Fremde Federn

„Fenster zu!“ schreit Gülten. „Mir is kalt!“
„Lass bloß auf,“ sage ich „hier stinkts wie im Pumakäfig!“ Eine Mischung aus Deo, Pubertät, Parfüm, Langeweile und Pups liegt in der Luft.
So geht das den lieben langen Morgen. Fenster auf, Fenster zu! Fenster auf, Fenster zu!
Gülten hat ein hauchdünnes Blüschen an und natürlich keine Jacke dabei. Jacke! Niemals! Voll uncool. Wir sind übrigens im Computerraum – Frau Schneider, meine Mädchen und ich. Die Jungen sind zu einem Berufsfindungsprojekt entwichen.

Alle Jacken und Taschen liegen auf einem Tisch, damit sie nicht beim Arbeiten stören. Obenauf liegt ein breiter grünbedruckter Schal. Gülten ist auf der Suche nach etwas Wärmendem. Sie befühlt den Schal. „Schön weich!“ stellt sie fest. Sie schnüffelt an ihm herum. Er scheint geruchsneutral zu sein, denn sie verzieht keine Miene.
„Wen gehört der hier?“ fragt sie und wedelt mit dem Teil in der Luft herum.
Keine Resonanz.
„Setz dich mal an deine Arbeit, Gülten!“ sage ich und zeige auf ihren verwaisten Platz.

Frau Schneider tippt mich an. „Frl. Krise, ich geh mal kurz zu Herrn Fischer, du kommst doch alleine klar, oder?“
Ich nicke. Null Problemo.
Alles ist friedlich, nur Gülten nervt, die friert immer noch, obwohl jetzt alle Fenster geschlossen sind. Sie steht schon wieder an dem Jackengebirge und hält den Schal unschlüssig in der Hand.
„Ist der von dir?“fragt sie Azzize.
„Nee! Ich glaube, der ist von Leila“, antwortet Azzize.
Gülten guckt sich suchend nach Leila um, aber die hat gerade einen Termin bei der Berufseinstiegsbegleiterin und kann sich nicht dazu äußern.
Probeweise schlingt sie den Schal um ihren Hals. „Abooo!Voll warm!“
Dann setzt sie sich wieder an den Computer. So ein fremder Schal ist doch herrlich! Besonders, wenn er so übertrieben lang und breit ist, wie dieser. Man kann ihn wie eine Stola um die Schultern legen, als gewaltige Doppelwurst um den Hals schlingen oder auch um den Kopf wickeln.
„Steht mir Kopftuch, Frl. Krise? Nee, wa?“
„Mann, Gülten, du hast zu tun! Lass den Quatsch mit dem Schal!“
Gülten ent-wickelt kichernd ihren Kopf und legt sich das fremde Objekt über den Rücken und die bloßen Arme. So lässt es sich leben…
Ich gähne unauffällig und schiele auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten! Die Mädels gähnen auch und ehrlich gesagt, geht ihnen die Aufgabe, die ihnen Frau Schneider gegeben hat, ziemlich am A… vorbei.
Vallah, die Jungen haben es gut. Die sind jetzt mit Karl unterwegs zu dem Projekt. Die Damen haben ganz vergessen, dass sie nicht mitgehen wollten, denn sie verspürten ja keine Lust – die Berufe sagten ihnen nicht zu – alles so technisch.

Endlich kommt Frau Schneider wieder. Ich frage mich, was die immer mit der Schulleitung zu besprechen hat. Aber vielleicht macht sie das ja auch wie die Schüler und war in Wirklichkeit gemütlich auf dem Klo oder in der Mensa oder eine rauchen vor dem Tor.
‚Tzzzz, Frl. Krise! Was du immer denkst!’rufe ich mich zur Ordnung.
„Frau Schneider, du rauchst nicht, oder?“ frage ich sicherheitshalber nach.
Frau Schneider reißt ihre blaßblauen Augen auf. „NEIN! Wie kommst du da drauf?“
„Nur so, ich weiß auch…“ weiter komme ich nicht.
Frau Schneider stürzt sich nämlich mit einem Aufschrei in Richtung Gülten und zerrt ihr den Schal von den Schultern.
„Hallo!“ Gülten ist aufgesprungen und hält das Objekt fest. „Was soll das! Das ist Leilas
Schal!“
„ Das ist M E I N Schal!“ Schon hat Frau Schneider ihren Besitz in der Hand.
Gülten guckt angeekelt: „IHR Schal! Igitt! Wenn ich das gewusst hätte!“
Frau Schneider dreht sich zu mir und hält anklagend den Schal hoch. „Warum hast du ihr das erlaubt?“
„Ich wusste doch gar nicht, dass das deiner ist!“
„Ach, ist mir das unangenehm, dass sie sich den so umgewickelt hat!“ Frau Schneider dreht den Schal leicht angewidert hin und her.

Na ja, bisschen albern von beiden, denke ich. Sind ja nicht sooooo unappetitlich!

Allerdings, ganz ehrlich…wenn ich einen Schal verleihen müsste, ich wüsste, wem von beiden ich den geben würde…

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24 Antworten zu Fremde Federn

  1. Anette schreibt:

    „Ach, ist mir das unangenehm, dass sie sich den so umgewickelt hat!“

    Also selbst wenn Gülten eklig wäre – und ich glaube so von den Erzählungen, sie ist ziemlich gepflegt – wäre dieser Spruch aus dem Mund einer Lehrerin trotzdem total daneben. Wobei Gülten sich das „Igitt!“ auch hätte verkneifen können. Meine Güte, so ein Kindergeburtstag! *Kopfschüttel*

  2. Johannes schreibt:

    Gülten? 🙂

  3. bax schreibt:

    Pups? Ich dachte immer, Maedchen koennen gar nicht pupsen. Die muessen auch nicht „grsz“, und Pipi machen sie nur einmal im Jahr. Und dansch gehen sie gleich eine Stunde duschen.

