Unsicherer Modus….

Jetzt, gegen Ende der Schulzeit wird es langsam, aber sicher ungemütlich. Die Schüler, die an den Prüfungen teilnehmen wollen, beginnen am Rad zu drehen. Und die, die nicht teilnehmen, drehen erst recht.

Am Rad drehen kann man auf unterschiedlichste Art und Weise. Man kann unangenehme Stunden abhängen wie Methab oder nur mit Handtäschchen und Frühstücksbrot, aber ohne Arbeitsmaterial und -einstellung in die Schule kommen wie Hanna. Man kann ständig stören und dabei behaupten, man nehme jetzt endlich am Unterricht teil wie Erkan oder völlig in sich zusammenfallen wie Sam. Man kann die Schuld am Versagens aggressiv den Lehrern vorwerfen wie Aynur oder überdreht herumspinnen wie Gülten.

Oder man wird krank, wie Ömur. Der kommt nur noch sporadisch und wenn er mal da ist, hält er den Vormittag nicht durch.
Jeden Tag berichtet Emre, dass Ömür etwas anderes hat. Fieber, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit…
Heute am späten Nachmittag habe ich ihn angerufen. Seine Mutter wollte ihn nicht wecken, aber ich habe darauf bestanden.
Es dauert ein bisschen, dann habe ich ihn an der Strippe. Ömür schildert mir gleich seine Symptome. Er sei richtig krank – Fieber und so- nein, beim Arzt war er nicht, der habe ihn neulich angebrüllt. Er erzählt mir eine verwickelte Geschichte von Tabletten und Tropfen und einem verständnislosen Arzt, die ich nicht verstehe.
„Ist jetzt auch egal,“ sage ich. „es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder du bist körperlich krank, dann musst du zum Arzt gehen, auch wenn er dich neulich schlecht behandelt hat. Oder du fühlst dich schlecht, weil du Angst hast. Angst, dass du durch die Prüfung fällst, Angst vor dem Bewerben, Angst vor der Zukunft. Dann musst du in die Schule kommen, Ömür, denn je aktiver du bist, desto weniger Angst musst du haben.“
Ömür schweigt.
Ich rede ein bisschen auf ihn ein und da sagt er auf einmal: „Sie haben recht Frl. Krise, ich habe Angst vor der Zukunft.“
Wir unterhalten uns noch eine Weile. Am Schluss sagt er:“Ich komme morgen, mein Fieber ist, glaube ich, weg.“

Ich würde es gerne glauben…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Ach veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

27 Antworten zu Unsicherer Modus….

  1. Mrs. Porcelain schreibt:

    Och armer Ömür! Hoffentlich wirds besser!

  2. Tades75 schreibt:

    Ach Mist, um Ömür tut’s mir ja wirklich leid. Als fleißiger Leser weiß man ja, dass er im Unterricht meist sehr bemüht und auch kein klassischer Blaumacher ist, dabei seinen Lehrern gegenüber auch nicht unverschämt wird. Nur wie’s aussieht wird aus seinem Traumberuf -Polizist- nichts und aufgrund dessen kann ich seine Zukunftsangst schon verstehen.
    Reichen seine Noten denn nicht aus um noch weiter zur Schule zu gehen und einen noch höherwertigeren Abschluss, gar Abitur zu machen? Dann hätte er ja noch 3 Jahre Zeit und wäre somit für bessere Ausbildungen qualifiziert.

    • frlkrise schreibt:

      Das wird nicht klappen…

      • Mo schreibt:

        Und was wäre mit einer Ausbildung bei der er gleichzeitig das Fachabitur erwirbt?
        Er ist ja offensichtlich sehr fleißig und bemüht.
        Oder ist das Problem schon, dass er nicht einmal eine Ausbildung bekommen wird?

        Irgendwie muss man solchen Schülern doch helfen können.

        Übrigens….wenn ich mir das Bildungsniveau vieler Polizisten ansehe, kann ich mir nicht vorstellen, dass Ömür das nicht erreicht.

        Hat er denn mal von Alternativen gesprochen, wenn Polizei nicht klappt?

  3. rotezora schreibt:

    Frl Krise, ich glaube, Ihnen wächst gerade ein Heiligenschein nach dieser spektakulären Heilung. Im Ernst: Sie haben sehr einfühlsam auf den Punkt gebracht, was Ömür und viele seiner Altersgenossen einerseits umtreibt und andererseits blockiert. „Ich würde es gerne glauben…“ – Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen, oder anders ausgedrückt: Habe Vertrauen, alles wird gut.

