Mexikanische Lyrik

Deutschunterricht in meiner Zehn. Alle hängen schon ein bisschen in den Seilen. Noch drei Stunden bis zum Wochenende.
Nächste Woche schreiben wir eine Arbeit. Also habe ich alles, was wir durchgenommen haben, noch einmal in Kurzform aufbereitet, um es zu wiederholen.
Aber bevor wir damit anfangen können, müssen wir noch schnell „Schwarz zu Blau“ von Peter Fox fertig besprechen.
„Da sind viele unreine Reime drin, in dem Lied!“ stellt Emre kopfschüttelnd fest.
„Frl. Krise, konnte der nicht besser reimen?“ fragt Necla.
„Das hat der vielleicht nicht gemerkt,“ vermutet Gülten, „ oder der war…hatte der eigentlich Hauptabschluss?“
„Keine Ahnung,“ sage ich und nehme mir vor, mich unbedingt nach dem Schulabschluss von Herrn Fox zu erkundigen.
„Einstein ist zweimal sitzengeblieben,“ wirf Sam ein.
„Jetzt bitte keine Abschweifungen, sonst werden wir nicht fertig!“
„Echt? Frl. Krise stimmt das, mit Einstein?“ fragt Necla. Ich glaube, Einstein ist ihr sympathisch.
„Keine Ahnung, bitte mal zurück zum Text!“
„Sie wissen das! Sagen Sie!“ Necla kann furchtbar hartnäckig sein.
„Meine Kusine ist auch sitzengeblieben,“ sagt Gülten nachdenklich, „aber sie geht jetzt…“
„Schluss! Gülten, sei bitte still, das interessiert niemanden!“ sage ich streng.
„Doch mich“, ruft Azzize. „meinst du die Kusine, die wo…“
„Ich hab 1000 Kusinen,“ ruft Gülten, „aber ich meine die Emel, die hatte….“
„Wollt ihr jetzt für die Arbeit üben oder nicht?“ frage ich leise und gefährlich.
„Kommt DIES Lied in der Arbeit vor?“ Necla ist aufgeschreckt.
„Nein….äh…vielleicht, aber wenn ihr ständig vom Thema ablenkt! Dann schaffen wir es nicht mehr die Grammatik zu wiederholen.“
„Seid doch mal alle still!“ ruft Gülten, so, als ob sie nicht diejenige wäre, die uns in einer Tour aufhielte.

Hassan findet heraus, dass Herr Fox in seinem Song die Stadt Berlin so anspricht, als ob sie „ein Mensch oder eine Frau“ wäre.
„Gut! Weißt du noch, wie man das nennt…“ weiter komme ich nicht.
„Da war eine Frau in Internet, die hat mit … mit … wie heißt das noch, steht in Paris, so Turm… “ – Gülten ist aufgesprungen.
„Eifelturm“ sagt Emre.
„…ja, genau, die hat mit Eifelturm geheiratet!“ Gülten setzt sich wieder hin und sieht uns triumphierend an.
Jetzt quatschen alle durcheinander. Voll Krass, kann man Turm heiraten und ist so was überhaupt erlaubt? Und warum?

Mann! Ich könnte zuviel kriegen. Will hier einer Prüfung machen? Offensichtlich nicht!
Ich biete Gülten an, draußen weiter zu arbeiten. Es langt mir, die Zeit läuft uns davon.
„Ich bin jetzt ruhig! Vallah, Frl. Krise, bitte, Entschuldigung, ich schwöre, bitte, ich will nicht raus!“ Gülten guckt mich treuherzig an.
Wir machen weiter, ich drängele, ich will nur noch etwas über die Reimform des Lieds hören, ehe wir endlich zur Wiederholung kommen.
„Die hatte auch sogar Tatoo von Eifelturm….,“ schiebt Gülten träumerisch nach und schlägt sich auf den Mund.
„Reimform ist Trochäus!“ sagt Hassan und blättert in seinen Unterlagen.
„Was das, Trocä..?“ Emre ist verwirrt.
„Das hat nichts mit der Reimform zu tun,“ sage ich, „das ist das Metrum, das braucht ihr aber nicht zu…“
„Das ist so was Mexikanisches, wa Frl. Krise?“ Gülten nun wieder.
„Hä?“ Ich gucke Hassan fragend an. Der hebt seine linke Augenbraue und zuckt mit den Achseln.
„Ja, ist was zum…hm, schmeckt lecker…wie heißt das noch?“ Gülten ringt um Erleuchtung. „Aus Mexiko, so scharf!“

„Ah, ich glaub, ich weiß! Du meinst….Tacos!“ ruft Ömür und klopft sich auf den Bauch.

Wie gesagt…noch drei Stunden bis zum Wochenende….

