Der letzte Auftritt

Zum Glück ist meine Heizung schön warm…in der Schule war es nämlich ekelhaft kalt. Ab 18 Uhr fängt leider die Nachtabsenkung an. Ach so, ich vergaß: wir hatten bis 20 Uhr Elternsprechtag. Also haben Karl und ich herumgeschlottert und uns nur ein bisschen erwärmt, als Erkan mit Mama herein kam.
Erkans Mutter war eigentlich ganz vernünftig, allerdings hat sie, glaube ich, erst heute wirklich begriffen, dass ihr Augenstern keinen Schulabschluss bekommt. Da hätte sie mir beinahe leid getan. Aber dann sagte sie…nein, Moment mal, der Reihe nach!
Erkan war wie immer der Meinung, Schuld an seiner schulischen Pleite seien alle anderen, bloß nicht er – außerdem könne er eben gottgegeben kein Mathe (er hat allerdings noch in acht anderen Fächern eine Fünf oder Sechs), und er könne doch nichts dafür, wenn seine Lehrer nie sähen, dass er immer unschuldig in sämtliche Konflikte verwickelt würde und last not least: Er könne seine Lehrer eben einfach nicht leiden!
Da sagte seine gute Mutter: „Erkan, du musst ja auch deine Lehrer nicht leiden können! Du brauchst Frl. Krise nicht gut leiden können, aber du musst trotzdem arbeiten. Du musst sie ja nicht mögen! Ich mochte in meiner Schulzeit auch nicht alle Lehrer, das ist nun mal so!“ Diese Sätze wiederholte sie dann noch drei bis vier mal und ich platzte beinahe innerlich.

Wenn die schon in unserem Beisein so reden, wie mag sich das wohl erst zu Hause anhören?
„Ach, hattet ihr heute wieder diese olle Krise? Hat sie wieder zugesehen, wie die anderen deine Sache auf den Boden geschmissen haben? Und dann hat sie Dich rausgeschmissen, stimmst?“ oder „Hat Herr Wolf dir wieder nichts erklärt in Mathe, wo du doch bloß in der Erklärungsphase kein bisschen aufgepasst hast? Dabei MUSS er das doch als Lehrer!“

Das Gespräch blieb fruchtlos….Karl stand schließlich auf und ich auch und wir verabschiedeten uns kühl von Mutter und Kind und das wars dann wohl.
Der letzte Elternsprechtag.

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32 Antworten zu Der letzte Auftritt

  1. Tolkienist schreibt:

    Das ist schon ziemlich dreist, wenn auch die Aussage im Grunde stimmt. Man sollte ja nicht den Lehrern zu liebe lernen sondern für die eigene Zukunft, und langsam scheint auch der letzte zu begreifen dass genau die vor der Tür steht. Es ist ein bisschen wie im klassischen Drama, der letzte Wendepnkt liegt hinter einem, aber trotzdem machen alle Protagonisten weiter… hofft man eigentlich trotz allem, dass irgendwie alles gut wird, oder machen einen die Jahre als Lehrer realistisch?

    • frlkrise schreibt:

      Beides: Man sieht das Unglück kommen, hofft aber immer noch ein bisschen…

      • Nik schreibt:

        Ein Landwirt, der 100 Getreidekörner aussäht, muß auch damit leben können, wenn nicht aus allen 100 Körnern Getreidehalme wachsen. Solange die Ernte hoch genug ist, funktioniert das Prinzip.

        Klar ist es um solche Schüler schade, aber wenn sie wirklich nicht wollen, was will Lehrer dann machen? Jeden morgen persönlich von Mama abholen? Abends dann noch mit denen die Hausaufgaben machen? Solches extremes Helfersyndrom haben wohl nur die wenigsten Lehrer.

  2. Kejo111 schreibt:

    Das ist halt so, wenn man Jungs zu kleinen Prinzen erzieht. Alles wird ihnen abgenommen, nichts wird ihnen verwehrt … wie soll Erkan da jemals gelernt haben, Verantwortung für sich selbst und sein Handeln zu übernehmen? Solche Schüler erlebe ich sehr oft. An allem sind andere schuld, sie selbst nie. Diese Jugendlichen brauchen auch sehr lange, bis sie erwachsen werden.

    Das ewige „Da kann ich doch nichts dafür“ geht schon beim ständigen Verschlafen und Verspäten los, und das trifft sowohl auf Mädchen als auch auf Jungs zu. Mama ist natürlich schuld, weil sie nach nur dreimaligem „Mehmet/Burcu/Kevin/Jacqueline, aufstehen, du musst zur Schule!“ entnervt aufgegeben hat.

    Dass Mehmet/Burcu/Kevin/Jacqueline mit 16 oder 17 Jahren längst in der Lage sein sollte, selber einen Wecker (oder das Handy) zu stellen und sich selbstständig aus dem Bett zu pellen, wenn er/es klingelt – ach was …

  3. michael schreibt:

    > “Erkan, du musst ja auch deine Lehrer nicht leiden können! Du brauchst Frl. Krise nicht gut leiden können, aber du musst trotzdem arbeiten. Du musst sie ja nicht mögen! Ich mochte in meiner Schulzeit auch nicht alle Lehrer, das ist nun mal so!”

