Gülten

„Ich bin voll krank! Fieber!“ klagt Nesrin und hüstelt künstlich.
„Ja, wegen gestern! Ich hatte voll übertrieben Schmerzen!“ ruft Gülten und weist auf ihre geschundenen Füße.
„Frl.Krise, was das? Ich hatte Herzstechen gestern abend! Hier!“ Musti guckt mich an wie ein leidender Dackel und weist dabei auf seine Brust.
Ich schüttele den Kopf. Ist es denn die Möglichkeit? Wie alt sind die ? Fünfzehn, oder?

„Du glaubst es nicht, es fehlen acht Leute!“ hat mir Karl schon mitgeteilt. „Das war gestern zuviel für die!“
Zu viel frische Luft, zu viel Rumlatschen, zu viel Infos, denke ich.

Die Tapferen, die sich trotzdem in die Schule geschleppt haben, sind zu nicht viel zu gebrauchen. Immerhin kommt es zu einem kleinen Gespräch über die Gedenkstätte.
Erkan sagt mit ironischem Grinsen : „Ja, war wunderschön gestern!“ wird aber von Gülten abgewatscht.
Und als Fatih noch einmal mit seinen lädierten Füßen anfängt, schnauzt Leila ihn an: „Da kannst du dir mal wenigstens vorstellen, wie es DENEN ging!“
Einige waren sogar gestern noch im Internet und haben sich weiter informiert. Sieh mal einer an!
Dann wechseln wir das Thema.

Es muss noch eine Aufgabe aus der letzten Ethikstunde fertig gestellt werden….
Man macht sich lustlos an die Arbeit. Gülten blättert lieber im Ethikbuch.
„Voll schön!“ sagt sie und liest laut ein Gedicht vor.
„Und das hier auch…hört mal zu!
Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird.
Und dann Gut über Böse siegt.
Daß irgendjemand uns auf unser’n Wegen lenkt
Und unser Schicksal in die Hände nimmt….“

„Das ist doch von den Toten Hosen,“ sage ich, „ach, das habe ich früher immer gerne gehört:
Das HIER und HEUTE ist dann längst vorbei.
Wie ein alter böser Traum.

Aber ich mag das gar nicht mehr hören.“
“Warum nicht?“
Ich setze mich neben Gülten. „Weil ich es einmal auf einer Beerdigung gehört habe .“
„Von wen? Wer wurde beerdigt? Ein Schüler?“
Ich nicke.
„Frl. Krise, Sie waren schon mal auf eine Beerdigung von einen Schüler?“ Gülten ist ganz ungläubig.
„Ja,“ sage ich, „auf mehreren schon. Leider!“
„Echt?“ Gülten macht große Augen. Die anderen werden auf einmal ganz leise .
„Sagen Sie mal lauter!“ ruft Nesrin. „Ich will auch mitkriegen. Woran sind die gestorben?“
„Einer ist mit dem Moped verunglückt, einer hatte eine Herzkrankheit, einer hat sich totgespritzt – da war der aber schon aus der Schule raus.“
„War der das mit dem Tote Hosen-Lied?“
„Nein!“ Ich erzähle kurz die Geschichte. es ging auch um einen schlimmen Verkehrsunfall.
„Ich hab voll Gänsehaut!“ sagt Nesrin und Gülten tätschelt meine Hand. „Waren Sie traurig?“ fragt sie mitfühlend. „War der in ihre Klasse?“
„Seine Schwester war in meiner Klasse“, sage ich.
„Sie waren traurig, wa?“ Gülten sieht mich prüfend an. „Wären Sie auch traurig, wenn einer aus unsere Klasse…?“
„Mensch, Gülten!“ sage ich, „das wäre doch schrecklich. Da will ich gar nicht dran denken!“
Gülten nickt zufrieden.
Es bleibt ruhig. Gestern ging es um Tausende Tote, denke ich , aber die waren weit weg.
Die toten Schüler sind so nahe….

