Guten Morgen, meine Klasse…

Emre starrt mich an: „Ich denke, wir haben Vertretung! Haben wir doch mit Sie?“ Ich nicke und schmettere gut gelaunt meine Unterlagen aufs Pult.
„Frl. Krise?“ Gülten drängelt sich zwischen uns und berührt mit einem Finger meine linke Wange:
„Hatten Sie schon Zahn-OP?“
Auch Nesrin stürzt nach vorne und guckt mich prüfend an.
„Kinder, meine OP ist ausgefallen!“ Ich setze mich ans Pult. „Meine Zahnärztin ist krank geworden!“
Eigentlich sollte heute Morgen um 9 Uhr meine große, lang geplante Zahn-OP stattfinden, mit Implantationen und allen Schikanen. Für den Rest der Woche war ich schon ausgeplant.
Ich hatte mich mit Tütensuppe, Strohhalmen, Büchern und aufgeschobenem Schriftkram versorgt und wollte mich während der ‚dicken-Backen-Tage‘ erholen und einiges nacharbeiten.

Aber unoperiert bin ich auch ganz ganz froh. Meine Kinder haben volles Verständnis für mich.
„Haben Sie sich gefreut?“ Nesrin grinst. Ich auch. „Besteeeee!“ Nesrin drückt mich von der einen und Gülten von der anderen Seite.
Emre verteilt unterdessen großzügig Studentenfutter und kippt mir auch einen kleinen Berg davon aufs Pult.
Alle stehen um mich herum und picken davon wie die Tauben auf der Straße. Ich komme mir vor wie Mary Poppins. Wenn wir jetzt nicht Deutsch hätten, könnte es richtig gemütlich werden… und wenn Hanna nicht ihr blumiges Deo rausgeholt hätte und wie eine Verrückte in der Klasse herum genebelt hätte… Kurzfristig müssen alle Fenster und die Tür geöffnet werden. Unter Geschrei werden wieder die warmen Jacken angezogen und Erkan muss Hanna zur Strafe ein bisschen schlagen. Nur zum Schein versteht sich, aber unter enormer Geräuschentwicklung. Die Tür öffnet sich. Turgut.
Ach, kommt der auch schon!(5. Stunde!) Schulzeug hat er nicht dabei. Er schlurft nach hinten und fängt an sich mit Esra zu streiten.
Es hat längst geklingelt.

Also muss man sich endlich murrend hinsetzen, den Hefter auspacken und dieses voll langweilige Gedicht „Augen der Großstadt“ von Tucholsky aufschlagen.
Das haben wir aber schon besprochen, heute geht es um ein modernes Stadtgedicht: um „Schwarz zu Blau“ von Peter Fox.
Hassan, der ein großer Rapper sein will, soll den Text vorlesen. Er stottert sich aber so unbeholfen durch den Song, dass alle stöhnen. Das Lied gehört nicht gerade zur Lieblingsmusik meiner Schüler, aber sie kennen es und manche sprechen sogar Textpassagen mit.

„Ich! Ich will das noch mal lesen!“ Musti ist aufgesprungen. „Ich mag das Lied voll!“Er kommt mit seinem Blatt nach vorne.
„Aber sing! Du musst singen!“ fordert Emire ihn auf und summt schon ein bisschen vor.
Musti holt sich einen Stuhl und setzt sich umständlich hin. Er ist Einsneunzig und rappeldünn, die Stuhle sind viel zu klein für ihn.

Stehen Räpper nicht sonst immer?

Musti guckt auf das Blatt und kneift die Augen zusammen.
„Moment,“ sagt er dann und steht ungelenk auf. „Ich brauche meine Brille!“
Alle schreien vor Lachen.
Musti und räppen, das geht ja wohl gar nicht…

Aber sitzend und mit Brille bewaffnet kämpft er sich gar nicht so schlecht durch den schwarz zu blau werdenden Sonnenaufgang:
„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein. so deckig und grau, du kannst so schön schrecklich sein….“

Wie meine Klasse, denke ich. „Meine Klasse, du kannst so hässlich sein, so blöd und gemein, du kannst so schön niedlich sein….“

Es ist wie immer im Leben. Irgendwas dazwischen wäre am besten auszuhalten…

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25 Antworten zu Guten Morgen, meine Klasse…

  1. zweitesselbst schreibt:

    ohja, Frl. Krise. manchmal schaff ich es ja nicht, aber heut hab ich mal wieder innegehalten und freue mich mit.

    Aber ist Musti wirklich Einsneunzig ?? boah ist der riesig ^^

  2. frau r. schreibt:

    „Wie meine Klasse, denke ich. „Meine Klasse, du kannst so hässlich sein, so blöd und gemein, du kannst so schön niedlich sein….“
    – Ja, das passt heute auch zu meiner Klasse. Montag noch haben die mich total kirre gemacht. Hässlich und gemein. Und mit dem Gedanken heute eine Vorführstunde zu haben, hatte ich echt ein wenig Bedenken. Die waren sooo blöd.
    AAAAber, was waren die niedlich heute. Die können so schnucki sein. Heute liebe ich meine Klasse, man kann sich echt auf sie verlassen.
    So Momente muss man sich in sein Schatzkästchen packen.

