Nachgefragt

Mensa. Am Freitag sehe ich Kollegin Rücker, die unsere Schüler ausbildungsmäßig
berät, mit einem Schinkenbrötchen, einem Kaffee und einen gemischten Salat unseren Tisch ansteuern. Den basisdemokratischen Tisch – wie das Frau Herz nennt, an dem Lehrer, Schulleitung und Schüler zwanglos zusammensitzen.
„Ach, Frl. Krise! Gut, dass ich dich sehe!“, sagt sie und klemmt sich neben mich. „ Ich habe eben mit deiner Jasmin gesprochen. Die ist aber auch nicht ganz knusper! Da hat die mir doch so einen Zettel gezeigt von der AOK. Angeblich hätte sie da einen Ausbildungsplatz! So ein Sachbearbeiter von der AOK hat, glaube ich, versucht sie in seine KV zu lotsen. By the way hat er natürlich gefragt, was sie mal werden will und sie hat gesagt: Einzelhandelskauffrau. Da hat er ihr gesagt, die AOK bildet auch aus und hat ihr wohl als Lockangebot ein Praktikum versprochen…und sie denkt jetzt, sie wäre fest untergebracht!!“ Kopfschüttelnd setzt sie sich. „Na, den Zahn habe ich ihr aber gezogen!“
Frau Rücker beißt zufrieden in ihr Brötchen und ich stochere in meinem Obstsalat. Eindeutig zu apfellastig, für meinen Geschmack, dieser Salat…
„Danke dir! Praktikum bei der AOK – sehr seltsam bei ihrem einfachen Hauptschul-Abschluss. Und hast du auch mit Azzize gesprochen – die macht doch jetzt so ein ominöses Praktikum bei Brautmoden?“
„In einem Brautmodengeschäft!“ verbessert mich Frau Rücker. „Ja, habe ich. Reine Ausbeutung in meinen Augen. Sollte mich wundern, wenn da was für sie rausspringt. Habe ich ihr auch gesagt!“
„Das dachte ich mir. Und was machen wir mit Ömür? Und mit Esra und Necla? Ach ja, und Hassan hat…“
Frau Rücker, die sich gerade ihrem Salat zuwenden will, erhebt die Gabel gegen mich: „Frl. Krise, das sieht alles sehr sehr düster aus….“ sagt sie und spießt dann säuberlich ein Stück Tomate auf.

Ich verziehe mich lieber, die ollen Äppel soll essen, wer will.
Das Paradies ist anderswo…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Ach veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

53 Antworten zu Nachgefragt

  1. Tades75 schreibt:

    Nun ja … eigentlich traurig, dass Ihre Tochter recht behalten hat. Auch wenn die Kinder jetzt nur die Früchte ihrer Arbeit ernten, bzw. nichts ernten, betrübt es mich doch trotzdem

  2. Frau K. aus M. schreibt:

    Och nee! Zwar konnte man es sich denken, aber schade ist es trotzdem. So geht es mir auch mit meinen Schätzken, die gerade ihren Abschluss machen, von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten Probearbeiten hetzen und zum Schluss dann doch nichts kriegen und total frustriert sind.

    • Wild Flower schreibt:

      Ich kann das Problem mal aus Ausbildersicht schildern. Wir kennen die Anforderungen des Berufs sowohl im Betrieb als auch v.a. in der Berufsschule, die bei der Diskussion häufig vergessen wird. Oft wird ja behauptet, Jugendliche müssten nicht gut in Mathe sein, um z.B. eine Wand ordentlich streichen zu können. Die theoretische Seite vieler Berufe wird aber immer komplexer.
      Wir achten u.a. auf erkennbare Motivation, darauf, ob ein/e Bewerber/in über Beruf und Betrieb informiert ist und ob die bisherigen Schulzeugnisse erkennen lassen, dass er/sie auch die Berufsschule schaffen wird. Die vermittelt (nicht nur, aber teilweise auch) recht trockenes Wissen, das (in unserem Fall) bei den wenigsten später zur Anwendung kommt. Allerdings wird es in den Prüfungen abgefragt und geht in die Noten ein. Ein Azubi muss sich da durchbeißen und genug Ausdauer haben. Wenn wir den Eindruck haben, dass diese Motivation und Ausdauer fehlen, dann stellen wir jemand anderen ein, der sie mitbringt.
      Für einen Betrieb ist Ausbildung auch immer mit Wirtschaftlichkeitsrechnungen verbunden, und dann ist es sehr ärgerlich, wenn ein Azubi die Ausbildung abbricht oder die Abschlussprüfung nicht besteht.

