Oh, mein Papa…

Um zwanzig vor neun humpelt Nesrin in die Klasse. Sie humpelt zum Gotterbarmen. Humpeln ist eigentlich das falsche Wort, denn humpeln geschieht fast schon in Lichtgeschwindigkeit im Vergleich zu dem, was sie da tut. In der deutschen Sprache gibt es kein passendes Wort für ihre Fortbewegungsart. „Ameisenschritte“ haben wir das als Kinder genannt, wenn wir „Mutter, wie weit darf ich reisen“ gespielt haben.
„Frl. Krise, ich hab voll Knie!“ verkündet Nesrin mit schmerzlicher Miene und deutet auf ihr ihr schwarzbeleggintes Bein.
„Ich war Rummel gestern und meine Schwester ist mir von Seite voll gegen das Auto gefahren. Bei Autoscooter! Vallah, ich bin fast runtergefallen und Knie ist voll blau. Ich gehe Arzt später.“

Fünf Minuten später kommt Ömür herein gerollt. „Ohr!“ sagt er keuchend. „Ohrentropfen!“
„Ömür, sprich nicht in diesen Ein-Wort-Sätzen mit mir!“ sage ich streng. „Wir lesen Goethe und du sprichst wie ein dreizehn Monate altes Kind!“
„Moment!“ Ömür lässt sich auf den Stuhl fallen. Gut, dass wir so stabile Stühle haben. Schulstühle müssen unglaubliche Belastungen aushalten – sie müssen mindestens erdbebensicher sein, um die verschiedenen Besetzungen zu überleben.
„Frl. Krise, ich hab Trommelfellentzündung. Ohrenarzt hat mir gestern Ohr gespült, hat voll geknallt.“
„Läufst du auf dem Ohr?“ frage ich.
„Wie jetzt?“
„Guck mal auf die Uhr! Du bist viel zu spät!“
„Wegen Ohrentropfen nehmen, ging nicht so schnell!“

Ehe ich mich dazu weiter destruktiv äußern kann, fliegt die Tür auf. Gülten!
„Frl.Krise, tut mir voll leid, dass ich zu spät bin! Ich musste mit mein Vater zu Bürgerbüro Zettel holen.“
„Und das ging nicht heute nachmittag?“
„Hallo? Ist vielleicht Freitag?“
Gülten setzt sich neben Nesrin und schon geht das Gequatsche los.
„Mädels! Bitte!“ Ich bin schon leicht angenervt, aber so ein Ausbruch wie gestern kann ich mir heute nicht schon wieder leisten. Meine Damen haben mir das übrigens nicht übel genommen, sondern mich heute morgen wie immer überschäumend freundlich begrüßt. (Und Azzize mit den Worten: „Riechen Sie mal! Neues Parfüm! Voll gut, wa?“)
„Frl. Krise, ich muss Nesrin erzählen! Oder ich erzähle allen. Ich MUSS erzählen!“ Wenn Gülten in diesem Modus ist, kann nichts sie aufhalten…
„Also, gestern, ich gehe nach Hause nach Unterricht mit Fuat und Necla und alle so auf Straße und mein Papa hat auf Händy angerufen. Er hat mir gesagt: ‚Gülten, die Frau von den Bioladen hat angerufen. Sie hat mir gesagt, sie nimmt dich nich mehr für Ausbildung.‘ Ich hab geschrieen: ‚Was redet sie? Hässlichkeit! Ich hab doch Vertrag unterschrieben! ‚ . Mein Papa meinte mir, es fehlt immer noch dieser eine Zettel und Frau hat gesagt, sie will nicht länger warten und nimmt anderes Mädchen! Frl. Krise, ich hatte voll Herzklopfen und hab gesagt: ‚Was soll ich dann machen, wenn ich keine Stelle hab!’“
Gülten sollte Schauspielerin werden. Sie weiß ihre Stimme zu modulieren, fuchtelt dramatisch mit den Armen in der Luft herum und bricht fast aus lauter Selbstmitleid in Tränen aus.
„Das gibt’s doch nicht!“ sage ich leicht geschockt.
„Ja, wa? Ich war auch voll fertig. Ich hab voll gezittert. Ich hab voll geschrieen! Und geheult, ich wollte nicht mehr leben…! Danach mein Papa hat gesagt: ‚Spaaaaaaß, Gülten! Reg dich ab! Aber die Frau hat wirklich angerufen wegen Zettel!‘ Vallah! Was ein Spast, mein Papa! Was hätte ich gemacht, wenn ich keine Lehrstelle hätte?“
Gülten sieht dramatisch in die Runde.
Alle schweigen.
„Na, du wärst schon nicht gleich gestorben, die leben ja auch noch“, gebe ich zu bedenken und zeige auf ihre Mitschüler.
„Ja, stimmt, ihr habt ja alle nichts!“sagt Gülten mit einem Anflug von Erstaunen. „Das würde ich nicht aushalten…!“ Sie sieht sich um, als säße sie mit einem Stamm Außerirdischer zusammen.