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37 Antworten zu Mexikanische Lyrik

  1. frlpharma schreibt:

    Also, ich kann sie ja verstehen, die lieben kleinen. Ich finde Objektophilie auch viel interessanter als olle Trochäen und Jamben. Und das mit dem Taco ist einfach mal wieder nur klasse. Fehlt eigentlich nur noch das Versmaß „Kaktus“. Aber vielleicht schreibt das ja nächste Woche einer in der Arbeit. Ich warte gespannt…

  2. Olaf schreibt:

    > „Keine Ahnung,“ sage ich und nehme mir vor, mich unbedingt nach dem Schulabschluss von Herrn Fox zu erkundigen. <
    Hier kommt Rat:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Fox

    Und für Tacos braucht man ein Metronom, da hilft ein Metrum nicht weiter. Das Metronom macht dann ganz viele Tacos und Ticos und Tacos. Und die Geschwindigkeit kann man auch einstellen.
    Beste Grüße an Ömür, meinen Helden. 😉
    Allen ein schönes Wochenende !

    • frlkrise schreibt:

      Aha! Er hat Appretur! Dachte ich mir’s doch…..

      • Anka schreibt:

        Gut, er hat das Abi, aber danach…danach wurde er Klavierbauerabbrecher, Musikhochschul- und Sonderschulpädagogikabbrecher…

    • Ulla 39 schreibt:

      Vielen Dank für den Link. Peter Fox setzt sich für das Lesen- und Schreibenlernen ein. Ob der mal als Gast in Ihre Klasse käme?

      Übrigens: Während früher, noch in den sieziger Jahren, Kinder immer das Kind von einem Vater waren und die Mutter gewissermassen unter den Tisch fiel, ist Peter Fox der Sohn einer baskischen Frau. Sag’s ja, die Zeiten ändern sich.

  3. Mascha schreibt:

    …..3 Stunden können verdammt lange sein…

  4. RogueEconomist schreibt:

    Einfach nur schön… 😉

  5. RogueEconomist schreibt:

    Übrigens muss ich grade an John Maynard denken. Nur noch drei Stunden bis Buffalo… 🙂

  6. rotezora schreibt:

    Ey, was das, Trochäen? Atmen damit nicht Insekten? Und dass der Eiffelturm, der alte Schwerenöter, ein Phallussymbol ist, habe ich schon immer geahnt. Dazu noch unreine Reime, so’n Schweinkram. Da lob ich mir doch paar tacker mit scharfem Dip, lecker!

    • frlkrise schreibt:

      Tracheen! Sie atmen mit Tracheen….*seufz

      • Der Herr Kollege schreibt:

        … Tacos, Tracheen…, ts, ts, ts…

        … diese Woche – bei mir auf Gymnasiumschulle – hatte mein Elferkurs in Sachen Versmaß „Thrombus“.

        In diesem Sinne entbiete ich ein erquickliches Wochenende – reloaden ’se ma‘, Frollein Krise!

        Der Herr Kollege uss Kölle

  7. ullli23 schreibt:

    Hat denn wirklich eine Frau den Eifelturm geheiratet?

  8. michael schreibt:

    Merkwürdig: Die hochbezahlten Manager gehen auf Workshops, um das Leben im Hier und Jetzt zu lernen. Aber den Kindern, die dies beherrschen, will man das mit Gewalt abgewöhnen.

    > Will hier einer Prüfung machen? Offensichtlich nicht!

    Müßen, aber nicht wollen. Das nennt man, glaube ich, Inkontinenz oder eben auch Schule.

    Schönes eisiges Wochenende.

  9. christjann schreibt:

    die machen mich fertig… tacos, tictac, treets… und was’n das für ne Geschichte mit der Frau und dem Eiffeilturm?

  10. Leni schreibt:

    Ich geh auf ein ziemlich bekacktes Dorfgymnasium und mach bald Abitur, kann aber nicht behaupten, dass meine Mitschüler sich immer schlauer anstellen: Wir bekamen als Hausaufgabe auf, herauszufinden was eine Satire ist (ich bin ja ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Allgemeinwissen ist..), in der nächsten Stunde dann: „So Nadja, was hast du denn rausgefunden?“ – „Also ich hab, dass des eine mit Früchten gefüllte Schale is, aber ich glaub des is falsch..“. Und sowas macht Abitur!!! Wie können Sie bei solchen Antworten so gelassen bleiben? Finde ich wirklich beeindruckend.
    Unser Lehrer hat uns bei Gedichtanalysen auch gern mal in den Computerraum geschickt und uns eineinhalb Stunden lang ein Gedicht kreativ als PowerPoint-Präsentation designen lassen. Geheimtipp: Ironie kann man spiegelverkehrt darstellen! Zum Verzweifeln. Bei uns schenken sich Lehrer und Schüler nichts.
    Ihren Blog lese ich übrigens sehr gerne, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob der wirklich für Unbeteiligte gedacht ist.. in den Kommentaren klingts immer so, als würde Sie sich alle kennen^^
    Schönes Wochenende!

    • Elisabeth schreibt:

      In der Tat geht das Wort „Satire“ auf ein lateinisches Wort „satura“ zurück, das „mit Früchten gefüllte Schale“ bedeutet.
      Die Satire ist also dem Ursprung nach ein „buntes Allerlei“.
      Weiß aber nicht, ob man das für’s Abitur braucht.