  3. Olaf schreibt:

    Ich höre schon den Zahnarztbohrer… Irgendwann.
    Ssssiiiirrrrr-Huiiii-Schrunz ! (Schrunz, wenn es an die Substanz geht…)
    Sie Arme. Und dann geht es erst so richtig los.
    Ihre Schüler nehmen ja geradezu liebevoll (?) Anteil an Ihrem Leben – das ist doch recht menschlich. Sehr schön.
    Hier ein kleiner Rap-Text – so „ex ärmelo“:
    „Frollein Krise muß zum Zahnarzt,
    das ist richtig schlecht,
    wir alle leiden mit ihr,
    das Gefühl ist echt.

    Chorus: Wuuiii, Sirrr, Schrääängg, Brönz ! (Au !)

    Sie zappelt im Stuhl vor lauter Schmerz,
    sie ist gebunden und gefesselt,
    was für ein böser Angriff auf unser Herz,
    wir leiden mit ihr,
    das ist doch klar,
    doch alles das muß sein,
    sie schreit laut Aaaaahhh !“

    Chorus: Wuuiii, Sirrr, Schrääängg, Brönz (Au !)

    (to be continued…)“
    😉

  4. Christjann schreibt:

    Ooooh, ich liebe Peter Fox!

  5. Ich eben wer sonst schreibt:

    Wieso kennen die Peter Fox nicht, sind die doof oder was, vallah! Das ist Kult, ich schwör!

  6. notizbuchfragmente schreibt:

    Also ich mag Peter Fox zwar nicht besonders (Tucholsky dafür schon :mrgreen: ), aber es ist eine coole Idee, beides nebeneinander zu stellen – da können die wenigstens was mit anfangen. YEAH!

  7. fraufreitag schreibt:

    aufgeschoben ist nicht aufgehoben – ich meine die op…heheheheh

    • jogohe schreibt:

      Die OP tut nicht weh – aber der Tag danach. Am Donnerstag letzte Woche wurde der Kiefer aufgeschnitten und der querliegende Weisheitszahn gezogen. Auch der gute Kamillentee zusammen mit drei Ibuprofen-Tabletten haben da einen Tag wenig Linderung gebracht. Ich war letzten Freitag bei der Zeugnisausgabe entsprechend gereizt. Da sollte man lieber zu Hauuse bleiben und laut Musik hören… wobei, dann wird wieder unser Sohn wach und plärrt laut herrum -.-

  8. Rennewart schreibt:

    Darf ich mich hier als Fan von fraufreitag outen? Ich finde so gemeine Frauen sehr sexy!

  9. maldrueberreden schreibt:

    Schon wieder eine Zahn OP? Na dann aber gute Nerven, Frl. Krise. Aber die haben Sie wohl als Lehrerin einer so coolen Klasse. Tipp für Gedichtsvorträge: „Erlkönig“ und „Osterspaziergang“ 😀

  10. Hajo schreibt:

    Na, Frl. Krise, das ist doch eigentlich ein passabler Ersatz für die Zahn-OP, oder?
    Wenn Du Dich allerdings zu sehr freust, schlägt der olle Wilhelm Busch zu:
    „O, hüte Dich vor allem Bösen!
    Es macht Pläsier, wenn man es ist,
    es macht Verdruss, wenn man’s gewesen“ 😉

    ich steh eher auf gesetzte Musik wie z.B. http://www.lyricstime.com/klaus-hoffmann-berlin-lyrics.html

  11. claudia o. schreibt:

    Hah, das sind so kleine Überraschungen, die kommen gut. Frl. Krise‘ s Zahn-OP wurde verschoben und vielleicht schreitet die Medizin schnell fort und es geht ganz ohne OP. LG von der immer optimistischen claudia o.

  12. Es ist so schön hier zu lesen,wirklich. 😀 Jedesmal muss ich lächeln weil ich mir alles vorstelle,it made my day. 😀

  13. poprischtschin schreibt:

    Seit einigen Beiträgen kann ich die Befürchtung immer weniger zur Seite schieben, dass meine damaligen Lehrkörper uns auf die selbe Art reflektiert haben könnten. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, bis ich auf diesen Blog gestoßen bin. Ich will gar nicht wissen, was die untereinander bequatscht haben mögen. Sollte ich mal wieder eine auf der Strasse antreffen werde ich wohl verlegen den Blick senken… 😉

  14. fraufalke schreibt:

    Jetzt werde ich das Lied nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Aber süß, wie sie alle anteil nehmen, das öffnet einem richtig das Herz.

  15. sockenbergen schreibt:

    Schade nur, dass irgend etwas dazwischen nicht gibt. Sondern nur das eine oder das andere oder beides zugleich. Eine Textpassage, die aber zu vielem im Leben passt. Als Mutter passt sie so hervorragend zu den Kindern, als Teenager im Übertragenen auf die Eltern usw.

  16. Lieblingsschüler schreibt:

    Dank Ihnen habe ich gerade die volle Tragweite der „Verwirrung des Gefühls“ bei Kleist verstanden, danke! 😀

  17. Teacher schreibt:

    Ach, wie schön, dass Tucholsky in der Schule doch mal vorkommt. Ich hab ihn privat entdeckt und mich sehr über seine Abwesenheit in 13 Jahren Schulunterricht gewundert.

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