Heute ist nicht gestern…

Mein Klassenraum ist leer. Der neue Stundenplan! Bin ich falsch hier? Ich reiße meinen Kalender aus der Schultasche und schaue nach…
Doch! Alles richtig: 5. Stunde, Deutsch, 10 b.
Ich sehe auch, dass meine Klasse Physik in der letzten Stunde hatte und die lieben Kleinen müssen ja erst den wirklich weiten Weg vom naturwissenschaftlichen Trakt -dritter Stock runter- über den großen Schulhof bis ins Haus I -vierter Stock hoch- zurücklegen. Das kann dauern.

Ich putze die Tafel. Nass und trocken. Ich liebe das. Ich bin ein übertriebener Fan von sauberen Tafeln. Aber ich bin der einzige weit und breit und wenn ich eine richtig grüne, saubere Tafel haben will und nicht eine weißgrundig verschmierte, dann muss ich selber ran.

Sam und Mustafa trudeln als erste ein, dann kommt lange nichts. Dann Gülten und Necla. Sie waren noch in der Cafeteria, wie ich unschwer an den Sesamringen feststellen kann.
Dann kommt Ali und dann klingelt es.
Etwa zehn Sekunden später stürmt der Rest herein. Voll pünktlich, wie sie meinen.
Na gut. Ich will mal nicht so pingelig sein.
Emre lächelt mich an und sagt: „Frl. Krise, wissen Sie was? Ich war gestern mit…“
„Interessiert mich nicht,“ schneide ich ihm das Wort ab, „ich will anfangen!“
Emre sieht mich verdutzt an. „Haben Sie schlechte Laune?“
„Nein, aber ich habe gerade an gestern gedacht. Ich bin sauer auf dich.“
Ein bisschen Liebesentzug… das muss jetzt sein. Was glaubt der, wer er ist?
Emre guckt mich groß an, sagt nichts mehr, senkt den Kopf, dreht sich um und setzt sich auf seinen Platz. Er tuschelt mit Ömür.

Übermorgen schreiben wir die Deutscharbeit. Ich habe noch einmal Übungsmaterial mitgebracht und darauf stürzen sich alle wie ausgehungerte Hunde auf ein paar Knochen.

Man ruft mich hierhin und dorthin und ist sehr bemüht, alles richtig zu machen. Die Stimmung ist entspannt.
Ein Fremder, der gestern und heute den Unterricht beobachten würde, wäre irritiert.
Ist das der Emre von gestern? Er arbeitet konzentriert vor sich hin.
Und Gülten! Auch die hat sich über Nacht stark verändert. So ruhig und friedlich….
Ist das überhaupt dieselbe Klasse?
Dieselbe Lehrerin?
Die ist nämlich auch ganz unaufgeregt und umgeht nur Emre mit ihrer guten Laune. (Erkan und Hanna sind nicht in diesem Deutschkurs).
Später entwickelt sich ein artiges kleines Unterrichtsgespräch linguistischer Art – na ja, fast – und da kann und will sie nicht umhin, auch Emre mitzunehmen…

Es klingelt.

Peng! Ein Stapel Atlanten knallt auf das Pult.
Krachbum! Gefolgt von einer großen Kiste mit Uhu und Scheren!
Das kann nur Herr Kröner sein.
Da steht er auch schon neben mir und trampelt ungeduldig von einem Bein auf das andere.
„Ich geh ja schon, ich geh ja schon“, sage ich und sammele flott meine Siebensachen ein.

Auf dem Weg zur Tür werde ich von Emre und Ömür regelrecht überfallen und zwischen ihnen eingeklemmt. Emre umarmt mich und bringt sein Gesicht dicht vor meins.
„Sind Sie noch böse auf mich? Nee, wa? Sagen Sie mal!“
Er guckt mich flehend mit seinen graublauen Augen an. Die haben viele dunkle Sprenkel und sind umrahmt von langen schwarzem Wimpern. Was soll man da noch sagen? Ich boxe mich ein bisschen frei und muss lachen.
Ömür auf der anderen Seite hat seinen Arm unter meinen geklemmt und redet auf mich ein: „Frl. Krise, ich hab eben Döner gegessen, wir waren mit Arbeitslehrekurs draußen, ich musste, ich konnte nicht anders, es hat sooooo gut gerochen…“ Er klopft sich auf seinen kleinen schwabbeligen Bauch.
Ich versuche mich zu befreien , aber das ist nicht so einfach. Ich schleppe die beiden bis zur Türe mit. Dann lassen Sie von mir ab….
„Tschüss, Frl. Krise“, ruft Emre hinter mir her, „bis morgen früh…“

