Schneeheflöckchen, Weißröckchen…

„Bist du die einzige?“ frage ich ein bisschen intelligenzfrei Hülja, die vor der Aula wartet. Ich sehe ja, dass außer ihr sonst keiner da steht.
Hülja nickt.
„Jetzt guck dir das an!“ sage ich empört zu meiner Praktikantin. „Dabei klingelt es in zwei Minuten zur ersten Stunde!“
Die Praktikantin reißt ihre großen blauen Augen auf. Sie heißt Johanna, ist zwanzig, studiert die Fächer Physik und Religion, kommt aus einer kleinen Stadt in der Provinz und will für vier Wochen „mal etwas ganz anderes kennenlernen“, wie sie sagt. Das kann sie bei uns haben!
In der Aula ist es schön warm. Draußen schneit es seit ein paar Minuten. Der Schnee fällt
sachte wie in einem Schüttelglas. Es sieht still und friedlich aus. Wir ziehen unsere Jacken aus, ich lege eine CD auf und wir setzen uns in einen Stuhlkreis, soweit das zu dritt überhaupt möglich ist.
„Und jetzt?“ fragt mich die Praktikantin.
Ich trage erstmal alle ein, die nicht da sind.
Das dauert! 12 Leute fehlen. Inzwischen kommt Gülten . Sie ist völlig außer Puste.
„Vallah, voll der Schneesturm!“ sagt sie zur Entschuldigung.
„Na ja…Schneesturm…“ sage ich und schreibe ein kleines v wie verspätet hinter ihren Namen.
Kaum sitzt Gülten, schlendert Hanna herein. Sie winkt uns flüchtig zu und legt in aller Ruhe ihre Jacke, den Schal, die Handschuhe, noch ein Tuch und eine Weste ab. Dann wühlt sie eine Runde in ihrer Tasche, bis sie ein Tempotuch gefunden hat und geht wieder raus, um sich die Nase zu putzen. Die Praktikantin guckt kariert.
„Naseputzen vor Leuten ist unfein,“ kläre ich sie auf. Hanna erscheint wieder, wirft das Tempotuch in den Papierkorb – nein, daneben und kommt zu uns.
„Dein Tempotuch!“ rufe ich. Betont langsam geht sie zurück, hebt das Corpus delicti auf und schmeißt es angewidert in den Korb.
„Deinen Kaugummi auch gleich!“ befehle ich. Sie stöhnt auf und spuckt in den Papierkorb.
Dann nimmt sie sich einen Stuhl und schleicht herbei. „Noch was?“ fragt sie frech.
Ich tippe auf meine Uhr. „Voll der Schnee!“ sagt sie und weist nach draußen. Jetzt schneit es auf einmal richtig feste!
Ich sage lieber nichts, ich will mich nicht aufregen.
Laut quatschend und lachend fallen Aynur und Fatih ein.
„Guckt mal auf die Uhr!“ brumme ich unfreundlich.
„Frl. Krise!“ Aynur bleibt stehen und funkelt mich an. „Abooo, Frl. Krise! Was glauben Sie! Draußen ist voll der krasse Schneesturm!“
Und Fatih setzt nach: „War voll schwer, da durch zu kommen!“
„Ihr tut mir vielleicht leid,“ sage ich, „Hattet ihr keinen Schlitten?“
„Was Schlitten?“ fragt Aynur und schüttelt den Schnee aus ihren Haaren.
„Scheiße! Ich hatte mir die Haare so gut geglättet,“ jammert sie. „Wie ich aussehe!“ Fatih wirft derweil unauffällig ein bisschen Schnee in Richtung Gülten, die aufschreit: „Lass das, du Mistgeburt!“
Oh, Mannomann!
„Ist das immer so?“ fragt die Praktikantin leise.
„Wer ist sie?“ fragt Aynur und zeigt auf Johanna.
„Sind Sie verheiratet?“ fragt Hülya und Hanna will wissen, ob sie Lehrerin werden möchte und wenn ja, warum.
Johanna stellt sich vor. „Ich will Lehrerin werden, weil ich gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeite,“ sagt sie. Hanna grinst mich an. Johanna lächelt ein bisschen verlegen.
Die anderen Chaoten hören gar nicht mehr zu. Draußen schneit es nämlich auf einmal
wie verrückt. Der Wind peitscht die dichten Flocken waagerecht vor sich her und wirbelt sie dann stoßweise in die Höhe und wieder herunter. Alle stürzen ans Fenster.
„Und bei so Scheißwetter muss man in die Schule gehen!“ sagt Hanna klagend, „ Und wenn man bisschen zu spät kommt, wird man auch noch angemeckert!“