      Neulich hörte oder las ich (vielleicht hier?), dass vielen Jugendlichen Computerspiele nicht guttun, weil sie ihnen das Gefühl vermitteln, es gebe immer die Möglichkeit einer weiteren Chance, eines Resets. So würden sie unbewusst ihr Leben wie ein Computerspiel angehen und zu spät merken, dass das nicht funktioniert.

      • Wild Flower schreibt:

        … und für den Azubi ist ein Scheitern während der Ausbildung demotivierend und ein Knick im Lebenslauf.

      • frlkrise schreibt:

        Hier nicht!

      • Frau K. aus M. schreibt:

        Ich arbeite an einem Berufskolleg, wir bereiten gerade die Schüler, die ohne und mit einem schlechten Abschluss kommen auf das Berufsleben vor. Sie machen verschiedene Praktika und werden dabei teilweise auch echt gut bewertet von den Betrieben, nur die Ausbildungsplätze, die bekommt dann doch der Abiturient oder jemand mit Vitamin B. Da können meine Schätzken noch so motiviert sein und haargenau wissen, was sie wollen, die werden nicht genommen, sondern es wird jemand mit einem höheren Schulabschluss eingestellt, der häufig genug dann doch irgendwann merkt, dass er lieber studieren gehen will und die Ausbildung abbricht. Das ärgert mich dann, denn viele (natürlich nicht alle) meiner Schüler würden die Ausbildung nicht nur hochmotiviert anfangen, sondern auch durchziehen, denn sie wissen, dass das meist ihre einzige Chance ist und dass es im Leben keinen Reset-Knopf gibt!

      • Wild Flower schreibt:

        Hm, nach fünf Jahren Azubi-Bewerbungsverfahren (ca. 400 Bewerbungen) für einen Nischenberuf würde ich trotzdem sagen, dass viele der händeringend Suchenden kein klares Bild von diesem Nischenberuf haben, sondern sich mit einem Standardanschreiben auf alles mögliche bewerben. Das trifft nicht nur auf Schüler aus berufsvorbereitenden Maßnahmen zu, sondern auch auf Bewerber mit schlechtem Schulabschluss und solche ohne jede Lebensplanung. Aber es ist gut zu hören, dass die sich während solcher Maßnahmen entwickelt. Mal sehen, wer sich im nächsten Jahr alles bei uns bewirbt. 😉 Im Moment haben wir eine bunte Mischung an Schulabschlüssen. Erfahrungsgemäß haben aber selbst viele Realschüler in diesem Beruf Probleme mit dem Schulstoff… +seufz+

        Wir hatten auch schon gute Bewerber aus berufsvorbereitenden Maßnahmen im Bewerbungsgespräch und haben sie in die Reihung aufgenommen – der erste Platz ist nicht an der Maßnahme gescheitert, sondern an anderen Dingen.

      • Isa schreibt:

        Ähm, die Berufsschule vermittelt Wissen, das bei den wenigstens Azubis später zur Anwendung kommt, und daran scheitert dann die Ausbildung, weil die Azubis überfordert sind?! Sorry, aber wenn das wirklich so ist, dann liegt der Fehler wohl im System.

      • Wild Flower schreibt:

        Nein, nur ein _kleiner_ Teil des vermittelten Wissens kommt bei den wenigsten Azubis später zur Anwendung. Aber das ist doch in der allgemeinbildenden Schule auch so. Ich z.B. hatte in Mathe große Probleme mit… wie hieß das Zeug nochmal… Logarithmen. Hab ich nie mehr gebraucht, weil ich beruflich was ganz anderes mache. Die Berufsschule hat halt auch einen Rahmenlehrplan, an den sie sich halten muss. Und wenn z.B. im Fach Wirtschaft sehr allgemeine oder etwas abseitige Themen vorgeschrieben sind, müssen die unterrichtet werden.

      • Statistiker schreibt:

        Sie brauchen keine Logarithmen? Aber dann können Sie ja keine Exponentialfunktion verstehen und müssen die Lügen anderer Leute glauben?