Gut, dass später noch die Berufseinstiegsbegleiterin vorbei schaut um zu verkünden, dass alle, die Montag Vormittag nicht in die mündliche Englischprüfung müssen, statt dessen wieder mal Bewerbungen mit ihr schreiben.
Bilde ich mir nur ein, dass die Resonanz auf dieses, normalerweise nicht sonderlich beliebte Angebot freundlicher ausfällt als sonst?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hm... veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

30 Antworten zu Oh, mein Papa…

  1. Ich eben wer sonst schreibt:

    Eltern können so gemein sein. Ich hatte mal Schluckauf und dann hat mir meine Mama erzählt auf meinem Bett säßen drei dicke Spinnen und ich hab ja Schiss vor Spinnen und angefangen zu heulen. Naja und sie dann so: „Spaaaß, aber dein Schluckauf hat aufgehört!“ Wenigstens etwas…

  2. Herr Rektor schreibt:

    FETT! Der Papa von Gülten is der Knaller! So sollten viel mehr Eltern sein.
    Hoffentlich bringt sie den blöden Zettel nun aber auch zügig…

  3. Mascha schreibt:

    Ich wäre diesem Papa an die Gurgel gesprungen….das ist doch nicht lustig!!

  4. Jürgen schreibt:

    Warum nicht nochmal Theater wie gestern?
    Entlastet die Seele.

  5. Bouquinesse schreibt:

    Das könnte mein Vater sein – der hätte sowas auch drauf.

  6. zat schreibt:

    „schwarzbeleggintes “ Bein? Google meint, das muss schwarz elegant heißen…

    • frlkrise schreibt:

      beine mit schwarzen Leggins =schwarz-be-leggin-tes Bein

      • GG schreibt:

        Schöne Wortschöpfung. Während seiner Schulzeit musste Kind groß mal eine Bildbeschreibung anfertigen. Die Schwierigkeit bestand wohl nicht nur für ihn in der Beschreibung der Farbe von Goethes Hose. Einige Kids entschieden sich letztlich für „uringelb“ – die Lehrerin nannte sie „vanilleweiß“ 🙂 .

    • 360hcopa schreibt:

      ihr schwarzbeleggintes Bein. Ich finde es GENIAL – Grimme Preis Minimum!

  7. OPT schreibt:

    Welche Mädchen auch immer hinter der Figur Gülten stehen: ich freue mich sehr, hat sie doch noch eine Lehrstelle gefunden.

    (Sollte sie in der Berufsschule Mühe haben: Meiner Erfahrung nach liegt’s erstaunlich oft am mangelnden Textverständnis. Entsprechende Nachhilfe gibt’s bestimmt auch in ihrer Nähe, und Berufsschullehrer und Ausbildende verhalten sich meist entgegenkommend, wenn sie vom Problem erfahren. (Selbst kommen sie leider selten darauf.) Bei meinen Schützlingen sind sie meist damit einverstanden, die schriftlichen Tests des ersten Halbjahres oder Jahres zwar zu bewerten, aber nicht oder nur eingeschränkt in die Note einzubeziehen.)

    • frlkrise schreibt:

      Natürlich haben unsere Schüler (egal woher sie stammen) extreme Schwierigkeiten mit dem Textverständnis! Und wieso sollten Berufsschullehrer dieses Problem nicht erkennen? Wenn etwas bekannt ist, dann doch das!

