Wer sucht, der….

Heute wird die letzte Klausur geschrieben – in Englisch.
Eigentlich eine schöne Gelegenheit, die Prüfung endgültig zu vermasseln, aber das haben meine Lieben schon mit den schlechten Ergebnissen in Mathe und Deutsch geschafft. Vielen schwant nichts Gutes…
Vielleicht ist deshalb heute Morgen die Stimmung relativ entspannt. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Ende naht – nur noch nächste Woche die mündliche Englischprüfung, dann haben wir fertig.

Gestern ging es mal wieder um Thema Nummer eins, jedenfalls für mich: um die Ausbildungsplätze. Gülten ist immer noch die einzige in der Klasse, die einen solchen ihr eigen nennt. Das bekommt ihr aber nicht besonders gut, denn sie tut jetzt gerade so, als wäre sie die Königin von Saba und wir ihr minderbemitteltes Personal.

Immerhin hat heute auch Jasmin Erfreuliches zu berichten. „Frl. Krise! Ich hab‘ Ausbildungsplatz!“ ruft sie mir auf der Treppe von ganz oben entgegen.
Ich kämpfe mich die Stufen hoch und suche meinen Schlüssel.
„Lassen Sie mich aufschließen, mein Engel,“ sagt Hassan mit orientalischer Blumigkeit und rupft mir den Schlüssel aus der Hand. Alle strömen in die Klasse. Alle? Nein – es ist wieder nur ein armseliges Häuflein von elf Leuten.
Jasmin und ich bleiben noch einen Moment im Flur stehen.
„WAS hast du?“ frage ich.
„Ausbildungsplatz! Bei AOK!“ berichtet Jasmin freudestrahlend.
„Als was denn?“ Jasmin wird nur den einfachen Hauptschulabschluss schaffen…ich kann mir nicht vorstellen, dass…
„Ich weiß nicht, wie das heißt, aber ich sitze bei Büro und so…“ Jasmin ist etwas unschlüssig und zappelt von einem Bein aufs andere.
„Bei Büro?“
„Ja, wenn so Leute kommen und so.“
„Aha. Wie bist du denn daran gekommen?“
Wir gehen langsam in die Klasse. Jasmin lehnt sich ans Pult und holt tief Luft. „Also, das war so. Wir waren Kennedyplatz, wissen Sie, da wo Tram abfährt, da ist AOK!“
„Ich bin auch AOK! Was sind Sie, Frl. Krise?“ ruft Erkan.
„Jedenfalls, da war so ein Mann, der ist zu mir nach Hause gekommen. Zu mir und meine Freundin. Der kannte mein Vater!“
„Hm. Und dann?“
„Er hat mit uns zusammen was ausgefüllt, so Bewerbung für AOK oder so.“
„Frl. Krise, Necla meint mir, wir haben nachher siebte Stunde Ausfall! Wegen Frau Schneider!“ schreit Azzize und stellt sich zu uns.
„Quatsch! Frau Schneider ist da! Jasmin, hast du da was unterschrieben bei der AOK?“
Jasmin hebt die Arme zum Himmel. „Ich weiß nicht. Ich bringe Zettel morgen mit, ok.?“
„Ich hab auch Ausbildungsplatz! Bei Brautmodengeschäft,“ ruft Azzize triumphierend und drängelt sich vor Jasmin.
„Von wegen Ausbildungsplatz! Du hast Praktikum!“ verbessert Jasmin sie.
„Jeden Samstag bis zu den Sommerferien!“ schmettert Azzize.
„Hast du da wirklich Aussicht auf eine Ausbildungsstelle oder ist das reine Ausbeutung?“ frage ich misstrauisch.
„Janein! Sind so Bekannte von uns!“ Azzize ist sich ihrer Sache sicher. Brautmoden! Das lässt sich doch kaum noch toppen…

Abends telefoniere ich mit meiner Tochter. Ich erzähle ihr von Jasmins und Azzizes zweifelhaften Zukunftsaussichten.
„Brautmoden, na ja! Wem’s gefällt!“ sagt meine Tochter, “ AOK – hm…hört sich ja fast so an, als hätte man ihr ein Zeitungs-Abo angedreht, oder? Und frag sie doch mal, ob sie nicht einfach bloß ihre Krankenversicherung gewechselt hat, ohne es zu merken…!“
Ich fürchte, manchmal hat meine Tochter richtig gute Ideen…

Dieser Beitrag wurde unter Achtung Fallgrube! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

33 Antworten zu Wer sucht, der….

  1. Nadine schreibt:

    Ich fürchte, die Frl-Krise-Tochter hat absolut Recht! Entweder KV oder Drücker.