    Und? Was gibt es daran auszusetzen ? Die Mutter hat doch recht, Erkan muss die Lehrer und Frl. Krise nicht mögen, er muss arbeiten!

    • frlkrise schreibt:

      NATÜRLICH! Von der Sache her hat Erkanmama völlig recht! Aber das soooo rüberzubringen war schon mehr als unhöflich….

      • mutterchaos schreibt:

        Ich war natürlich nicht dabei und habe die Art nicht objektiv miterlebt, aaaber, ich habe inzwischen viele Menschen erlebt, da darf man wirklich nix auf die Art geben, wie sie was rüber bringen sondern wirklich nur auf den reinen Inhalt.
        Nicht persönlich nehmen Frl. Krise, Inhalt rausfiltern, Mutter für Ihre Einsicht und den Versuch der Unterstützung loben und weiter im Text

      • Ulla 39 schreibt:

        Ist gut, liebe Krisi, daß Sie nicht hören können, wie oder was zu Hause geredet wird, glauben Sie mir! (Das sag‘ ich aus jahrzehntelanger Erfahrung.)

      • Nomadenseele schreibt:

        NATÜRLICH! Von der Sache her hat Erkanmama völlig recht! Aber das soooo rüberzubringen war schon mehr als unhöflich….
        ____

        Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Warum sollten die Eltern Klasse haben, wenn die Kinder es nicht haben?
        Ich wäre zwar auch entsetzt, aber nicht enttäuscht.

      • hajo schreibt:

        kann es nicht auch sein, dass Erkanmama einfach die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten fehlen? Dann wäre das Ganze doch aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, oder?

      • frlkrise schreibt:

        Die Mama spricht ausgezeichnet Deutsch!

      • Problemschüler schreibt:

        Hmm, trotzdem mir die Herangehensweise der Mutter grundsätzlich sehr gut (offen, ehrlich, sachlich, pragmatisch) erscheint, so wäre eine Relativierung sehr angebracht gewesen -z.B. indem sie sagt, dass sie Sie aber mag 😉

        Leider lassen gerade überforderte Menschen Taktgefühl vermissen…
        …sie haben trotzdem meine vollste Unterstützung! 🙂

      • hajo schreibt:

        @ Problemschüler
        wurde Dir nicht beigebracht, dass man vor Gericht und „Frl. Krises“ nicht lügen darf? 😉

  4. maldrueberreden schreibt:

    Tja, wenn den Eltern schon das nötige Taktgefühl fehlt, was will man DA erwarten… Frl. Krise, Sie haben das Nötigste getan. Die Atitüde zu den Prozessen des Lebens sollte den Menschen, unabhängig vom jeweiligen geistigen Vermögen im Blut liegen. Leider kommt die Einsicht (wenn überhaupt) im Alter…

  5. Mascha schreibt:

    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm….

  6. Inch schreibt:

    Hm, hätte mir auch passieren können. Ich meine, wenn ich ein Kind hätte, dass mir vor seinen Lehrern sagt, dass es diese nicht leiden kann und deshalb schlechte Zensuren hat. Da wäre ich wohl auch ins Fettnäpfchen getreten, weil ich mit keiner Silbe dran gedacht hätte, dass die anwesenden Lehrer es persönlich nehmen könnten. Zu Hause habe ich das meinen auch immer gesagt, wenn sie mal so ein Argument versucht haben anzubringen. Mit dem Hinweis, dass bei einer späteren Bewerbung niemand bei einer 3 auf dem Zeugnis (ja bei uns gehts um 3) fragt, ob der Lehrer vielleicht (entschuldigen Sie jetzt bitte den Ausspruch) vielleicht doof war, oder meine Tochter nicht leiden konnte, oder umgedreht.
    Möglicherweise hats die Mutter, um die es geht, auch so gemeint: Keine Abwertung der Lehrer sondern ein Arschtritt Richtung Sohn.

  7. GG schreibt:

    Keinen Schulabschluss. Schluck. Was gibt es dann? Einfach gar nichts oder einen Zettel: „war von/bis anwesend“? Oder könnte er die 10. Klasse wiederholen?

    • Kejo111 schreibt:

      Dann gibt’s ein Abgangszeugnis statt eines Abschlusszeugnisses.

      Wie viele Jahre in frlkrises Stadt Schulpflicht besteht, weiß ich nicht. In Hamburg sind es 11 Jahre. Da hätte ein Schüler wie Erkan eine letzte Chance – im Ausbildungsvorbereitungsjahr könnte er den Abschluss nachholen.

      • GG schreibt:

        *bedankt sich bei dir* Mit dem Abgangszeugnis in der Hand – also kurz nach 12 – dämmert es dann wohl hoffentlich doch noch so einigen und gibt ausreichend intrinsische Motivation, den Abschluss nachzuholen.