      • Kejo111 schreibt:

        Natürlich erkennen wir solche Probleme. In aller Regel sehr schnell. Und wir weisen die betroffenen Azubis/Schüler, Betriebe und Eltern frühzeitig auf die Möglichkeit hin, bei der Arbeitsagentur die sogenannten ABH (ausbildungsbegleitende Hilfen) zu beantragen. Dann kann der Azubi entsprechende Nachhilfe bekommen.

  8. 西の魔女 schreibt:

    Ich weiß nicht ob ich die Aktion von Gültens Vater gut finden soll, oder nicht. Einerseits wird sie jetzt wahrscheinlich endlich mal diesen doofen Zettel abgeben, und auf Ihre anderen Schüler scheint es auch Eindruck gemacht zu haben, aber andererseits ist das schon arg fies, seiner Tochter so einen Schrecken einzujagen. Es ist aber etwas, was ich mir selbst vorstellen könnte, bei potentiellen Kindern abzuziehen, wenn die ewig nicht in die Puschen kommen.

  9. Der Mathehügel schreibt:

    Son Blödsinn, die Aktion von Gülten-Papa war absolut SUPER.
    Puppertierende Kids bekommste oft nur so dazu etwas zu machen!
    Leider nutzt sich sowas als LKehrer schnell ab . . .

  10. thymi schreibt:

    Bei einer derartig faulen, desinteressierten und pomadigen Einstellug hilft vielleicht nur noch ein (kleiner) Schock! Und wenn der vom eigenen Vater kommt, wird der schon wissen, warum…
    Toller Vater!

  11. crocodylus schreibt:

    Man stelle sich vor, ein Lehrer genießt das besondere Verhalten Pubertierender so 5 bis 10 Stunden pro Woche in einer bestimmten Klasse. Eltern haben das andauernd, auch am Wochenende. Was Gülten-Papa mir ihr schon erlebt haben magt, will ich mir gar nicht vorstellen. Seine Geschichte am Telefon deutet darauf hin, dass viel Spektakuläres dabei war.

    • rotezora schreibt:

      Aber nicht vergessen: Eltern haben eine(n), vielleicht zwei gleichzeitig Pubertierende, Lehrer haben derer um die 30!

  12. frlkrise schreibt:

    Liebe Carmen, danke! Das geht schon eine Weile so und man kann wenig machen.

  13. muttimeckert schreibt:

    „de ejene Pänz komme selden op fremde Lück“ … wie man im Rheinland sagt und wie meine Mutter nie müde wurde zu betonen.
    Übersetzung für Leser anderer Bundesländer: „Die eigenen Kinder kommen selten auf fremde Leute“.
    Bei weitem nicht einmal ansatzweise kann durch die Pädagogen aufgefangen werden, was an mangelnder „Lebenstüchtigkeit“ im Elternhaus versäumt wird zu vermitteln.

  14. Hale schreibt:

    Hach frlkrise, ich mag Deinen Blog so gerne, vallah 🙂 Verfolge dich schon länger und wollte heute einfach mal ein „Danke und weiter so!“ dalassen. Bin sehr gespannt, wie die Prüfungen ausgehen und wie es mit den Jungs und Mädels weitergeht. Und natürlich ob Dir die neuen Schüler nach den Sommerferien auch noch so viel „Stoff“ bieten 🙂

  15. bcprophecy schreibt:

    Köstlich amüsant 😀

  16. Stefan K. schreibt:

    Liebes Frl Krise, schon gesehen, dass SpOn heute etwas zu „Lehrer und Facebook“ veröffentlicht?
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/lehrer-bei-facebook-schule-verlangt-zweitaccount-a-832725.html

    Gibt es bei Ihnen an der Schule auch Gespräche oder sogar von Herrn Fischer eine Anweisung bezüglich Pflicht-Zweit-Accounts für den Facebook-Kontakt zu Schüler/inne/n?

  17. Robin Urban schreibt:

    lol, die Story hat sie sich doch ausgedacht. Ein kleiner Schlag in die Fresse für ihre Mitschüler, die noch keine Ausbildungsstelle haben, aber SIE natürlich SCHON. Perfides Ding und Selbstdarstellung pur!

  18. Nadine schreibt:

    Gültens Papa ist Bombe! Einfach genial!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s