraum auch. So kahl und steril. Ganz fremd.

Um drei gehen Karl und ich noch einmal hoch in den vierten Stock. Wir wollen das Material für die Nachprüfungen zurecht legen, damit wir morgen früh nicht in Stress kommen. Um acht geht’s nämlich gleich los. Aus unserer Klasse kommen Hassan und Azzize in Mathe dran und Necla in Deutsch. Sie müssen alle eine Drei machen, um den Realschulabschluss zu bestehen. Das wird schwierig…
„Komm, Frl. Krise“, sagt Karl, „lass uns mal flott noch die Tische sauber machen“. Die säubern wir zwar regelmäßig mit den Schülern, aber da steht schon wieder eine ganze Menge drauf…goldener Edding ist die neuste Mode.
Dann sortieren wir die Stühle, die roten in den einen Raum, die blauen in den anderen. Die geraten immer wieder durcheinander, was uns normalerweise nicht besonders stört. Aber heute wollen wir alles perfekt machen…es ist ein bisschen wie Beschwörung oder Hexerei… wir verscheuchen die bösen Geister und schaffen Raum für das Neue…

Ich glaube, auch unsere Schüler spüren, dass sie langsam Stück für Stück „vertrieben“ werden. Plötzlich ist es zu Ende.
„Ich will gar nicht, dass es aus ist,“ sagte Ömür gestern traurig. Heute fehlt er schon wieder.
Alle sind ambivalent. „Nur weg hier aus diese verrostete Schule“ und: „Wer weiß, was jetzt kommt!“
Ihr schlechtes Benehmen, die finalen Unverschämtheiten…
Sie haben so vieles noch nicht gelernt, auch nicht, wie man mit Trennung und Abschied umgeht… sie handeln einfach nach dem Motto: was man kaputt geschlagen hat, verlässt man leichter – auch Beziehungen.

Auf dem Hof fahre ich dann mit dem Fahrrad fast eine Schülerin um. „Hey, Frl. Krise!“ sagt sie. „Nicht die Schüler totfahren. Sie brauchen uns noch…“
Stimmt. Ich bin gespannt auf die NEUEN.

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23 Antworten zu Vom Aufräumen und Abschiednehmen

  1. Evanesca Feuerblut schreibt:

    Nichts ist trauriger und einsamer, als eine perfekt aufgeräumte, leere Klasse, in der nix mehr an den Wänden hängt und nur noch halb eingestaubte Blumenpflanzen ergeben auf den Fensterbrettern ausharren…
    Und niemand aggressiver als Schüler, denen diese Traurigkeit unheimlich ist und die sie darum mit wüstem Lärm zu vertreiben suchen.
    Ich kann das so nachfühlen… Möchte glatt, obwohl das eigentlich ein einziges Elend war, zurück zu meiner Abschlusszwölf und ein bisschen Schulluft schnuppern.
    Hach, ein Glück, dass im Herbst Praktikum ist – dieser Blogg macht, trotz aller traurigen Momente die er schildert, einfach Lust, wieder Schulluft zu schnuppern 🙂

    • re56nates schreibt:

      Auch Männer spielen oft den starken Mann und machen auf lustig oder laut, wenn sie erschüttert sind. Das sieht man nicht nur bei älteren Kindern. vermutlich wird das so vorgelebt!

      • Evanesca Feuerblut schreibt:

        Ich würde aber nicht sagen, dass das eine rein männliche Taktik ist. Heutzutage lösen sich die Grenzen da sehr auf und angeblich typisch männliche Verhaltensweisen sieht man auch bei Mädchen/Frauen.
        Inklusive laut sein vor lauter Seelennot.

  2. Macujuha schreibt:

    Und damit ist eine weitere ‚Staffel‘ von „Frl. Krise interveniert“ beendet. Bin gespannt, wie die nächste Staffel wird. Bis dahin wünsche ich unseren entlassenen Hauptdarstellern alles alles gut und der genialen Autorin ein paar ruhige Tage 🙂
    lg

  3. fraufreitag schreibt:

    ooochh,
    aber nun schwing dich mal auf Fuuuuuußßßiiii!

  4. michael schreibt:

    > Aus unserer Klasse kommen Hassan und Azzize in Mathe dran und Necla in Deutsch

    Nun, Daumen drück.

  5. Frau K. aus M. schreibt:

    Ich drück die Daumen für die Drei! Wäre ja noch mal ein kleiner versöhnlicher Abschluss.
    Aber Klasse aufräumen ist auch schon eine Strafe…

  6. argh schreibt:

    Wow, jetzt lese ich schon über ein Jahr hier mit. Unglaublich.

  7. Mrs. Porcelain schreibt:

    Papierschnitzel – lecker, gibts die auch beim Grillen?

  8. wau schreibt:

    „sie handeln einfach nach dem Motto: was man kaputt geschlagen hat, verlässt man leichter – auch Beziehungen.“
    … ganz schön weise, Frl. Krise … muss ich noch ’ne Weile drüber nachdenken!

  9. marihirimahi schreibt:

    Macht Guelten jetzt Deichmann oder Bioladen? Wurde das schon erwaehnt und hab ich das irgendwo verpasst?

  10. Olaf schreibt:

    Liebe verehrte Miss Krise,

    zur Linderung des Schmerzes und der Enttäuschung: Das alles ist leider nun wirklich nicht so, wie ich (und so viele andere auch) es Ihnen und Ihren Schülern etliche Male gewünscht habe.
    „That’s the way, the cooky crumbles“ (Tom Waits).

    http://www.dict.cc/englisch-deutsch/That%27s+the+way+the+cookie+crumbles.html

    Und nun, weil einfach Sie es sind – und nur für Sie zur Ehrung („well the moon is broken and the sky is cracked…), es kann helfen, andere kennen solch Elend doch auch:

    And here are the lyrics (ggf. neues Fenster öffnen und mitlesen/ -hören):

    http://www.songtexte.com/songtext/tom-waits/come-on-up-to-the-house-23d9e087.html

    Miss Krise – das alles läuft wohl seit Jahrhunderten so – sie müssen sich Sysiphus/ Sysipha einfach nur glücklich vorstellen, dann können Sie bei sich sein…
    Und Herr Waits kann auch in anderen Situationen hilfreich und trostvoll wirken, klicken Sie bei Bedarf auch die anderen Songs von ihm einmal an.

    Beste Grüße aus Hamburg
    😉

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