Schonversuch

Heute ist Donnerstag, mein Mördertag. Acht Schulstunden. Ich sag euch, da ist man richtig platt hinterher.
Ich weiß allerdings nicht, was mich ausgerechnet immer donnerstags dazu treibt besonders anstrengenden und aufwendigen Unterricht zu machen. Linoldruck, Malen auf Leinwänden, Mikroskopieren, Film drehen – typische Donnerstagsthemen.
Aber diese Woche nicht, hatte ich mir geschworen, diese Woche nicht!
Deshalb hatte ich mir einen Film (vier Teile) besorgt für Ethik, einen Film über Jesus von Nazareth. Wir haben nämlich gerade das Thema Weltreligionen und bearbeiten das Christentum. Den Film habe ich mir von Frau Falter geliehen, die mir versicherte, der wäre pädagogisch äußerst wertvoll.

Also zuerst zwei Stunden Deutsch in der Neun. Kopierer war wieder ohne Toner, es gab deshalb keine Arbeitsblätter, sondern einen leichten Tennisarm vom an-die-Tafel schreiben.
Dann zwei Stunden Kunst bei den Chaoten aus der Zehn, die es normal finden nach zwei Strichen „Ich bin fertig“ oder „Ich kann das nicht“ zu rufen und ihre Pinsel ungesäubert unter die Schränke zu schmeißen. Ich hasse das.
In der 5. Stunde Vertretung bei komischen Neunern, die ich nicht kenne und auch nicht näher kennen lernen möchte, weil sie mich anstarrten und fragten, ob es stimme, dass ich Jüdin sei. Ich habe ja gesagt und ihnen einen Vortrag gehalten.
Dann endlich in der sechsten Stunde Ethik. Showtime!
Fuat und Mustafa schoben den Fernseher unter viel Ge-uffze aus dem Kunstraum in unsere Klasse. Stecker rein, Film einlegen…. wo ist die Fernbedienung?
Fernbedienungen in der Schule! Ein Kapitel für sich! Entweder findet man findet eine, aber die Batterien derselben sind geklaut oder leer oder man findet nur die falsche.. Oft findet man auch gar keine. Heute war so ein Tag!
Musti schlug vor, Herrn Schmidt zu suchen, weil der immer eine Fernbedienung hätte. Ich nickte ergeben und tatsächlich, nach einigen Minuten kam er freudig erregt mit Fernbedienung wieder.
Meine Klasse hatte es sich inzwischen gemütlich gemacht. Vor allem hatten sie, als ich noch nach der Fernbedienung im Kunstraum fandete, die komplette Verdunklung herunter gelassen und ich hätte mir im Dunkeln fast den Hals gebrochen.
Dann gings los. Der Film war langatmig und sehr getragen, aber alle schienen mittelmäßig interessiert.
Die Hauptdarsteller sahen EinsA arabisch aus und hatten deshalb, glaube ich, schon jede Menge Sympathiepunkte. Maria hatte totale Ähnlichkeit mit Aynur und Joseph sah aus wie der ältere Bruder von Hassan. Bei Jesus Geburt quiekten alle Mädchen entzückt auf und Jasmin teilte uns by the way mit, das ihre neue Schwester Beyonce´ heißt…
Ich gähnte mir in der letzten Reihe fürchterlich einen ab und verströmte Autorität in die Finsternis, indem ich ab und zu kleine Sätze wie: „Fuat, sei still“ oder „Erkan, nicht einschlafen“ ausstieß. Dabei sah ich gar nichts.
Dann war auch das vorbei. Mittagspause.
Die beiden letzten Stunden Kunst in der Zehn d bekam ich halbwegs gesittet über die Bühne. Das lag aber nicht an mir, sondern daran, dass ziemlich viele fehlten und die Anwesenden wie die Feuerwehr arbeiteten. Jedenfalls bis halb vier. Leider klingelt es erst um vier…
Dann verließ ich das Schlachtfeld zwar gebrochen, aber nicht besiegt.
Danke, Jesus.

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43 Antworten zu Schonversuch

  1. Melli schreibt:

    W U N D E R B A R !

  2. GG schreibt:

    Du, der Donnerstag ist mir von der anderen Seite des Lehrertisches auch noch schrecklich aktionsreich in Erinnerung 🙂 . Bald ist WE!

  3. schloertenaehtwas schreibt:

    Schön, dass wenigstens Sie einen nicht so anstrengenden Donnerstag hatten, liebes Frl. Krise!
    Vielleicht wiederholen Sie das so einmal im Monat? 😉

  4. Turbine schreibt:

    Heißt der neue Mini-Mensch wirklich Beyonce oder ist das auch ein Deckname, beispielsweise für Shakira, Whitney, Gaga…?

  5. fraufreitagf schreibt:

    linolschnitt – dass ich nicht lache…wann hast du denn das letzte mal linolschnitt gemacht…

  6. Emanuel schreibt:

    Bei: „Ich gähnte mir in der letzten Reihe fürchterlich einen ab und verströmte Autorität in die Finsternis, weil ich ab und zu kleine Sätze wie: „Fuat, sei still“ oder „Erkan, nicht einschlafen“ ausstieß. Dabei sah ich gar nichts.“ musste ich fürchterlich lachen. Nun kenn ich das Geheimnis von meinen alten Lehrern.