      • Leni schreibt:

        Ich weiß, ich weiß – trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass jemand auf das schmale Brett kommt..

  11. Der Mathehügel schreibt:

    Glauben Sie wirklich, dass die Kleinen sowas lernen (müssen)?
    Ich tu mich ja schon schwer die Dringlichkeit von Mathematik zu erklären, bei Physik hab ichs aufgegeben. Aber sowas????
    Hoffentlich muss ich nie Deutsch unterrichten . . . .

  12. Frau Falke schreibt:

    Mit Frl.Krise entdeckt man die Welt… Von Berlin in die Türkei und von dort nach Mexiko. Und dennoch vor Schulschluss wieder da, Wochenende ist in drei Stunden. 🙂

    • ÄnneKaffeekänne schreibt:

      Ich muss grad spontan an ‚Das Fliegende Klassenzimmer‘ denken. 🙂
      Übrigens bekomme ich beim Lesen Ihres Blogs immer ein ähnliches Gefühl, Frl. Krise.
      Voll schön, dass es Lehrer (und Menschen) gibt, die unsere Kinder lieben! Müßten vieeel mehr sein!
      Wochenende ist in 3 Stunden… 😉

  13. Wild Flower schreibt:

    @ ullli23: Es gibt gelegentlich Bericht über Objektophile, die ihren geliebten Gegenstand heiraten. Ob das tatsächlich offizielle Ehen sind, weiß ich nicht. Am bekanntesten ist glaube ich die Frau, die die Berliner Mauer geheiratet hat und emotional stark von der Widervereinigung Deutschlands betroffen war.
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-51449048.html

    Das Einstein-Missverständnis stmmt daher, dass in der Schweiz, wo Einstein zur Schule gegangen ist, die beste Note eine Sechs ist, und die schlechteste eine Eins. So denken viele, Einstein war schlecht in der Schule, weil er viele Sechsen hatte. 😉

  14. Nenue schreibt:

    Unsere Rente ist sicher…

  15. jogohe schreibt:

    Meine drei Stunden haben sich heute auch gezogen wie Kaugummi, besonders Chemie in der fünften und sechsten Stunde, yay!
    Peter Fox mag ich. Die Musik und der Rhythmus sind klasse, die Texte ganz passabel. Für den Englischunterricht ist „Mass Destruction“ von Faithless auch interesannt.

  16. Lieblingsschüler schreibt:

    Personifikation!

  17. FrlRottenmeier schreibt:

    Wir sollten den gestrigen Tag zum Fachbegriffe- und Fremdwörter-Tag erklären. Im Haushaltslehreunterricht kam es zu folgendem Dialog:
    „FrlRottenmeier, ist Ihr Mann auch Lehrer?“, fragte Vanessa
    „Ich weiß, ich weiß“, plärrt Ivan dazwischen, “ sie hat uns das schon mal erzählt. Der ist …. Moment… Wie heißt Beruf? (Rauch steigt auf). Ach ja, Psychopath! Stimmt, FrlRottenmeier?“
    „Klar, nachts zieht er immer mit der Kettensäge los. Habt ihr noch nix in der Zeitung davon gelesen? Benehmt euch, sonst schicke ich ihn mal bei euch vorbei!“
    „Kann er ruhig, mein Papa hat noch 5 Meter Holz da liegen.“
    Ich fand’s lustig, aber mein Mann ist ein bisschen angesäuert, weil ich nicht richtig gestellt habe, dass er Inschenniöör ist.

  18. maldrueberreden schreibt:

    Da hat Ömür den Bezug auf besagtes Land super hinbekommen 😛 Schönes Wochenende Frl. Krise. 😀

  19. KC schreibt:

    Hachja Metrik…da könnten Sie die aber schön mit ins Schwitzen bringen, wenn die das analysieren sollten; aber es ist ja immerhin nicht lateinische oder altgriechische Metrik, das wäre der Gipfel der Fiesigkeit 😀 😀 😀 Katalektische trochäische Tetrameter, ein Traum…ehm nein…

    Oder wie mein Lehrer sagte: Gib mir die Längen und Kürzen 😀

  20. odw schreibt:

    Ich les hier schon eine Weile mit und nun kann ich auch mal was zu dem Thema sagen!

    Ich hatte letzte Woche einen eigentlich sehr lockeren HIWI Job, bei dem ich Schüler im Labor betreuen musste. War wie erwartet entspannt, bis am letztem Tag eine Problemschule zu uns kam. Am liebsten hätte ich einige im Abzug eingesperrt damit sie sich nicht selbst verletzen/kontaminieren. Am Ende musste ich aber damit begnügen zwei rauszuwerfen. Der ebenfalls anwesende Lehrer zwang sie dann auch bis zum Ende draußen zu warten. Seitdem hab ich einen ganze Menge mehr an Bewunderung für Ihre Ruhe im Umgang mit den Schülern bekommen! Wenn man sowas jeden Tag mitmachen muss, ich würde wahnsinnig werden. Was ich sagen will: Super wie Sie das machen, weiter so!

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