Leerstelle

„Frl. Krise, Frl. Krise! Ich hab‘ LEHRSTELLE!!!!“ Gülten fällt mir mit Anlauf um den Hals.
„Frl. Krise! Besteeeeee!“ Das ist Nesrin, die sich von der anderen Seite auf mich stürzt.
„Kinder, Kinder, lasst mich leben,“ sage ich und bin froh, dass ich eine Wand im Rücken habe, denn sonst läge ich wohl platt am Boden. Ich befreie mich und lege erstmal meinen Kram auf das Pult.
„Gülten! Hast du wirklich eine Lehrstelle?“
„Vallah, bei Bioladen! Einzelhandelskauffrau! Kennen Sie ‚BIOMARKT ‚ ? Ist so Kette, da bin ich! Ich war Donnerstag mit mein Papa da, Vertrag unterschreiben!“
„Super! Herzlichen Glückwunsch!“
Die anderen Schüler trudeln langsam in den Kunstsaal und setzen sich, ihre Begrüßung fällt nicht ganz so frenetisch aus, immerhin scheint die Stimmung gut zu sein. Sogar Fuat lächelt mich schräg an und Erkan klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter. Es klingelt. Ich würde gerne anfangen, aber Gülten lässt mich nicht.
„Frl. Krise, ich muss ganz schnell erzählen, wie das war mit meine Stelle. Ja? Die anderen können zuhören! Dass sie wissen, wie das geht!““
Gülten! Ehe ich groß etwas sagen kann, setzt sie sich schon in Positur und trompetet los:
„Also, meine Stelle…Frl. Krise, was ist los mit Sie? Sie sehen voll weiß aus! Sind Sie nicht geschminkt?“
„Stimmt!“ ruft Nesrin, „haben Sie neues Make-up? Aber Sie haben Haare geglättet! Sieht voll schön aus!““
Oh, Mann! Jetzt geht DAS wieder los! „Leute, wir sind hier nicht bei Germany’s Next Topmodell! Erzähl endlich von deiner Stelle, Gülten!“
„Kaufen Sie sich dunkleres Make-up!“ rät mir Gülten und nimmt einen zweiten Anlauf.
„Frl. Krise, neun Uhr ist voll früh, wa?“
„In den Ferien – ja, da schon!“ Langsam werde ich ungeduldig. „Gülten, komm zur Sache!“
„Ist ja schon Sache! Also letzten Dienstag, ach nee – Mittwoch, glaub‘ ich! Ist ja auch egal, jedenfalls Dienstag oder Mittwoch, da hat die Frau von den Bioladen angerufen bei mir zu Hause. Aber war voll früh und ich hab geschlafen. Mein Papa war arbeiten und meine Mama hatte frei und hat auch geschlafen und meine Schwester, also meine große Schwester, hat auch geschlafen und mein Bruder…“
„GÜLTEN!“
„Ja, was denn, war so! Also keiner hat Telefon gehört und danach die Frau von Bioladen hat bei meine Tante angerufen, weil die kennt meine Tante und danach meine Tante hat ihr gemeint…“
„Sie hat zu ihr gesagt…“ falle ich ihr ins Wort.
„Egal! Danach hat sie ihr gem…äh… gesagt, sie geht zu uns, Bescheid sagen. Meine Tante wohnt bei uns gegenüber, wissen Sie. Danach sie hat bei uns geklingelt, also meine Tante, aber keiner hat gehört, weil wir haben geschlafen, nur mein Schwester, also meine kleine Schwester war wach, aber sie darf nicht Tür aufmachen und danach…“

Heilige Langstieligkeit! Das kann ja noch stundenlang so gehen!

Stunden später: „…und dann hat die Frau von den Laden zu mir gesagt: ‚Frau Coskun, schlafen Sie noch? Ist doch schon voll spät!‘ Dabei war gerade neun Uhr! Ist doch nicht spät, oder??“ Gülten schweigt und sieht mich Beifall heischend an. Der Rest der Gruppe ist schon geistig weggedriftet und ich frage auch nicht weiter…
„Und jetzt hab ich Stelle, da ist nicht schlimm, wenn ich Realschul-Prüfung nächste Woche nicht bestehe!“ schiebt Gülten noch hochzufrieden nach.