  4. Wilde Henne schreibt:

    Ach menno – wie heisst es doch so schön – die Hoffnung stirbt zuletzt…
    Aber eben – Heilung und Hoffnung… nicht das selbe, gell?! Und nun rennt auch noch die Zeit davon…

  5. Mascha schreibt:

    Ja, Angst kann krank machen. Der Ömur kann froh sein, daß er so eine Lehrerin hat wie sie, die ihn anruft und versucht etwas zu bewirken. Andere Lehrer hätten wahrscheinlich einfach zu gemacht.

    • maldrueberreden schreibt:

      Ja Mascha, der Anruf war wirklich von Frl. Krise ein positiver „Tritt in den Hintern“

    • Ulla 39 schreibt:

      Angst kann krank machen, „Angst essen Seele auf“ … wie traurig, daß Ömür nicht so recht in Schwung kommt. Allerdings hätte in Hessen, hab ich gelesen, jeder vierte Schüler (jedweder Herkunft) Angst vor der Zukunft. Das muß doch zumindest auf die sensibleren Jugendlichen bremsend und einschränkend wirken. Wir Erwachsenen sind m.E. daran schuld: Angst vor Arbeitslosigkeit z.B., absolut verständlich. Aber äußert sich jemand, der Arbeit hat, positiv darüber? Ist er zufrieden? Wenn ich so etwas mal äußere, guckt man mich ganz irritiert an. Es ist wie mit der Sicht auf das Weltgeschehen, die Unfälle werden breitgetreten, gleich gibt’s im Anschluß an die Abendnachrichten ein XYZ-Spezial. Und im Rundfunk melden die Nachrichten sonntagsmorgens um 7 garantiert, daß in den Anden ein Bus verunglückt ist oder ähnliches…
      P.S. es wird wohl Mißverständnisse geben, sei’s drum!

  6. maldrueberreden schreibt:

    Frl. Krise, meine aufrichtige Anerkennung. Sie sind gewiß kein „Sensibelchen“, doch sie haben den richtigen Ton getroffen!!! Ich wünsche Ihnen starke Nerven und ihren Schützlingen eine sichere Zukunft 😀

  7. Hajo schreibt:

    Wie hiess es schon 1974 bei Fassbinder?
    „Angst essen Seele auf.“
    Da ist was dran und wir „Alten“ haben gut reden, wir haben’s zwar auch irgendwie geschafft, aber genau so bleibt doch bei dem Einen oder Anderen noch so eine „Ur-Angst“ vor dem Neuen (was Anderes ist das, als Angst vor der Zukunft?). Nur, wir haben gelernt, diese Angst besser zu kaschieren als die „lieben Kleinen“. Ich bin sicher, dass denjenigen, über die Du hier berichtest, nur jemand (ausserhalb der Schule!) fehlt, der/die sie mal „bei der Hand nimmt“ und ihnen hilft, Selbstvertrauen zu entwickeln (allerdings das „gute“ Selbstvertrauen 😉 ).
    Nicht locker lassen, Frl Krise, in den meisten Fällen lohnt es sich doch.
    Liebe Grüsse
    Hajo

  8. Olaf schreibt:

    Ach armer Ömür,
    Angst ist der Mangel an Alternativen (ich glaube, es war Fritz Pearls, der das einmal gesagt hat).
    In gewisser Weise kann ich ihn ja verstehen, aber das meiste ist ja wohl über die Jahre hausgemacht.
    Mist.
    Hofentlich bekommt er da noch irgend etwas gebacken.

  9. Solche Dinge stelle ich mir unheimlich frustrierend vor ^^

  10. Curima schreibt:

    Das macht mich grad irgendwie richtig traurig – von den Einträgen des letzten Jahres weiß ich ja, dass Ömür eigentlich einer der bemühten Schüler ist. Ich drück ganz fest die Daumen, dass er sich aufraffen kann.