  3. michael schreibt:

    Das Bedauerliche ist natürlich, dass für die Schüler diese Erfahrung zu spät kommt. Durch Schaden wird man klug, manchmal jedenfalls.

  4. sunshinemuffin schreibt:

    Ich drücke trotzdem noch die Daumen. Vielleicht schaffen sie’s ja doch noch… Irgendwie.

  5. Rina schreibt:

    Schöne Pause. Solche Apfelversäuerer springen auch bei uns im Lehrerzimmer herum. Oder wahlweise mich gleich an. Dumm nur, dass bei mir da auch ab und zu ein Schuldgefühlchen hängen bleibt. Wohl wissend, dass es starke Konzentration auf die Nahrung erfordert, um auch mal ein bisschen zu vergessen.

  6. Anette schreibt:

    Das Schlimme ist noch nichtmal, dass die Schüler so naiv sind, sondern dass die Firmen so dreist sind und die Leute ohne mit der Wimper zu zucken ausbeuten. Passiert nicht nur bei Hauptschülern, passiert auch bei Akademikern. Ich bin da grad voll dabei – weise Berufsausbildung und abgeschl. Unistudium vor, und krieg trotzdem nur unbezahlte Praktika angeboten. Traurig, dieses Land…

  7. hajo schreibt:

    Ist die gute Kollegin wirklich der Meinung, mit ihren negativen Ansichten den „lieben Kleinen“ weiter zu helfen
    .. ohne Alternativen parat zu haben?
    Ein Vorgesetzter von mir (in grauer Vorzeit) sagte immer: „Sagen Sie nicht, was nicht geht, sagen Sie, was geht.“

    • frlkrise schreibt:

      Halt! Die Koll. ist nicht negativ! Sie wollte nur in Ruhe essen, und das ist ok.! Die negativen Vibrations beziehen sich mehr auf die Gesamtsituation, die einem wahrlich auf den Magen schlagen kann…(1-2 Ausbildungsplätze pro klasse…)

      • Tades75 schreibt:

        Schade finde ich es auch wegen Ömür. Polizist kann er sich ja abschminken. So wie ich das bisher verstanden habe ist er zudem kein Schulschwänzer, eher Hypochonder und auch kein klassischer Faulpelz, sondern ein Fall von „gewollt, aber nicht gekonnt“.

      • hajo schreibt:

        Frl Krise, ich habe nicht geschrieben, dass die Kollegin negativ IST, negativ sind „nur“ ihre Äusserungen. (ist doch ein kleiner Unterschied, oder? 😉 )
        ok, die Ausbildungsplatzsituation ist wohl besch***, aber rechtfertigt das diese öffentlichen Ansichten (an einem „Ort der Zusammenkunft verschiedener Stände“)? Wenn Ihr im Lehrerzimmer derartige Gespräche führt, ist das eine Sache, aber hier, an einem erklärten Ort der Begegnung .. ? Passt nicht so ganz zum pädagogischen Konzept, das ich kenne
        .. aber das war sicherlich in der Steinzeit 😦
        Sorry, ich will hier keine Lehrer-(m/w) schelte betreiben, wirklich nicht, aber werfen wir nicht permanent anderen Menschen Unsensibilität u.dgl. vor? Warum nicht auch den selben Massstab bei Menschen anlegen, die „es“ eigentlich gelernt haben sollten oder (Schule und Uni ist ja nicht alles) es doch zumindest durch Erfahrung besser wissen müssten?
        Liebe Grüsse (auch an die Kollegin – ist absolut nicht böse gemeint!)
        Hajo

      • Wie lange soll man denn um den heißen Brei reden? Die haben jahrelang nix getan, und dann müssen die sich auch anhören können, dass da warscheinlich nix als Resultat rauskommen wird.
        Und was soll denn da als Alternative parat sein??? Wenn da Leute teilweise 50% der Schulstunden fehlen, wird kein Betrieb der Welt die einstellen. Wenn die Noten im Keller sind, wird kein Betrieb die einstellen. Für die ist ein Auszubildender auch erstmal eine Kostenfrage, und das Risiko ist da einfach zu hoch, vor allem wenn es besser qualifizierte Bewerber gibt.