Es klingelt. Ich sammle die Bücher ein und verstaue sie im Schrank

Gülten tobt hinter mir wie eine Wilde durch die Klasse und versucht Fuat zu fangen. „Halten Sie den mal fest, Frl. Krise!“ schreit sie. „Voll die Missgeburt! Ich werd dich noch zum Bluten bringen, du Spast!“

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32 Antworten zu Gülten

  1. Shannon schreibt:

    Ist es jetzt ein Erfolg, dass sie ihn zum Bluten bringen will, aber nicht mehr umbringen?

    • frlkrise schreibt:

      Hey SHANNON!!!!! Herzlich willkommen! Voll schööööööön, dass du du hier bist!
      Und zu deiner Frage: Vermutlich schon…..

      • Shannon schreibt:

        Vielen lieben Dank, ich freue mich wieder hier zu sein. Zeitweise habe ich mal reingeschaut, aber wenn man Abstand von der eigenen Schule braucht, ist das Herumspuken in fremden Klassenzimmern ja so eine Sache.
        Ab heute aber wirst du mich nicht mehr loswerden, ich freue mich. 🙂

  2. Fabulatoria schreibt:

    So ist das mit 15 oder 16. Mal ernst und dann wieder kindisch. Man ist eben noch nicht ganz Erwachsen. Ein bisschen so waren wir sicher alle Mal, auch wenn wir uns nicht mehr so richtig daran erinnern können.

    Liebe Grüße, Carmen

  3. joanna schreibt:

    Oh Frl. Krise…
    der letzte Satz!!!
    Herrlich!

    Aaaaaah…. DANKE!!!

    Mal wieder ein grandioser Post!
    (ich lese jetzt rückwärts UND aktuell :-))

    Joanna

  4. fraufreitag schreibt:

    hat dich niemand gefragt, ob du dich bei einem amoklauf vor ihn/sie werfen würdest?

    • frlkrise schreibt:

      Frau Freitag, diese Frage wurde nicht gestellt. Meine schlauen Schüler gucken so’n Scheiß nicht. Das machen nur wir verblödeten Lehrer.

      • Ich eben wer sonst schreibt:

        Ich bin aber kein verblödeter Lehrer und hab das auch geguckt, sooo unrealistisch finde ich das nicht

  5. Olaf schreibt:

    Hallo Frollein Krise,

    Ihr Bericht zum Besuch der KZ-Gedenkstätte („Gedenken/ Gedanken“) hat mich auch beschäftigt und die Kommentare waren recht aufschlußreich und – wie schon jemand angemerkt hatte – auch ergiebig und oft nachdenklich oder tiefgründig (ein Blog lebt ja auch von den Kommentaren und die gefallen mir jedenfalls meist recht gut).
    Zugleich freue ich mich, daß einige Ihrer Schüler wohl doch noch weitergeforscht haben. Ein Keim scheint wenigstens gesetzt.
    Tod eines Schülers… In meiner Berufsschulzeit (vor dem Studium habe ich noch einen richtigen Beruf mit Anfassen gelernt) ist mein Tischnachbar nach den Osterferien nicht wiedergekommen. Er war mit dem Motorrad verunglückt, sein Unfallgegner soll 2,3 Promille gehabt und ihm die Vorfahrt genommen haben. Unendlich bitter, weil er ein sehr optimistischer und lustiger „Typ“ war, der damals (1978) gerade mit seiner Freundin eine gemeinsame Wohnung angemietet hatte, die in den Ferien/ im Urlaub renoviert etc. werden sollte.
    Da war wirklich ein Loch zwischen uns und neben mir. Auch eine Art Denkmal, der Platz wurde in dem Schuljahr nicht wieder besetzt. Er hat ab da wirklich gefehlt und alle (so etwa 21/ 22 Jahre alt) haben es so empfunden. Wahrscheinlich ist es wohl auch eine Frage des Alters und der Vorstellbarkeit.
    Ich glaube gelesen zu haben, daß Ihr Unterricht heute die Schüler „weiter hinten“ angesprochen hat. Auch wenn Gülten wieder losgelegt hat…

  6. michael schreibt:

    > Gestern ging es um Tausende Tote, denke ich , aber die waren weit weg.
    Die toten Schüler sind so nahe….