Wir haben dann doch noch gearbeitet, wenn auch mit schwerem Handicap, denn fünf Schüler tauchten nicht mehr auf.
Kein Wunder! Schließlich schaffen es die Kinder am Nordpol bestimmt auch nicht jeden Tag zur Schule ……

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43 Antworten zu Schneeheflöckchen, Weißröckchen…

  1. mutterchaos schreibt:

    Schneesturm… jaja 🙂 Mein Sohnemann sang heute direkt „Oh Tannenbaum“, in der KITA-Variante (Oma auf dem Gartenzaun und so), da dachte ich auch an Schneeflöckchen…

    Bleibt Johanna die ganze Zeit an Ihrer Seite Frl. Krise? Oder die ganze Zeit in DIESER Klasse? Letzteres wäre sicher ungünstig, also für die Berufswahl. Ich fürchte, dann wäre sie die längste Zeit begeistert vom Lehrerberuf. Wenn sie das so gar nicht kennt…

  2. Ich eben wer sonst schreibt:

    Frl. Krise! Direkt am Nordpol ist doch überhaupt kein Festland, da wohnt keiner, schon gar keine Kinder!!!

    • jogohe schreibt:

      lol… die umpolung eines erdmagnetfeldes soll das klima verändern? ja haben wir denn schon weihnachten? die maya haben es doch prophezeit! (vorsicht, ironie!) dachte immer, dass magnetfelder keine masse haben, auf denen man stehen könnte… Oo

    • Der Mathehügel schreibt:

      Sag das nicht zu den Norwegern. Wir werden alle (hoffentlich nicht zu ausgebrannt) noch erleben, dass der Nordpol in Nordnorwegen liegt.
      Und die Norweger gehen ganz fleißig nach Schulle.
      Allerdings verstehen die nix, weil die sprechen daoben sonne komische Sprache (Originalzitat einer Fümftklässleriun!)

  3. Katjusch schreibt:

    Arme Johanna, so jung und gleich voll Reality in Brennpunktschulle. Hoffentlich will sie nach Praktikum auch noch gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. War das ein Schnee heute wa?! In Urfa is nich Schule bei so Schnee! Vielleicht kommen 5 Kinder aus Urfa? Übrigens: „Mistgeburt“ voll Klasse der Ausdruck. Is wenigstens schön warm son Misthaufen bei Geburt!

    • Technikstudentin schreibt:

      Ach, Johanna muss nicht an so eine „Brennpunktschule“ mit den Fächern kann sie sich die Schule quasi aussuchen… Da sind ja nur die „lieben“ Kinder…

      Mach grad Praktikum an einer netten kleinen einzügigen katholischen Grundschule auf dem Land… ist auch nicht viel besser… Auch richtig echte deutsche Kinder mit deutschen Eltern und Großerltern und allem drum und dran können den Unterricht komplett sprengen… Ich freu mich schon auf meinen Unterrichtsbesuch in 2 Wochen… Will eigentlich zum Thema Wasser experimentieren, aber das überleg ich mir nochmal… nicht, dass ich am Ende die schlechte Note bekomm nur weil das Wasser über meinem Dozenten landet und nicht im Versuchsaufbau…

      • Der Mathehügel schreibt:

