Frühling hat auch Nachteile

„Lass ma‘ rausgehen, Frl. Krise!“ Der Theaterkurs ist durchaus nicht gewillt in der schattigen Aula zu proben. Nein, es zieht sie nach draußen, raus auf den Hof, in den Frühling, in die Sonne !
„Da kommt doch nichts bei rum,“ sage ich matt. Fünf Stunden habe ich schon hinter mir, ich schwitze, mir ist ein bisschen schlecht, ich bin todmüde und eigentlich müsste ich mich irgendwohin legen und einen Moment die Augen schließen. Powernapping, oder wie das heißt. Ich glaube, ich werde krank. Die einzigen, die fast nie fehlen, sind in unserer Klasse Karl und ich. Wir hätten uns echt auch mal ein bisschen Krank-Sein verdient, denke ich!

( Ömür fehlt übrigens schon wieder, er ist Arzt, um „ein für alle mal meine physichen probleme los zu werden damit ich endlich mal in ruhe zur schule kann“ wie er mir gestern per Facebook mitteilte.)

Nach ein bisschen Widerstand gebe ich auf – gehen wir eben raus und spielen das Stück draußen. Eine gute Übung, endlich mal das richtig laute Sprechen zu üben, beschwichtige ich mein schlechtes Gewissen.
Auf unserem Schulhof gibt es ein angedeutetes Atrium mit ein paar Stufen, das wählen wir als Bühne. Die Schauspieler stürzen sich mit ungewohnter Dynamik in ihre Rollen.
Jetzt sind die ganz großen Gesten angesagt und anstatt laut zu sprechen, schreien sie wie die Wahnsinnigen.
Vom ersten Moment an wirkt das überaus lächerlich und vorbeikommende Schüler des achten Jahrgangs bleiben stehen, zeigen mit Fingern auf uns und lachen.
Gülten kann das nicht erschüttern.
„Meine Mutter ist schon so lange tot ,“ heult sie auf, als wäre sie eine Tragödin im alten Griechenland.
Die Zuschauer aus Klasse acht biegen sich vor Lachen.
„Missgeburten,“ schreit Gülten, „verpisst euch, ihr Klatschkinder!“
Aber die Klatschkinder fühlen sich nicht angesprochen, sie scheinen zu glauben, die Publikumsbeschimpfung gehöre zum Stück. Langsam sammeln sich immer mehr amüsierte Schüler, bis Kollegin Falter sie weiter in Richtung Turnhalle treibt. Sie winkt mir zu und macht fragende Handbewegungen, die ich aber vorsichtshalber übersehe. Als Kulturschaffende kann man schließlich nicht immer das ungebildete Volk im Auge haben.
„Papa, Samantha hat mein Handy ins Klo geworfen,“ brüllt jetzt Gülten und Gamze in der Rolle der Stiefschwester Samantha widerspricht mindestens genauso laut und heftig.
Frau Schnell, unsere Sekretärin, schaut irritiert aus dem offenen Fenster des ersten Stocks. Ich glaube, sie hält das Geschrei für einen echten Streit. Dann erblickt sie mich, schüttelt den Kopf, und schließt das Fenster mit einem Knall.
„ Ohne dich wäre mein Leben…“ beginnt Badboy Marco Gülten voller Leidenschaft anzubaggern, aber die springt auf, schreit wie wahnsinnig, schmeißt ihre Haare von links nach rechts und fegt wie eine Blöde hin und her. Ein gefährliches Insekt hat sich in ihren langen Haaren verfangen, ein Marienkäfer, wie sich später herausstellt.
Alle meine Mädchen stieben auseinander. Wo EIN Untier ist, könnten schließlich auch viele lauern.
Mir reichts! Das hat man nun von seiner dämlichen Gutmütigkeit…

Als wir wieder reingehen, quengelt Gülten, dass sie morgen unbedingt wieder rauswolle.
„War doch voll schön!“ behauptet sie.
„Morgen gibt’s auch die Noten!“ erinnere ich Gülten, um sie von diesem Thema abzulenken.
„Wie sagen sie uns die Noten? Uns allen zusammen oder einzeln?“
„Hmmm, ich dachte, wir spielen wieder ein bisschen Theater und machen das wie bei Germanys Top-Models“, überlege ich. „Ihr macht einen Catwalk über den Hof. Am Ende stehen Herr Wolf und ich. Und ich sage dann: ‚Gülten, Du bist ein wunderhübsches Mädchen, aber deine Performance hat die Kunden nicht überzeugt! Leider habe ich heute kein Foto für …!“
„Niemals!“ schreit Gülten, „lass ma‘ lieber im Klassenraum machen…..!“