    • catherine schreibt:

      Einer meiner Kollegen erzählte mir, nach einer durchzechten Nacht nehme er immer einen Schlüsselbund in die Hand, bevor er mit der Klasse pädagogisch wertvolles Filmmaterial anguckt. Sollte er einschlafen, fällt ihm der Schlüsselbund aus der Hand und das weckt ihn wieder auf. Peinliche Situationen können so minimiert werden. 🙂

  7. Fräulein Müller-Meier-Schulze schreibt:

    Mache auch gerade Linolschnitt, allerdings Mittwochs. Mein Mittwoch ist nämlich Ihr Donnerstag: acht Stunden, davon die ersten sechs Kunst, dann noch zwei Ethik:))) dazwischen 30 Min. Aufsicht. Schulleitung hat ob der unzähligen Linolschnittwerkzeuge aus dem vorigen Jahrhundert Linolplatten spendiert. Hab dazu leider die billigste Linoldruckfarbe bestellt, so dass die Zwischenergebnisse (verlorener Schnitt) unter normalen Bedingungen alle Ausschuss wären. Ausgangspunkt ist ein Porträt (alte Rechtschreibung Portrait) der Schüler, welches im Kontrast verändert wurde. Im Computerkabinett hat ausnahmsweise mal keiner Pornos oder Spiele geöffnet (klar haben wir da Sperren, an denen Scheitern im Zweifelsfall aber die Lehrer und nicht die Schüler- Ich hoffe das ruft jetzt nicht wieder eine „Stellvertretung“ der Schulbehörde auf den Plan, so nach dem Motto es kann nicht sein, was nicht sein darf! ), sondern alle haben brav ihr Bild bearbeitet und ausgedruckt. Ich konnts´ echt nicht glauben. Jetzt darf ich nur nicht den Fehler machen und nächsten Mittwoch entspannt in den Unterricht gehen, weil ja gestern alles so prima geklappt hat.

  8. Frau Päd. schreibt:

    Ich beneide die „Mittwoch- und Donnerstagachtstundler“! Ich habe das freitags (schluchz). Aber eine leere Schule hat auch was! Das ist ein ganz anderes Arbeiten nach 12.30 Uhr! Endlich Ruhe und ohne hektische Kollegen. 🙂

  9. Ute schreibt:

    Mist, jetzt werde ich wieder nicht einschlafen können, weil ich nach Namen grübele, die so ähnlich wie Beyonce, aber schlimmer als Whitney und Miley sind…. – und dabei kenne ich mich in der Sängerinnen-Riege nicht besonders gut aus. Vielleicht heißt die Kleine ja Jelo.

    Heißest Du etwa Rumpelstilzchen?!?!

  10. Rennewart schreibt:

    Übermorgen hol‘ ich der Königin ihr Kind!
    Tja, ist nicht leicht, hinsichtlich des Namens zu tippen. Ich hätte ja – oh Frl. Krise – den Künstlernamen „Heino“ in die Runde geworfen, allein, es handelt sich ja um eine Infantin. Wie wäre es dann mit „Madonna“?

  11. Kejo111 schreibt:

    Shakira!

  12. maldrueberreden schreibt:

    Linolschnitt? Hatte uns damals in Kunsterziehung viel Spaß gemacht… Na ja, anscheinend haben Filmvorführungen kurzfristig eine beruhigende Wirkung auf die Kids. Vielleicht wäre es mal ratsam den SchülerInnen nach Maßstäben ihrer Religion deren Verhalten vor Augen zu führen?

  13. Mascha schreibt:

    Beyoncé???? Das ist ein Scherz, oder?!

  14. Lao schreibt:

    Für alle die noch ein paar kreative Namen suchen: http://chantalismus.tumblr.com/

    Schönes Wochenende!

    • christjann schreibt:

      oh Gott, habs nur bis auf Seite drei geschafft, ist ja grau-en-haft! in meinem Ex-Dorf in Frankreich hatte ein blauschwarzgefärbtes Schneewittchen namens Chantal zwei Söhne, die heißen Brian (=Brain, hihi) und Dylan… Chantalismus gibts überall…

  15. 360hcopa schreibt:

    Das haben sie wirklich wieder fein geschrieben, schön das einflechten der Namesbekanntgabe, für die Stammleser ein Freudenfest, auch wenn uns allen der Klarname abgeht.

  16. Kopfrechner schreibt:

    Linolschnitt…

    Das haben die Mädels an unserer Gymnasiumschule in keinem zehnten Jahrgang verletzungsfrei hinbekommen. Und bei deinen Chaot/innen geht das völlig ohne größeres Blutbad ab? Respekt!

  17. Minou schreibt:

    Och, manchmal würd ich ja gerne unsichtbar hinter ihnen her schweben. (Sicher ist sicher) und mir das alles live anschaun, Dann könnte ich auch Licht in die gruselige Namensdebatte bringen. Höhö.
    Eigentlich sollte es eine Worst-Case-Namens-Liste der Krankenhäuser geben, dann müssten wir uns jetzt nur noch die Sänger raussuchen….

  18. Ach wie gut das niemand weiß ... schreibt:

    Da der Vater Araber und die Eltern anscheinend religiös sind, kann es nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder Shakira = die Dankbare oder Rihanna = duftende Pflanze, Duftende
    Das sind die beiden einzigen arabischen Namen derzeit bekannter Sängerinnen. Und ob die Eltern das Kind nach der Sängerin benannt haben ist zu bezweifeln

  19. Ach wie gut das niemand weiß ... schreibt:

    Kaum zu fassen!
    Ja und das mit Emre würde mich auch echt interessieren, bitte!

  20. Ach wie gut das niemand weiß ... schreibt:

    Also die 130

  21. Alea schreibt:

    Ich WUSSTE doch, dass Lehrer eigentlich gar nicht wissen, was beim Filmegucken in der Dunkelheit abgeht… Ich wurde nämlich noch nie ermahnt, obwohl ich Kaugummi kaue, denn ich seh ja so lieb aus, ha!

  22. Till schreibt:

    „gebrochen, aber nicht besiegt.“
    oder
    „besiegt aber nicht gebrochen.“

    Ist gebrochen werden nicht schlimmer als besiegt sein?

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