        Wenn da was ginge, hätte man das bestimmt gesagt, und hat es warscheinlich die letzten Jahre auch. Aber Bildung und Bereitschaft kann man noch nicht in „die lieben Kleinen“ reinzwingen, da muss auch was von denen kommen, und das war ja anscheinend nicht der Fall.

      • hajo schreibt:

        liebe Charlotte, es hilft aber auch nichts, permanent mit Samthandschuhen zu agieren und dann – halbwegs plötzlich und unvermutet – die Nagel-Bewehrten zu verwenden. Ich denke, man ist viel zu vorsichtig, denn, wie schon – zumindest lt. der guten alten Tante Wikipedia – der „olle Ovid sagte: „Principiis obsta“ was wohl heisst (ich bin kein „Lateiner“) „Wehre den Anfängen!“
        Also: erst zuschlagen, dann nachfragen
        .. oder entspricht das etwa nicht den neuesten pädagogischen Richtlinien? Angesichts der Resultate sollte man diese Richtlinien vielleicht ein wenig hinterfragen.
        Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin gegen „körperliche Züchtigung“, denn, wie der ebenfalls olle Walther von der Vogelweide sagte: „Niemand kann mit gerten kindes zuht beherten: den man zêren bringen mac, dem ist ein wort als ein slac.“
        das versteht man doch wohl – mit etwas gutem Willen – auch noch heute
        oder?

  8. Mascha schreibt:

    Das klingt wirklich übel. Was soll nur aus den Kids werden?

  9. Inch schreibt:

    Irgendwie bin ich sauer auf Frau Rücker, um es mal milde und ganz zivilisiert auszusprechen

  10. OPT schreibt:

    Mal ehrlich, wer soll diese jungen Leute denn ausbilden? Da müsste man ja ganz von vorn beginnen: Lesen (inkl. Textverständnis), Schreiben, Rechnen, Impulskontrolle, von Umgangsformen oder gar halbwegs folgerichtigem Denken ganz zu schweigen.
    Selbst wenn man in einem Betrieb Zeit, Personal und Geduld für solche Nachhilfelektionen hätte: Die „Kinder“ sind ja schon 16, manche wohl noch älter – zu alt, um derart Grundlegendes noch innerhalb nützlicher Frist zu lernen.

    Alles, was mit Text, Zahlen oder Publikumskontakt verbunden ist, kann man also wohl eher vergessen. Schwierig wird es aber auch bei einfachen Hilfstätigkeiten im Hintergrund. Wer will schon jemanden bezahlen, dem man jeden neuen Handgriff vormachen muss, weil er weder mündliche noch schriftliche Erklärungen versteht? (Sofern er denn überhaupt zur Arbeit erscheint.)
    Bleiben Beschäftigungsprogramme und Stütze auf Lebenszeit. Beides hält immerhin die Sozialbranche am laufen, ist ja auch was.

    • frlkrise schreibt:

      Ganz so schlimm ist es nun auch nicht. Ich sehe ja an meinen ehemaligen Schülern, dass sie sich ins System einfädeln, allerdings spät, meistens jenseits der 20. Nachreife ist nötig!

      • Kejo111 schreibt:

        So erlebe ich es auch. Diese Kids sind zwar 16, 17 oder 18, aber von Ausbildungsreife keine Spur. Die brauchen wirklich ein paar Jahre länger, bis sie begriffen haben, wo der Hammer hängt und wie man sich unter Erwachsenen „vernünftig“ benimmt.

      • OPT schreibt:

        Das finde ich sehr erfreulich!

        Bei meinen ehemaligen Schützlingen konnte ich bisher leider nichts Derartiges beobachten. (Allerdings habe ich ja auch nicht zu allen Kontakt.) Von denen, die bereits die Schule heillos überforderte, angelt die eine oder der andere gelegentlich einen Job, hält ihn aber selten länger als ein halbes Jahr. Aber vielleicht brauchen sie einfach noch ein wenig länger, so bis jenseits der Dreißig.

  11. Nadine schreibt:

    Ich habs ja vermutet, dass das mit der AOK nix ist, aber ich habe trotzdem gehofft, dass ich mich irre.