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15 Antworten zu Frühling hat auch Nachteile

  1. Kirchenmaus schreibt:

    *ABLACH* geniale Idee – könnte ich ja mit meinen Leuten auch mal machen… „Herr xyz, Sie sind ein begnadeter Performer…aber dank nicht vorhandener Motivation konnten Sie mich heute (genau wie in den letzten beiden Jahren) nicht überzeugen….ich habe heute leider kein Heiligenbildchen (für die Katholen) / keinen irischen Segensspruch für Sie!“

  2. Nadine schreibt:

    Ich stell mir das grad bildlich vor! Erst der Angriff der Marienkäfer, und dann kriegt man noch nicht mal ein Foto! Voll unfair!

  3. Anka schreibt:

    Das wäre dann mal ganz nah an der Lebensrealität.
    Wobei, wenn überhaupt, wird bei Heidi eher was aus den vorzeitig Ausgeschiedenen.
    Ob das so 1:1 übertragbar ist?
    Aber die Idee selbst ist grandios.

  4. die Schmith schreibt:

    Oh, ich musste gerade so lachen. Du bist manchmal so herrlich, mit deinen Erzählungen. 😀

  5. wortklaubereienundmehr schreibt:

    😀 Tolle Idee, Fräulein Krise.
    Oder wie bei „das perfekte Model“ mit diesen magnetischen Kreuzchen?!
    Auf jeden Fall eine tolle Idee^^

    • Lieblingsschüler schreibt:

      Und das mit den Armbändern!
      „Du erhältst heute einen Charm für Rechtschreibung, aber leider muss ich dir deinen Charm für Grammatik wieder abnehmen, du hast da ein Komma vergessen.“ – Spornt bestimmt an!

  6. kingkenny7 schreibt:

    Super Idee eigentlich. Würde es dann noch einer filmen: Einen 5er für die DVD wäre ich bereit zu überweisen…

  7. maldrueberreden schreibt:

    Tolle schauspielerische Leistung! Sowohl von den Schülern, als auch Ihnen 🙂

  8. Tricia McMillan schreibt:

    Ja Frl. Krise, langsam begreifen Sie: Man muß die Schüler einfach da abholen wo sie stehen, in unserer Fernsehkultur!
    „Ömür, Du hast heute nicht so überzeugt wie beim letzten Mal, aber weil ich an Dich glaube, bekommst Du noch eine Chance im Recall.“
    „Turgut, so mies wie Du hier performst kann ich auch gleich einen lernbehinderten Mistkäfer unterrichten. Du bist raus!“

  9. Stephan schreibt:

    Geil, das mit dem Catwalk! Das wäre doch mal eine Aktion! Alle Schüler wie an der Perlenschnur und die Lehrer sitzten hinter einem Tisch am anderem Ende und heben dann ein Schild hoch! 1,2 oder 3 ….!
    Als Alternative würde ich die Noten über Facebook oder andere „soziale Medien“, oder wie die sich nennen, posten! Im Multimedia-Zeitalter wäre das doch nur fair!

  10. frl. freizeit schreibt:

    Wir hatten grade eine dicke Hummel auf der Bühne. Der Frühling spielt auch drinnen mit!!
    Punk statt Theater aber mit vergleichbarer Theatralik…

  11. Miss M. schreibt:

    du kannst ihnen ja auch die Noten einfach auf die Pinnwand bei Facebook schreiben, dann haben gleich alle Freunde was davon 🙂
    Tolle Story, ich lag schon wieder halb unterm Tisch vor lachen!

  12. drcidolphus schreibt:

    Ich kann es mir richtig bildlich vorstellen wie alle Mädels wegen einem UNTIER davonlaufen. Aber eigentlich eine schöne Sache. Zu meiner Schulzeit hatten wir keine Theater AG, obwohl ich es gerne mal ausprobiert hätte …

  13. berenikefinder schreibt:

    Publikumsbeschimpfung? Klingt nach Brecht und Verfremdungseffekt! Vielleicht hatten die Klatschkinder voll Ahnung. 😉

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