…und der zweite kommt sogleich

„Sie haben Rückenblockade, Frl. Krise? Ich habe gehört, sie konnten deshalb gestern nicht mit zur Fortbildung?!“ Kollege Walter reicht mir die Mathearbeiten und sieht mich prüfend an. Phhh…was geht den mein Kreuzbein an?! Ich weiß, der Walter hat selbst hin und wieder Rücken, aber der würde das nie zugeben. Nee, lieber macht der noch mit Bandscheibenvorfall Radtouren durch den Tibet und hopst beim Springreiten zur Not auch ohne Gaul übers Hindernis.
Ich nicke und schweige und entschwinde mit den Arbeiten. Mit zusammengebissenen Zähnen quäle ich mich durch den langen Flur Richtung Aula. Wie bescheuert das wohl aussieht, wenn ich so verzogen gehe? Zum Glück kommt gerade keiner…
Probeweise gehe ich ein bisschen schneller, das muss doch wohl zu machen sein… und noch ein bisschen…und schön gerade halten… und oh Wunder! Plötzlich kann ich wieder laufen. Normal laufen! Mirakulös! Meine Gebeine haben sich ohne Vorwarnung entheddert und sind reumütig an ihre angestammten Plätze zurückgekehrt! Herrlich!

Ich bin heute zur Aufsicht meiner „Absteiger“, wie man beim Fußball sagen würde, abkommandiert. Erkan, Aynur, Leila, Hanna, Fuat sollen versuchen, wenigstens den einfachen Hauptschulabschluss zu erlangen, indem sie eine schriftliche Prüfung machen. Deutsch haben sie schon hinter sich gebracht. Heute schreiben sie Mathe im Klassenraum neben der Aula, aber sie sind noch nicht da.
In der Aula dagegen summt und brummt es schon vor Schülern… Auch hier wird gleich Mathe geschrieben, aber die Realschulversion.
„Halten Sie mir Däumchen!“ ruft Azzize und Gülten jammert:“Frl.Krise! In mein Kopf finde ich nichts mehr!“
Ömür winkt mir depressiv zu und Emre sieht mit leerem Blick in sich hinein.

„Wo sind Sie, Frl. Krise?“ Endlich! Meine Schäfchen trudeln ein. Wird auch höchste Zeit!
Kaum haben wir uns in unserem Raum niedergelassen, ist es auch schon zehn Uhr und es geht los. Alle starren wie paralysiert auf die Arbeit und fangen nur zögernd an…Neunzig Minuten Zeit haben sie.
„Ich hab kein Lineal!“ jammert Hanna und beißt zum Ausgleich in ihre Marmeladenschnitte. Die rote Marmelade tropft auf den Tisch. „Ihhhh!“schreit Hanna und stürzt nach vorne. „Ich brauche was zum Putzen!“
„Nicht den Schwamm!“rufe ich, aber zu spät.
„Diese Marmelade schmeckt voll lecker!“ sagt Hanna und wischt den Tisch ab. „Die heißt Samt! Ohne Stückchen!“ Na – wenigstens werde ich dann keine Fruchtpartikel auf der Tafel finden…
„Pssscht!“ sage ich. „Nicht so laut. Du störst!“

Erkan wühlt sich in Haaren und Fuat stöhnt. Die Aufgaben sind super leicht, aber wenn man jahrelang nichts getan hat, sind sogar solche Aufgaben nicht zu schaffen.
„Fertig! Ich kann nix.“ Hanna klappt ihre Arbeit zu. Es ist 10.15 Uhr.
Leila und Fuat geben Viertel vor 11 Uhr auf.
Hanna setzt sich ihre Kopfhörer auf die Ohren.
Leila beginnt sich die Nägel zu feilen.
Fuat steht am offenen Fenster und starrt in den grauen Himmel.
Was sie wohl denken?

Dann gibt Aynur ab. „Waren zuerst ganz einfach, die Aufgaben…“, sagt sie.
Erkan flucht leise vor sich hin. Plötzlich sehe ich, dass er betet. Seine Hände….
Er fängt meinen Blick auf und grinst verlegen. Dann lacht er und sagt: „Ist zu spät! Ich weiß!“
Um halb Zwölf ist alles vorbei. Die Fünf schieben ziemlich ruhig ab. Für sie sind die Prüfungen beendet, die anderen haben nächste Woche noch die Englischklausur vor sich.

Nachmittags gehe ich auf den virtuellen Marktplatz Facebook: Mal sehen, was so über die Prüfung gesprochen wird!
Ömür hat mir eine Nachricht geschickt: „Realabschluss ade“.
Azzize postet: „Sch**** mathe!! hoffe das ich genau die Hälte der punkte bekomme“.
Musti vertraut den höheren Mächten: „Ich bete dafür das wa es schafen in Mathe!“
Und Erkan lässt es richtig raus: “ man es sind genau diese missgeburtaufgaben dran gekommen die ich nich kann! mathe du hurensohn!!!“

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44 Antworten zu …und der zweite kommt sogleich

  1. PeterLe schreibt:

    Nur aus reiner Neugierde und da ich immer sehr, sehr zufrieden mit den PraktikantInnen der hiesigen Hauptschule bin, wie sehen solche Matheaufgaben aus? Was wird mittlerweile erwartet?