    Hmm, Frl.Krise, Ich versteh Sie jetzt auch nicht. Natürlich sind die, die man kennt, einem näher, als die, die man nicht kennt und die vor vielen Jahren starben.

  7. fleurterreur schreibt:

    Immerhin kommen die TOTEN HOSEN auch bei den Schülern von heute an. Ich habe mal einen Song von Marsimoto im Unterricht analysiert, ging ganz schlimm nach hinten los. „Können Sie das jetzt ausmachen? Voll der kranke Text!“ 🙂

  8. Alitheia schreibt:

    >.<
    Da schämt man sich ja fast ein "Schüler von heute" zu sein.
    Aber leider ist es wirklich so…
    "Wir" denken zu selten über das nach, was wir sagen, was uns gesagt wird.
    Wir verwenden Worte, ohne zu wissen, was sie beudeuten oder wie weh sie tun können.
    Oder verwenden wir sie, weil wir genau wissen, wie weh sie tun?
    Kinder oder genauergesagt Teenager – sogenannte "junge Erwachsene" – können verdammt grausam sein… Man braucht sich nur ansehen, in welcher Altersgruppe Mobbing besonders verbreitet ist….
    Welcher Teenager hat heutzutage noch Respekt vor einem Lehrer?
    Ich bin fast 16, und schäme mich zu oft für das Verhalten meiner Mitschüler…
    Ich komme mir ALT vor, wenn ich eine 6 Jährige mit einem Smartphone, eine 11 Jährige mit einem Bauchnabelpiercing und einem BH, eine 13 Jährige mit Smokey Eyes und Minirock sehe.
    Es verändert sich so vieles…aber nicht immer zum Positiven

    Ali

    • Ralf schreibt:

      Du brauchst dich nicht zu schämen, wir waren früher alle so und das schon seit tausenden von Jahren 😉 denn wie sagte schon der olle Sokrates zum Thema Jugend: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
      Also cool bleiben und alles wird gut 🙂

      • Olaf schreibt:

        Wunderbar.
        Das ist der Klassiker zum Thema – 😉 sehr schön, das mal wieder zu lesen.
        Es wird wohl für immer stimmen.

  9. KC schreibt:

    Hm, Gymnasiumsschüler sind auch teilweise so…wir waren mit der Schule in Neuengamme und in Buchenwald und jedes Mal gab es solche Idioten die grölenderweise über das Gelände gezogen sind, sich in bescheuerten Posen fotografiert haben oder irgendwelche Fressalien unter sich aufgeteilt haben….allerdings gab es auch Lehrer, die sich absolut daneben benommen haben…eine unserer Lehrerinnen ist in Buchenwald auf einem von diesen Betonbrockenfeldern herumgelaufen, das das Krematorium markiert…

    Allerdings sehe ich auch jeden Tag im Zug Klassen auf Wandertag, wo ich mich frage, wie die Mädels das den ganzen Tag auf diesen Schuhen auszuhalten gedenken…hat man eigentlich als Lehrer die Option, dass man von vornherein, die Leute vom Wandertag ausschließen kann, die in irgendwelche Gaggelschuhen angestöckelt kommen? Denn was mach ich denn, wenn die unterwegs wirklich nicht mehr laufen können? Sie tragen?