  12. Kleeblatt schreibt:

    Und deshalb plädiere ich dafür, dass man einige Schüler einfach in Klassen mit Gleichgesinnten in einem längeren Zeitraum zum Schulabschluss führt. Warum müssen alle den Stoff in den 4 Jahren zwischen 7. und 10. Klasse schaffen? Warum kann man denen, die es eh schon schwer haben, nicht einfach mehr Zeit geben und sie dasselbe in 6 Jahren lernen lassen? Ich denke, davon hätten alle mehr: Die Schüler haben eine Chance, das Klassenziel zu erreichen, weil sie genug Zeit haben zu begreifen und die Lehrer zusätzlich mit ihnen üben können. Die Ausbilder erhalten Schulabgänger, die die Grundlagen aus der Schule beherrschen. Der Sozialstaat muss nicht ewig unsinnige Maßnahmen und Sozialhilfen (Hartz IV und co) zahlen… ich denke es wäre so auf jeden Fall auch günstiger.
    Dieses Gehetze in den Schulen geht doch total an den Schülern vorbei… ich kann als Lehrer nicht alle sozialen Defizite meiner Schützlinge beseitigen und gleichzeitig den ganzen Stoff vermitteln, den die Schüler zur Abschlussprüfung am Ende der 10 drauf haben sollen… Das kann nicht gehen und geht total an der Realität vorbei! Aber nein, lieber verkürzen wir die Schulzeit weiter (G 8), stopfen die Lehrpläne noch voller, lassen noch mehr Unterricht für Sozial- und Berufsfindungsprogramme ausfallen und wundern uns dann, dass in einer 10. Abschlussklasse nur noch 4 Schüler sitzen, die die Klasse im Jahrgang 5 besucht haben… und das ist das Bild an unserer Realschule. Wie es an der Hauptschule läuft, will ich mir gar nicht vorstellen…

    • OPT schreibt:

      Früher nannte man das Sonder- oder Förderschule. An denen beschränkte man sich auf den Stoff, den auch Schüler mit besonders ausgeprägten Entwicklungsverzögerungen und Lernschwierigkeiten bewältigen konnten.

      Die Jobs für Schulabgänger mit diesem Bildungsprofil werden mittlerweile von Maschinen erledigt. Sozialhilfe wäre für die Absolventen solcher Schulen also weiterhin erforderlich. Trotzdem finde ich die Idee nicht schlecht. Sie würde den Schülern mit normaler Lernfähigkeit wieder eine Chance auf vernünftigen Unterricht verschaffen. So, wie’s jetzt ist, werden sie ja doppelt bestraft, denn die Schwerfälligen, Zappelphilipps und Schnatterliesen absorbieren oft die gesamte Aufmerksamkeit, und der Abschluss selbst hat durch die Absenkung des Niveaus kaum mehr einen Wert auf dem Arbeitsmarkt.

    • tibia schreibt:

      Das kostet aber Geld, und wo soll das denn hinführen, wenn man Steuergelder in unsere Kinder steckt …

    • Membaris schreibt:

      Mal davon abgesehen, dass ich nicht glaube, das es finanziell günstiger wäre, solche verlängerten Stufen zu unterhalten, wie sollte man die die ohnehin bereits nach vier Jahren schulmüden Kandidaten noch zu zwei Zusatzjahren überreden? Wie Frl. Krise vor einiger Zeit bereits ausführte, ist es ein ungesunder Teufelskreis, unmotivierte Schüler auch noch durch immer längeren Schulaufenthalt (ob nun durch freiwilliges Wiederholen oder unfreiwilliges Sitzenbleiben) im Bildungssystem halten zu wollen. Imho bliebe nur, derartige Probleme bereits in der frühkindlichen Erziehung und Entwicklung in Angriff zu nehmen, aber auch da sehe ich mit dem Betreunungsgeld eher schwarze Zeiten auf den Bildungssektor zu kommen.

      Was ist so schlecht am G8? Ich meine, das ist ja nun auch nichts neues mehr.
      Habe mein Abi 1997 bereits nach 12 Jahren gemacht, da gab es bei uns nämlich gar keine andere Option, und kann das Gejammer und Gestöhne nun wirklich nicht nachvollziehen. Klar sind es arbeitsreiche zwei Oberstufenjahre, und natürlich muß man da auch ganz klar nach nötig und unnötig selektieren, was das Leben jenseits des Schulbetriebes betrifft, aber hey, das sind ZWEI JAHRE! Die gehen vorüber.

      • Kleeblatt schreibt:

        Für echte Gymnasiasten ist G8 sicher kein Problem, aber wenn 80 % eines Jahrgangs zum Gymnasium geht (so bei uns aktuell der Fall), dann haben die meisten am Gym keine Chance.