        Vorsicht, genau das wird von gutem Sachkundeunterricht erwartet. Wenn da ein Dozent trocken rauskommt war die Stunde nicht sauber durchgeplant oder durchgeführt :-}

    • Jürgen schreibt:

      Find ich nicht schlimm. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, und zwar rechtzeitig. Die guten halten es aus, um die anderen ist es ohnehin nicht …

  4. Nicole schreibt:

    Ich sage nur….. Inuit ahoi!!!! 😉

  5. hostmami schreibt:

    was so ein Schneesturm alles macht….(Zitat aus „Es kloft bei Wanja in der Nacht)

  6. Wild Flower schreibt:

    Ist ein Stuhlkreis aus drei Leuten ein Stuhldreieck…? 🙂

    • Be Punkt schreibt:

      Genau das habe ich mich auch gefragt… 🙂

    • Artur schreibt:

      Ein Kreis umfasst unendlich viele Punkte und der sogenannte Stuhlkreis ist daher immer eine Abstraktion. Hierfür sind drei Stühle jedoch ausreichend, da es bekanntlich immer möglich ist, einen Kreis zu bilden, der drei gegebene Punkte tangiert – Ästhetik lassen wir mal außen vor.
      Bei zwei Stühlen wäre das nicht mehr plausibel (obwohl es in diesem Fall sogar unendlich viele mögliche Kreise gibt :-), dafür bilden sie eine perfekte gerade Stuhlreihe, ohne jeglichen Schlenker…

  7. die Schmith schreibt:

    Wie kannst du nur verlangen, dass deine Schüler sich durch so ein Wetter kämpfen? Die sind doch halbstark und haben noch nicht genug Kraft für sowas. 😀

  8. jogohe schreibt:

    wenn jede schneeflocke nur 1/25g wiegt und jeder schüler etwa 1000 Schneeflocken abbekommt… eine so schwere last zu tragen haben die schüler nun wirklich nicht verdient! da muss man sich ja zwangsläufig verspäten. daneben haben diese weißen fussel aus dem himmel was magisches: jeder autofahrer (bsonders hier in koblenz) fährt dann generell 50% ölangsamer, es könnte ja glatt sein, wenn so ein fussel auf die straße fällt …

  9. Name (erforderlich) schreibt:

    Ich würd Sie gern als Lehrerin haben 😀
    Bester Blog ever, wallah!

  10. maldrueberreden schreibt:

    Die nette Praktikantin hat spätestens Freitag das totale „Frl. Krise Feeling“… Gibt es seitens der Schüler für angehende Pädagogen ne Art Gnadenfrist? 🙂

  11. Mascha schreibt:

    Wohnt nicht am Nordpol die Weihnachtsmann-Famile?! Müssen die Elfenkinder nicht auch in die Schule? (Maschas Weltbild komplett verrückt)

  12. sockenbergen schreibt:

    Also wirklich Frl. Krise. Sie können doch nicht verlangen, dass die armen Schüler bei Schnee in die Schule kommen und wenn sie kommen, dann müssen sie einfach zu spät sein.
    Und bitte die arme angehende Lehrerin pfleglich behandelt. Sie studiert Physik!!!

  13. Tricia McMillan schreibt:

    Wie fies! Gibts bei Ihnen kein Scheefrei?
    Hier in Frankfurt Main scheint die Sonne seit gestern wie verrückt, lebe ich in einem völlig anderen Klima, als alle anderen?

  14. Rabin schreibt:

    Na dann wünschen wir Johanna doch mal ein gutes Durchhaltevermögen. Möge sie ihrem Namen Ehre machen 😉

  15. oachkatz schreibt:

    Was Besseres kann Johanna doch gar nicht passieren als bei Frl. Krise Praktikum zu machen. Wach auf – das ist das Leben (dabei möchte ich Ihrer Praktikantin gar nichts unterstellen, vielleicht, schläft sie ja gar nicht mehr, auch wenn sie aus der Kleinstadt kommt ;-)).

