Der Lauf der Dinge…

Gegen Ende der vierten Stunde Intensiv-Deutsch bin ich fast heiser. Eigentlich wollte ich gar nicht so viel reden, aber meine Schüler fragen mir Löcher in den Bauch.
Wären die nur immer so aufmerksam und lernbegierig gewesen, dann stünden wir jetzt anders da, denke ich und erkläre Gülten zum 7. Mal das präpositionale Objekt, verbessere die Einleitung von Fuats Erörterung ( „In meiner Schwesters Schwule sind Handys verboten…“ -Freud lässt grüßen) suche für Hassan noch einmal das Arbeitsblatt mit den Satzteilen heraus und helfe Fatih die Alliterationen in seinem Gedicht zu finden.
Musti lässt sich nicht mehr beistehen, der liegt mit dem Kopf auf dem Tisch. „Ich bin voll todesmüde,“ sagt er und gähnt zum Steinerweichen. Kein Wunder, sein letzter Post in facebook kam gegen 1.30 Uhr. Ich weiß das, weil ich heute Nacht schwere Schlafstörungen hatte und auch im Internet herum gegeistert bin.
„Frl. Krise, bestehe ich Deutschprüfung?“ fragt mich Gülten zum hundertsten Mal und zum hundertsten Mal weiß ich es nicht. Nachdem ich ihr leichtsinnigerweise prophezeit hatte, dass sie garantiert eine Lehrstelle fände, glaubt sie fest an meine hellseherischen Fähigkeiten. Also sage ich vorsichtig: „Wenn du dich sehr konzentrierst, hast du eine Chance, Gülten!“ Ist doch mal eine schöne Gelegenheit für eine self-fulfilling prophecy zu zeigen, ob sie was reißen kann…
Ömür hatte heute Morgen Bauchschmerzen, erzählt er, aber er hat sich in die Schule geschleppt. Ich lobe ihn. Er lächelt erfreut und bietet mir wieder an, einen Döner mitzubringen und ich glaube, nur die Aussicht auf den Spaziergang in der Pause beflügelt ihn, weiter zu machen. Dönertherapie gegen Bauchschmerzen und Versagensängste… Bei Ömür sieht es in Deutsch nicht gut aus. Er steht auf der Kippe, genauso wie wie Emre.
Gamze hat für heute aufgegeben. Sie bemalt ihre Arbeitsblätter liebevoll mit einem dekorativen Rand und isst weiße Schokolade. Vielleicht nützt das ja auch was…
Die schlauen Mädchen aus der Klasse von Frau Herz wühlen in ihren Unterlagen und versuchen mit meiner Hilfe letzte Lücken zu schließen. Die haben ganz gute Chancen zu bestehen, denke ich.
Und Hassan vielleicht. Der quält sich zwar immer noch grässlich mit dem Textverständnis herum, aber er kann wenigstens die Grammatik rauf und runter beten. Hassan setzt sich neben mich und fragt im Befehlston: „Frl. Krise, Sie glauben, dass ich es schaffe, oder!!?“ Ich nicke, sage „Klar, Hassan!“ und boxe ihn ein bisschen auf den Arm. Er seufzt und guckt mich an wie ein Dackel.

Es ist wie immer kurz vor diesen zentralen Abschlussprüfungen:
Für einen Moment verstehen die Schüler, dass ihre Lehrer auf ihrer Seite stehen.
Für einen Moment verstehen sie, dass Schule eigentlich nicht automatisch ‚Lehrer versus Schüler‘ heißt.
Für einen Moment verstehen sie, dass ich nicht gegen sie agiere, sondern mit ihnen und für sie. (Und das schon seit fast vier Jahren!)
Für einen Moment!
Und leider zu spät! Zu spät.

„Frl. Krise, sie machen aber Aufsicht bei der Arbeit, wa?“ fragt Gamze.
Ich nicke.
„Sie geben uns bestimmt Tipps, wa?“ fragt Gamze weiter.
Ich schüttele den Kopf.

Und schwuppdiwupp, da ist es auch schon wieder, das alte Gefühl: Lehrer gegen Schüler…

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25 Antworten zu Der Lauf der Dinge…

  1. kingkenny7 schreibt:

    Ob man sich mit einer Dönertherapie auch das Rauchen abgewöhnen kann?