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36 Antworten zu Heute ist nicht gestern…

  1. Frau Falke schreibt:

    Ich kenne niemanden, der solch eine Begeisterung für geputzte Tafeln an den Tag legt wie Sie. Anderseits kann ich es verstehen, die Tafel wird nie Anlass für Liebesentzug bieten… 😉

    • frlkrise schreibt:

      Unsinn! Ich bin ein Ästhet! Das ist alles!

      • Frau Falke schreibt:

        Ich würde Sie gern mal vor ein Whiteboard stellen. Das ist nämlich nie sauber, es sei denn, es wird mit Spiritus abgerieben in den Ferien…

      • Fräulein Müller-Meier-Schulze schreibt:

        Ich habe auch so eine „ästhetische“ Kollegin. In den Klassen, wo sie unterrichtet, überlege ich mir drei Mal, ob ich etwas an die Tafel schreibe, weil, falls ja, ich die gesamte Tafel von oben bis unten wischen muss, egal wie klein meine Notitz auch war. Leider ist sie der Meinung, ich sehe dass genauso und bat mich nun darum, doch auch mal den Kollegen zu sagen die Tafel bitte ORDENTLICH zu übergeben. Da sie mich an anderer Stelle wirklich gut unterstützt, weiß ich noch nicht so ganz, wie ich aus der Nummer wieder herauskomme. Ich für meinen Teil liebe verschmierte Tafeln! Da fällt meine Sauklaue nicht so auf. Vielleicht ist es vergleichbar mit dem Zeichnen: Eine Skizze gelingt auf einem Schmierpapier mit Kugelschreiber grundsätzlich besser als auf einem kartonstarken weißen Blatt mit Graphitstift.

      • J schreibt:

        Ich bin kein Ästhet und mag trotzdem saubere Tafeln. Habe die Tafelputzer schon angesteckt.

  2. from Beckstown schreibt:

    Wie die Kinder…
    Sind die Jungs wirklich so? Eigentlich doch ziemlich sympathisch, wenn sie es sein wollen….

  3. valessascheufler schreibt:

    Ich kann es nachvollziehe, als ich das eben las, fiel mir auf, wie GERNE ICH das habe… war mir vorher nie bewusst und auch ich mache es „dann“ selber! *lach Total bekoppt, oder?

  4. Kejo111 schreibt:

    Ich sag’s ja, es kann immer wieder vorkommen, dass der Chaotenhaufen von gestern sich in 24 Stunden um 180 Grad dreht und plötzlich vergleichsweise lieb und lammfromm ist. Jeden Tag eine neue Überraschung.

    Bei uns gibt’s eigentlich eine interne Regelung, dass jede Lehrkraft am Ende der Stunde für die Reinigung der Tafel sorgt. Die tatsächliche Regelung hingegen funktioniert so: Machst du mein Tafelbild weg, mache ich deins weg, und eigentlich finde ich auch immer ganz interessant, was der/die KollegIn da so geschrieben hat. Manchmal findet man dabei sogar – vorbildlich fächerübergreifend! – Anknüpfungspunkte für den eigenen Unterricht.

    Whiteboards hasse ich wie die Pest. NIE sind die Dinger sauber, dauernd verschmiert, und wenn man das vorgesehene Reinigungsspray benutzt, stinkt’s grauenhaft. Smartboards hingegen – ja, die machen richtig Spaß, wenn die Technik ordentlich funzt und man sie nicht viermal pro Stunde kalibrieren muss.

    • fraufreitag schreibt:

      Ich habe auch so eins – mit nassem schwamm putzen und dann mit papierhandtüchern trocknen – geht suuuuper. nix spray oder so’ne kacke! schwamm, wasser, papiertuch, vallah!

      • Kejo111 schreibt:

        Leider gibt es bei uns dort, wo Whiteboards statt grüner Tafeln hängen, *keine* nassen Schwämme, nur diese untauglichen Whiteboard-Wischer … mit nassen und danach mit trockenen Papierhandtüchern habe ich es auch schon gemacht, wenn’s nicht anders ging. Das funktioniert tatsächlich, ist aber echt mühselig und dauert lange, tschüüusch! Nee, da lobe ich mir die gute alte Kreidetafel.