  2. Uli schreibt:

    Bin ich der einzige der es merkwürdig findet das Schüler während einer neunzig Minuten Prüfung essen dürfen und das sogar noch fleißig in Anspruch nehmen? Irgendwelchen Traubenzucker ok, aber Marmeladenbrote? O_o

    • frlkrise schreibt:

      Ach Gott, wenn Du Hanna kennen würdest, wäre das deine geringste Sorge….

    • kaeks schreibt:

      Ja klar! Ohne Probleme 😉 Aber nur, wenn es nicht stört, trockene Cornflakes sind nicht soooo prickelnd^^

    • Kate schreibt:

      In meinen Abi- und Berufsschulprüfungen durften wir auch immer essen (und trinken). Brote, Obst, Schoki — was man halt mitgebracht hat.
      (Meine Deutschlehrerin hat mich sehr fasziniert beim Schälen einer Mandarine beobachtet. ;D)

    • Evanesca Feuerblut schreibt:

      Kenne ich gar nicht anders – um ehrlich zu sein hätte ich ohne rieeeesige Fresspakete die 180 Minuten Prüfungen in der Abizeit nicht geschafft. Bin sonst nie gefräßig gewesen, aber man unterschätzt total, wie schnell man unterzuckert ist wenn man sich geistig anstrengt.
      Und bei den Klausuren an der Uni (ebenfalls neunzig Minuten) fragte mich mal jemand, ob ich einen Süßigkeitenstand eröffnen will. Ich kipp sonst um, mitten in der Prüfung.

  3. Olaf schreibt:

    In irgendeinem Roman (vor ewigen Jahren gelesen) hat der Held in einem sehr heiklen Moment gesagt, man habe nur eine bestimmte Anzahl von Chancen am Tag und wenn die aufgebraucht sind, dann sollte man Wichtiges oder Gefährliches unbedingt meiden und am besten gar nichts mehr machen.
    Irgendwie klngt das alles gar nicht gut, was Sie da schreiben.
    Vom Rückenwunder natürlich abgesehen.

  4. Mrs. Porcelain schreibt:

    oh je… „missgeburtaufgaben … mathe du hurensohn“ das verstehe ich! aber bisschen lernen hätte wohl nicht geschadet!

    • Scholle schreibt:

      *G* ich verstehe da eher, dass da scheinbar nicht nur bei Mathe sondern auch bei Deutsch „leichte“ Defizite vorhanden sind.

      • Hein Donix schreibt:

        Solang er auch anders kann, ist das kein Problem; in seinem Umfeld auf facebook wird das akzeptiert und verstanden, genau wie „op’n Dörpen“ der Dialekt. Nur sollte man als junger Mensch auch den Standard beherrschen.

      • Kejo111 schreibt:

        Wenn nur „scheinbar“, dann ist’s ja kein Problem. Soviel zu den Deutsch-Defiziten.

  5. Jürgen schreibt:

    Jetzt ist aber Schluss mit mitfühlendem Verständnis.
    Mitleid hilft nicht.
    Da müssen die Kids jetzt durch.

  6. fraufreitag schreibt:

    Mathe – Rücken…was für depressive zeilen.

  7. Wild Flower schreibt:

    Mich würde auch interessieren, welche Aufgaben in einer Hauptschulprüfung gelöst werden müssen… so ungefähr jedenfalls. 😉

    • Jürgen schreibt:

      Kommt drauf an ob in Bayern oder sonst wo.
      Gibts unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad. Näheres gern per Mail.

    • Anka schreibt:

      Wir unterhielten uns im Bekanntenkreis vor einiger Zeit über die beklagenswerten Mathekenntnisse mancher Azubis (mit Abschluss) und fragten uns dann folgerichtig nach den Anforderungen einer solchen Prüfung. Die ergoogelte baden-württembergische Hauptschulprüfung hatte im ersten Teil gerade mal Grundschulniveau. Überhaupt waren die meisten Aufgaben, auch die Prozentrechnungen, sehr einfach gehalten und leicht im Kopf ausrechenbar. Das Ergebnis musste nach guter alter Multiple-choice-Manier übrigens nur noch angekreuzt werden, was ja zusätzlich Anhaltspunkte gibt und Leichtsinnsfehler minimiert. Formeln wurden angegeben. Die entsprechenden Zahlen mussten maximal eingesetzt werden. Alles nicht wirklich anspruchsvoll.
      Unser (zugegebenermaßen recht matheaffiner) Sohn, damals im ersten Halbjahr der 6. Klasse Gymnasium, hat den Ausdruck gesehen und wollte sich dann unbedingt daran versuchen.
      Er hätte ohne große Mühe bestanden!