  2. mutterchaos schreibt:

    zu 100% hat Tochter Krise recht
    ich habe mal bei der AOK gelernt, Sofa, da kommt nur jemand nach Hause, wenn es nach Frischfleisch riecht 😉
    Einen Ausbildungsplatz bekommt man dort wie fast überall auch: schriftliche Bewerbung, Einstellungstest, Vorstellungsgespräch bzw. Assessment Center

  3. Roxy schreibt:

    oh man. Frl. Krise Junior nimmt mir die Worte aus dem Mund.. Hoffentlich irren wir uns.

  4. Och Mensch, man leidet richtig mit denen mit – andererseits, um mal so ganz ehrlich zu sein, wollte ich aber auch keinen von denen als meinen Sachbearbeiter bei der AOK haben….;-)

  5. Tades75 schreibt:

    Nicht dumm, Krise Jr. Hat wirklich schnell geschaltet.
    Bewerbung für AOK kann man bei schlechteren, erweiterten Deutschkenntnissen wirklich anstatt Aufnahmeantrag verstehen. Bei einfachem Hauptschulabschluss … ist vermutlich wirklich die beste Erklärung.

    Und Brautmoden? Kenne selber so ein Geschäft samt Inhaber. Gut, es ist ein Job, aber meist Familienbetrieb und daher mit kaum, bzw. keinen Aufstiegsmöglichkeiten.

    Und vergebene Praktika sind bei türkischen Inhabern oft nur Gefälligkeiten OHNE Perspektive auf einen Ausbildungsplatz, ganz einfach, weil solche Betriebe keinen Bedarf an Auszubildenden haben da benötigte Angestellte praktischerweise aus der eigenen Familie oder Verwandschaft „rekrutiert“ werden, ähnlich wie es es früher häufig auch in deutschen Familienbetrieben gemacht wurde.

    So bleibt das Geld innerhalb der Familie, praktsic auch in Hinsicht auf zukünftige Investitionen und loyalere Angestellte gibt es nicht.

    • frlkrise schreibt:

      Ja, genauso kenne ich das auch, aber die weiße BRAUTMODE verblendet Azzize…

      • Ulla 39 schreibt:

        Stimmt, tadeS, ich hätte es allerdings schärfer ausgedrückt. Bei diesem System gibt’s daher auch nur mikroskopisch kleine Entwicklungen, weil systematisches Lernen und Fortbildung/Ausbildung nur in kleinsten Spuren vorhanden sind.

  6. Tobias W. schreibt:

    Was hat eigentlich Ömür an 130irgendwas?

  7. Wild Flower schreibt:

    Wow, Jasmin wird am 01.09. ziemlich enttäuscht sein, wenn sie in der nächsten AOK-Filiale aufläuft und sich als neue Azubine vorstellt. „Davon wissen wir nichts…“

  8. Nicole schreibt:

    Bei uns war die AOK mal an der Schule und hat mich seit dem jeden Jahr angerufen, um zu fragen ob ich nicht bei ihnen eine Ausbildung machen möchte 😀

  9. Mascha schreibt:

    Gut, daß ich nicht bei der AOK bin…

  10. fraufreitag schreibt:

    brautmodengeschäft – voll schööönn!!!! AOK? Was das?

  11. hauptschulblue1 schreibt:

    AOK kommt nich mehr ins Haus, auch keine Barmer oder sonst wer.
    Bauernfängermethoden.

  12. michael schreibt:

    > aber das haben meine Lieben schon mit den schlechten Ergebnissen in Mathe und Deutsch geschafft

    Was, alle durchgerasselt ?

  13. GG schreibt:

    Ich will mal lieber nicht glauben, dass die Mädels nicht zwischen einer AOK-Versicherung, einem Zeitschriften-Abo und einem Ausbildungsvertrag unterscheiden können. Wenn sie mit 18 Jahren nicht wüssten, was sie unterschreiben, wären sie doch gar nicht geschäftsfähig, oder?

    • Abyssinian schreibt:

      So lange der Staat sagt: „Sie sind geschäftsfähig.“ Ist die Jagdsaison für alle Abo- Drücker und sonstige Vertreter eröffnet. (Aber was will Jasmin mit 30 Waschmaschinen…?)