      • Kejo111 schreibt:

        Im Schulsystem bleiben die Kids doch eh, wenn sie keine Ausbildungsplätze finden – in den meisten Bundesländern beträgt die Schulpflicht doch elf Jahre. Und wenn so mancher diese elf Jahre vollständig auf der allgemeinbildenden Schule verbringt (und den HSA dann halt evtl. erst nach elf Jahren schafft), ist das m. M. nach sinnvoller, als nach der neunten oder zehnten Klasse in die Berufsvorbereitungsschule wechseln zu müssen.

    • tbeafwu schreibt:

      Ich denke, sie sollten zeitig mit der Realität konfrontiert werden. Erst dann lernen sie doch, dass der Zettel wichtig ist auf dem steht, was man kann (egal obs stimmt). Ich musste auch erst lernen, dass man mit cool und beliebt sein keine Jobs bekommt. Sie noch länger im geschützten Schulbetrieb träumen zu lassen, bringt nichts, oder? Ich glaube, der zweite Bildungsweg sollte ein Hoch erleben. Die Kunst wäre es, sie da nach dem ersten Schock wieder einfangen zu können.

  13. Kennguru schreibt:

    Kann es sein, dass Sie noch etwas gefrustet sind, dass sie nächstes Jahr nicht klassenfrei sein werden? Die letzten Einträge wirken auf mich sehr negativ. Ganz besonders dieser hier, wo sie die AOK ziemlich angreifen, wobei ich davon ausgehe, dass auch hier der Name, wie bei den Schülern, ausgetauscht ist. Obwohl ich mit Jura nichts am hut habe, sollte doch auch bei sowas eine 14-Tage-Rücktritts-Frist oder sowas geben. Das sollte man der guten Jasmin mal ernsthaft nahelegen. Aus Erfahrung weiß ich, dass eine fristgerechte Aufhebung einem Berater ziemlich unangenehm werden kann. Ansonsten kenne ich die AOK eigtl nur als sehr ausbildungsfreundliche Firma. Hier veranstaltet sie sogar Jobmessen und nein, auch mit der AOK habe ich nichts zu tun und ich will auch keine Werbung für sie machen, denn deren aufdringliche Mitarbeiter sind mir ebenso bekannt.

    Greez Kenni

  14. Sisi schreibt:

    Schade (auch wenn es absehbar war) ist ja wirklich, dass es Krankenkassen (oder andere Klinkenputzer) gibt, die wirklich solche Mittel anwenden oder anwenden müssen um neue Geldgeber zu werben.
    Gut das Jasmin noch nichts unterschrieben habt.
    Auf der anderen Seite… hat sie sich denn nicht mal durchgelesen was sie da für Zettel in der Hand hält? Über einem Versicherungsvertrag steht ja nun recht selten (also nie) AUSBILDUNGSVERTRAG o.ä.

  15. michathecook schreibt:

    man muss nicht immer alles so direkt und ungeschminkt in die gehoergaenge gepruegelt bekommen…manchmal ist ne gewisse ohr pietaet schon angebracht…

    • kallisto73 schreibt:

      Pietätvoller? Also meinen Sie, man sollte weniger direkt sagen, was das Problem ist? Ganz ehrlich, manchmal glaube ich, daß das Teil, wenn nicht sogar Ursache des Problems ist. Die Tendenz, alles etwas weniger direkt, weniger klar auszudrücken (sei es, um Diskussionen zu vermeiden, Konflikten aus dem Weg zu gehen, oder einfach um seine Ruhe zu haben), beobachte ich seit gut einem Jahrzehnt mit Besorgnis. Ich habe 1992 Abitur gemacht. Und ich war stets froh um die Lehrer, die klar und deutlich nicht nur die Anforderungen innerhalb sondern auch außerhalb der Schule ausgedrückt haben, und auch die eigenen (also meine) Leistungen dazu in Bezug gesetzt haben. Da weiß man, woran man ist, und wohin man sich entwickeln muß, wenn man etwas Bestimmtes erreichen soll.
      Diese Konfliktvermeidung, gepaart mit der angloamerikanischen Denke, daß jeder irgendwie alles gleich gut kann, wenn man ihm nur die Möglichkeit gibt, hat dazu geführt, daß ich mittlerweile 20 Bewerber (mit Hochschulabschluß und allem Drum und Dran) vorgelegt bekommen muß, um eine Person einzustellen, dann aber nur temporär, denn ob die Person dann auch die Arbeit nach 3 Monaten noch macht, und ihr nicht alles „zu langweilig“ ist, muß man immer erst mal abwarten.
      Da wäre mir oft lieber gewesen, es hätte im Elternhaus, Schule und Uni mal eine klare Ansage gegeben, wie von meiner Kollegin damals: Das Leben ist kein Kindergeburtstag.