„Prüfung? Wie jetzt? Nächste Woche?“ Hanna starrt sie verblüfft an.

Da! Darauf habe ich nur gewartet! Seit gestern!
Die hat auch ’ne Leerstelle, die Hanna…denke ich.
Nur gut, wenn man als Lehrkörper drauf eingestellt ist! Und ich habe mich kein bisschen aufgeregt, sondern freundlich gelächelt und genickt.

Prüfung! Pah! Völlig überbewertet…

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36 Antworten zu Leerstelle

  1. Hach herrliche Geschichte 🙂

  2. Olaf schreibt:

    > “Prüfung? Wie jetzt? Nächste Woche?” Hanna starrt sie verblüfft an. <
    (Herrlich !!)
    Jetzt die Nerven behalten und sich bitte nicht entleiben, Frollein Krise ! Auch nicht symbolisch. Holen Sie sich lieber ein Lottoscheinformular und kreuzen Sie die sechs richtigen Zahlen an (und verraten mir per e-mail, welche das sind). Sie haben offenbar Talent zur Weissagung. 😉

  3. fraufreitag schreibt:

    ich sage nur rach die restaurantschule – vielleicht sollten wir dort arbeiten.

  4. Mailin schreibt:

    Es ist mr echt ein Rätsel, wie man eine Prüfung so gut verdrängen kann. Nicht lernen okay, aber die pure Existenz vergessen?
    Ich glaub ich wäre da als Lehrer wahnsinnig geworden.

    • frl_wunder schreibt:

      ich glaube, ich würde als Lehrer da die Wände hochgehen…
      Ich bewundere Frl Krise für ihre scheinbar (fast) endlose Geduld 😉
      (aber vllt ist man nach einiger Zeit einfach unweigerlich etwas abgehärtet im Bezug auf solche Schülerreaktionen :D)

  5. nadineswelt schreibt:

    Gülten wird sich jetzt gar nicht mehr anstrengen, wetten???

  6. kallisto73 schreibt:

    Und ich hatte gestern noch gedacht „Das ist ja eine schöne Hyperbel. Es ist total unmöglich, daß jemand nicht weiß, daß nächste Woche Prüfungen sind, das ist eine Stilfigur, die Frl. Krise da anwendet.“
    Tja, ich habe mich geirrt. Aber so richtig 😉

  7. dianamama schreibt:

    „Und ich habe mich kein bisschen aufgeregt, sondern freundlich gelächelt und genickt.“

    OK – WIE heisst die Yogaübung, mit der man da so ruhig bleiben kann??? Ich MUSS es wissen – büdde!

    • Blogolade schreibt:

      Das ist sicherlich genetisch bedingt. Da hat man einen Stoiker als Elternteil. Und/oder einen Sauerländer. Die können auch so ruhig sein, wenn die Welt untergeht. Solange sie genug Holz zu heizen haben, ist der Weltuntergang nichts, was einen aus der Ruhe bringen muss.

      Herzlichen Glückwunsch an Gülten

      • Olaf schreibt:

        Liebe Blogolade,

        was auch immer eine „Schnellgrippe“ 😉 sein mag – alles Gute an Sie und Ihre Angehörigen. Ihr Kommentar ist großartig und sehr kreativ – vor allem verständig.

  8. M. S. schreibt:

    JAAA!! Ich habe mir sehr gewünscht, dass das mit dem Bioladen klappt. Gülten und die Ökotussis bereichern sich bestimmt gegenseitig. Vallah, ich würde mein Körnerbrot nie wieder woanders kaufen, wenn da eine Gülten arbeiten würde, die zwischen Kräuterblut und Basenbad vielleicht noch schnell mein Make-Up kontrolliert.

  9. minnenu schreibt:

    Zu meiner Zeit waren Lehrverträge noch an die bestandene Abschlussprüfung geknüpft. Gibts solche Bedingungen seitens der Chefs nicht mehr?

  10. Roland_09 schreibt:

    Da hat der Crashkurs „Mülltrennung“ also gefruchtet… Freut mich.

  11. Inch schreibt:

    Ach Gülten. Aber ich stelle mir jetzt vor, ich gehe in den Bioladen. Und da steht Gülten. So wie Sie sie hier beschrieben haben. Äh, naja, ich täte mich etwas wundern. Das ist natürlich voll Vorurteil.