  14. Patrick schreibt:

    Ich dachte auch direkt an nen kv-Vertrag. Ach die arme :/
    Waren sie und ihre Freundin echt alleine mit dem? Der hat bestimmt nur behauptet er kenne ihren Vater und dann gesagt „Hier, schreibst du Namen drauf, dann bist du AOK!“
    😦

  15. Olaf schreibt:

    > „Lassen Sie mich aufschließen, mein Engel,“ sagt Hassan mit orientalischer Blumigkeit und…“ <

    Na, das muß ja auch einmal gewürdigt werden !
    Brautmoden (Azzize )… Klingt sehr nach happhappydingdong-Welt.
    Und die Geschichte mit der AOK klingt auch für mich sehr merkwürdig, ich bin auf die Auflösung auch sehr gespannt. Allerdings glaube ich nicht, daß Jasmin in ihrem Alter ohne Zustimmung der Eltern wirksam einen Krankenversicherungsvertrag abschließen kann.
    Was da alles so an Ihren Schülern vorbeirauscht ist immer wieder interessant.

  16. Inch schreibt:

    Ach Mensch. Jetzt tun mir die beiden aber schon leid…

  17. Rabin schreibt:

    Frl. Krise Junior spricht da auch sehr gut meine ersten Gedanken aus. Wie man das allerdings nicht merken kann, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Ich habe da im Hinterkopf allerdings auch noch dunkel die Erinnerung, dass AOK-Mitarbeiter angehalten sind, neue Mitglieder zu werben. Also doch ‚Zeitungsabo.‘

    • Kejo111 schreibt:

      Jasmin ist Schülerin und somit garantiert familienmitversichert. Da gibt’s gar nichts zu „werben“.

  18. Kejo111 schreibt:

    „Ich hab Ausbildungsplatz!“ – wie oft höre ich das von Schüler/innen, die so naiv sind, dass sie tatsächlich glauben, den Ausbildungsplatz haben sie schon in der Tasche, wenn sie eine Bewerbung geschrieben haben oder gar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden sind.

    Diese Blase platzt natürlich sehr, sehr oft. Es dauert eine ganze Weile, bis sie begreifen, dass mehr dazu gehört, als zwei, drei Bewerbungen zu schreiben, und dass es jede Menge Mitbewerber gibt. Darunter sind auch immer welche mit wenigen oder gar keinen unentschuldigten Fehlzeiten auf dem Zeugnis, was heutzutage fast noch schwerer wiegt als die Noten selbst.

  19. mum@work schreibt:

    Hoffentlich bringt Jasmin den „Zettel“ wirklich mit und Sie schauen mal was das ist. Vielleicht kann man vom Vertrag, der bestimmt kein Ausbildungsvertrag ist, noch zurücktreten …

    • mutterchaos schreibt:

      jederzeit bis zum tatsächlichen Anmelden durch den Arbeitgeber. Als angenommen, die Ausbildung beginnt am 1.8., dann muss theoretisch vorher dem Arbeitgeber eine Mitgliedsbescheinigung der gewählten Kasse vorgelegt werden. Dort meldet dieser dann an. Gibt man dem Arbeitgeber keine an, hat er ein passives Wahlrecht und sucht sich eine Kasse aus. Das gilt aber nur, wenn man nicht aus einer anderen eigenen Mitgliedschaft kommt sondern z.B. aus einer Familienversicherung

  20. michaela schreibt:

    Ach Du Schande…

  21. rhadamanthys schreibt:

    Es gibt schon „Kinder“, die ziemlich daneben sind. Neulich in der Firma ruft mich der Personalchef an. „Haben Sie einen Termin mit einem Lehrlingsbewerber ausgemacht? Hier steht einer, der angeblich einen Gesprächstermin mit dem …-Leiter hat.“ Ich hatte natürlich keinen Termin ausgemacht, habe mir den Knaben aber mal mit dem Personalchef angeschaut. Keine Unterlagen dabei, keine Einladung oder sonstwas, den Namen seines Gesprächpartners wußte er auch nicht. Über die Anrufliste seine Handys haben wir dann rausbekommen, daß er eigentlich einen Termin bei einer Firma mit einem entfernt ähnlich klingenden Namen hatte, die aber auch ziemlich weit entfernt von unserer ist. Zu spät ist er natürlich auch gekommen.

  22. memnon schreibt:

    … wird reingelegt?

    *seufz*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s