    • Peter McCoy schreibt:

      Meiner Erfahrung nach muss man genau das. Meine Lehrtätigkeit beschränkt sich nun auf eine deutsche Uni, aber erstaunlicherweise sind die Einstellungen und Arbeitsweisen (bzw. Nichtstuweisen) einer ganzen Reihe von Studenten erstaunlich ähnlich zu den hier beschriebenen – obwohl die Leute dort alle angeblich Abitur haben. Die müssen aber offenbar teilweise auch noch nachreifen, und zwar trotz Diplom. Alle Jahre wieder reihenweise Studis, die nicht eine Bewerbung schreiben, weil sie meinen, die Welt würde nur auf sie warten und dann schon auf sie zukommen. Der Fachbereich, an dem ich studiert und unterrichtet habe, bietet ganze zwei Abschlüsse vor, von denen jeder für eine begrenzte Anzahl Berufsbilder geeignet ist. Alles überschaubar. Aber aus 30 Studenten im Kurs gab es 2 Wochen vor den Diplomprüfungen doch regelmäßig nur 1-2, die a.) wussten, was sie mit ihrem Abschluss anfangen wollen und b.) irgendwie eine Ahnung hatten, wie sie da hin kommen; was man nun mit dem Abschluss wirklich anfangen kann; wo die Einstiegsgehälter liegen; etc.etc.

      Ja, doch, man sollte es ungeschminkt und direkt in die Gehörgänge prügeln, in allen Schul- und anderen Unterrichtsformen, in der Hoffnung, dass es irgendwann mal ankommt.

      Hätte meinem „Jahrgang“ auch gut getan. Die Hälfte derer, die ich noch im Auge habe, kassiert 10 Jahre nach dem Diplom noch Hartz IV. Zeigt auch nicht wirklich Interesse, das zu ändern. Alles zu anstrengend. Müsste man ja was machen. Arbeiten ja, aber die Arbeit soll dann bitte zu einem kommen, viel Geld bringen und in maximal vier Stunden am Tag zu erledigen sein. Vom Rest hat ein Teil „fachfremde“ Jobs angenommen, teilsweise Marke Kassiererin im Supermarkt. Ein Teil hat sich auf ein zweites Studium geworfen. Nur wenige, grob überschlagen vielleicht 10-15 %, sind im Lauf der letzten 10 Jahre irgendwann mal in dem Bereich gelandet, den sie angestrebt haben (siehe oben, Studiengang ist relativ spezialisiert). Dazu sollte man noch sagen, dass wir in unserer Branche nicht unter Arbeitskräfteüberschuss leiden.

      Liebes Fräulein Krise, ich glaube Sie erwarten einfach zu viel von Ihren Schülern.
      ( 😉 ) Wenn’s die Abiturienten und Studenten nicht schaffen, die ja ein paar Jährchen älter sind, wie sollen die dann? Die haben nur den Vorteil, dass sie den Schock, der sie hoffentlich aufweckt, nach dem Abschluss ein bisschen früher bekommen, solange sie noch in einem Alter sind, in dem sie die Kurve ganz gut kriegen können.

      • frlkrise schreibt:

        ICH erwarte nicht viel – habe es ja schon mehrmals erlebt, dass die nötige Reife erst Jahre später kommt. Unser Ziel ist, dass alle nach der Schulentlassung untergebracht sind: in Maßnahmen, in Wiederholungsschleifen, in weiterqualifizierenden Systemen, in der Oberstufe und ein bis zwei Leute auch in Ausbildungsstellen.
        Das muss sein!

      • OPT schreibt:

        frlkrise, ist das denn auch das Ziel der Schüler?