  2. Kennguru schreibt:

    Ein ganz neues Gefühl, wenn man den gaaaanzen laaaangen Taaaag auf einen neuen FRL Eintrag warten muss … hab aus Verzweiflung schon angefangen bei Frau Freitag zu lesen

    Das liest sich doch recht positiv, dass alle auf einmal so wissbegierig sind, besser spät als nie. Wenn Ömür trotz Ge-Bauch-Mutter in die Schule kommt, dann scheint ihr gutes Zureden doch einiges bewirkt zu haben. Nur Fuat überrascht mich, der sollte doch das Handyverbot auch aus SEINER Schule kennen oder? Gamze bekommt von mir heute einen Extra-Preis, weiße Schoki ist, wie sagt man hier, jäckpott! Ich finde dafür könnten sie durchaus Tipps geben, dann gibt sie ihnen auch ein Stück ab. Passt doch wunderbar als Nachtisch zu Ömürs Döner-Angebot.

    Wieder mal ein wunderbar dramatischer Schluss-Absatz. Das mit dem Nicken muss ich dringend auch mal ausprobieren…

    Greez Kenni

  3. Patrick schreibt:

    Was ist denn aus Emre geworden? War der nicht immer vorne mit dabei? Oder leite ich das fälschlicherweise aus den vielen Presseterminen, die er hatte, ab?

  4. nadineswelt schreibt:

    Ich leide richtig mit, bis hin zur Prüfung.

  5. Olaf schreibt:

    Es wird sehr spannend und aufregend, als wäre ich dabei.
    Hoffentlich kann ich heute nacht und die nächsten Nächte einigermaßen schlafen.
    Huu. 😉

  6. Inch schreibt:

    Ach, ich bin jetzt einfach mal vorsichtig optimistisch…. Oh, das Kleine Kind beginnt grad Englischprüfung schriftlich. 5 Stunden. Gestern mündlich lief besser als erwartet. Ihre schaffen das auch. Und für die scheint Deutsch ja auch eine Art Fremdsprache zu sein.

  7. oachkatz schreibt:

    Passen Sie auch ein bisschen auf sich auf, Frl. Krise? Das scheint mir alles nicht ganz leicht auszuhalten. Ich bewundere Menschen, die diesen Job gut machen.

  8. Christjann schreibt:

    Iss einen Döner, das beruhigt die Nerven s.o.

  9. Christjann schreibt:

    ich vergass 😉 😉 😉

  10. imjuli schreibt:


    Warum hast du mir das angetan… 😉
    Ich hab es dafür mit den kleinen Biestern zu tun, die sich über die MSA-Aufgaben lustig machen. Ich bin auch schon gespannt, wie die abschneiden 😀

  11. in-der-12-abbrecher schreibt:

    habe ich was überlesen?

    Gülten hat doch schon unterschrieben bei Lehrstelle, oder?

    Ist es da nicht egal, wie und ob sie Deutschprüfung macht?

    *scheinheilig frag*

  12. 360hcopa schreibt:

    Das erkennen des Miteinanders ist auch nochmal später wichtig, damit der Chef nicht zum Gegner wird und umgekehrt.

  13. Ich glaub, ich brauch auch ne Dönertherapie, wenn die Prüfungen nicht bald rum sind und es nicht alle schaffen – die Schüler sind mir richtig ans Herz gewachsen…die Lehrerin natürlich auch…;-)

  14. dianamama schreibt:

    Mönsch, Krisi, es ist 21.13Uhr und noch nix Neues von Heute??? Und bei Frau Freitag auch nicht – habt ihr etwas den Friday-after-work-coffee ausgedehnt???

  15. die Schmith schreibt:

    Ich glaub Ömür tät eine Gesprächstherapie gut. Gegen seine Ängste etc.

  16. Nicole schreibt:

    Oh ich bin wirklich gespannt, was Sie nächste Woche berichten!

  17. Tricia McMillan schreibt:

    Boah, Frl. Krise! Sie geben keine Tipps?
    Nachdem sich die Kinder 4 Jahre lang für Sie aus dem Bett gequält haben und fast pünktlich und fast regelmäßig zum Unterricht erschienen sind, um Ihren Arbeitsplatz zu sicher, sollten Sie wirklich etwas entgegenkommender sein!!!

  18. Mascha schreibt:

    Ich bin auch ganz aufgeregt!!! Als wenn ich selbst antreten müsste…..

  19. anni134 schreibt:

    Ich lese diesen Blog nun schon eine Weile lang stillschweigend mit, nun ist es jedoch allerhöchste Zeit für einen ersten Kommentar. Ich mache zurzeit meine Abitur und finde es unheimlich interessant die Dinge mal von der anderen Seite des Lehrertisches sehen zu können. Nicht selten denken ich: „Wie recht das Frl Krise doch hat!“ – so zum Beispiel auch bei diesem Eintrag: auch wir durften in der Schule dieses Gefühl erleben, dass wir erst viel zu spät merkten, dass es nicht immer Lehrer vs Schüler heißen muss.

    Weiter so, ich freu mich schon zu Hören, wie es mit Ihren Schützlingen weitergeht!
    Liebe Grüße
    Anni

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