  8. Nomadenseele schreibt:

    Ich hatte noch keine Zeit es zu lesen, musste aber spontan an die Beschreibung des folgenden Buches denken: Die verlorenen Söhne: Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes

  9. comicfreak schreibt:

    ..bei uns war eine 18jährige mit Realschulabschluss, hat sich wegen eines Praktikums vorgestellt, weil der Beruf sie interessiert.
    Jetzt steht sie erwartungsfroh da, und Mutter vor der Bürotür.

    Ich: „was denken Sie denn, was wir hier machen?“
    Stille
    Mutter: „Na, halt Werbung!“
    Ich: “ Nun, Werbung ist ein weites Feld. Was denken Sie denken Sie denn, was wir konkret in diesen Räumen hier machen?“
    Stille
    Mutter: „Na, vielleicht rufen Kunden an und wolles was haben?“
    Ich: „Welche Arten von Werbung fallen Ihnen denn ein, was war denn das für sie interessante an dem Beruf?“
    Stille
    Mutter: „Die werden in der Schule gar nicht auf so was vorbereitet!“
    Ich: „Ihre Tochter ist 18 Jahre alt, die ist doch wohl nicht die ganze Zeit mit einem Sack über ddm Kopf rumgelaufen, irgendwann muss man die Augen aufmachen und selber fragen, was man nicht weiß, statt nur Wiederkäuen!“
    Mutter: „Wir brauchen einen Stempel, dass wir hier waren!“

    • Kejo111 schreibt:

      Genau so stelle ich mir die ‚Praktikumssuche‘ vieler meiner Schüler vor und bedaure, dabei nicht mal Mäuschen spielen zu können. Ich wünsche mir dringend, dass Betriebe in dieser Situation den gewünschten Stempel geben und z. B. dazuschreiben „Schülerin bekam die Zähne nicht auseinander und zeigt keinerlei ernsthaftes Interesse an dem Beruf“.

      Mit 18 die Mutter zu so was mitschleppen, peinlicher geht’s ja schon gar nicht mehr …

  10. Tricia McMillan schreibt:

    Das hätte die Mama dem Erkan doch schon vor Jahren erklären müssen. Da dachte der ein Schülerleben lang, er wäre nur dazu da, Ihnen eine Existenzberechtigung zu verschaffen und plötzlich muß er ausbaden, daß er Sie nie gern haben konnte…

  11. harald schreibt:

    das so rüberzubringen scheint zunächst unhöflich, trifft aber den kern, das reifeproblem von erkankevinülfet.
    zum erwachsenen zu reifen heißt auch eigene verantwortung zu übernehmen, nicht alles auf die lehrerin zu schieben. und rollen von personen abstrahieren zu können. die lehrerin ist die lehrerin, auch wenn frau schmidt vielleicht wirklich einfach ein unausstehliches aas ist.
    ähnlich verhält es sich mit chefs und allem anderen. eigentlich wissen die kids das auch. wenn sie eine chance bekämen würden viele das sicherlich auch in ausbldungen etc. umsetzen können. nur in der schule ist das schwierig, weil kinder den kontext schule erstmals betreten ganz ohne dieses abstraktionsvermögen. innerhalb der institution schule diesen wechsel zu vollziehen ist schwierig. fand ich auch. ich habe in der oberstufe noch mächtig dämliche persönliche konflikte mit praktisch allen lehrern ausgefochten. trotzdem ist aus mir was geworden.
    nicht jeder makel ist gleich abnormal oder ein zeichen für definitives scheitern in der gesellschaft.

  12. Henric schreibt:

    Das Gute beim „die anderen sind immer schuld an meinem Versagen“ ist, dass ich mich niemals anstrengen muss. Und je mehr sich die anderen für mich anstrengen, desto mehr werde ich Ihnen zeigen, dass sie es mir niemals recht machen können.

    Oh ja, erinnert ein wenig an mein Klientel – aber es gibt sie wirklich!

  13. Despicable Me schreibt:

    Tjaha, so ist das halt! Für den Zukunftsweg der Jugend heutzutage sind ganz allein die Lehrer verantwortlich! Nicht die Eltern und schon gar nicht die Kids selbst! Und wenn aus dem Burschen nichts wird, dann haben die Lehrer eben nichts getaugt. Wieso hat denn das noch niemand hier verstanden?!
    (Achtung, Ironie…)

  14. Jürgen schreibt:

    Das Elterngespräch fand ich jetzt nicht so dramatisch, zumindest das, was ich gelesen habe. Man/frau hätte die Aussage der Mutter aufgreifen können und den Knaben mal drauf festnageln. Aber das nur aus der Ferne, ohne Einzelheiten und Vorgeschichten zu kennen.

  15. Lieblingsschüler schreibt:

    Wie gut, dass Sie wissen, dass er Sie mag!

  16. Susann schreibt:

    Die Frau hat ja nicht unrecht – aber so richtig taktvoll ist es nicht, das in Lehreranwesenheit dem Kind zu erklären!

  17. Christina schreibt:

    Die Mutter sagt, wie es ist. Darüber als Lehrer die beleidigte Leberwurst zu spielen ist eher unprofessionell. Sorry, aber jetzt ist mal genug herumgeweint!

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