  5. J schreibt:

    Ist doch prima. Ein bisschen sauer sein zu Beginn, dann arbeiten alle, am Ende ein wenig knuddeln.

  6. hostmami schreibt:

    Scheint tatsächliche völlig andere Klasse zu sein:))))

  7. freeinmind schreibt:

    Ich kenne jemanden, dem das mit den Tafel genauso geht! Ein ehemaliger Biolehrer und Tutor von mir hat aus dem Tafelputzen nahezu eine eigene Wissenschaft gemacht…im übrigen konnte man daran, wie er die Tafel putze, immer sehr gut seine aktuelle Laune ablesen, sehr hilfreich! 😉

    Aber eigentlich wollte ich nur EIN Wort loswerden: „Süß!!!“ 😀

  8. miss_pada schreibt:

    Ich wunder mich doch immer wieder über die Distanzlosigkeit ihrer Schüler. Ständig angetatscht zu werden (zumal es sich ja nicht mehr um Grundschüler handelt) würde mich tierisch nerven.

    • Lieblingsschüler schreibt:

      Ich finde das gerade bewundernswert! Bei uns ist so was ein unausgesprochenes Tabu. Einerseits hat es natürlich Vorteile, auf der sachlichen Ebene zu bleiben, andererseits geht auch viel verloren. Eine Lehrerin hat z.B. in unserem Unterricht weinen müssen, weil sie in der Pause eine schlechte Nachricht bekommen hat und allen tat es furchtbar leid. Doch niemand wusste, was zu tun war, da man eben nicht nach vorne gehen und sie umarmen konnte.

      Ich überlege, wie Frl. Krises Racker gehandelt hätten…

  9. Kleeblatt schreibt:

    Ich bräuchte mal einen Lehrgang, wie man unsere Tafeln ordentlich sauber bekommt…
    Aber wahrscheinlich braucht man bei denen schon einen Hochdruckreiniger, um den Dreck der letzten Jahrzehnte wieder herunter zu bekommen… Papiertücher haben wir auch nicht in der Klasse und der Schwamm verbreitet gefühlt mehr Kreide als das er aufnimmt. Aber kräftig weiß auf blass weiß schreiben schult bestimmt die Augen der Lernenden 😉

  10. Croco schreibt:

    Saubere Tafel ist ein Muss.
    Also, ich wische quer und ziehe dann mit so einem kleinen Abzieher vom Baumarkt die ganze Soße ebenfalls quer ab, wobei ich immer den sauberen Schwamm drunter halte. So tropft nichts auf den Boden und es ist ratzifatz trocken. Ja, ich liebe saubere Tafeln.
    Ich brauche sie auch für meine wachsenden bunten Tafelbilder.
    Für das Whiteboard haben wir einen Schwamm, über den ein dünnen Spezialpapier gezogen wird. Dieses wird ab und an gewechselt. Klasse saubere Tafel.

  11. Rennewart schreibt:

    Ich bin doch ein wenig verwundert, wieviel Gedanken sich die lehrende Zunft über die Beschaffenheit der jeweiligen Tafel macht; als Schüler hatten wir „Tafeldienst“…selten hat da ein Lehrer gewischelt. Was mich auch stutzig macht, ist der immer wieder erwähten körperliche Kontakt – ich habe niemals eine Lehrerin umarmt. Auf der anderen Seite…in der Oberstufe, da gab es eine verdammt Verführerische, aber lassen wird das! 😉

  12. Mascha schreibt:

    Ich habe meine Tafeldienste in der Schule geliebt…..hach, die guten alten Zeiten……hmm, was sag ich denn da??!! Ja, der Tafeldienst war schön, aber der Rest gar nicht…meine Schulzeit war schrecklich….gut das ich da raus bin….