  10. Nania schreibt:

    Es ist nicht die Zahl, denke ich, die den Schülern zu denken gibt (in diesem Fall), sondern die subjektive Nähe.
    Wenn man über das dritte Reich informiert wird, ist das viel, viel, viel weiter weg, als wenn die Lehrerin erzählt, dass sie selbst schon auf den Beerdigungen von Schülern war. Dann ist da noch eine mehr oder minder persönliche Komponente, die das Tragische und die Nähe an einen herantransportiert.

  11. nomadenseele schreibt:

    Die kommen mir vor, als wenn sie dir geistige Reife von 10jährigen hätten – quer durch die Bank.

    • Hajo schreibt:

      wie sieht denn die geistige Reife von (Norm-) 10Jährigen aus? 😉

      • nomadenseele schreibt:

        Du hast Recht, die ich kenne, würden keine anderen jagen 😛 .

        Im Ernst: Ich finde es erschreckend und vieles, was hier beschrieben wird, lässt sich auch mit misslungener Integration nicht mehr erklären. Wie sollen solche Leute je im Leben bestehen?

      • Hajo schreibt:

        also, wenn man solche Spielchen (von der Wortwahl rede ich nicht) in diesem Alter nicht mehr macht,
        .. ist man „kurz-vor-zwölf“ 😉

  12. Lily schreibt:

    Ich hab mal irgendwo gelesen, dass es Menschen bis ca. 16 Jahren an der nötigen emotionalen Reife für so etwas wie Altruismus fehlt.
    Abgesehen davon, dass das Unbeteiligt-Tun und Coolbleiben in dem Alter vermutlich sehr, sehr wichtig ist. Schließlich hat man ein Gesicht zu wahren…

    • frlkrise schreibt:

      Da ist viel Wahres dran…..

    • nomadenseele schreibt:

      Viele (offiziell vielleicht sogar die meisten) legen dies nie ab, weswegen es das Schimpfwort *Emo* für berührende Texte / Filme gibt. Oder man denke an die Debatte um das Foto von Clinton während des Bin-Laden-Einsatzes; dabei ich mir ein mitfühlender Politiker lieber, als jemand, der cool bei der Ermordung eines Menschen bleibt.

  13. Mascha schreibt:

    Verändert eigentlich die Ausdrucksweise der Schüler die eigene mit der Zeit? Haben Sie auch schonmal jemanden als Spast oder Opfer bezeichnet? Also ich habe mal ein Jahr in einer geschlossenen Anstalt gearbeitet…..das hat Spuren hinterlassen 😉 …..also nicht daß ich jetzt Ihre Klasse mit einer psychatrischen Abteilung vergleichen möchte…..

    • frlkrise schreibt:

      „Alles Patienten“, sagt meine Kollegin gerne – sie war übrigens früher Krankenschwester….
      Natürl. färbt es ab. Ich liebe“Hässlichkeit“. Aber nur aus Spaaaaaaß sagen, nie im Ernst!

  14. Blüte schreibt:

    Hm, da sind Ihre Schüler aber nicht weit weg von allen Menschen: Der Tod eines einzigen Menschen macht betroffen, der Tod von Millionen berührt uns kaum. Das ist vielleicht ein wenig überspitzt ausgedrückt, aber, abgesehen von den vergangenen Katastrophen wie dem 2. Weltkrieg, gibt es ja auch heute auf der Erde wahrlich genug Krisenherde, Kriege, Hungersnöte, die man emotional in den Nachrichten in der Regel gar nicht so wahrnimmt. Stirbt aber eine Nachbarin, wird ein Pflegekind zu Tode misshandelt, ist die Betroffenheit groß, die Kerzen brennen usw.
    Letztlich ist das ja auch nicht mehr als ein Schutzmechanismus, denn wenn man all das Elend an sich ranlassen würde, wäre die Menschheit depressiv.

  15. Sheldon schreibt:

    Es ist ein tolles Lied der Toten Hosen. Wer es nicht kennt:

  16. Pumucklchen schreibt:

    Es gibt menschen die wünsch dir was nicht kennen !?
    Kulturbanausen ^_^

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