  8. sockenbergen schreibt:

    Huch, da ist man einige Zeit etwas abwesend und schon sind die ersten Prüfungen geschrieben. Da bleibt einem ja nicht mal mehr VIEL GLÜCK zu wünsche.
    Nur gut, dass Sie nicht in Mathe helfen konnten, wobei ich mir das kaum vorstellen kann. Soooo schwer kann das ja nicht sein, wenn schon keine linearen Gleichungen …

  9. SonnenWerK schreibt:

    Nur mal zum Rücken: Generell hilft bei sowas meist wirklich Bewegung, und damit es nicht ganz so furchtbar wehtut sollte man sich vorher Schmerzmittel einwerfen. Danach möglichst normal bewegen, denn die Schonhaltung verspannt das ganze Gelände meist noch zusätzlich – ein Teufelskreis. Also, gut gemacht Fräulein Krise und bei der Gelegenheit mal herzlichsten Dank für diesen überaus unterhaltsamen, mit Herz (nicht nur mit Frau Herz) geschriebenen Blog, der weder ins Jammern noch ins ganz rabenschwarze abdriftet… Bei Ihnen würd´ ich glatt noch mal zur Schule gehen…

  10. Nadine schreibt:

    Wer sieht außer mir auch schon die 5en und 6en??? Bitte jetzt mal brav aufzeigen…

  11. dianamama schreibt:

    Mir wird ganz eng im Hals………..so lange her und doch kenne das Gefühl, dass die Fünf hinterher gehabt haben, wie wenns letzte Woche gewesen wär. Shit.

  12. Tricia McMillan schreibt:

    Erkan hat dann einfach mal gelassen ausgesprochen was ich schon vor Jahren über Mathe gedacht habe… Danke Erkan!

  13. Inch schreibt:

    Oh je oh je. Ich habe mir die ersten Aufgaben im von Michael geposteten Link angesehen. Mist! Wenn die das nicht können, wie wollen sie dann… Also ich meine, dass sind ja ganz normale Aufgaben des täglichen Lebens. Und, ich weiß nicht, so ein bissl rechnen muss man doch in jedem Beruf können, oder nicht?

  14. Stephan schreibt:

    Gibt es auch noch Schüler, die Mathe toll finden! Ich habe das Gefühl, Mathe ist neben Deutsch das schlimmste Fach überhaupt? Ich bin mal die Fragen durchgegangen und fand diese jetzt nicht so dramatisch! OK, es hing bei mir auch nicht der Prüfungsstress dran! Bin mal über das Ergebnis gespannt!

  15. Kiyachan schreibt:

    Ich finds klasse, wie entspannt die Leute mit dieser Situation umgegangen sind – es sei denn, sie haben sich selbst schon aufgegeben. Dann ist das wohl nicht gerade als positiv zu vermerken.

    Gefuttert habe ich während meiner Arbeiten auch immer – aber niemals Marmelade! Wäre doch nett, wenn die Tafel ab sofort nach Himbeere oder erdbeere duftet.

  16. oachkatz schreibt:

    Mir wird ein bisschen eng ums Herz, ich glaube, ich hätte lieber auch keine Prüfung gehabt jetzt…was wird denn nun weiter mit den Jungs und Mädchen ohne Abschluss? Und ja, ich habe verstanden, dass die 5 zu lange nichts getan haben.

    • Kejo111 schreibt:

      Was aus denen wird? Erstmal landen sie mit großer Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Berufsvorbereitung o. ä. (weiß ja nicht, wie das in Frl. Krises Stadt läuft) und bekommen dort durchaus noch mal eine Chance, den Abschluss nachzuholen.

      Manche nutzen diese Chance dann, manche nicht. Letzere haben dann natürlich denkbar schlechte Aussichten, jemals eine Berufsausbildung zu absolvieren – es sei denn, sie schaffen es, in eine geförderte Ausbildung zu kommen.

    • frlkrise schreibt:

      Die versuchen in einer berufsqualifizierenden Maßnahme den einfachen Hauptschulabschluss zu erwerben oder jobben. (oft auch schwierig, weil sie ja so schulmüde sind…verrückt…je schulmüder, desto länger zieht sich die Schule!)

      • Kejo111 schreibt:

        Schulpflichtig sind die meisten aber noch, oder? Ich nehme an, dass die Schulpflicht auch bei euch insgesamt elf Jahre beträgt bzw. bis zum 18. Geburtstag andauert. Das mit dem Jobben stellt sich so manche/r etwas unrealistisch vor; Jobben befreit nicht von der (beruflichen) Schulpflicht …

  17. Effi schreibt:

    Gerade habe ich Sie gefunden. Knallhart 😀 Find ich gut! Ich verlinke Sie mal, damit ich Sie wieder finde.
    LG

  18. gedankenschmiedin schreibt:

    „“Die heißt Samt! Ohne Stückchen!” Na – wenigstens werde ich dann keine Fruchtpartikel auf der Tafel finden…“ –> Einfach genial! 😀

  19. tantegerda schreibt:

    Sind die schulmüden später eigentlich auch arbeitsmüde???

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