  11. Karl Eduard schreibt:

    Ja. Das sind die schlimmen Repressionen des Bildungssystems. Lernen müssen aber nicht wollen. Angst essen Seele auf. Sozusagen. Später wird es aber noch schlimmer. Geld verdienen müssen aber nicht wollen. Oder gar dürfen. Warum gibt es kein bedingungsloses Grundeinkommen für Schüler? Die bräuchten dann nur noch in die Schule, wenn sie wollten und die Lehrer hätten es auch leichter. 🙂

  12. Kurti schreibt:

    Dieser Ömür hat wahrscheinlich Burnout, ist doch grade voll in Mode! Kann da gerade kein so richtiges Mitleid haben. ich mein, wir hatten doch alle mal wie auch immer geartete Abschlussprüfungen, und habens irgendwie über die Bühne gebracht. Mal besser, mal schlechter, aber immerhin. Come on, Ömür, es ist zu schaffen! Nur krank darf man nicht werden unterwegs…Dextro Energen war damals das Zaubermittel der Stunde. 😉

  13. Frau Falke schreibt:

    Ich finde es richtig schön, dass dieses Gespräch stattgefunden hat, und vor allem, dass er eingelenkt hat. Sicherlich hat das für die Erfolgschancen noch nicht viel zu heißen, dennoch: Es ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Und man weiß, dass man sich stundenlang umsonst versucht hat sich verständlich zu machen.

  14. Lieblingsschüler schreibt:

    Oh Mann, Sie sind eine wundervolle Lehrerin!!!
    Ich hoffe, Ömur fängt sich!

  15. Tolkienist schreibt:

    Ich wünsche Ömur natürlich auch alles gute – wer von uns Erwachsenen kennt nicht das Gefühl, auf einmal vor dem Nichts zu stehen und es ist zu spät für alle Maßnahmen? nur haben die meisten von uns bessere Strategien als Miristschlecht. Und ja, „auf einmal“, Sechzehnjährige haben irgendie ein anderes Gefühl für Zeit. Ein Jahr, sogar ein Monat, ist ewig.
    Dickes Lob für Frl. Krises Anruf!! Unsere Lehrer haben uns nicht mal zu Hause angerufen, wenn wir vor ihren Augen verunglückt sind… Anyway, ich hoffe er findet seinen Weg!

  16. maldrueberreden schreibt:

    Das „positiv Äußern“ ist wichtig, aber oft sehr schwer… Eine Aussage muß sein.. Wer seine Angst überwindet (was manchmal sehr schwer ist), hat wenigstens eine Chance und kann sich nicht vorwerfen: „Ich habe es nicht versucht…“. Liebe Schüler(innen), also strengt Euch an, setzt Euch Ziele. In meiner Schulzeit fand ich solche Sätze altklug und uncool, sie sind jedoch wahr. Bildet Lerngruppen, motiviert Euch gegenseitig…

  17. Minou schreibt:

    Ach, so ein sch***
    Das tut einem ja selber weh! Vor allem weil man ja weiß, dass der arme Junge Recht hat…
    Aber ich finde es toll, wie sehr sie sich für ihre Schüler einsetzen. Für mich hat früher sowas nie ein Lehrer getan und auch für meine Mitschüler nicht. Auch dann nicht, wenn es einem mal richtig sch**** ging. Villeicht ist das an der Gymnasiumschulle ja generell anders…aber man fragt sich doch warum.
    Was den persönlichen Umgang mit ihren Schülern umgeht, sind sie mir mittlerweile ein größeres Vorbild als die Lehrer die ich kennengelernt habe. Ganz ehrlich, danke dafür 🙂

  18. maziarworld schreibt:

    „Man kann die Schuld am Versagens aggressiv den Lehrern vorwerfen wie Aynur oder überdreht herumspinnen wie Gülten …“
    Anscheinend waren der Schreiber und die Kommentatoren nie Jung. Was die Jugendlichen in dieser Zeit brauchen, sind Führung, Verständnis,… und Menschlichkeit. Bei Ihrem Schreiben und den Kommentaren, berührt mich beides. Wenn Sie wirklich Lehrerin sind, müssen die Eltern gegen Ihres Denkens und eventuellen(vielleicht Handeln Sie anders) Handelns sturmlaufen, wenn sie davon erfahren oder in der Lage sind.
    Viele Jugendlichen haben gar keine Eltern und manche Eltern kommen eines nicht existenten Elterndaseins sehr nahe. Sie sind zum Teil Ihre Eltern. Also stehen Sie ihnen bei, egal wie schwer auch wird.

  19. Teacher schreibt:

    Es ist zwar lange her, aber ich muss trotzdem noch erwähnen, wie toll ich Ihren hier geschilderten Anruf finde! So eine Klassenmutti möchte ich auch mal werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s