  13. maldrueberreden schreibt:

    Und morgen kommt dann der Artikel: „Reingefallen… Und so war’s wirklich“ 🙂 Frl. Krise? Wieder beim Zahnarzt gewesen???? 😛

    • Olaf schreibt:

      Vielleicht ist Frollein Krise auch nur reingelegt worden – erinnern wir uns einfach an das Wettbüro in „Der Clou“. 😉
      Oder es waren wirklich Nachwirkungen von „Beim Zahnarzt“ (wie heißt das Mittelchen bloß ?).
      Wie auch immer, meine Bewunderung wächst, daß Sie das alles aushalten ohne verrückt zu werden, Frollein Krise. Ich wäre es schon längst, wenn ich es nicht schon anderweitig geworden bin, ohne es zu merken – man weiß ja nie (Jedenfalls werde ich manchmal merkwürdig angesehen… Aber an meiner pinkfarbenen Latexhose, den Klapperlatschen und der platinblonden Karnevalperücke sowie der Zahnbürste, die ich am Band hinter mir herziehe, wenn ich einkaufen gehe [sie heißt „Bello“], kann es eigentlich nicht liegen. Es liegt wohl eher daran, daß sich mein Papagei auf der Schulter öfter lautstark mit Bello streitet, wenn es an der Kasse länger dauert).

    • fast-wurzelkind schreibt:

      haa, sehr lustisch, könnt wohl so sein…?

      • Olaf schreibt:

        Danke – es ist so. 😉
        (Natürlich nicht… Allerdings habe ich gute Freunde darum gebeten, es mir rechtzeitig zu sagen, sollte ich wirklich absonderlich werden – umgekehrt gilt dasselbe.)

  14. Der Mathehügel schreibt:

    Wieso wundern Sie sich?
    Karl hatte doch gestern noch Chemie mit denen.
    Fragen Sie doch mal, was er gemacht (denen gegeben) hat!

  15. Cora schreibt:

    Ömür und Emre..man muss sie einfach lieb haben!!

  16. Tobias schreibt:

    Wie alt bist du eigentlich? Ich stelle mir dich immer als sehr jung vor, 35 höchstens, du wirkst so frisch und jugendlich …

  17. joanna schreibt:

    Was mich verwundert: dass sich über den körperlichen Kontakt gewundert wird!

    Dabei ist das die selbstverständlichste Sache der Welt, die Zuneigung auch mal durch eine Berührung auszudrücken :-).

    Ich finde es toll, dass Ihre Schüler diese „deutsche Distanz“ nicht haben – mal spontan jemanden zu drücken hat noch keinem geschadet, aber vielen geholfen ;-).
    Und eine herzliche Umarmung kann eine Situation im Nu ins Positive umwandeln… schwupps… schon kann man nicht mehr sauer sein :-)!

    Ach, ich lieb ihre Schüler einfach… und Sie auch, Frl. Krise!
    Sie sind die Besteeeeeee!

    Joanna

  18. Mel schreibt:

    Tafel: Seit MIttwoch darf ich nun auch 1x die Woche die Tafel putzen (bin VHS-Kursleiterin Alphabetisierung, aber von Deutschen!Naja, fast), und ich habe mich total gefreut! Tafel putzen hat was….oder als ‚Lehrer‘ die Tafel beschreiben…(muss aber noch an meinem Schriftbild arbeiten)

  19. Robert schreibt:

    Wie? Es werden noch Tafeln benutzt? Ich kenne ’nur‘ Whiteboards. 🙂

  20. Kejo111 schreibt:

    Dann guck mal genau hin, wenn du U-/S-Bahn oder Bus fährst, die Leute mit den Kreidespuren an Mantel/Jacke/Pullover (und Händen), das sind die Lehrer.

  21. anitheparanoidandroid schreibt:

    Ich hatte eine Zeit lang jemanden in meiner Klasse, der mit fast Zen-artiger Ruhe und Präzision die Tafel desinfizierte, wenn man ihn denn machen ließ… die Lehrer fanden es praktisch, wir Schüler fast schon nervig.
    Whiteboards finde ich absolut grässlich – gut, ich bin mit grünen, ‚anständigen‘ Tafeln aufgewachsen, aber theoretisch müsste doch jeder die Vorteile einer Tafel erkennen…? Weniger Chemie, umweltfreundlich mit Wasser und Schwamm zu reinigen, Kreide kostet weniger als Marker und selbst der schusseligste Lehrer wird nie mit Permanentmarker darauf schreiben. Außerdem soll grün ja eine beruhigende Wirkung haben, das kann man ja in der Schule besonders gut gebrauchen, und meiner Ansicht nach ist ein grün/weiß Kontrast allemal angenehmer als ein weiß/schwarz Kontrast.
    Für mehr Grün in der Schule!

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