  16. fast-wurzelkind schreibt:

    Auf die Frage „Ist das immer so?“, hätte ich ganz überzeugt gesagt, neeeeeinn!

    • Technikstudentin schreibt:

      Genau… „Neeeeeeeeeeeein… Heut sind sie doch wenigstens fast alle da… Und sie sind heut dazu noch total lieb =)“

  17. RogueEconomist schreibt:

    Hachja. Praktikanten… Da hat man noch Träume.

  18. Lieblingsschüler schreibt:

    Da drängt sich mir die Frage auf, wie SIE es in die Schule geschafft haben? Sind sie geübt in Schneestürmen?

    • frlkrise schreibt:

      Fing ja erst um 8Uhr an zu schneien. Die Pünktlichen haben kaum was abbekommen …

      • Olaf schreibt:

        Sie müssen auch bedenken, daß man nicht nur von Schneeflocken schmerzhaft getroffen werden kann, sondern auch die Dichte der Luft zunimmt, je kälter sie wird. Damit erhöht sich der Luftwiderstand, der bei einer Bewegung durch Luft zu überwinden ist. Und je schneller man sich bewegt, umso mehr nimmt der Luftwiderstand zu. Insofern ist l.a.n.g.s.a.m.e. Bewegung das Mittel der Wahl, alles andere wäre Energieverschwendung bzw. ineffizient. Das führt zu Verzögerungen.
        Und wenn es im Sommer heiß ist, ist es bei dünnerer Luft schwierig, das Gleichgewicht zu halten, dann droht auch Gefahr. Sie sehen – irgendwas ist immer.
        Ihre Schüler haben doch ein gutes Gespür. 😉

      • frlkrise schreibt:

        Der Meister der Ausreden hat gesprochen!

      • Lieblingsschüler schreibt:

        Danke Olaf!
        damit probier ichs mal 😀

      • Olaf schreibt:

        @Lieblingschüler: Gerne doch, danke für Ihr Vertrauen. Wenden Sie sich in derartigen vergleichbaren Fällen gern wieder an mich. Hier noch ein Bonusargument: Die zumindest gefühlte Statistik zeigt, daß sog. „Wind“ immer von vorne kommt, egal, in welche Richtung man geht oder mit dem Fahrrad o. ä. fährt. Und das verschärft das existentielle menschliche Problem des Luftwiderstands (warum heißt der wohl so ?).
        Das hat Frollein Krise schon an anderer Stelle einmal beklagt… 😉

        @ Frollein Krise: Die Produktion von Ausreden war über etliche Jahre quasi mein Beruf.
        Was mir irgendwann allerdings nicht mehr gefallen hat.

        (Hoffentlich kommt dieser Kommentar dorthin, wo er soll – hinter Ihren und den des Lieblingsschülers)

    • 4enno schreibt:

      @Olaf:
      Da haben Sie Recht. Nicht nur die Luft wird dichter, sondern die Muskulatur auch träger. Diese sollte mit vorsichtigen Bewegungen aufgewärmt werden, quasi wie bei einem Chamäleon durch sanftes vor- und zurückwippen. Man darf nur den Fehler nicht machen und mit der Zunge rumschnippen – sonst bleibt man noch an einem Laternenpfahl kleben.

      Mich hat so etwas früher nicht abgehalten. Ich war immer pünktlich.

      Gut, vielleicht lag das daran, dass mein Schulweg in etwa die Länge der 60 Meter Sprintstrecke hatte UND die Lehrer das wussten.

  19. Rabin schreibt:

    Von Olaf kann man noch was lernen *g*

  20. catherine schreibt:

    Von der letzten Tranche Praktikanten an Gymnasiumschule waren sogar die Schüler angewidert: „Dann war Frau O. (die reguläre Lehrkraft) nicht da, aber die haben gar nicht unterrichtet! Die haben einfach ihre Handies herausgeholt und herumgesurft! Echt voll schwach waren die!“

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