  12. Despicable Me schreibt:

    Es freut mich, dass wenigstens schonmal ein Schäfchen untergekommen ist. Aber erstmal gilt es, die Probezeit zu überstehen. Da bin ich schon gespannt – falls Sie DAS dann noch mitverfolgen können – nachdem Gülten ja nicht so viel von Bio hält und nach der Zusage schonmal alles gleich schleifen lassen will, Stichwort „Realschulprüfung“. Vielleicht ist das ja die eigentliche Voraussetzung für die Einstellung und der Vertrag wird ansonsten aufgelöst?

  13. Tricia McMillan schreibt:

    In meinem Bioladen gibts ne große Ecke mit Naturkosmetik. Da könnte Gülten voll schön beraten…

  14. gotsassaufeinemast schreibt:

    Ich freue mich für Gülten, auch wenn es „nur“ „BIOLADEN“ geworden ist. Der wird nun sicher eine völlig neue Zielgruppe anziehen. Ich hoffe nur, sie zieht die Ausbildung auch durch und hat nicht schon nach einer Woche keine Lust mehr. Gibt es eine Chance, das weiter zu verfolgen?
    Das es irgendjemanden gibt, der die Prüfungen komplett verdrängt hat, war mir irgendwie klar..wie auch Ihnen. 🙂

  15. Mascha schreibt:

    Gut das die Tante da war…ich hoffe, sie meistert die Ausbildung….inshallah

  16. Jockel schreibt:

    Na denn: Hau rein, Gülten! Allerdings: Ich finde 09.00 Uhr auch sehr früh! Und das nach nunmehr 20 Arbeitsjahren. Aber hilft ja nix. 😉

  17. Kejo111 schreibt:

    Ich freue mich sehr für Gülten, habe aber gewisse Bedenken, dass sie den Schock ihres Lebens erleidet, wenn sie feststellt, dass

    – sie nur noch (höchstens) sechs Wochen pro Jahr frei hat, nicht mehr 12 oder 13, und
    – in den übrigen 46 Wochen FÜNFmal pro Woche PÜNKTLICH aufstehen und
    – ZUVERLÄSSIG zur Arbeit bzw. zur Berufsschule gehen muss und
    – „miristschlecht“ nicht mehr gilt, sondern nur noch „gelber Zettel“
    – „Ich hab verschlafen, kann ich doch nichts für“ nicht, wie in der Schule, lediglich mit einem Seufzer, resigniertem Augenrollen und entsprechendem Klassenbucheintrag kommentiert wird, sondern spätestens beim dritten Mal dazu führen wird, dass sie ihren Ausbildungsplatz wieder los ist …

    Viel Glück beim Einstieg ins Erwachsenenleben!

  18. johenna schreibt:

    Wunderschön, wie die Schüler Sie nicht nur respektieren, sondern bewundern. So eine Lehrkraft wünsche ich mir für alle Schüler! Vor allem jemand, der keinen Unterschied zwischen Gymnasium, Realschule und Hauptschule macht und seinen Schülern ebenfalls Respekt zollt. Großes Kompliment an Sie!

  19. in-der-12-abbrecher schreibt:

    Gülten wird mir fehlen.
    Aber eine große chance besteht ja noch, das sie aus ihrer Lehrstelle gekickt wird und wieder in der Schulle auftaucht

  20. Wild Flower schreibt:

    Jepp, ich bin auch gespannt, wie es mit Gülten weitergeht wenn sie den Ernst des Lebens außerhalb der Schule kennenlernt… 😉

  21. Claudia M. Overmann schreibt:

    Frl. Krise, da werden Sie ja dann auch mal zum einkaufen hinkommen, denn wir wollen ja wissen, wie es mit Gülten und ihrer Lehrstelle weitergeht. Sie meinen, das wäre dann doch zuviel verlangt, auch noch den weiteren Werdegang Ihrer Schüler/innen zu verfolgen?! Na ja, nach den Ferien sehen wir weiter.

  22. Frau Lehmann schreibt:

    Fein, die erste Zukunft in trockenen Tüchern 😉
    Ob Emre und Ömur es schaffen Polizei zu werden?
    Und ich hätt wetten können, dass es die Hannah ist, die zur Entleibung beiträgt. Aber für andere ist die ganze Chose auch schon gelaufen, oder? Turgut z.B.?

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