        (Sie sind ja keine Kinder mehr, ob sie sich nun so benehmen oder nicht. In ein, zwei Jahren werden sie volljährig sein, einige sind es wohl bereits. Wäre es da nicht angebracht, Eigenverantwortung von ihnen zu fordern und auch das Tragen der Konsequenzen? Sie wie Kinder zu behandeln hilft ihnen offensichtlich nicht beim Flüggewerden.)

      • frlkrise schreibt:

        Fordern kann man viel…
        Die Ziele? Dickes Auto, fett Geld verdienen, Haus, Chef sein…viellaberlaber…
        Die Eigenverantwortung: Sie müssen sich das nächste Level schon SELBER erobern: Stelle suchen, Schule suchen usw. wir helfen nur, indem wir aufzeigen, wie es prinzipiell geht.
        Konsequenzen? Wenn man nichts hat: Zu Hause hängen, krumme Geschäfte, zu früh heiraten (Mädchen), „Maßnahme“ – Agentur für Arbeit sagt, wo’s langgeht.
        Unschön, aber jeder weiß das.

      • OPT schreibt:

        Schon, aber sie haben’s bisher ja nicht erfahren. Es geht ja immer noch ein Jahr weiter im geschützten Rahmen, wo man ihnen noch Mal und noch Mal vorkaut, wie’s geht, und wo’s ihnen so schlecht nicht zu gefallen scheint.

        Zumindest bei den Jugendlichen, die ich nahe genug kenne, scheint es sich zu Hause ähnlich zu verhalten. Die Eltern nehmen das Rumhängen bis weit in die Zwanzig hin, ohne von ihren Prinzen und Prinzessinnen einen Beitrag zu verlangen (finanziell oder in Form von Eigenleistung). Den überalterten Jungvogel aus dem Nest zu schubsen kommt gleich gar nicht in Frage.

        Die Ziele verstehe ich übrigens bestens, ich hätte auch nichts einzuwenden gegen fettes Einkommen und großes Haus, gern mit noch größerem Garten 🙂 (Das Chefsein hingegen brauch‘ ich nicht, ein Lottogewinn wäre mir lieber.)

      • OPT schreibt:

        Worauf ich eigentlich hinaus will: Vielleicht wäre es einen Versuch wert, Schulmüde nach der obligatorischen Schulzeit in die Realität zu entlassen, auch wenn die Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Knochenjobs bedeutet? Wenn nach dieser Erfahrung einer auf den Gedanken kommt, lernen sei doch nicht so schlecht, müsste er sich darum bewerben. Wenigstens diese jungen Leute würden dann vermutlich tatsächlich lernen wollen und es im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch tun. Jetzt ist abhängen für alle bequemer, jedenfalls kurzfristig (und welcher Jugendliche denkt schon langfristig).

      • frlkrise schreibt:

        Dass was, die „Schulmüden“ in Kürze an Realität erfahren werden, reicht schon…(siehe die Berichte vom Praktikum ab 26. Oktober 2010) !

      • OPT schreibt:

        Da hab‘ ich wohl den gemeinten Bericht nicht gefunden („Schule ist aus, die gibt’s frühestens nach ein paar Jahren Arbeit wieder“ erfuhren sie ja eben nicht). Aber egal. Nach dem Lesen dieser Posts habe ich den Eindruck, viele der beschriebenen Schüler seien nicht einfach verhätschelt und überaltert, sondern liefen bereits hart an ihrem geistigen Limit. In solchen Fällen verbietet sich die Vogel-flieg-Strategie natürlich von selbst. Ich leiste daher Abbitte.

        (Sofern es sich bei den Porträts nicht um extreme Überzeichnungen handelt, frage ich mich außerdem, welcher Wahnsinnige auf den Gedanken verfiel, diese Schüler alle in dieselbe Klasse zu packen. So war das mit der Inklusion nie gedacht.)

  16. OPT schreibt:

    Nachtrag: Die Frage ist nicht böse gemeint! Mir fällt beim Umgang mit Jugendlichen nur auf, dass sie recht schnell erwachsen werden können, wenn sie müssen. In Schule und Uni müssen sie nicht, ebenso wenig in Wiederholungsschleifen und Maßnahmen. Dass sie in die Oberstufe kamen, ohne zu verstehen, was sie lesen, verfolgt die meisten allerdings weit über die Schulzeit hinaus. Aber das ist ein anderes Problem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s