    • Roland_09 schreibt:

      Dass Mädchen nicht auf’s Klo müssten, halte ich aber für ein Gerücht… Bei uns gingen sie sogar grundsätzlich nur in Scharen, mindestens zu viert. War eins der Mysterien meiner Schulzeit, warum das nicht einzeln ging.

    • Jürgen schreibt:

      Wie bitte? Lesen Sie bitte Ihren Kommentar zehnmal hintereinander laut, Herr Bax.

  4. bax schreibt:

    Ooops, da fehlt natuerlich ein „o“. Und es es muss „danAch“ heiszen.

    Kostet das eigentlich was, wenn ich fuer Ihren Blog „subscribe“? 🙂

    • frlkrise schreibt:

      Kostet nix, also voll billig!

      • Emanuel schreibt:

        Wie heisst es so schön? Wenn es dich nichts kostet bist du nicht Kunde sondern die Ware die verkauft wird 😉

        Ne im Ernst: Ich versäume kein Blog von Ihnen und wünsche Ihren Lieben viel Erfolg auf dem Start ins Berufsleben. Letzten Endes sollte man sich in einem Land in dem man fast schon Abitur braucht um ne Lehrstelle zu kriegen fragen ob die Wirtschaft nicht teils vollkommen überzogene Ansprüche hat.
        Ich erkenne es auch immer bei meinen Kunden. Letztens hatte ich mit einem ein sehr prägendes Gespräch in dem er meinte es sei so schwer gut ausgebildete Leute zu kriegen. Als ich ihn fragte ob er selber Lehrlinge hat (so nennt man die Azubis bei uns) antwortete er mit einem „Nöö – Den Stress tun wir uns ned an“

        Da fällts dann echt schwer neutral und freundlich zu bleiben. Über kurz oder lang wird sich die Wirtschaft mit ihrer Mentalität best ausgebildetes Personal zu niedrigsten Konditionen in Ihre Sklavenminen zu zwängen ohne selber Geld für Ausbildung locker machen zu wollen selber in eine Sackgasse manövrieren. Aber wirklicher Trost ist das auch keiner.

      • Emanuel schreibt:

        Beistriche und korrekte Groß- und Kleinschreibung wären auch ein Hit gewesen 😉

  5. Minou schreibt:

    ähhhhhhm…Frau Schneider liest nicht mit, oder? 😉

  6. Nadine schreibt:

    Du würdest Deinen Schal lieber Gülten leihen? Ja, hab ich Recht???

  7. Kejo111 schreibt:

    „Eine Mischung aus Deo, Pubertät, Parfüm, Langeweile und Pups liegt in der Luft.“

    Kommt mir seeehr bekannt vor. Ich habe eine Klasse, der ich schon x-mal gesagt habe, sie mögen doch bitte VOR der Stunde, also in der Pause, lüften, aber nein …. jedesmal, wenn ich da reinkomme, bleibt mir die Luft weg (zu den oben genannten Aromen kommt noch jede Menge Kreidestaub dazu) und muss die Fenster aufreißen, was mit den üblichen Entsetzensschreien quittiert wird.

    Im Winter zieht fast kein Schüler die Jacke aus, auch bei geschlossenen Fenstern nicht, und im Frühjahr heulen sie rum, es sei zu kalt, wenn man Luft reinlässt.

    Ganz zu schweigen von der Gefahr, die offene Fenster darstellen, weil sich ja dann mal ein geflügeltes, sechsbeiniges Tierchen in den Raum verirren kann, was in einer Großstadtkinderklasse den Unterricht praktisch unmöglich macht. *seufz*

  8. Katrine schreibt:

    ICH würde Gülten sogar einen Schal stricken…. 😉

  9. Kennguru schreibt:

    Ahhh, endlich ist aus dem „Ich bin nicht negativ“-FRL wieder die Alte geworden. Wiedermal eine schöne Story mit tollen Formulierungen

    „Eine Mischung aus Deo, Pubertät, Parfüm, Langeweile und Pups liegt in der Luft“
    Wie riechen denn Pubertät und Langeweile?

    Kann die Frau Schneider aber verstehen. ich wäre auch nicht begeistert, wenn in meiner Abwesenheit über meine Sachen verfügt wird. Aber wieso legt sie auch ihren Schal ganz oben auf den Schüler-Jacken-Haufen?

    Auf den Schock musste sie dann wohl erstmal eine rauchen…

  10. Cora schreibt:

    Ich tippe auch auf Gülten! :o)

  11. Mascha schreibt:

    Also was ist denn das für eine Lehrerin?! Also so eine Reaktion ist nicht angebracht. Wirklich Kindergarten!!

  12. Herr Rektor schreibt:

    Tz tz, ich hätte ja einfach hinten am Schal (der noch um den Hals gewickelt war). Bissel blaue Farbe im Gesicht erzeugt 😉

    Ach ne, darf man ja nicht 😦 Schade, sehr Schade. Muss ich meine sadistische Ader eben an anderer Stelle ausleben 😉

    Warum legt die Kollegin auch ihren Schal zum Geraffel der Bagage?

  13. Hr. Klump schreibt:

    Also, Pubertät stinkt gemein nach Schweiss! Igitt!

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